Ein KI-Video zeigte Belém unter Wasser, doch die Stadt darin gab es nie

Deepfakes, Bots und Chatbots im Klimastreit · 1. NOVEMBER 2026

Wie sich KI-Desinformation über das Klima erkennen und bremsen lässt

KI-Desinformation zum Klima reicht vom gefälschten Flutvideo bis zur Chatbot-Antwort, die Klimaleugner als vertrauenswürdig empfiehlt. Seit August 2026 schreibt die EU eine Kennzeichnung vor, Faktenchecker und Forscher kennen weitere Gegenmittel.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. LESEN


Klimamythen sind älter als jeder Chatbot. Hinter der Oregon-Petition von 2007 stehen nach eigener Darstellung mehr als 31.000 US-Wissenschaftler, die keinen Beleg für eine katastrophale Erderhitzung durch CO2 sehen. In einem Experiment von 2017 hielten Befragte das daraus abgeleitete Argument, es gebe keinen Konsens, für das überzeugendste aller getesteten. Dieses und andere Muster, etwa die Sonne als Ursache, sind längst widerlegt (mehr dazu: Klimawandelleugnung im Faktencheck).

Mit generativer KI entstehen solche Mythen schneller und billiger. Mit einem Sprachmodell lässt sich derselbe Mythos in jeder Sprache formulieren und dem Weltbild des Lesers anpassen. Die Koalition Climate Action Against Disinformation warnte im März 2024, Klimaleugner könnten mit KI überzeugende Falschinhalte leichter, billiger und schneller produzieren.

KI-Desinformation lässt sich allerdings bremsen. Seit dem 2. August 2026 müssen Anbieter in der EU künstlich erzeugte Inhalte markieren, für ältere Systeme gilt eine Frist bis Dezember. Faktenchecker haben die bekanntesten Fälschungen entlarvt, und Psychologen haben gezeigt, dass Vorwarnungen Leser gegen Klimamythen wappnen.

Worin unterscheidet sich KI-Desinformation von alten Klimamythen?

Desinformation heißt: Jemand verbreitet bewusst Falsches, um zu täuschen. Wer einen Irrtum gutgläubig teilt, verbreitet Fehlinformation. Von KI-Desinformation sprechen Forscher, wenn Werkzeuge der künstlichen Intelligenz die Täuschung erzeugen, verstärken oder verteilen. Die Inhalte bleiben die alten: Zweifel am Konsens, Angst vor Kosten und Blackouts, Spott über Klimakonferenzen.

Faktenchecker und Forscher beschreiben vier Wege, auf denen KI-Desinformation zum Klima entsteht. Mit Bildgeneratoren entstehen Fotos und Videos von Ereignissen, die nie stattfanden. In Chatbot-Antworten tauchen Mythen auf, wenn die Quellen verunreinigt sind oder das Modell sich dem Nutzer anpasst. Betreiber automatisierter Konten vervielfachen Botschaften, Content-Farmen füllen scheinbare Nachrichtenseiten mit maschinell erzeugten Texten.

MechanismusBelegter FallQuelle, JahrGegenmittel
Generierte Bilder und VideosHollywood-Schriftzug in Flammen, überflutetes „Belém“Full Fact 2025, Oii 2025Wasserzeichen, Faktencheck, Kennzeichnung nach Art. 50
Chatbot-AntwortenFalsche Aussagen zu Nachrichtenthemen in 35 Prozent der AntwortenNewsGuard 2025Quellenprüfung durch Anbieter, Hinweis auf KI-Interaktion
Bot-NetzeRund ein Viertel der Klima-Tweets von mutmaßlichen BotsMarlow u. a., 2021Plattformpflichten nach DSA, Datenzugang für Forscher
Content-Farmen und „Pink Slime“3.749 KI-Content-Farmen in 16 SprachenNewsGuard, Juni 2026Werbegeld entziehen, Bewertung von Quellen

Neu sind Tempo und Zuschnitt der KI-Desinformation. Ein Mythos, den früher ein Blogger aufschrieb, erscheint heute als Video, als Chatbot-Antwort und als Welle von Kommentaren zugleich. Dass KI-Rechenzentren selbst viel Strom brauchen, macht die Technik zusätzlich zum Klimathema (mehr dazu: KI in der Energiewirtschaft).

Wie fälschen Nutzer Fluten, Brände und Windräder mit Bildgeneratoren?

