ENERGIEWENDE · 08. AUGUST 2026
KI-generiertMaisdeckel: Warum Mais dreifach verplant ist
Der Maisdeckel begrenzt, wie viel Mais Biogasanlagen verstromen dürfen. Die Lobby will ihn kippen, ausgerechnet in einem Jahr, in dem die Dürre zeigt, wie knapp die Fläche ist, die diesen Mais trägt. Strom, Heizung und Tierfutter wollen alle vom selben Acker leben.
Georg Neufang, Landwirt aus Ottweiler im Saarland, rechnet in diesem Sommer mit einer Noternte bei seinem Mais. Die Pflanzen stehen vertrocknet auf dem Feld, der Boden ist seit Wochen zu trocken für nennenswertes Wachstum. Neufang ist mit dieser Sorge nicht allein.
Eine Umfrage unter Landwirten zeigt: 76 Prozent der Betriebe im Süden Deutschlands, 65 Prozent im Westen und 48 Prozent im Osten erwarten in diesem Jahr spürbare Ertragseinbußen beim Mais. Der Dürremonitor weist für die Südhälfte und den Osten des Landes eine „50-jährliche Trockenheit" aus, ein Trockenheitsgrad, der statistisch nur alle 50 Jahre erreicht wird. Am 6. August 2026 stellte Bayern offiziell den Katastrophenfall Dürre fest.
Die Lage ist kein deutsches Sonderphänomen. In China bedroht eine Hitzewelle die laufende Ernte. In Niederösterreich wissen Tierhalter nach eigenen Angaben nicht, wie sie ihre Tiere über den kommenden Winter bringen sollen, weil Futter fehlt und Mais als Reserve ausfällt.
Eine Noternte, während die Lobby mehr Mais fordert
Mitten in diese Lage fällt ein Positionspapier, das die Dürre mit keinem Wort erwähnt. Am 6. August stellten das Deutsche Maiskomitee (DMK) und der Fachverband Biogas ihr Papier „Mais im Faktencheck" vor. Die Forderung: den sogenannten Maisdeckel abschaffen.
Der Wirtschaftsredakteur Daniel Wetzel übernahm die Kernargumentation der Verbände am selben Tag in der WELT, inklusive der Behauptung, Mais halte Dürreperioden „erstaunlich gut" durch. Diese Einschätzung fällt in eine Woche, in der ein ganzes Bundesland den Katastrophenfall ausruft.
Was der Maisdeckel überhaupt regelt
Der Maisdeckel wurde 2012 eingeführt, als Reaktion auf die „Vermaisung der Landschaft" durch den Biogas-Boom der Nullerjahre. Er begrenzt den Anteil von Mais und anderen Ackerkulturen am Substrat, das Biogasanlagen verstromen dürfen. Im Referentenentwurf zum EEG 2027, den das Kabinett am 29. Juli 2026 beschlossen hat und der ab September das parlamentarische Verfahren durchläuft, liegt die Grenze bei 30 Masseprozent.
Das ist eine Rücknahme: Das Biomassepaket von 2024 hatte für 2027 eine weitere Absenkung auf 25 Prozent beschlossen. Das Positionspapier von DMK und Fachverband Biogas verlangt mehr: die vollständige Abschaffung der Grenze. Im Gebäudeenergiegesetz gilt für grünes Heizgas parallel ein eigener Maisdeckel von 50 Prozent.
Wer den EEG-2027-Entwurf verfolgt, kennt das Muster: Vergütungssätze, Ausschreibungsmengen und eben auch der Maisdeckel werden neu verhandelt, während die Fläche, um die es geht, in diesem Sommer real schrumpft.
Der gleiche Mais soll dreimal verkauft werden
Ein Kubikmeter Biogas hat nur eine Verwendung. Er geht entweder ins Blockheizkraftwerk, wo er Strom und lokale Abwärme liefert, oder er wird zu Biomethan aufbereitet und ins Gasnetz eingespeist, wo er im Heizungskeller landet. Beides gleichzeitig funktioniert nicht.
