KRAFTWERKSSTRATEGIE · 3. NOVEMBER 2026
LEAGKraftwerksausschreibung: Reiche verteilt alle Zuschläge an Gaskraftwerke
Elf Zuschläge, elf Gaskraftwerke, null Batteriespeicher: Die erste Kraftwerksausschreibung nach dem StromVKG ist das Gegenteil von Technologieoffenheit. Greenpeace spricht von einer fossilen Kette, die Stromkund*innen 15 Jahre lang bezahlen.
„Mit diesen Zuschlägen kettet die Bundesregierung unser Land weiter an fossiles Gas“, sagt Noemi Mundhaas, Energieexpertin von Greenpeace. Über 15 Jahre fließen jedes Jahr rund 800 Millionen Euro in Kraftwerke, „die sich ohne diese Garantien nicht rechnen würden“. Bezahlen sollen das die Stromkund*innen über eine neue Umlage, während die Regierung gleichzeitig über niedrigere Strompreise redet. Mundhaas nennt das „absurd“.
Der zweite Vorwurf wiegt schwerer: Batteriespeicher, die modernere, sauberere und immer günstigere Alternative, seien in der ersten Ausschreibung „faktisch ausgeschlossen“ worden. Wer heute Milliarden in fossile Kraftwerke stecke, mache Deutschland auch in der nächsten Gaspreiskrise abhängig von fossilen Preisschocks, so Greenpeace. Das ist keine Außenseitermeinung. Es ist die nüchterne Lesart dessen, was die Bundesnetzagentur heute veröffentlicht hat.
Was die Bundesnetzagentur vergeben hat
Zum Gebotstermin am 8. September gingen 41 Gebote über knapp 12.000 Megawatt gesicherte Leistung ein, ausgeschrieben waren 4.500 Megawatt. Sieben Gebote flogen wegen fehlender Angaben raus. Den Zuschlag erhielten elf Gebote mit zusammen rund 5.160 Megawatt, unter anderem von RWE, der LEAG, der Gaskraftwerk Leipheim und den Stadtwerken Karlsruhe. Die meiste Leistung entsteht in Nordrhein-Westfalen (rund 2.120 Megawatt), Brandenburg (rund 1.820 Megawatt) und Sachsen (rund 910 Megawatt), dazu kommen je ein Standort in Bayern und Baden-Württemberg.
Im Schnitt erhalten die Betreiber rund 155.300 Euro je Megawatt und Jahr, der Höchstwert lag bei 244.000 Euro. Hochgerechnet sind das gut 800 Millionen Euro im Jahr und rund zwölf Milliarden Euro über die Laufzeit von 15 Jahren ab 2031. Laut Bundeswirtschaftsministerium entfallen rund zwei Gigawatt auf Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerke, rund drei Gigawatt auf Gasturbinen und Gasmotoren, darunter Projekte, die alte Braunkohleblöcke durch Gas ersetzen. Batteriespeicher hatten mitgeboten. Einen Zuschlag bekam keiner.
Katherina Reiche nennt das Ergebnis einen „großen Erfolg“. „Damit sichern wir den weiteren Ausbau der Erneuerbaren und den Kohleausstieg ab“, erklärte die Ministerin. Speicher hätten sich im Wettbewerb nicht durchsetzen können.
Ein Wettbewerb, den Speicher nicht gewinnen durften
Genau dieser Satz ist der Verfahrenstrick. Speicher haben den Wettbewerb nicht verloren, sie konnten ihn gar nicht gewinnen. Das Gesetz verlangt für die sogenannten Langzeitkapazitäten, dass eine Anlage zehn Stunden am Stück liefert. Ein Gaskraftwerk schafft das nebenbei, ein Batteriespeicher müsste dafür ein Vielfaches an Kapazität bauen und wäre damit chancenlos teuer. Die Regel ist so geschnitten, dass am Ende nur Gas übrig bleibt. Wie diese Zehn-Stunden-Regel aus der Schublade der Konzerne kam, die jetzt bauen, hat Cleanthinking dokumentiert. Schon im Entwurf des StromVKG war absehbar, dass Speicher bei den ersten neun Gigawatt faktisch draußen sind.
Dabei zeigt der Markt längst in die andere Richtung. Laut Wood Mackenzie schlägt der Vier-Stunden-Speicher das Gaskraftwerk bei der Abdeckung von Spitzenlast inzwischen in allen 43 untersuchten Märkten (mehr dazu hier). Kalifornien, Spanien und Australien decken ihre Abendspitzen in großem Stil mit Batterien. Und Speicher, die ohnehin für Morgen- und Abendspitze gebaut werden, sind auch in der Dunkelflaute da: Sie verkürzen sie und drücken die Stunden, in denen Gaskraftwerke laufen müssen. Langzeit-Batteriespeicher rücken zudem in Bereiche vor, die vor Kurzem noch als reines Gasterrain galten.
Technologieoffenheit war versprochen, geliefert hat Reiche Gas
Niemand bestreitet, dass Deutschland gesicherte Leistung für den Kohleausstieg braucht. Gesicherte Leistung ist aber kein Synonym für Gaskraftwerke. Gebraucht hätte es eine echte technologieoffene Ausschreibung, in der Batteriespeicher, Biogasanlagen, flexible Lasten und Gas gegeneinander antreten und die günstigste Kombination gewinnt. Ausgerechnet die Union, die „Technologieoffenheit“ bei jeder Gelegenheit im Mund führt, liefert sie nicht, wenn es um Milliarden geht. Sie schreibt die Regeln so, dass fossile Kapazität begünstigt wird, und verkauft das Ergebnis dann als Wettbewerb.
Der Preis dafür kommt doppelt. Einmal über die Umlage, die 15 Jahre lang auf der Stromrechnung landet. Und einmal über die Abhängigkeit vom Gasmarkt, die mit jedem neuen Gaskraftwerk wächst, mitten in einer Phase, in der der Großhandelspreis für Gas seit Jahresbeginn kräftig gestiegen ist. Ein Elektrostaat, der seine Spitzen mit billigem Sonnen- und Windstrom aus Speichern deckt, sieht anders aus.
Die Bundesnetzagentur will den zweiten Gebotstermin am 10. November bekannt machen, geboten wird Ende Dezember. Auch dort gilt die Zehn-Stunden-Pflicht weiter. Speicher dürfen erst in einer kleineren Runde über zwei Gigawatt im Mai 2027 ernsthaft mitbieten. Bis dahin ist die Weiche für 15 Jahre gestellt.
QUELLEN
- Bundesnetzagentur: StromVKG, Ergebnisse der ersten Ausschreibung für Langzeitkapazitäten, 3. November 2026.
- Greenpeace: Greenpeace zu Ergebnissen der Kraftwerksausschreibung, 3. November 2026.
- Reuters via onvista: Ministerium: Alle Förderzuschläge gingen an Gaskraftwerke, 3. November 2026.