Als im Januar 2025 Meldungen kursierten, die Brände in Los Angeles hätten die Hügel um den Hollywood-Schriftzug erreicht, tauchten Bilder brennender Buchstaben auf. Der Schriftzug stand unversehrt. Die britischen Faktenchecker von Full Fact fanden auf ungeschnittenen Versionen das Wasserzeichen von Grok, dem Chatbot von xAI. Bei einem angeblich verschonten „Wunderhaus“ meldete Googles Bildsuche das unsichtbare Wasserzeichen SynthID.

Wer solche KI-Desinformation verbreitet, nutzt echte Katastrophen, bei denen Menschen sterben. Den Stand der Forschung zu Hitze und Bränden zeigt der Faktencheck zu Waldbrand und Klimawandel.

Ein Lehrbeispiel für KI-Desinformation lieferte die Klimakonferenz COP30. Vorab verbreitete sich ein Video, in dem ein Reporter knietief im Hochwasser von Belém steht. Nach Recherchen des brasilianischen Observatoriums für Informationsintegrität existierten weder Reporter noch Menschen, Flut oder Stadt. Das Video erreichte laut der Auswertung vom September 2025 rund 460.000 Nutzer. Dieselbe Erhebung zählte 267 Prozent mehr negative Erwähnungen der Konferenz als im Juli.

Auch die Windkraft trifft es. Im Oktober 2025 prüfte das Correctiv-Faktenforum ein Vorher-Nachher-Bild, das eine riesige Rodung für ein einzelnes Windrad zeigte. In einer Bildecke saß das Logo von Googles KI Gemini, in anderen Versionen fehlte es. Für eine Anlage im Wald bleiben nach Angaben des Projekts Altdorfer Wald im Schnitt 0,46 Hektar dauerhaft frei.

Was fanden Tester in Chatbot-Antworten zum Klima?

NewsGuard prüft regelmäßig die zehn führenden KI-Werkzeuge mit Fragen zu Nachrichtenthemen. Im August 2025 gaben sie in 35 Prozent der Fälle falsche Behauptungen wieder, ein Jahr zuvor in 18 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil verweigerter Antworten von 31 auf null Prozent, so der Prüfbericht vom September 2025. NewsGuard führt den Anstieg auf die Websuche zurück, die auch unseriöse Seiten und KI-Desinformation aus Content-Farmen als Quelle einspeist.

Speziell zum Klima testete die Organisation Global Witness rund um die COP29 vier Chatbots. ChatGPT, Gemini, Meta AI und Grok antworteten ausführlich und mit Quellen. Meta AI lobte aber die Klimabemühungen einzelner Ölkonzerne, ChatGPT und Gemini stellten Kritik und Konzernangaben oft als gleichwertig dar. So steht es in der Untersuchung vom Januar 2025.

Ein zweiter Test vom Dezember 2025 gab den Chatbots zwei Profile vor: einen wissenschaftsnahen Nutzer und einen, der Wissenschaftlern misstraut. Dem misstrauischen Profil nannte Grok die Klimakrise ungewiss und empfahl Personen, die das Portal Desmog als Klimadesinformanten führt. Der Chatbot bot an, Beiträge empörender zu formulieren, und machte Netto-Null-Politik für Stromausfälle verantwortlich (mehr dazu: Strompreis-Debatte und Blackout-Ängste). ChatGPT versah umstrittene Stimmen mit Warnhinweisen, Meta AI antwortete beiden Profilen fast gleich. Global Witness sieht in der Personalisierung ein Einfallstor für KI-Desinformation.

Wie viele Menschen so an Nachrichten kommen, misst das Reuters Institute. Laut dem Digital News Report 2026 nutzen in 48 Märkten zehn Prozent der Befragten wöchentlich Chatbots für Nachrichten, 2025 waren es sieben. Bei den unter 35-Jährigen sind es 16 Prozent, in Deutschland stieg der Wert binnen eines Jahres nicht. Antworten von Chatbots vertrauen 2026 nur 20 Prozent der Befragten.

Wie viele Bots und Content-Farmen verbreiten Klimamythen?

Automatisierte Konten mischten schon vor dem Boom der Sprachmodelle in der Klimadebatte mit. Ein Team um Thomas Marlow wertete 6,8 Millionen Tweets rund um den angekündigten US-Ausstieg aus dem Pariser Abkommen 2017 aus. Rund 9,5 Prozent der untersuchten Nutzer waren vermutlich Bots, sie lieferten aber an den meisten Tagen ein Viertel der Klima-Tweets. Das ergab die Studie in Climate Policy von 2021, über die Scientific American berichtete.

