El Niño bremst den Monsun: Indiens Aussaat bricht ein

KLIMAKRISE · 2. AUGUST 2026

Monsun 2026: El Niño trifft Indiens Ernte

Die Weltorganisation für Meteorologie erwartet bis Oktober einen starken El Niño und weniger Regen über dem indischen Subkontinent. Der Monsun 2026 bringt Indien bislang 16 Prozent weniger Regen und 23 Prozent weniger Aussaat.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) hat am 31. Juli ihren saisonalen Klimaausblick für August bis Oktober vorgelegt. Der El Niño verstärkt sich demnach weiter zu einem starken Ereignis: Die Meeresoberflächentemperaturen im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik sollen im Saisonmittel mehr als 2,9 Grad Celsius über dem Normalwert liegen. Parallel erwartet die WMO einen positiven Indischen-Ozean-Dipol, bei dem sich der westliche Indische Ozean stärker erwärmt als der östliche.

Beide Muster zusammen greifen tief in die Wasserverteilung ganzer Kontinente ein. Die WMO erwartet überdurchschnittlichen Regen am Horn von Afrika, in Teilen Zentralasiens, in Südeuropa, im westlichen Nordamerika südlich des 45. Breitengrads und im südöstlichen Südamerika. Trockener als normal dürfte es über dem indischen Subkontinent werden, im Süden und Osten Australiens, im südlichen Mittelamerika und Teilen der Karibik, im nordwestlichen Südamerika und in Nordeuropa. Was dahinter physikalisch steckt, haben wir in unserer Erklärung zum El-Niño-Southern-Oscillation-Muster aufgeschlüsselt.

Vor zwei Monaten habe er gewarnt, El Niño stehe vor der Tür, sagte UN-Generalsekretär António Guterres vor Journalisten in New York. „Jetzt ist er im Haus und dreht die Heizung auf”, so Guterres weiter. Der Pazifik sei noch nie so früh in einem El-Niño-Zyklus so warm gewesen, die Welt bewege sich in unkartiertem Gebiet. Zugleich forderte Guterres ein Ende der fossilen Expansion.

Der Monsun 2026 liegt 16 Prozent im Minus

In Indien bestätigt die Prognose, was die Bauern seit Wochen erleben. Der Südwestmonsun begann am 4. Juni und schwankt seither zwischen Trockenphasen und Starkregen. Zum 27. Juli lag das landesweite Regendefizit laut dem Indischen Meteorologischen Dienst (IMD) bei 16 Prozent. Rund 53 Prozent aller Distrikte meldeten defizitäre oder stark defizitäre Niederschläge.

Region Abweichung
Ost- und Nordostindien-30 %
Südliche Halbinsel-29 %
Nordwestindien-10 %
Zentralindien-4 %
Indien gesamt-16 %

Quelle: India Meteorological Department, Stand 27. Juli 2026.

Die Landeszahl verdeckt, wie ungleich sich der Ausfall verteilt. Meghalaya, der regenreichste Bundesstaat des Landes, verzeichnet 56 Prozent Defizit. Assam kämpft trotz eines Minus von 30 Prozent in zwölf Distrikten mit Überschwemmungen; nach Daten von Sphere India waren zum 25. Juli mehr als 700.000 Menschen in 856 Dörfern betroffen. Dass ausgerechnet Dürregebiete absaufen, folgt der Signatur einer wärmeren Atmosphäre: Sie trägt mehr Wasserdampf und regnet ihn in kürzeren, heftigeren Schüben ab. Das Clausius-Clapeyron-Gesetz beschreibt genau diesen Mechanismus.

„Der Monsun hat aktive Phasen und Pausen, und El Niño macht die Pausen zahlreicher und länger”, sagt Raghu Murtugudde, emeritierter Professor an der University of Maryland und Gastprofessor am IIT Kanpur. Die globale Erwärmung verschärfe beide Extreme, die Dürre- wie die Starkregenphasen. Hintergrund sind rund 1,4 Grad Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau und die Rekordtemperaturen der Ozeane.