Wer mit demselben Mais zusätzlich den Heizmarkt bedienen will, braucht zusätzliche Menge. Bei Anbaubiomasse heißt das: zusätzliche Fläche. Genau die stellt die Lobby selbst nicht in Aussicht: Maiskomitee-Geschäftsführer Burkard Kautz glaubt laut WELT nicht, dass sich die Anbaufläche „explosionsartig vergrößern" würde, fiele der Deckel weg. Die Rechnung geht damit nicht auf: mehr Verwendungszwecke bei gleichbleibender Fläche.
Die Menge, um die gestritten wird, ist obendrein selbst nicht sicher. Stefan Rauh, Geschäftsführer des Fachverbands Biogas, warnte schon in früheren Dürrejahren, dass die Substratversorgung von Biogasanlagen bei anhaltender Trockenheit in massive Probleme gerät. Der Verband, der den Maisdeckel kippen will, bestätigt damit selbst, dass die Grundannahme brüchig ist: Mais ist nicht zuverlässig verfügbar.
Im Dürrejahr wird der Zielkonflikt konkret. Biogasanlagen und Tierhalter konkurrieren um dasselbe knappe Substrat, die sogenannte Tank-oder-Trog-Debatte war bereits 2018 und 2022 akut und flammt 2026 erneut auf. Kein Markt löst das automatisch auf, wenn die Gesamtmenge schrumpft und drei Abnehmer gleichzeitig zugreifen wollen: das Stromsystem als Dunkelflauten-Backup, der Heizungskeller über das Gasnetz, der Stall als Futterreserve.
Die richtige Rolle für Biogas
Die Kritik am Maisdeckel trifft nicht die Existenzberechtigung von Biogas. Rund 9.300 Biogasanlagen in Deutschland halten zusammen etwa 3.500 Megawatt flexibel zuschaltbare Leistung vor, eine Reserve, die einspringt, wenn Wind und Sonne ausfallen. Das ist ein echter Systembeitrag.
Dieser Beitrag hängt aber nicht an mehr Jahresmenge, sondern an mehr Flexibilität: größere Gasspeicher, mehr installierte BHKW-Leistung pro Anlage, Betrieb in den teuren Stunden statt im Dauerlauf. Eine flexibilisierte Anlage braucht tendenziell weniger Substrat übers Jahr, nicht mehr. Wer stattdessen eine höhere Jahresmenge fordert, denkt nicht in der Flexibilität von morgen, sondern in der Grundlast-Logik von gestern.
Der berechtigte Teil der Verbandsagenda, ein höherer Flexibilitätszuschlag und eine längere Vergütungsdauer für den Umbau bestehender Anlagen, ist von der Forderung nach mehr Anbaumais klar zu trennen. Das eine stärkt das System, das andere verschärft die Flächenkonkurrenz.
Was ein Hektar wirklich liefert
Eine Studie des Thünen-Instituts hat durchgerechnet, wie viel Strom unterschiedliche Flächennutzungen pro Hektar und Jahr liefern. Der Unterschied ist eine Größenordnung, keine Nuance.
| Flächennutzung | Ertrag pro Hektar und Jahr | Haushalte pro Hektar | Speichercharakter |
|---|---|---|---|
| Energiemais (Biogas) | ca. 20.000 bis 23.000 kWh | 7 | saisonal, ein Zyklus pro Jahr, Sommer auf Winter |
| PV-Freifläche | ca. 700.000 bis 800.000 kWh | 230 | täglich, braucht Zusatzspeicher für Nacht und Dunkelflaute |
| PV-Freifläche mit Batteriespeicher | wie PV, abzüglich 10 bis 15 Prozent Speicherverlust | über 150 | täglich neu ladbar, kein Missernte-Risiko |
Ein Hektar Biogasmais versorgt rechnerisch 7 Haushalte, ein Hektar Photovoltaik-Freifläche 230, so die Thünen-Zahlen. Rechnet man den Nachteil der PV-Anlage ehrlich mit ein, sie liefert nicht steuerbar und braucht deshalb einen Speicher, bleibt der Faktor selbst nach Abzug der Speicherverluste über 20.
