KLIMAPHÄNOMEN · AKTUALISIERT AM 24. SEPTEMBER 2026
NOAA SatellitesWie El Niño das Wetter auf der halben Welt verschiebt
El Niño bringt alle paar Jahre Sturzregen, Dürre und Hitze auf mehrere Kontinente. Wie das Pendel im Pazifik funktioniert, wie Forscher seine Stärke messen und warum der „Super El Niño“ der Schlagzeilen kein wissenschaftlicher Begriff ist.

Alle paar Jahre kippt im tropischen Pazifik ein Gleichgewicht. Dann fällt in Peru Sturzregen, während Australien austrocknet und der indische Monsun schwächelt. 2026 kippt es besonders weit: Der relative Niño-3.4-Index stieg im August auf 1,8 Grad, und das Climate Prediction Center der NOAA sieht das Ereignis auf Kurs Richtung Rekord.
Kaum ein Begriff aus der Klimaforschung wird dabei so oft falsch verwendet. Boulevardmedien riefen schon im Frühjahr einen „Super El Niño“ aus, den es als wissenschaftliche Kategorie nicht gibt. Wer die Zahlen kennt, liest solche Schlagzeilen anders.
STAND HEUTE · 24. SEPTEMBER 2026
- Die NOAA hält es seit dem 10. September für zu 75 Prozent wahrscheinlich, dass das laufende Ereignis alle seit 1950 übertrifft. Mehr dazu: 75 Prozent Chance auf ein historisches Ereignis.
- Die WMO erwartet seit dem 3. September mit nahezu 100 Prozent Wahrscheinlichkeit einen sehr starken El Niño bis mindestens Februar 2027. Mehr dazu: WMO-Update zu El Niño 2026/27.
- 13 von 14 Klimamodellen sehen El Niño auf Rekordkurs (18. September).
- Was ein Ereignis dieser Stärke kostet: 451 Milliarden Dollar, Klimaökonomen setzen auf Vorsorge (24. September).
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Inhaltsverzeichnis
Was ist El Niño und wie entsteht er?
Einfach erklärt ist El Niño die Warmphase eines gekoppelten Systems aus Ozean und Atmosphäre im tropischen Pazifik, das Klimaforscher ENSO nennen, El Niño-Southern Oscillation. Er entsteht, wenn die Passatwinde erlahmen und warmes Oberflächenwasser nach Osten zurückschwappt, statt sich vor Indonesien zu stauen.
Im Normalfall treiben die Passatwinde das warme Wasser entlang des Äquators nach Westen. Vor Peru und Ecuador strömt dafür kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben, ein Vorgang, den die Ozeanografie Upwelling nennt. So entsteht ein kräftiges Temperaturgefälle quer über den Pazifik: warm im Westen, kühl im Osten.

Den Anstoß zum Kippen geben meist Westwindschübe im westlichen Pazifik. Sie schicken eine Kelvinwelle auf die Reise, einen riesigen Schwall warmen Wassers, der in 100 bis 250 Metern Tiefe nach Osten wandert und für Satelliten unsichtbar bleibt. Erreicht die Welle den Ostpazifik, drückt sie die Grenzschicht zwischen warmem und kaltem Wasser nach unten. Das Upwelling kommt zum Erliegen.
Dann setzt eine Rückkopplung ein, die der Klimaforscher Jacob Bjerknes beschrieben hat. Wärmeres Wasser im Ostpazifik schwächt die Passatwinde weiter, und schwächere Winde lassen das Wasser noch wärmer werden. Das System verstärkt sich selbst. Wie stark ein Ereignis am Ende ausfällt, hängt nach Forschung des Kieler GEOMAR vor allem an der Walker-Zirkulation, der Luftströmung über dem Pazifik.

La Niña ist das Spiegelbild. Hier wehen die Passatwinde besonders kräftig, stauen das warme Wasser noch stärker im Westen und ziehen vor Südamerika so viel kaltes Tiefenwasser nach oben, dass der Ostpazifik ungewöhnlich weit auskühlt. Beide Phasen sind keine Störung von außen, sondern zwei Ausschläge desselben Pendels.
Wie stark wird der aktuelle El Niño?
Das Climate Prediction Center der NOAA gibt die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis zwischen Oktober und Dezember 2026 mit über 90 Prozent an. Am 10. September 2026 hat die Behörde zudem die Chance, dass El Niño 2026 alle Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen 1950 übertrifft, auf 75 Prozent angehoben.
