Wenn Naturzerstörung zur Bilanzposition wird

SUSTAINABLE FINANCE · 02. AUGUST 2026

Naturrisiken: Wie die EZB die Natur in die Bankbilanz rechnet

72 Prozent aller Nichtfinanzunternehmen im Euroraum hängen stark von mindestens einer Leistung der Natur ab. Gemessen am Kreditvolumen sind es 75 Prozent. Die europäische Bankenaufsicht zieht daraus gerade Konsequenzen, die Banken Geld kosten.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit LESEN


Im November 2025 hat die Europäische Zentralbank einer spanischen Bank 187.650 Euro abverlangt. Anlass war weder eine Eigenkapital- noch eine Geldwäscheregel. Die ABANCA Corporación Bancaria hatte 65 Tage lang versäumt zu bewerten, wie wesentlich Klima- und Umweltrisiken für ihr eigenes Geschäft sind.

Es war das erste Zwangsgeld dieser Art. Fünf Jahre hatte die Aufsicht davor eskaliert, von unverbindlichen Erwartungen über Feedback-Briefe bis zu rechtsverbindlichen Beschlüssen. Am Ende dieser Kette steht ein Tagessatz.

Der Fall betraf Klima- und Umweltrisiken. Ein zweites Feld steht daneben und ist deutlich weniger weit entwickelt: die Abhängigkeit der Wirtschaft von der Natur selbst. Dafür hat die EZB eine Analyse für dieses Jahr angekündigt, die Ökosystemschäden in Kreditverluste übersetzen soll.

Warum ist das eine Frage für Bankenaufseher?

Ökosystemleistungen sind der Nutzen, den Wirtschaft und Gesellschaft aus der Natur ziehen, ohne dafür zu bezahlen. Trinkwasser und Bewässerung gehören dazu, Holz und Rohstoffe, die Bestäubung von Kulturpflanzen, der Schutz vor Hochwasser und Erdrutschen, die Aufnahme von Kohlenstoff durch Vegetation.

Eine Untersuchung der EZB hat 2023 erstmals ausgerechnet, wie stark die Wirtschaft des Euroraums daran hängt. Rund drei Millionen Unternehmen, 72 Prozent aller Nichtfinanzunternehmen, sind stark von mindestens einer solchen Leistung abhängig. Gemessen am Kreditvolumen der Banken entfallen auf diese Firmen etwa 75 Prozent aller Unternehmenskredite.

Eine Nachfolgestudie hat den Ansatz 2025 zu einem Bewertungsrahmen ausgebaut, der biophysische Schocks bei 18 Ökosystemleistungen mit der Produktion ganzer Sektoren und darüber mit Bankkrediten verknüpft. Wasser ist darin der materiellste Treiber. Hochwasserschutz, Grundwasserstände und Wasserqualität schlagen härter durch als die Artenvielfalt im engeren Sinn.

Wie schnell Europas Böden inzwischen austrocknen, hat Cleanthinking in der Analyse zur atmosphärischen Zirkulation beschrieben. Für die Aufsicht ist das keine Umweltbeobachtung, sondern eine Eingangsgröße.

„Die Bewertung naturbezogener Risiken ist keine Baumumarmer-Übung“, sagte Frank Elderson im September 2024 in einer Rede zu den rechtlichen Folgen der Naturkrise. Es gehe um materielle finanzielle Risiken, die wie jede andere Risikoart bewertet, analysiert und gesteuert werden müssten.

Elderson sitzt im Direktorium der EZB und ist Vizevorsitzender des Aufsichtsgremiums der europäischen Bankenaufsicht. 2017 gehörte er zu den Gründern des Network for Greening the Financial System, damals noch für die niederländische Zentralbank, gemeinsam mit den Chefs der Bank of England und der Banque de France.

Ein Unternehmen, dessen Produktion an einer verlässlichen Wasserversorgung hängt, bekommt bei anhaltender Dürre ein Ertragsproblem. Bleiben die Erträge aus, gerät die Rückzahlung ins Rutschen, und die kreditgebende Bank muss wertberichtigen. Genau diesen Übersetzungsschritt will die EZB quantifizieren.

