Wolken aufhellen gegen den El-Niño?

WISSENSCHAFT · 13. JULI 2026

Marine Cloud Brightening könnte El-Niño abschwächen

Eine neue Studie zeigt: Im Modell hätte gezielte Wolkenaufhellung über dem Pazifik die starken El Niños von 1997 und 2015 deutlich geschwächt. Für Herbst und Winter 2026 rechnen Forscher erneut mit einem besonders intensiven Ereignis.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit


Meteorologen rechnen für Herbst und Winter 2026 mit einem sogenannten "Super-El-Niño", nach mehreren Prognosen möglicherweise dem stärksten seit Jahrzehnten. Die erwarteten Folgen reichen von schweren Überschwemmungen in den USA bis zu Dürren in Teilen Afrikas und Asiens. Eine neue Studie in Science Advances untersucht, ob Marine Cloud Brightening, die gezielte Aufhellung tiefer Ozeanwolken über dem Meer, ein solches Ereignis abschwächen könnte.

Cleanthinking ordnet Methoden des solaren Geoengineerings ausführlich im Schwerpunkt Solares Geoengineering 2026 ein. Das Grundprinzip von Marine Cloud Brightening (MCB): Schiffe versprühen mikroskopische Meersalz-Aerosole in tiefe Stratocumulus-Wolken. Die Wolken bilden mehr, aber kleinere Tröpfchen, werden dadurch heller und reflektieren mehr Sonnenlicht, wodurch der Ozean darunter abkühlt.

Marine Cloud Brightening: das natürliche Vorbild aus Australien

Grundlage der neuen Arbeit ist ein reales Ereignis. Die australischen „Black Summer”-Buschbrände der Saison 2019/2020 trugen Rauchpartikel über den Südostpazifik und hellten dort auf natürliche Weise Stratocumulus-Wolken auf. Frühere Forschung unter Beteiligung des US-amerikanischen National Center for Atmospheric Research (NCAR) zeigte 2023: Dieser Effekt kühlte den Pazifik ab und trug zur mehrjährigen La Niña zwischen 2020 und 2023 bei.

Erstautorin Jessica Wan, die die Studie am Scripps Institution of Oceanography begann und inzwischen als Postdoktorandin an der University of Chicago forscht, nutzte dieses Naturexperiment als Ausgangspunkt. Gemeinsam mit Seniorautorin Kate Ricke von Scripps und der School of Global Policy and Strategy der UC San Diego isolierte sie den reinen Aufhellungseffekt der Brände aus den Daten. Anschließend speisten die beiden Forscherinnen ihn in ein saisonales Vorhersagemodell ein und simulierten, was ein vergleichbares MCB-Ereignis vor den starken El Niños der Jahre 1997/98 und 2015/16 bewirkt hätte.

Vom Super-El-Niño zum neutralen Jahr im Modell

Im Modell fielen beide historischen El Niños deutlich schwächer aus als tatsächlich beobachtet. Einen der beiden Super-El-Niños neutralisierte das Modell sogar vollständig. Über dem zentralen Pazifik eingesetzt, verstärkte MCB zudem die mit La Niña verbundenen Kühl- und Trocknungseffekte um mehr als 40 Prozent. Je früher der Einsatz begann, desto stärker fiel die Wirkung aus.

EreignisAusgangslageModellergebnis mit MCB
El Niños 1997/98 und 2015/16Super-El-NiñoDeutlich abgeschwächt, im Extremfall neutralisiert
La-Niña-Kühleffekt, zentraler PazifikReferenzwert ohne MCBVerstärkung um mehr als 40 Prozent
Einsatzfenster-Bis zu 9 Monate, Start nach der Frühjahrs-Vorhersagebarriere (März bis Mai)

Das Konzept ist auf eine befristete Anwendung von bis zu neun Monaten gegen ein konkretes, bereits erkennbares Ereignis ausgelegt. Damit entfiele nach Angaben der Forscherinnen das zentrale Risiko des sogenannten Termination Shock, des Wärme-Rebounds nach dem Abbruch eines jahrzehntelangen Dauereinsatzes. Ein Einsatz müsste demnach nach der „spring predictability barrier” beginnen, jenem Zeitraum zwischen März und Mai, in dem El-Niño-Prognosen belastbar werden.

