KRAFTWERKE · 1. NOVEMBER 2026
Rainer Weisflog / MIBRAGLEAG und Mibrag: EP-Gruppe will alte Kohlekessel als Gaskraftwerke vergolden
Die EP-Gruppe des Milliardärs Daniel Křetínský will alte Braunkohleblöcke ihrer Unternehmen LEAG und Mibrag als Gaskraftwerke in die erste Ausschreibung nach dem Kraftwerksgesetz StromVKG bringen. Bis Dienstag will die Bundesnetzagentur die Zuschläge bekanntgeben.
Dahinter steht Kalkül. Die geplanten Gaskraftwerke in Jänschwalde und Boxberg sind dieselben Blöcke, für deren Stilllegung die LEAG bereits entschädigt wird. Im November 2025 genehmigte die EU-Kommission bis zu 1,75 Milliarden Euro für den Kohleausstieg der LEAG, gedacht für Rekultivierung, Sozialkosten und entgangene Gewinne. Wer in der neuen Ausschreibung einen Zuschlag erhält, muss seine Leistung 15 Jahre lang bereithalten und bekommt dafür jedes Jahr eine Vergütung. Bezahlen sollen das laut FAZ die Stromkunden über eine neue Umlage. Für die EP-Gruppe ist es die Gelegenheit, ein billig gekauftes Kohle-Erbe zu vergolden.
„Wir hoffen, dass wir diese fünf Gigawatt als Zukunftstechnologie für die Leag umsetzen können”, sagte EPH-Vorstand Leif Timmermann bei einer Präsentation in Berlin. Er sitzt auch im Aufsichtsrat der LEAG. Gemeint sind laut FAZ rund zwei Gigawatt Neubau in Schwarze Pumpe, Lippendorf und im bayerischen Leipheim. Die übrigen rund drei Gigawatt sollen aus Braunkohleblöcken in Boxberg und Jänschwalde kommen, die auf Erdgas umgerüstet werden.
Am 8. September, dem Gebotstermin der ersten Runde, meldeten LEAG und die ebenfalls zur EP-Gruppe gehörende Mibrag acht Kraftwerksblöcke in Jänschwalde, Boxberg und Schkopau als geplante Erdgas-Kraftwerke an. Das berichtet die WirtschaftsWoche. Zusammen kommen die Blöcke auf 4,35 Gigawatt. Ausgeschrieben sind in der ersten Runde 4,5 Gigawatt, geboten haben auch RWE und Uniper.
Im alten Kessel tauscht die LEAG nur den Brenner
Die Blöcke stehen mit ihrer ursprünglichen elektrischen Leistung im Marktstammdatenregister, dem amtlichen Register für Anlagen der Strom- und Gaswirtschaft. Die Anmeldung war Voraussetzung für die Teilnahme an der Ausschreibung. Darauf weist Fabian Huneke von Agora Energiewende auf LinkedIn hin. Es sehe so aus, als würden Kohlekessel gegen Gaskessel getauscht und der Dampfstrang weitergenutzt, ohne Gasturbine. In dieser Runde würden dann womöglich keine neuen Gasturbinen gebaut.
Bei der Umrüstung bekommt der Kessel einen neuen Brenner, Turbine, Generator und Netzanschluss bleiben. Das sei mehr als 30 Prozent günstiger als ein Neubau, sagte Timmermann, entsprechend günstig habe EPH geboten. Moderne Gas-und-Dampf-Kraftwerke, die eine Gasturbine mit einer Dampfturbine koppeln, erreichen laut FAZ einen Wirkungsgrad von rund 60 Prozent. Umgerüstete Kohleblöcke kommen auf 40 bis 45 Prozent und verbrennen für jede Kilowattstunde entsprechend mehr Gas. Zum Hochfahren brauchen sie zwei bis drei Tage Vorlauf.
Huneke stellt dazu eine Überschlagsrechnung an, die er selbst spekulativ nennt: 4.350 Megawatt mal 15 Jahre mal 220.000 Euro je Megawatt und Jahr ergäben rund 14 Milliarden Euro Beihilfen. Den Höchstwert hat die Bundesnetzagentur auf 244.000 Euro je Megawatt und Jahr festgelegt. Der Weiterbetrieb möge marktwirtschaftlich Sinn ergeben, schreibt Huneke. Die Absicht der Beihilfe sei aber offensichtlich gewesen, neue Gaskraftwerke zu bauen.