Gegenüber dem Guardian kündigte Elderson an, die Notenbank werde noch in diesem Jahr eine Analyse veröffentlichen, die Pfade der Ökosystemdegradation in Kreditverlustdynamiken für die Banken des Euroraums übersetzt. Über die Ökosystemleistungen, von denen die Wirtschaft abhängt, sagte er dem Blatt: „Diese Leistungen sind nicht stabil, sie gehen rapide zurück.“

Von der Empfehlung zum Tagessatz

Der ABANCA-Fall steht am Ende einer Eskalationsleiter, an der die Aufsicht seit 2020 arbeitet und deren Stufen sie offen dokumentiert. Sie zeigt, wie aus einer Empfehlung in fünf Jahren eine Zahlungspflicht wird.

Jahr Schritt der EZB-Bankenaufsicht bei Klima- und Umweltrisiken
2020Leitfaden zu Klima- und Umweltrisiken, unverbindliche Aufsichtserwartungen
2022Klimastresstest und thematische Überprüfung, individuelle Fristen für jede Bank
2023Rechtsverbindliche Beschlüsse an Banken, die die Fristen verfehlt haben
2024Ablauf der letzten Umsetzungsfrist für alle bedeutenden Institute
2025Erstes Zwangsgeld: 187.650 Euro gegen ABANCA für 65 Tage Versäumnis

Quelle: EZB-Bankenaufsicht, Leitfaden 2020 sowie Pressemitteilungen vom 02.11.2022 und 10.11.2025.

Die Zwangsgelder laufen pro Tag der Zuwiderhandlung auf. Bemessen werden sie nach Schwere des Verstoßes, Dauer und Tagesumsatz des beaufsichtigten Instituts. ABANCA kann vor dem Gerichtshof der Europäischen Union dagegen vorgehen.

Für Naturrisiken existiert eine vergleichbare Leiter noch nicht. Die angekündigte Analyse ist die Voraussetzung dafür, denn ohne quantifizierten Zusammenhang zwischen Ökosystemschaden und Kreditausfall lässt sich keine belastbare Aufsichtsanforderung begründen.

Wer prüft, wenn die USA aussteigen?

Kritiker werfen der EZB vor, ihr Mandat auszudehnen und sich Aufgaben zuzuschreiben, für die sie nicht demokratisch legitimiert ist. Der belgische Europaabgeordnete Johan Van Overtveldt, früher Finanzminister seines Landes, argumentierte im Oktober 2025, jede Erweiterung über den Kernauftrag hinaus gefährde die Unabhängigkeit der Notenbank und ihre Fähigkeit, Preisstabilität zu sichern.

Die EZB hat ihre Position zu dieser Frage bereits 2024 juristisch begründet. Elderson verwies in seiner Rede auf das sekundäre Ziel der Notenbank in Artikel 127 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union und auf die Querschnittsklauseln der Artikel 7 und 11, die Umweltschutz in alle Unionspolitiken einbinden. Seine Lesart: Der Vertrag verpflichtet die EZB dazu, Naturrisiken zu berücksichtigen.

Die politische Großwetterlage hat sich seit 2025 verschoben. Die US-Notenbank Federal Reserve verließ das Network for Greening the Financial System im Januar 2025, drei Tage vor Trumps Amtseinführung, mit der Begründung, das Arbeitsprogramm liege außerhalb des gesetzlichen Auftrags. Einlagensicherung, Bankenaufsicht und Hypothekenaufsicht der USA folgten, ebenso das Finanzministerium.

Übrig blieb ein Netzwerk aus mehr als 140 Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, das sich selbst als Koalition der Willigen beschreibt. Den Vorsitz führte zuletzt Sabine Mauderer von der Deutschen Bundesbank, seit Juli 2026 hat ihn Olaf Sleijpen von der niederländischen Zentralbank inne. Europa reguliert dieses Feld also ohne die größte Volkswirtschaft der Welt.

In Deutschland hat die Bundesbank im April 2026 erstmals Daten zur Kreditvergabe deutscher Banken mit naturbezogenen Abhängigkeiten verknüpft. Ausgewertet wurden rund 1.200 Institute mit einem Kreditvolumen an Nichtfinanzunternehmen von etwa 1,7 Billionen Euro. Bei enger gefasster Abgrenzung als in der EZB-Studie entfällt mehr als die Hälfte dieses Volumens auf Kredite an Unternehmen mit starker Abhängigkeit von mindestens einer Ökosystemleistung.

