Jera Nex BP verhandelt über Rückgabe der Oceanbeat-Flächen

ENERGIEWENDE · 22. SEPTEMBER 2026

BP-Tochter will ihre Offshore-Windparks in der Nordsee offenbar loswerden

Jera Nex BP hat die Arbeiten an zwei Offshore-Windparks in der Nordsee mit zusammen vier Gigawatt offenbar schon vor Monaten gestoppt. Das zeigen Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Das Unternehmen erklärt, eine Entscheidung gegen den Bau sei nicht gefallen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN


Im Hamburger Büro des Gemeinschaftsunternehmens treibt offenbar niemand mehr die Projekte voran. Mehrere ehemalige Mitarbeitende berichten, das operative Personal sei Ende Juli 2026 entlassen oder über Aufhebungsverträge freigestellt worden. Weder Fundamente noch Turbinen oder Errichterschiffe seien bestellt oder per Vorvertrag gesichert, Abnehmer für den Strom gebe es ebenfalls keine. Nach Einschätzung von Branchenexperten müssten all diese Verträge bereits laufen, wenn die Parks wie geplant 2032 ans Netz gehen sollen.

BP hatte die beiden Flächen N-11.1 und N-12.2 im Sommer 2023 für fast 6,8 Milliarden Euro ersteigert. Mit dem Zuschlag erwarb der Konzern das Recht und die Pflicht, dort Windparks zu errichten. Die Projekte tragen die Namen Oceanbeat East und Oceanbeat West. Im Sommer 2025 übertrug BP sein Offshore-Geschäft an Jera Nex BP, ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem japanischen Energiekonzern Jera.

Vor den deutschen Küsten drehen sich derzeit Windräder mit etwas mehr als zehn Gigawatt Leistung. Die beiden Oceanbeat-Parks würden diese Kapazität um rund 40 Prozent erhöhen. Das Windenergie-auf-See-Gesetz sieht bis 2045 insgesamt 70 Gigawatt vor.

Abgeordnete berichten von Gesprächen über eine Rückgabe

Nach außen hatte Jera Nex BP bis zuletzt erklärt, an den Projekten festzuhalten. Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, spricht dagegen von Störsignalen, die es schon eine ganze Weile gebe. Neu sei, dass er aus dem Unternehmen gehört habe, „sie wollen die Projekte nicht mehr umsetzen“. Kellner hatte die Offshore-Auktionen 2023 als Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium begleitet.

Andere Abgeordnete schildern ähnliche Gespräche. Der Grünen-Abgeordnete Alaa Alhamwi berichtet der SZ, das Unternehmen habe kein Interesse mehr an der Errichtung. Mit der Bundesregierung habe es bislang vergeblich über eine Rückgabe der Flächen verhandelt. Als Gründe habe Jera Nex BP die Verzögerungen beim Netzausbau und die seit 2023 gestiegenen Kosten genannt. Kellner fordert, in der laufenden Novelle des Wind-See-Gesetzes einen Mechanismus für solche Rückgaben zu schaffen.

Die Gespräche mit Abgeordneten dementiert Jera Nex BP nicht. Man prüfe weiter verschiedene Optionen für die Projekte, teilte das Unternehmen mit. Zu den Entlassungen äußerte es sich nur indirekt: Das derzeitige Personal reiche aus, um die erforderlichen Prozesse durchzuführen. Die Zeitpläne habe man an die Verzögerungen beim Netzausbau angepasst.

Tennet baut die Anschlüsse für die Offshore-Windparks in der Nordsee weiter

Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet errichtet derzeit die Netzanschlüsse für Oceanbeat, die Kosten liegen nach Schätzungen bei 20 bis 30 Milliarden Euro. Stoppen lasse sich der Bau in diesem Stadium nicht mehr, teilte Tennet mit. Gerade würden tonnenschwere Bauteile für die Umspannplattformen auf See zusammengeschweißt. Intern plant Tennet seit Längerem mit einem Scheitern der Projekte, das zeigen Szenarioberechnungen des Netzbetreibers, die NDR, WDR und SZ vorliegen. Eine Absage von Jera Nex BP liege bislang nicht vor.

„Entscheidend ist jetzt, Spekulation nicht zu belohnen, sondern Realisierung zu ermöglichen“, sagt Tim Meyerjürgens, Vorstandschef von Tennet Deutschland. Tennet fordert für die Novelle eine zusätzliche Frist: Projektierer sollen deutlich früher nachweisen, dass sie ihre Windparks tatsächlich bauen. Wer das nicht kann, soll die Projektrechte früher verlieren.

Scheitern die Parks, trifft das auch die Stromkunden. Brancheninsider rechnen nach Informationen von NDR, WDR und SZ damit, dass jedes fehlende Gigawatt über einen höheren Großhandelspreis Mehrkosten von 500 bis 600 Millionen Euro im Jahr verursachen könnte. Für die vier Gigawatt von Oceanbeat wären das rund 2,2 Milliarden Euro jährlich. Dahinter steht die Merit Order, die Reihenfolge, in der Kraftwerke am Strommarkt zum Zug kommen, vom billigsten zum teuersten.

Auch bei den Netzkosten entstünde eine Lücke. Ein Großteil der Auktionserlöse von 2023 sollte in den Ausbau der Stromnetze fließen. Verzichtet Jera Nex BP auf die Flächen, dürfte dieser Zuschuss an die Netzbetreiber wegfallen. Das fehlende Geld müssten die Netzbetreiber dann über die Netzentgelte von den Stromkunden holen (mehr dazu: Offshore-Windkraft als Geisel der Ölmultis).

Wirtschaftsministerium lehnt eine Rückgabe bisher ab

Das Bundeswirtschaftsministerium wollte sich zu einzelnen Unternehmen nicht äußern. Ein Sprecher verwies darauf, man sei den Bietern der Auktionen 2023 und 2024 bereits auf verschiedene Weise entgegengekommen. Eine Rückgabe sei gesetzlich nicht vorgesehen. Auch der Regierungsentwurf für die Novelle von Anfang September enthält keine solche Regel, der Bundestag könnte sie nur noch in den parlamentarischen Beratungen einfügen.

Der Bundesverband Windenergie Offshore hatte bereits im Sommer Regeln für die Rückgabe von Projekten gefordert. Im Verband wisse man schon länger, dass diese Projekte ohne grundlegend andere Rahmenbedingungen scheitern würden, sagt Geschäftsführer Stefan Thimm. TotalEnergies steckt in einer ähnlichen Lage. Der Konzern hatte 2023 ebenfalls zwei Flächen ersteigert, im Mai berichtete der NDR über dessen Rückzugspläne.

Nach geltendem Recht könnte die Bundesregierung Jera Nex BP die Projektrechte frühestens im Herbst 2027 entziehen. Erst danach ließen sich die Flächen neu ausschreiben. Bis ein neuer Projektierer die Arbeit aufnimmt, könnten weitere Jahre vergehen. Jera Nex BP erklärt, man suche mit allen Beteiligten nach einer vernünftigen Lösung für die Projekte.

QUELLEN

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  1. tagesschau.de (NDR/WDR): Milliardenpoker um Offshore-Parks, 22.09.2026.
  2. Süddeutsche Zeitung: Wie der Rückzug eines Unternehmens die Energiewende verzögern könnte, 22.09.2026.
  3. reNEWS: JERA Nex bp in talks over future of 4GW Oceanbeat, 04.06.2026.
  4. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Entwurf eines Gesetzes zur Optimierung und Absicherung des Ausbaus der Windenergie auf See, 02.09.2026.
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