451 Milliarden Dollar: Klimaökonomen setzen gegen El Niño auf Vorsorge

KLIMAÖKONOMIE · 24. SEPTEMBER 2026

Ökonomen beziffern die Kosten von El Niño auf 451 Milliarden Dollar

Allianz Research hat die Kosten von El Niño im kommenden Jahr für 144 Volkswirtschaften durchgerechnet. Deutschland verlöre rund 5,5 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung, Lebensmittel würden in der EU teurer.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Brutto summieren sich die Einbußen im Szenario auf 488 Milliarden Dollar. Dem stehen Gewinne von 37 Milliarden Dollar gegenüber, etwa in Frankreich, Spanien und Irland. China, die USA und Indien trügen mit 147, 91 und 50 Milliarden Dollar fast 60 Prozent der Bruttoverluste. Das geht aus dem Climate Economics Report 2026 von Allianz Research hervor, den der Versicherer als Auftakt eines jährlichen „Climate Risk Tracker" veröffentlicht hat.

Für die 27 EU-Staaten beziffert die Studie den Nettoverlust auf rund 24 Milliarden Dollar, das entspricht 0,09 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Deutschland würde die Inflation um 0,13 Prozentpunkte steigen, die Lebensmittelpreise um 0,21 Prozentpunkte. EU-weit rechnet Allianz mit 0,31 Prozentpunkten mehr Inflation und 0,5 Prozentpunkten bei Nahrungsmitteln. Wie empfindlich die Ernten auf El Niño reagieren, zeigt der schwache Monsun in Indien, der die Aussaat schon in diesem Sommer einbrechen ließ.

Allianz berechnet die Kosten von El Niño mit den Werten von 2023/24

Die Ökonomen übertragen die Temperaturwirkungen des starken El Niño 2023/24 auf jedes einzelne Land und rechnen sie auf das Jahr 2027 hoch. Sie verstehen das Ergebnis ausdrücklich als Sensitivitätsanalyse, nicht als Prognose. Dürren, Überschwemmungen, Waldbrände und Wirbelstürme sind nicht enthalten, obwohl der Report erwartet, dass sie 2027 zunehmen.

Der Vergleichsfall 2023/24 war ein starker El Niño. Für 2027 erwartet die Weltorganisation für Meteorologie ein sehr starkes Ereignis. 13 von 14 Klimamodellen sehen es auf Rekordkurs. Kalifornien hat deshalb bereits den Notstand ausgerufen, bevor der erste Wintersturm eintrifft.

Balkengrafik: El Niño könnte 2027 China 147, die USA 91 und Indien 50 Milliarden Dollar kosten, netto 451 Milliarden Dollar

Deutschland verlor im Hitzesommer 25 Milliarden Euro

Für den Sommer 2026 liefert der Report bereits eine Bilanz. Die Hitzewellen kosteten die 30 untersuchten europäischen Länder rund 113 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung, knapp 0,5 Prozent ihres erwarteten Bruttoinlandsprodukts. Italien verlor 27,8 Milliarden Euro, Deutschland 25 Milliarden und Frankreich 20,1 Milliarden. Den größten Teil erklärt die Arbeitsproduktivität: Beschäftigte arbeiten an Hitzetagen langsamer, brauchen längere Pausen oder fallen aus.

Balkengrafik: Hitzewellen 2026 kosteten Italien 27,8, Deutschland 25 und Frankreich 20,1 Milliarden Euro, Europa 113 Milliarden

Die Triodos Bank war im August für die EU auf bis zu 180 Milliarden Euro gekommen. Eine frühere Allianz-Studie hatte berechnet, dass wiederkehrende Hitzejahre das Wachstum bis 2030 bremsen würden, in Deutschland um kumuliert rund drei Prozent.

Über alle Extremwetter hinweg summierten sich die Schäden in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren auf rund 50 Milliarden Euro. Pro Jahr ist das knapp doppelt so viel wie im Schnitt der Jahre 2000 bis 2019. Versichert war davon rund ein Drittel. 2025 erfasste die zugrunde liegende Datenbank für Deutschland kein Extremwetterereignis mit ökonomischem Schaden. „Ein ruhigeres Jahr wie 2025 ist eine kurze Verschnaufpause, aber keine dauerhafte Entwarnung", sagt Hazem Krichene, Senior-Klimaökonom der Allianz.

Klimaökonomen setzen auf Vorsorge vor dem Schaden

Länder mit Frühwarnsystemen, Risikokarten, vorausschauender Finanzierung und klaren Zuständigkeiten kommen laut Report besser durch Extremwetter als Staaten, die erst nach der Katastrophe reagieren. Marokko baut seit 2016 mit Unterstützung der Weltbank Frühwarnsysteme und Gefahrenkarten auf, bisher mit 408 Millionen Dollar. Die Europäische Investitionsbank stellt von 2025 bis 2027 rund 15 Milliarden Euro für Wasser-Resilienz bereit. Dauerhafte Prävention sei wirtschaftlich sinnvoller als immer höhere Ausgaben für die Reparatur eingetretener Schäden, sagt Krichene.

Wie groß der Hebel in Deutschland ist, haben IÖW, Prognos und GWS im Auftrag von Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium beziffert. Bis 2050 drohen je nach Erwärmung Schäden von 280 bis 900 Milliarden Euro. Investitionen in Anpassung könnten diese Kosten vollständig, um 80 oder um 60 Prozent senken, je nachdem, ob der Klimawandel schwach, mittel oder stark ausfällt.

Wer dafür zahlt, ist politisch offen. Fünf SPD-Bundesminister und der Deutsche Städtetag wollen Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz schreiben, die Union lehnt ab. Spanien geht einen anderen Weg und will Ölkonzerne an einem Klimaanpassungsfonds beteiligen.

Mehr dazu: Was El Niño ist und wie Forscher seine Stärke messen

QUELLEN

1885f9e4104944e4bd940ec21d786666
  1. Allianz Research: Allianz Climate Economics Report 2026: A year of escalating costs, 24. September 2026.
  2. Allianz Trade: Klimawandel als Wirtschaftsfaktor: Hitzewelle 2026 kostet Deutschland rund 25 Mrd. EUR, El Niño wirft bereits Schatten voraus, Pressemitteilung, 24. September 2026.
  3. IÖW: Konsequenter Klimaschutz und vorsorgende Klimaanpassung verhindern Milliardenschäden, 6. März 2023.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x