Was der Monsun 2026 für die Ernte bedeutet

Die Kharif-Saison fällt exakt mit dem Monsun zusammen und liefert etwa die Hälfte der indischen Getreideproduktion. 55 bis 60 Prozent der Nettoanbaufläche sind reiner Regenfeldbau ohne nennenswerte Bewässerung. Zum 25. Juni waren 18,272 Millionen Hektar bestellt, ein Rückgang um knapp 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei Ölsaaten schrumpfte die Fläche um mehr als die Hälfte, von 3,641 auf 1,699 Millionen Hektar. Reis verlor 0,865 Millionen Hektar, Hülsenfrüchte fielen von 2,146 auf 1,492 Millionen Hektar.

Das Landwirtschaftsministerium hat 111 Distrikte als Hochrisikogebiete eingestuft. Es sind jene, in denen sich zwei Schwächen addieren: schwache Monsunprognose und ein Bewässerungsgrad unter 25 Prozent. Nach dem Dürremonitor des IIT Gandhinagar lagen zum 1. Juli 41,2 Prozent der Landesfläche unter Dürre oder Dürrevorstufen, vier Wochen zuvor waren es 19,6 Prozent. Die IMD-Saisonprognose lag laut einem USDA-Bericht von Ende Juni bei 90 Prozent des langjährigen Mittels, mit 84 Prozent Wahrscheinlichkeit für unternormalen Regen.

Die Ausfälle treffen den Weltmarkt. Indien ist der mit Abstand größte Reisexporteur, und das Exportverbot für Zucker dürfte laut S&P Global unter Verweis auf einen USDA-Bericht das gesamte Wirtschaftsjahr 2026/27 über bestehen bleiben. Die US-Wetterbehörde NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis zwischen Oktober und Dezember auf 81 Prozent; den Medienbegriff „Super-El-Niño” führt die WMO allerdings nicht in ihrer offiziellen Klassifikation. Wie belastbar er trotzdem ist, ordnet unsere Analyse zum Super-El-Niño 2026 ein.

Am Horn von Afrika dreht sich das Risiko um

Während Südasien austrocknet, erwarten die Frühwarnsysteme in Ostafrika das Gegenteil. Starker El Niño und positiver Indischer-Ozean-Dipol lassen für die kurze Regenzeit von Oktober bis Dezember überdurchschnittliche Niederschläge erwarten. In Somalia verschiebt sich der Haupttreiber der Ernährungsunsicherheit damit von der Dürre der Gu-Saison auf die Flut der Deyr-Saison.

Das Frühwarnsystem FEWS NET stuft Bay, Bakool, Gedo und Hiiraan, mehrere Flussniederungen im Süden, nördliche und zentrale Weidegebiete sowie zwölf große Vertriebenensiedlungen auf IPC-Stufe 4 ein, also Notlage; einzelne Haushalte erreichen Stufe 5. Bei extremer, großflächiger Überschwemmung sieht FEWS NET zwischen Oktober und Januar ein glaubhaftes Hungersnotrisiko. In Äthiopiens pastoralem Süden und Südosten soll die Krisenstufe 3 mindestens bis Januar 2027 anhalten.

„Prognosen verhindern keine Gefahren, Menschen tun das”, sagt WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo. Regierungen und Hilfsorganisationen haben jetzt ein Zeitfenster, um Saatgut umzustellen, Wasserspeicher zu füllen und Evakuierungsrouten zu prüfen. Wie schnell dieses Fenster zugeht, hat Europa in diesem Sommer erlebt, als Hitzewellen die Stromversorgung unter Druck setzten.

Die nächste vollständige El-Niño-/La-Niña-Aktualisierung der WMO erscheint Anfang September. Sie wird zeigen, ob das Ereignis seinen Höhepunkt wie üblich zwischen November und Februar erreicht. Für die indische Ernte kommt diese Auskunft zu spät; die Kharif-Bilanz steht bis dahin fest.

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