Deutschland braucht weniger Speicher als gedacht, aber schneller

GASKRAFTWERKE GEWINNEN DIE DUNKELFLAUTE · 3. NOVEMBER 2026

Wie Deutschland den Batteriespeicher-Ausbau beschleunigen kann

Die Reserve für die Dunkelflaute ging an Gaskraftwerke. Am Abend verdrängt Speicherstrom das Gas schon, und dafür braucht es weniger Batterien als gedacht. Ob der Batteriespeicher-Ausbau schneller wird, entscheiden Netzbetreiber, Bundesnetzagentur und Bundestag.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. LESEN


In der ersten Ausschreibung nach dem StromVKG hat die Bundesnetzagentur am Dienstag elf Zuschläge über rund 5.160 Megawatt vergeben, alle an Gaskraftwerke. Zehn davon gehen an zwei Konzerne: sieben an die LEAG, drei an RWE. Sie verpflichten sich für 15 Jahre ab 2031, im Schnitt für rund 155.300 Euro je Megawatt und Jahr. Batterien hielt vor allem die Pflicht draußen, zehn Stunden am Stück zu liefern.

Damit liegt die Reserve für die Dunkelflaute bis weit in die 2040er-Jahre beim Gas. Betreiber von Batterien und Gaskraftwerken konkurrieren aber noch auf einem zweiten Feld: beim täglichen Ausgleich zwischen sonnigem Mittag und dunklem Abend. Dort gibt es keine Ausschreibung, beim Batteriespeicher-Ausbau zählt das Tempo.

Mit 20 Gigawatt mehr Speicher fallen fast neun von zehn Preisspitzen weg

Was Batterien am Strommarkt verändern, spielt das Fraunhofer ISE mit einem Strompreissimulator auf seiner Plattform Energy-Charts durch. Die Forscher*innen nehmen die echten Börsendaten und fügen Gebote zusätzlicher Speicher ein, sonst ändern sie nichts. Mit 20 zusätzlichen Gigawatt und zwei Stunden Speicherdauer sinkt für 2025 die Zahl der Stunden über 200 Euro je Megawattstunde von 169 auf 20. Negative Preise gibt es laut Auswertung des Instituts nur noch in 271 statt 575 Stunden.

Der Mittagspreis steigt im Schnitt von 48 auf 70 Euro je Megawattstunde, der Abendpreis fällt von 130 auf 108 Euro. Solarstrom ist am Markt 35 Prozent mehr wert, das senkt die EEG-Kosten. Den Jahresmittelpreis drücken die Speicher dagegen nicht, er steigt minimal von 89,32 auf 89,44 Euro, weil Speicher Strom nur verschieben und dabei Energie verlieren.

Den größten Effekt sieht Leonhard Gandhi, Projektleiter Energy-Charts am Fraunhofer ISE, bei den Gaskraftwerken. Batterien senkten zwar auch den Bedarf an Reserve, sagt er im Podcast „Geladen“ des KIT. Vor allem aber würden Gaskraftwerke immer seltener gebraucht, „das ist der ökonomisch größere Effekt“. Von Frühjahr bis Frühherbst sei so „quasi eine komplette Entkoppelung vom Gaspreis“ erreichbar.

Mittags sei das in diesem Frühjahr und Sommer schon zu sehen gewesen, für Abend und Nacht fehlen noch Batterien. Wie weit sie reichen, hängt an der Speicherdauer: Der Bestand hält im Mittel 1,6 Stunden durch, für eine ganze Nacht braucht es längere Batterien.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Dass es 2026 seltener negative Preise gab, führt Gandhi vor allem auf Dürre und Hitze zurück. Sie bremsten in Europa Laufwasser- und konventionelle Kraftwerke aus, Abregelung und Speicher wirkten erst danach. Und den Simulator haben Speicherunternehmen und Verbände mitfinanziert, darunter Eco Stor, Kyon, bne und Fenecon.

Für den Abendmarkt fehlen rund 40 Gigawattstunden

20 Gigawatt mit zwei Stunden ergeben rund 40 Gigawattstunden. Mehr braucht der Simulator nicht, um Preisspitzen und Minuspreise so deutlich zu dämpfen. Ende September standen in Deutschland laut Fraunhofer ISE Batteriespeicher mit 33,7 Gigawattstunden, drei Viertel davon Heimspeicher, die nicht am Strommarkt handeln.

Deutschland braucht für den Abend also rund 40 zusätzliche Gigawattstunden am Markt, deutlich weniger, als die Debatte über Hunderte Gigawatt nahelegt. Wer von 500 oder 800 Gigawatt Anschlussanfragen liest, erfährt nur die Leistung. Für die Energiewende zähle aber vor allem die Kapazität, sagt Gandhi, und vergleicht die Leistung mit der Höchstgeschwindigkeit eines Autos, die im Alltag kaum zählt.

Für 2030 kommt das Fraunhofer ISE in seinen Szenarien auf 66 bis 169 Gigawattstunden Bedarf, Akkus von Elektroautos eingerechnet. Mit ihnen sei die Kapazität heute quasi schon da, sagt Gandhi: „Wir können sie nur nicht einsetzen.“ Es fehlt am bidirektionalen Laden. Der BSW-Solar fordert mindestens 200 Gigawattstunden, mehr als die gesamte ISE-Spanne. Für den Abendmarkt reicht deutlich weniger, für die Dunkelflaute braucht es länger laufende Speicher.

