Bundesbank, EZB und Co. wollen beschleunigte Energiewende

ENERGIEWENDE · 25. JUNI 2026

Die nüchternen Rechner begreifen die Energiewende als Standortfaktor

Bundesbank, EZB und der größte Rückversicherer der Welt drängen so deutlich wie nie auf mehr Tempo. Ihre Botschaft: Die Abhängigkeit von fossilen Importen ist das eigentliche Standortrisiko, die Energiewende die Antwort darauf.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit


Wer in diesen Wochen die schärfsten Aufrufe zu mehr Energiewende-Tempo sucht, findet sie an einer überraschenden Stelle. Sie kommen aus den Vorstandsetagen von Notenbanken und Rückversicherern, also von Institutionen, deren Geschäft das kühle Bewerten von Risiken ist und die für vieles bekannt sind, nur nicht für Aktivismus. Energiewende als Standortfaktor.

Sabine Mauderer, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, hat dem Handelsblatt ein Interview gegeben, das diese Linie auf den Punkt bringt. Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, hatte wenige Wochen zuvor in Frankfurt fast wortgleich argumentiert. Und die Münchener Rück, gemessen am Geschäftsvolumen der größte Rückversicherer der Welt, liefert die Zahlen, die zeigen, was bereits heute auf dem Spiel steht.

Drei Stimmen, ein Befund: Die anhaltende Abhängigkeit von fossilen Importen ist für Deutschland und Europa zu einem ernsten Standort- und Stabilitätsrisiko geworden. Und der schnellere Umbau des Energiesystems ist der Weg, dieses Risiko zu verkleinern. Wer genau hinhört, erkennt die Tonlage: Hier bewerten keine Ideologen, hier rechnen Risikomanager. Genau deshalb lohnt es sich, die Energiewende als Standortfaktor ernst zu nehmen.

Zwei Drittel Importe, und kaum Bewegung in 15 Jahren

Deutschland deckt noch immer 67 Prozent seines Energiebedarfs durch Importe, überwiegend fossiler Energieträger. Europa steht mit 57 Prozent etwas besser da, bleibt aber hochgradig abhängig. Bemerkenswert ist vor allem, wie wenig sich daran in anderthalb Jahrzehnten geändert hat.

Die Bundesbank-Vizepräsidentin verweist auf eine Analyse der US-Notenbank Fed: Von 2014 bis 2024 verlief die Abkehr von fossilen hin zu erneuerbaren Energien in Europa mit einer Änderungsrate von rund 2,7 Prozent pro Jahr. Bei diesem Tempo läge die Abhängigkeit auch nach einem weiteren Jahrzehnt noch weit von dort entfernt, wo sie sein müsste.

Dr. Sabine Mauderer von der Bundesbank
Dr. Sabine Mauderer, Mitglied des Vorstands der Bundesbank. Bild: Bundesbank / Gaby Gerster / CC BY-SA 4.0

Mauderers Schlussfolgerung fällt entsprechend knapp aus: „Es braucht deutlich mehr Tempo bei der Energiewende in Europa."

Dass eine Notenbankerin sich derart klar äußert, hat einen handfesten Grund. Rohstoff- und Energiepreise schlagen nicht nur in der Realwirtschaft durch, sondern unmittelbar an den Finanzmärkten. Der jüngste Energiepreisschock infolge des Irankriegs und der Sperrung der Straße von Hormus hat das schmerzhaft gezeigt. Solche Ausschläge, so Mauderer, zeigten, wie groß die fossile Abhängigkeit noch immer sei und wie wichtig es bleibe, sie zu verringern.

Lagarde hatte Anfang Mai bei einer EZB-Konferenz zu Klima und Geldpolitik dieselbe Linie gezogen. „Europa importiert rund 60 Prozent seiner Energie, nahezu vollständig in Form fossiler Brennstoffe", sagte sie in Frankfurt. Die steigenden Preise führten die Kosten dieser Abhängigkeit vor Augen. Eine begleitende EZB-Analyse zeigte zudem, dass Länder mit einem hohen Anteil nicht-fossiler Stromerzeugung, etwa Spanien und Portugal, deutlich besser gegen Gaspreis-Schocks geschützt sind. Es ist also nicht die einsame Position einer einzelnen Funktionsträgerin.