Der einzige echte Vorteil, den das Maissilo gegenüber der Batterie noch hat, ist die saisonale Speicherung: Energie vom Sommer in den Winter zu bringen. Genau dieser Vorteil ist 2026 unzuverlässig geworden. Fällt die Ernte aus, ist der Speicher für ein ganzes Jahr leer. Ein Langzeitspeicher wie die Eisen-Luft-Batterie kennt dieses Risiko nicht und lädt täglich neu, unabhängig davon, wie viel Regen im Juli gefallen ist.
Wer den Maisdeckel verteidigt
Das Bundesumweltministerium begründet den Maisdeckel mit ökologischen Folgeschäden des großflächigen Anbaus. „Der regional großflächige Maisanbau kann aufgrund der Düngung die Grundwasserqualität beeinträchtigen, zu Bodenerosion führen und die Biodiversität vor allem durch das Verdrängen wertvoller Lebensräume (Grünland) schädigen", heißt es aus dem Ministerium.
Auch der Naturschutz stellt sich hinter die Grenze. „Bioenergie ist eine wichtige Säule der Energiewende. Gleichzeitig darf die Produktion von Pflanzenbiomasse nicht den Verlust der Artenvielfalt in den landwirtschaftlichen Lebensräumen beschleunigen", sagt Dr. Andreas Kinser, Leiter Natur- und Artenschutz bei der Deutschen Wildtier Stiftung.
Beide Positionen widersprechen dem Bild, das die Lobby zeichnet. Der Streit um den Maisdeckel ist eine Abwägung zwischen zwei Naturschutzzielen: weniger fossiler Strom gegen weniger Grundwasserbelastung und mehr Grünland.
Anpassung statt Deckel-Streit
Die eigentliche Antwort auf die Dürre liegt in der Pflanzenwahl. Sorghumhirse gilt als trockenheitstolerantere Alternative zu Silomais, sie kommt mit 400 bis 600 Millimetern Niederschlag im Jahr aus. Die Anbaufläche wächst in Deutschland bereits, wenn auch langsam, ihr Futterwert liegt unter dem von Mais.
Neue genomische Züchtungstechniken könnten mittelfristig helfen. Die EU hat im Juni 2026 neue Regeln für solche Verfahren beschlossen, sie gelten nach einer Übergangsfrist ab Mitte 2028. Außerhalb der EU existiert trockenheitstoleranter Mais aus diesen Verfahren bereits.
Für Biogas selbst zeigt das Biomassepaket von 2024 die eigentlich sinnvolle Richtung: weg von Anbaumais, hin zu Gülle und landwirtschaftlichen Reststoffen als Substrat. Das entschärft sowohl die Flächenkonkurrenz als auch die Dürreabhängigkeit, weil Gülle anfällt, unabhängig davon, wie viel Regen fällt.
Die eigentliche Frage ist längst eine andere: Wem gehört der Acker, wenn Dürrejahre wie 2026 zur Regel werden?
QUELLEN
- Deutsches Maiskomitee und Fachverband Biogas: Positionspapier „Mais im Faktencheck", vorgestellt am 6. August 2026, liegt der Redaktion vor.
- WELT: „Maisdeckel: Der nächste Energiewende-Widerspruch", 6. August 2026.
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „EEG-Novelle, Gesetzesvorhaben".
- topagrar: „Thünen-Studie: Photovoltaik und Wind deutlich flächeneffizienter als Biogas".
- Deutscher Jagdverband: „Maisdeckel für Biogas muss bleiben".