Netzbetreiber entscheiden, wie schnell Speicher ans Netz kommen

Am Geld scheitert der Batteriespeicher-Ausbau nicht. „Aktuell sehen wir aber, dass die Markterlöse deutlich höher sind als die Kosten für die Speicher“, sagt Gandhi. Den Engpass sieht er bei Netzanschlüssen, Baugenehmigungen, Netzentgelten und Marktzugang. Dass so viel privates Kapital in Speicher drängt, ist eine große Chance, wenn die Betreiber netzdienlich fahren. Der BSW-Solar hat dazu 15 Maßnahmen vorgelegt, sechs davon zielen direkt auf Anschluss, Betrieb und Fristen.

Der erste Hebel liegt an den Umspannwerken. Nach § 11a EnWG dürfen Netzbetreiber dort Speicher ausschreiben, tun es laut BSW-Solar aber kaum, weil eigene Netzinvestitionen regulatorisch besser vergütet werden. Der Verband will sie dazu verpflichten, bevor sie ein Gebiet als kapazitätslimitiert ausweisen. Hinter rund 1.300 Umspannwerken hätten nach Berechnung des Fraunhofer IEE mindestens 150 Gigawatt zusätzliche Photovoltaik Platz, ohne das Verteilnetz auszubauen. Dazu kämen rund 60 Gigawatt Batterien, die sich am Markt refinanzieren.

Auch Gandhi sieht an Netzknoten mit viel Photovoltaik freie Kapazität für weitere Erneuerbare und Verbraucher. In vielen Verteilnetzen fehlt dafür noch Intelligenz, Netzbetreiber kennen die Lage an ihren Umspannwerken oft kaum. Netzdienliche Speicher könnten Milliarden beim Verteilnetzausbau sparen, doch die Netzbetreiber haben wenig Grund zur Eile.

Der zweite Hebel betrifft Speicher direkt am Solar- oder Windpark. Sie entlasten das Netz besonders, wenn sie auch aus dem Netz laden dürfen. Der geplante § 17 Abs. 2a EnWG sieht dafür aber keine Bezugsleistung vor, solche Speicher könnten dann nur den Parkstrom verschieben.

Drittens fordert der Verband einen Rechtsanspruch auf flexible Netzanschlussverträge, die einen Anschluss mit begrenzter Leistung bei Engpässen erlauben. Heute dürfen Netzbetreiber sie anbieten, müssen aber nicht. Auch Gandhi sieht hier die Politik in der Pflicht.

Der vierte Hebel greift beim Redispatch. Heute regelt der Netzbetreiber bei Engpässen die einzelne Anlage ab, der BSW-Solar will am Netzverknüpfungspunkt steuern und das Laden des Speichers erlauben. Abregeln vermeidet nur negative Preise, erklärt Gandhi, Batterien nehmen den Strom mittags auf und senken abends zusätzlich den Preis.

Bundesnetzagentur und Bundestag entscheiden noch vor Jahresende

Den fünften Hebel hält die Bundesnetzagentur in der Hand. Bei ihrer Netzentgeltreform AgNes sollen Speicher 20 Jahre von Netzentgelten befreit bleiben. Das gilt aber nur, wenn die Investitionsentscheidung vor der Festlegung zum Jahreswechsel fällt und die Anlage bis August 2029 läuft. Der BSW-Solar hält diesen zweiten Stichtag für zu früh. Er will die Befreiung allein an die Inbetriebnahme knüpfen, hilfsweise den Stichtag auf Ende Juni 2027 schieben.

Der sechste Hebel führt zurück zur Kraftwerksausschreibung. Die zweite Runde läuft Ende Dezember, wieder mit der Zehn-Stunden-Regel. Der BSW-Solar will Gebote über einen Teil der Leistung zulassen, damit Batterien länger liefern können. „Speicher können Versorgungssicherheit schnell, flexibel und emissionsfrei bereitstellen“, sagt BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig.

Am Mittwochmorgen hört der Wirtschaftsausschuss des Bundestags Sachverständige zum Flexibilitätsbeschleunigungsgesetz an. Der Entwurf verkürzt Verfahren für Kraftwerke und Speicher mit StromVKG-Zuschlag, und den hat in Runde eins kein Speicher bekommen. Batteriespeicher würden „nicht ausreichend berücksichtigt“, kritisiert Christine Falken-Großer, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Erneuerbare Energie.

In der Dunkelflaute setzt Gas weiter den Preis. Gandhi sieht dort nur „eine Art Entkoppelung“, weil die Reserve über das StromVKG finanziert wird und nicht allein über den Markt. In fünf bis zehn Jahren erwartet er Batterien, die Windstrom über drei bis fünf Tage zwischenspeichern, und Langzeitspeicher, die Reserve günstiger liefern als Gaskraftwerke. Sich heute auf eine Technologie festzulegen, hält er für voreilig.

Die Bundesnetzagentur hat am Dienstag Verträge bis in die 2040er-Jahre vergeben. Für den Abend gibt es keine Verträge, dort zählt jede Gigawattstunde, die ans Netz geht. Investor*innen stehen bereit. Wie schnell ihre Speicher laden und liefern dürfen, entscheiden Netzbetreiber, Bundesnetzagentur und Bundestag in den nächsten Wochen.

QUELLEN

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  1. BSW-Solar: Pressemitteilung „StromVKG-Ausschreibung: Batteriespeicher werden strukturell benachteiligt“, 3. November 2026.
  2. Bundesverband Erneuerbare Energie: Pressemitteilung „FlexBG: Echte Technologieoffenheit statt Privilegierung von fossiler Infrastruktur“, 3. November 2026.
  3. Fraunhofer ISE (Leonhard Gandhi): Vortrag „Batteriespeicher in Deutschland: Bestand, Bedarf, Marktwirkung“, Netzwerktreffen Solar Cluster Baden-Württemberg, 20. Oktober 2026.
  4. Geladen - der Batteriepodcast: Batterien halbieren absurde Strompreis-Spitzen - Leonhard Gandhi, Folge 265, 1. November 2026.
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