Gemessen wird die Stärke an der Meeresoberflächentemperatur in einem festgelegten Streifen des zentralen Pazifiks, der Region Niño 3.4. Die NOAA bildet daraus den Oceanic Niño Index, ein gleitendes Dreimonatsmittel der Abweichung vom langjährigen Durchschnitt. Liegt der Wert über fünf aufeinanderfolgende Dreimonatszeiträume bei mindestens plus 0,5 Grad, gilt ein El Niño offiziell als aufgetreten.
| Stufe | Abweichung Niño 3.4 | Beispiele |
|---|---|---|
| schwach | +0,5 bis +0,9 Grad | häufigste Ausprägung |
| moderat | +1,0 bis +1,4 Grad | Stand Mai 2026: +1,2 Grad |
| stark | +1,5 bis +1,9 Grad | – |
| sehr stark | ab +2,0 Grad | 1982/83, 1997/98, erwartet für 2026/27 |
Eine Kategorie oberhalb von „sehr stark“ gibt es in dieser Klassifikation nicht. Wer 2026 von einer neuen Höchststufe liest, liest eine Erfindung.
Andere Wetterdienste rechnen mit eigenen Maßstäben. Die japanische JMA bezieht ihren Index auf eine andere Referenzregion und eine gleitende Klimaperiode, die australische BoM und die Weltwetterorganisation bündeln mehrere Indizes. Deshalb rufen die Dienste dasselbe Ereignis zu leicht verschiedenen Zeitpunkten aus. Keiner liegt falsch, sie schauen durch unterschiedlich geschliffene Linsen.
Die Werte für 2026 laufen daher auseinander, je nachdem wer misst. Die WMO erwartete in ihrem Ausblick vom 31. Juli 2026 für August bis Oktober Anomalien von mehr als 2,9 Grad in den Schlüsselregionen. Die NOAA nannte für denselben Sommer einen wesentlich niedrigeren relativen Indexwert. Den Unterschied macht der Index, nicht die Datenlage.
Warum misst die NOAA jetzt mit RONI statt mit ONI?
Weil der klassische Index durch die Erderwärmung seinen Maßstab verliert. Er misst die Abweichung von einem 30-jährigen Mittelwert, und wenn sich der gesamte Pazifik erwärmt, sieht jeder El Niño stärker aus als er im Verhältnis zum Umfeld ist, jede La Niña schwächer.
Anfang 2026 hat das Climate Prediction Center deshalb erstmals seit Jahrzehnten den Leitindex gewechselt. Der Relative Oceanic Niño Index zieht von der Temperatur in der Niño-3.4-Region die mittlere Erwärmung der gesamten Tropen ab. Übrig bleibt das ENSO-Signal ohne den globalen Trend, bereinigt über eine Datenreihe bis 1950.
Die Folgen sind beträchtlich: Zwei Winter, die nach altem Index als neutral galten, stuft der neue als klare La-Niña-Phasen ein. Für die Lektüre aktueller Meldungen heißt das, immer mitzulesen, welcher Index gemeint ist. Der relative Niño-3.4-Wert von El Niño 2026 lag im August bei 1,8 Grad, während absolute Anomalien in denselben Wochen deutlich höher ausfielen. Wer beide Zahlen nebeneinanderlegt, sieht einen Rückgang, wo eine Verstärkung stattfindet.
Wie verlässlich sind die Messdaten noch?
Weniger verlässlich als noch vor zwei Jahren, weil die USA ihre Ozeanbeobachtung abbauen. Die Trump-Administration demontiert das 368 Millionen Dollar teure Netz der Ocean Observatories Initiative und zieht bis 2027 Instrumente aus vier großen Arrays.
Eines davon, das Endurance-Array vor Oregon und Washington, liegt im Nordostpazifik, genau dort, wo El Niño 2026 auf die nordamerikanische Küste trifft. Bojen, Tiefseesensoren und treibende Argo-Schwimmer messen Temperatur und Strömung unter der Oberfläche, dort also, wo das Signal entsteht. Satelliten sehen diese Schicht nicht.
Der Abbau reicht weiter. Für das Haushaltsjahr 2026 will die Regierung rund 1,7 Milliarden Dollar aus dem NOAA-Etat streichen und die Forschungssparte nahezu auflösen. Im Februar 2025 entließ die Behörde bereits etwa zehn Prozent ihrer Belegschaft, darunter Hunderte Meteorologen. Die Zahl der weltweiten Argo-Schwimmer ist auf rund 3.600 gesunken.