Warum günstige Energie zum Wachstumsargument wird

Der eigentliche Hebel liegt in der Standortfrage. Die Wachstumsfelder, auf die Deutschland und Europa setzen, sind durchweg energieintensiv: Künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Elektrifizierung, Automatisierung. In all diesen Bereichen entsteht enormer Strombedarf. Im Vorteil sind nach Mauderers Lesart jene Regionen, die glaubhaft vermitteln können, dass sie diesen Bedarf über Jahrzehnte sicher und effizient decken. Verfügbare und bezahlbare Energie wird damit zu einem Eckpfeiler der Standortattraktivität.

Wie konkret das wird, illustriert ein aktuelles Beispiel: Ein japanischer Konzern hat ein Investitionsprojekt von 75 Milliarden Euro in Frankreich angekündigt. Ein wesentlicher Grund für die Standortwahl war die Verfügbarkeit günstiger Energie, mit der Frankreich offensiv wirbt. Energie zählt hier zu den zentralen Kriterien der Investitionsentscheidung.

Dass Frankreich dabei heute mit niedrigen Preisen und hoher Verfügbarkeit punktet, was auch an der Kernkraft liegt, bestreitet Mauderer nicht. Sie weist allerdings auf die Zeitachse hin: Die französischen Reaktoren sind im Schnitt rund 40 Jahre alt und müssen erneuert werden, und im Vereinigten Königreich zeigen sich die exorbitanten Kosten für den Neubau von Kernkraftwerken. Wer heute im Vorteil ist, muss es in zehn oder fünfzehn Jahren nicht mehr sein. Deutschland habe die Chance, mit einer klugen Energiestrategie aufzuholen.

Was also wäre eine kluge Antwort? Mauderer benennt sie ohne Umschweife: die schnellere Umstellung auf erneuerbare Energien, dazu ein konsequenter und zügiger Ausbau der Übertragungs- und Verteilernetze, mehr Speicherkapazitäten und mehr Flexibilität beim Verbrauch. Als Vorbild dient ihr Dänemark mit seiner intelligenten Strom- und Wärmesteuerung samt flächendeckendem Einsatz von Smart Metern. Hinzu kämen kräftige Investitionen in Forschung. Das ist eine industriepolitische Agenda, formuliert aus der Bundesbank heraus.

Energiewende als Standortfaktor: Die Rechnung der Rückversicherer

Während Notenbanken die Risiken modellieren, zahlen Versicherer sie aus. Die Münchener Rück hat für das Jahr 2025 weltweite Schäden durch Naturkatastrophen von rund 224 Milliarden Dollar bilanziert, von denen Versicherer etwa 108 Milliarden trugen. Allein die sogenannten Sekundärgefahren, also Überschwemmungen, schwere Gewitter und Waldbrände, summierten sich auf 166 Milliarden Dollar. Die Brände von Los Angeles im Januar waren mit 53 Milliarden Dollar das teuerste Einzelereignis.

„Eine wärmere Welt macht extreme Wetterkatastrophen wahrscheinlicher", sagt Tobias Grimm, Chef-Klimawissenschaftler des Konzerns, einordnend. Die vergangenen zwölf Jahre waren laut Münchener Rück die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen, und unter den gegebenen Bedingungen könne sich der Klimawandel weiter verschärfen.

Die Münchener Rück hat sich im Sommer 2025 aus mehreren internationalen Klima-Bündnissen zurückgezogen, darunter die Net-Zero Asset Owner Alliance. Und trotzdem bepreist sie das Klimarisiko unverändert hart. Für einen Rückversicherer ist das Klimarisiko keine Frage politischer Haltung, die man unterschreibt oder kündigt. Es steht als handfeste Position in der eigenen Bilanz.

Die EZB hat errechnet, dass die Hitzewelle des vergangenen Sommers die Preise für unverarbeitete Lebensmittel im Euroraum nach einem Jahr um bis zu 0,7 Prozentpunkte erhöht hat. Und dass die regionale Wirtschaftsleistung vier Jahre nach einer Dürre oder Überschwemmung im Schnitt um rund drei Prozentpunkte gedrückt bleibt. Klimaschäden treffen damit unmittelbar Preisstabilität und Wachstum, also den Kern dessen, wofür eine Zentralbank zuständig ist.