Reiche wollte neue Kraftwerke und bekommt womöglich alte Kohlekessel
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wollte mit dem StromVKG ausdrücklich neue Kraftwerke auf den Weg bringen. Gewinnen nur umgerüstete Blöcke, wäre das für einen Brancheninsider in der FAZ der größte anzunehmende Unfall. Insider rechnen mit langen juristischen Auseinandersetzungen. Manche in der Branche sehen wegen der Stilllegungsentschädigung eine mögliche Doppelförderung.
Großbatterien scheitern in dieser Runde an der Zehn-Stunden-Pflicht, die das Ministerium von Reiche ins Ausschreibungsdesign geschrieben hat. Ein alter Braunkohle-Dampfkessel mit neuem Gasbrenner erfüllt sie. Die Zehn-Stunden-Regel kam aus der Schublade der Konzerne.
Für die Regeln der Ausschreibung hatte die LEAG schon im Frühsommer gekämpft. Gemeinsam mit der Gewerkschaft IGBCE, den ostdeutschen Ländern und dem Netzbetreiber 50Hertz lief sie gegen den Südbonus Sturm. Der Bonus für Kraftwerke im Süden greift jetzt erst, wenn ein Drittel der Kapazität im netztechnischen Norden liegt.
Die Bundesnetzagentur kommentiert die Gebote nicht und prüft nach eigenen Angaben jeden Einzelfall sorgfältig. Das Wirtschaftsministerium ließ eine Anfrage der FAZ zunächst unbeantwortet. Die LEAG äußere sich während des laufenden Verfahrens nicht zu einzelnen Projekten, sagte ein Sprecher.
Die IGBCE begrüßt die Pläne. Stephanie Albrecht-Suliak leitet den Landesbezirk Nordost der Gewerkschaft und sitzt mit Timmermann im Aufsichtsrat der LEAG-Kraftwerkssparte. Die Umrüstung könne die Antwort für Jänschwalde und Boxberg sein, die man lange fordere, sagte sie der FAZ.
Die EP-Gruppe holt aus der Braunkohle das Maximum heraus
Ihre ostdeutsche Braunkohle hat die Gruppe billig eingekauft. 2013 übernahm EPH die mitteldeutsche Mibrag vollständig, für damals 400 Millionen Euro. 2016 folgte das Lausitzer Revier von Vattenfall, mit allen Anlagen, Verbindlichkeiten und Rückstellungen. In den Aktiva lagen nach Vattenfall-Angaben 1,6 Milliarden Euro Barmittel, der schwedische Konzern rechnete mit einem Verlust von 2,4 bis 2,9 Milliarden Euro.
Die Energiesparte der EP-Gruppe erzeugte 2025 knapp 90 Terawattstunden Strom aus 27 Gigawatt installierter Leistung, zu vier Fünfteln fossil. In Tschechien stellt die Gruppe Kohlekraftwerke in Komořany, Pilsen und Opatovice auf Gas um. Europaweit will sie bis 2029 rund zehn Milliarden Euro in knapp sechs Gigawatt stecken. Für den Energiekonzern Uniper, bewertet mit elf bis 14 Milliarden Euro, hat sie ebenfalls geboten.
Mit der LEAG will EPH bis 2030 mehr als fünf Milliarden Euro investieren: in Gaskraftwerke, ein Gigawatt Wind und Solar sowie Großbatterien mit knapp fünf Gigawatt. Im alten Tagebau Jänschwalde baut die LEAG bereits Windräder und Batteriespeicher.
Die Laufzeiten mit Braunkohle sind gesetzlich begrenzt. Jänschwalde geht Ende 2028 vollständig vom Netz, 2029 folgen zwei der vier Blöcke in Boxberg. Lippendorf schließt bis 2035, Schwarze Pumpe und der Rest von Boxberg Ende 2038. Mit einem Zuschlag stünden die Kessel aus Jänschwalde und Boxberg danach 15 Jahre lang als Gaskraftwerke bereit.
QUELLEN
- Frankfurter Allgemeine Zeitung: Der Milliardentrick im Gaskraftwerkspoker, Hanna Decker und Stefan Paravicini, 31.10.2026, Print S. 28.
- Bundesnetzagentur: Start der Ausschreibungen für Langzeitkapazitäten nach StromVKG - Gebotstermin 8. September 2026, Pressemitteilung, 21.07.2026.
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Europäische Kommission genehmigt Zahlungen für den Kohleausstieg der LEAG, Pressemitteilung, 18.11.2025.
- LTO: Hengeler Mueller / Freshfields: Vattenfall trennt sich von Braunkohlesparte, 19.04.2016.
- energiezukunft: Schweden genehmigt Vattenfalls Braunkohle-Verkauf an EPH, 05.07.2016.