„Es ist nichts, woran man sich festlegt”, sagt Kate Ricke, Seniorautorin der Studie, über den befristeten Ansatz. Die Arbeit versteht sie als reinen Konzeptbeweis für ein temporäres Werkzeug gegen ein einzelnes saisonales Ereignis. Gezeigt sei bislang nur, dass sich weitere Forschung lohnt.

Kritiker: Die Technologie existiert noch nicht

Wan selbst benennt die technische Hürde. Die besten verfügbaren Düsen lägen zwei Größenordnungen unter dem Sprühvolumen, das für einen substanziellen Klimaeffekt nötig wäre, der Energiebedarf sei prohibitiv hoch. „Wir bräuchten einen technologischen Durchbruch”, sagt die Forscherin.

David Keith, Professor für Geophysik an der University of Chicago und an der Studie nicht beteiligt, sieht das ähnlich. Fast zwei Jahrzehnte nach Beginn der MCB-Forschung seien die Sprühraten verfügbarer Geräte mindestens einen Faktor hundert zu klein für den praktischen Gebrauch. Physikalisch möge die Technik möglich sein, doch derzeit existiere sie schlicht nicht.

James Haywood, Professor für Atmosphärenwissenschaften an der Universität Exeter, verweist auf viele unbeantwortete Fragen zur Steuerbarkeit der Kühlwirkung. Eine Überdosierung könnte im Extremfall eine „Mega-La-Niña” auslösen, stärker als alles bisher Beobachtete. Vom Einsatz solcher Technologien sei die Forschung noch weit entfernt, sagt er.

El-Niño-Ereignisse verursachen weltweit Schäden in Billionenhöhe, wobei nicht jede Region verliert. Kalifornien etwa ist auf El-Niño-Regen angewiesen, um seine Trinkwasserreservoirs aufzufüllen. Offen bleibt zudem, wie ein Einsatz von Marine Cloud Brightening Zeitpunkt, Häufigkeit und Stärke nachfolgender La-Niña-Ereignisse verändern würde, die selbst Fluten in Asien und Australien sowie Dürren in Teilen Süd- und Nordamerikas auslösen können.

Dazu kommen ethische Fragen: Wer entscheidet über einen Einsatz, und lenkt Geoengineering von der eigentlichen Aufgabe ab, Emissionen zu senken? Ricke betont, dass die Studie keine Empfehlung für einen Einsatz ist. Über Kompromisse müsse man sehr sorgfältig nachdenken, sagt sie.

Zugleich hält Ricke die Gegenfrage dagegen: Wenn es eine Möglichkeit gebe, El Niños zu mildern, warum solle man sie dann nicht wenigstens prüfen?

Reale Feldversuche mit Wolkenaufhellung gibt es bislang nur in kleinem Maßstab. Am Great Barrier Reef testen australische Forscher seit 2020 jährlich Sprühtechnik zum Schutz der Korallen vor Hitzestress. Kommerzielle Anbieter wie Make Sunsets oder Stardust Solutions setzen dagegen auf andere SRM-Methoden im Dauerbetrieb, ein Kontrast zum akademischen, befristeten Ansatz der aktuellen Studie.

Vertiefung: Cleanthinking ordnet Methoden, Akteure und Risiken des solaren Geoengineerings im Schwerpunkt Solares Geoengineering 2026 ein, ergänzt um eine Rezension zum Buch „Die Sonne dimmen”.

QUELLEN

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  1. Science Advances: Targeted marine cloud brightening weakens subsequent El Niño, 8. Juli 2026
  2. Scripps Institution of Oceanography: Could geoengineering work to tamp down super El Niños?, 8. Juli 2026
  3. CNN: Another 'super El Niño' is brewing. Scientists are eyeing a controversial fix to fight them, 8. Juli 2026
  4. Science News: Can geoengineering blunt El Niño's fury?, Juli 2026
  5. Discover Magazine: Brightening Clouds With Microscopic Sea Salt Particles Could Weaken Super El Niños in the Future, 10. Juli 2026
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