Seit Oktober 2022 richtet die EZB ihre Bestände an Unternehmensanleihen an Klimakriterien aus und bevorzugt Emittenten mit besserer Klimabilanz. Mauderer wiederum steht seit Januar 2024 dem Network for Greening the Financial System vor, einem Zusammenschluss, der von acht Gründungsmitgliedern im Jahr 2017 auf 166 Zentralbanken und Aufsichtsbehörden Ende 2024 gewachsen ist. Das Finanzsystem preist das Klimarisiko längst ein, weltweit und über die einzelne Wortmeldung hinaus.

Was Investoren wirklich verlangen

Es geht also insbesondere um Planbarkeit. Bei Energieinfrastruktur, so Mauderer, rede man über Investitionshorizonte von zehn bis dreißig Jahren. In diesem Zeitraum wechseln Regierungen mehrfach. Für Investoren sei deshalb entscheidend, dass ein Grundnarrativ über Jahrzehnte hält, unabhängig davon, wer gerade regiert: der Aufbau eigener Energieproduktion und der zugehörigen Infrastruktur als dauerhafte Priorität.

Aus dieser Perspektive ist das Tempo der Energiewende vor allem eine Bedingung für Verlässlichkeit. Eine Transformationsrate von 2,7 Prozent pro Jahr lässt die Abhängigkeit so langsam sinken, dass sie auf absehbare Zeit ein Risikofaktor bleibt. Wer Investoren Sicherheit geben will, muss den Umbau beschleunigen.

Dabei argumentieren die Beteiligten betont marktwirtschaftlich. Die Marktkräfte wirken zu lassen, bleibe die erste Priorität, betont Mauderer. In einem Umfeld jedoch, in dem die Geopolitik eine immer größere Rolle spielt, müssten Staat und Europäische Union klären, welche Voraussetzungen nötig sind, um international zu bestehen. Es ist die Sprache von Ökonominnen, die den Markt schätzen und gerade deshalb auf verlässliche Rahmenbedingungen pochen.

Den Notenbanken ist dabei ihre Rolle bewusst. Die Rahmenbedingungen für die Energiemärkte festzulegen, betont Mauderer, sei klar Aufgabe der Politik; Notenbanken sollten sich auf die Rolle des unabhängigen Ratgebers beschränken. Doch als Ratgeberinnen senden sie ein unmissverständliches Signal: Was es brauche, sei ein starker Dialog zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand, um Planungssicherheit zu schaffen.

Die Linie der Nüchternen

Bundesbank, EZB und Münchener Rück haben unterschiedliche Mandate und sprechen aus unterschiedlichen Interessen heraus. Eine Zentralbank sichert die Preisstabilität, ein Rückversicherer schützt seine Bilanz. Umso bemerkenswerter ist, dass sie beim Energiethema zum selben Urteil kommen: Die fossile Abhängigkeit ist ein Standort- und Stabilitätsrisiko, der schnellere Umbau die rationale Antwort, Planbarkeit die wichtigste Währung.

Das verschiebt die Debatte. Wer die Energiewende als grünes Wunschprojekt abtut, müsste erklären, warum ausgerechnet die kühlsten Rechner des Finanzsystems das genaue Gegenteil bilanzieren und vor dem Festhalten am fossilen Status quo warnen. Es sind dieselben Institutionen, die sonst für Vorsicht und Zurückhaltung stehen, die hier zur Eile mahnen.

Für Deutschland ist die Botschaft unbequem schlicht. Das größte Risiko ist inzwischen das Zögern selbst. Und die Stimmen, die das gerade am deutlichsten aussprechen, kommen nicht von der Klimabewegung, sondern aus dem Maschinenraum des Geldes.

QUELLEN

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  1. Handelsblatt Sabine Mauderer: „Deutlich mehr Tempo bei der Energiewende nötig"
  2. wirtschaftsticker EZB-Präsidentin plädiert für mehr erneuerbare Energien
  3. Munich Re, Naturkatastrophen-Bilanz 2025 (Pressemitteilung, 13. Januar 2026)
  4. NGFS Network for Greening the Financial System, Annual Report 2024
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