Naturbezogene Risiken betreffen damit den Kern des deutschen Kreditgeschäfts. Die BaFin hat physische Risiken bereits 2025 zu einem Prüfschwerpunkt gemacht und nennt die schlechte Datenlage als das eigentliche Problem, weil fehlende Offenlegungspflichten dazu führen können, dass Institute diese Risiken systematisch unterschätzen.

Was ändert sich, wenn Naturrisiken einen Preis bekommen?

Wie teuer die Lücke zwischen Schaden und Absicherung ist, zeigte der spanische Sommer 2025. Rund 400.000 Hektar verbrannten, gemeldet wurden dazu etwa 900 Versicherungsfälle mit 23 Millionen Euro Schadensumme. Europaweit war zwischen 1980 und 2024 nur rund ein Viertel der Schäden aus Extremwetterereignissen versichert.

Was diesen Sommer physikalisch antreibt, hat Cleanthinking im Erklärstück zum Feuerwetter aufgeschlüsselt. Ein Risiko, das niemand quantifiziert, verschwindet allerdings nicht, es bleibt nur unbepreist. Genau darin liegt die Lücke, mit der auch der Klimaforscher Anders Levermann argumentiert, wenn er die wachsende Wetter-Volatilität als das größte unterschätzte Wirtschaftsrisiko bezeichnet.

Sobald ein Risiko in Ausfallwahrscheinlichkeiten und Kapitalanforderungen übersetzt ist, wird es zu einer Größe, mit der Banken rechnen müssen. Kapitalanforderungen wirken über den Preis: Was ein Institut teurer unterlegen muss, gibt es in den Konditionen weiter. Wer seine Wasserabhängigkeit verringert, könnte auf diesem Weg günstigere Kredite bekommen.

Silke Stremlau von Finance for Transition hat im Cleanthinking-Interview beschrieben, dass Deutschland kein Kapitalmangelproblem hat, sondern ein Kapitalallokationsproblem. Bundesbank und EZB haben zuletzt zudem für ein höheres Tempo bei der Energiewende geworben, weil sie in fossiler Importabhängigkeit das größere Standortrisiko sehen.

Ob aus der Naturrisiken-Arbeit reale Kapitalanforderungen werden, entscheidet sich an der Analyse, die für dieses Jahr angekündigt ist. Bis dahin bleibt als Maßstab nur die Klimarisiko-Leiter, an deren Ende ein Tagessatz steht, fällig dafür, ein Risiko nicht einmal bewertet zu haben.

Häufige Fragen zu Naturrisiken im Finanzsystem

Welche Ökosystemleistung ist für Banken die wichtigste?

Wasser. In der EZB-Studie von 2025, die 18 Ökosystemleistungen bewertet, sind Hochwasserschutz, Grundwasserstände und Wasserqualität die materiellsten Treiber für Kreditrisiken. Sie schlagen stärker durch als der Verlust von Artenvielfalt im engeren Sinn.

Was passiert, wenn eine Bank die geforderte Risikobewertung verweigert?

Die EZB kann Zwangsgelder verhängen, die pro Tag der Zuwiderhandlung auflaufen. Bemessen werden sie nach Schwere des Verstoßes, Dauer und Tagesumsatz des Instituts. Betroffene Banken können vor dem Gerichtshof der Europäischen Union dagegen klagen.

Gilt die EZB-Aufsicht für alle Banken in Deutschland?

Nein. Die EZB beaufsichtigt direkt nur die als bedeutend eingestuften Institute. Kleinere Banken unterstehen der nationalen Aufsicht, in Deutschland also BaFin und Bundesbank. Die Bundesbank hat naturbezogene Abhängigkeiten im April 2026 erstmals für rund 1.200 Institute ausgewertet.

Was ist das Network for Greening the Financial System?

Ein 2017 gegründeter Zusammenschluss von Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden zu Klima- und Naturrisiken, dem heute mehr als 140 Institutionen angehören. Die US-Notenbank Federal Reserve und weitere US-Behörden sind 2025 ausgetreten. Den Vorsitz führt seit Juli 2026 Olaf Sleijpen von der niederländischen Zentralbank.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x