Forscher beziffern die Folge: Fielen die US-Beiträge ganz weg, stiege die globale Fehlerquote bei der Messung der Ozeanerwärmung um über 160 Prozent. Noch liefert die NOAA ihre Advisories pünktlich. Wer den El Niño künftig verfolgt, schaut aber zunehmend auch auf die Lageberichte der japanischen JMA und auf den europäischen Copernicus-Dienst.
Welche Regionen trifft El Niño am härtesten?
Mittelamerika, Ostafrika und Südasien tragen 2026 die schwersten Folgen. Panama und El Salvador riefen am 25. August den nationalen Notstand aus, Honduras hatte eine Woche zuvor für 80 Prozent seines Staatsgebiets Dürrealarm erklärt.
In Panama trifft beides gleichzeitig ein. An der Karibikküste haben Überschwemmungen mehr als 15.600 Menschen getroffen, während in der Metropolregion elf Wassereinzugsgebiete unter Wasserstress stehen. Die Kanalbehörde hat die tägliche Obergrenze im Panamakanal gesenkt, von 36 auf 32 Schiffe. In El Salvador hat die dritte Dürreperiode in Folge 20 Prozent der Grundnahrungsernte vernichtet, mitten in der Regenzeit.
In Ostafrika schlägt das Pendel in die andere Richtung. Kenias Wetterdienst erwartet für die Regenzeit von Oktober bis Dezember überdurchschnittlichen Regen in allen 47 Bezirken, das Klimazentrum ICPAC beziffert die Wahrscheinlichkeit für Nordostkenia, Südsomalia und Südäthiopien auf 90 Prozent. Hilfsorganisationen richten ihre Nothilfe schon jetzt danach aus, Monate bevor der erste Regen fällt. Die Lage vor Ort beschreibt der Beitrag zur Rekord-Regenzeit in Kenia.

In Indien schwächt El Niño den Sommermonsun. 2026 verstärkt ein zweiter Treiber den Effekt, der in der öffentlichen Wahrnehmung fast immer fehlt: ein positiver Indischer-Ozean-Dipol, bei dem sich der westliche Indische Ozean stärker erwärmt als der östliche. Das Ergebnis steht in den Erntezahlen: 16 Prozent Regendefizit und ein Einbruch der Aussaat.
Australien und Indonesien leiden während kräftiger Ereignisse unter Hitze, Dürre und erhöhtem Waldbrandrisiko. Mehrere der schwersten australischen Buschfeuersaisons fielen in Jahre mit sehr starkem El Niño. Umgekehrt gilt das nicht: Längst nicht jedes Feuerjahr war ein El-Niño-Jahr.

Was bedeutet El Niño für Deutschland und Europa?
Für Deutschland und Europa bedeutet El Niño 2026 ein messbar erhöhtes, aber kein sicheres Risiko für Kälteeinbrüche im Januar und Februar 2027, dazu ein weltweit außergewöhnlich warmes Jahr 2027. Das Signal ist hier deutlich schwächer als für Amerika, Australien, Asien oder Afrika.
Ein starkes Ereignis erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der stratosphärische Polarwirbel gestört wird und die Nordatlantische Oszillation in eine negative Phase kippt, schreibt der Deutsche Wetterdienst in seinem Thema des Tages vom 23. August 2026. Beides begünstigt Kaltlufteinbrüche nach Europa. Einen kalten Winter leitet der DWD daraus ausdrücklich nicht ab: Die Reaktion der Atmosphäre unterscheide sich von Ereignis zu Ereignis erheblich, mitentscheidend seien die Quasi-Biennale Oszillation, das arktische Meereis, die Sonnenaktivität und die Wassertemperaturen im Atlantik.
Der Frühwinter fällt in Mittel- und Westeuropa bei El Niño eher mild und niederschlagsreich aus, weil eine ausgeprägte Westwindzirkulation Atlantikluft heranführt. Das Kälterisiko konzentriert sich auf den Spätwinter. Drei mögliche Verläufe für den deutschen Winter zeigt der Beitrag zu El Niño und Polarwirbel. Ein kalter Spätwinter träfe zudem auf historisch niedrig gefüllte Gasspeicher.
Global wirkt das Ereignis direkter. Ein sehr starker El Niño hebt die Weltmitteltemperatur binnen eines Jahres vorübergehend um rund 0,2 Grad, sagt Zeke Hausfather von Berkeley Earth, der für 2027 ein Rekordjahr bei rund 1,7 Grad über vorindustriellem Niveau erwartet. Warum ausgerechnet dieser zurückhaltende Forscher Alarm schlägt, steht im Beitrag zum El-Niño-Rekord 2026.
Wer in Deutschland einen Hitzesommer erlebt, sollte El Niño trotzdem nicht als Ursache lesen. Der Haupttreiber ist der Klimawandel: Europa hat sich seit den 1980er-Jahren etwa doppelt so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt. Dazu kommen ausgetrocknete Böden, die ihre kühlende Wirkung verlieren und jede Hitzewelle zusätzlich anheizen. Der Frühling 2026 war in Österreich der trockenste der Messgeschichte.
Gibt es einen „Super El Niño“?
Als Kategorie nicht. Die offizielle Skala der NOAA endet bei „sehr stark“ für alles ab plus 2,0 Grad, darüber kommt nichts mehr.
Genau das ist inzwischen das Problem. In dieselbe oberste Schublade fallen 1982/83, 1997/98, 2015/16 und das Ereignis, das gerade läuft, obwohl die NOAA diesem eine 75-prozentige Chance gibt, alle seit 1950 zu übertreffen. Eine Kategorie, die nach oben offen ist, kann einen Rekord nicht abbilden.
Deshalb greifen auch Forscher zu Wörtern, die in keiner Klassifikation stehen. Bill Patzert, Klimatologe am Jet Propulsion Laboratory der NASA, sagte im August 2015 über das damals anlaufende Ereignis: „Das hat definitiv das Zeug zum Godzilla-El-Niño.“ Der Begriff kam von einem Wissenschaftler, der eine Beschreibung brauchte, die seine Skala ihm nicht gab.
Beschreibung und Kategorie sind zweierlei. Wer von Super-Ausmaßen spricht, beschreibt, was die Messwerte zeigen. Wer einen „Super El Niño“ ausruft, behauptet eine Stufe, die es nicht gibt. Das Zweite führt in die Irre: Bleibt die angekündigte Katastrophe aus, heißt es schnell, die Wissenschaft habe übertrieben, obwohl sie diese Stufe nie ausgerufen hat. Wer die Einordnung von El Niño 2026 sucht, findet sie im Beitrag zum historischen El-Niño-Ereignis.
Warum ändern sich die Prognosen im Jahresverlauf?
Weil Klimamodelle keine festen Aussagen liefern, sondern Szenarien mit Eintrittswahrscheinlichkeiten, die mit jedem neuen Datensatz schärfer werden. Dazu kommt ein physikalischer Grund: die Frühjahrsbarriere der Vorhersagbarkeit.
Im Frühjahr klingt ein altes ENSO-Ereignis ab, und was als Nächstes kommt, hat sich noch nicht entschieden. Die Kopplung zwischen Ozean und Atmosphäre ist dann schwach, das Verhältnis von Signal zu Rauschen ungünstig. Modelle, die im Februar oder März rechnen, treffen über die spätere Stärke kaum verlässliche Aussagen. Die lautesten Schlagzeilen stammen genau aus diesem Fenster.
El Niño 2026 zeigt den Mechanismus exemplarisch. Im April sah die japanische JMA die Wahrscheinlichkeit eines El Niño im Sommer bei 70 Prozent. Am 11. Juni gab die NOAA ihr offizielles Advisory aus und nannte erstmals eine Zahl für die Spitze: 63 Prozent Chance auf die Schwelle von plus 2,0 Grad. Am 9. Juli waren es 81 Prozent, am 13. August über 90.
Die Weltwetterorganisation zog am 3. September nach und erwartet mit nahezu 100 Prozent Wahrscheinlichkeit einen sehr starken El Niño bis mindestens Februar 2027. So funktioniert ein Wahrscheinlichkeitsraum: Er verengt sich mit jedem Modelllauf, statt sich im Frühjahr für das ganze Jahr festzulegen.
QUELLEN
- NOAA Climate Prediction Center: ENSO Diagnostic Discussion, 10. September 2026.
- NOAA Climate Prediction Center: Oceanic Niño Index (ONI).
- WMO: El Niño set to become very strong, 3. September 2026.
- JMA: El-Niño-Monitoring, 10. Juni 2026.
- Deutscher Wetterdienst: Mögliche Auswirkungen eines starken El Niño auf Europa, 23. August 2026.
- NOAA Climate.gov: The Spring Predictability Barrier.
- GEOMAR: El Niño im Klimawandel.
- Bureau of Meteorology: El Niño and Australia.
- CNN: The Trump administration just ditched a vital deep-sea monitoring system, 3. Juni 2026.
- NPR: Scientists Say We Could Be Heading Into ‚Godzilla El Niño‘, 13. August 2015.
- Süddeutsche Zeitung: Interview mit Zeke Hausfather, 17. August 2026