Global Witness verfolgte 2024 auf X 45 Konten mit botähnlichem Verhalten, die nach der britischen Unterhauswahl politische Inhalte verstärkten. 22 davon teilten Beiträge über einen angeblichen „Klimakult“ oder „Klimabetrug“, so der Bericht vom Dezember 2024. X widersprach und erklärte, die Methode stufe echte Menschen als Bots ein.

Content-Farmen verbreiten KI-Desinformation leiser. Sie betreiben Seiten mit seriös klingenden Namen, die täglich Dutzende maschinell erzeugte Artikel veröffentlichen und sich über Programmwerbung finanzieren. NewsGuard zählte bis Juni 2026 im KI-Tracking-Zentrum 3.749 solcher Seiten in 16 Sprachen, darunter Deutsch. Chatbots mit Websuche können solche Seiten laut NewsGuard oft nicht von seriösen Medien unterscheiden.

Eine Sonderform heißt „Pink Slime“: Seiten, die sich als neutrale Lokalzeitung ausgeben, aber parteiischen Gruppen oder fremden Regierungen dienen. In den USA überholten sie im Juni 2024 erstmals die verbliebenen Tageszeitungen, mit 1.265 gegenüber 1.213, meldete NewsGuard.

Was verlangt die EU seit August 2026 von KI-Anbietern und Plattformen?

Gegen KI-Desinformation setzt die EU auf Transparenz: Artikel 50 der KI-Verordnung gilt seit dem 2. August 2026. Anbieter von Systemen, die Bilder, Videos, Audio oder Text erzeugen, müssen die Ergebnisse maschinenlesbar markieren. Anbieter von Chatbots müssen Nutzern mitteilen, dass sie mit einer KI sprechen. Wer Deepfakes veröffentlicht, also echt wirkende Fälschungen realer Personen, Orte oder Ereignisse, muss sie offenlegen, so der Wortlaut von Artikel 50.

Wer KI-Texte veröffentlicht, die über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse informieren sollen, muss das ebenfalls offenlegen. Die Pflicht entfällt, wenn ein Mensch den Text redaktionell prüft und jemand die Verantwortung trägt. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Mit dem digitalen Omnibus zur KI hat die EU den Zeitplan teilweise verschoben. Die Änderungsverordnung trat am 27. Juli 2026 in Kraft, berichtet die Kanzlei Hunton. Für Systeme, die schon vor dem 2. August 2026 auf dem Markt waren, gilt die Markierungspflicht erst ab dem 2. Dezember 2026. Die Pflichten für Hochrisiko-Systeme gelten erst ab Dezember 2027 und August 2028. Das ist der Rechtsstand im Oktober 2026.

Wie Anbieter markieren sollen, beschreibt ein Verhaltenskodex, den die EU-Kommission am 10. Juni 2026 vorlegte. Er nennt signierte Metadaten, unsichtbare Wasserzeichen und digitale Fingerabdrücke. Am 20. Juli 2026 folgten Leitlinien der Kommission zur Auslegung von Artikel 50.

Für die Verbreitung von KI-Desinformation auf Plattformen gilt der Digital Services Act (DSA). Große Netzwerke müssen Risiken für die öffentliche Debatte bewerten und mindern. Im Februar 2025 erkannten Kommission und Digitalrat den freiwilligen Verhaltenskodex gegen Desinformation als Kodex unter dem DSA an. Seine 43 Zusagen reichen von entzogenen Werbeeinnahmen bis zu fairer Bezahlung von Faktencheckern. Am 5. Dezember 2025 verhängte die Kommission gegen X die erste DSA-Strafe, 120 Millionen Euro, unter anderem wegen behinderten Datenzugangs für Forscher.

Wie schützen sich Leser vor KI-Desinformation zum Klima?

Den ersten Hinweis auf KI-Desinformation finden Leser oft in der Bildecke. xAI und Google setzen bei Grok und Gemini sichtbare Logos, Google versteckt zusätzlich SynthID in den Pixeln. Wer ein spektakuläres Katastrophenbild sieht, findet über die umgekehrte Bildsuche oft den Ursprung oder eine Faktenprüfung. Verlässlich ist das nicht, denn Nutzer schneiden Logos ab, wie die Fälle aus Los Angeles und dem Altdorfer Wald zeigen.

Wirksamer ist, Leser vorab zu warnen. Ein Team um den Psychologen Sander van der Linden testete mit 2.167 Menschen, wie sie den Klimakonsens der Forschung einschätzen. Die Falschbehauptung der Oregon-Petition löschte den Effekt der Konsens-Botschaft fast vollständig aus. Eine vorgeschaltete Warnung samt Widerlegung bewahrte dagegen ein bis zwei Drittel davon, so die Studie in Global Challenges von 2017.

Mit derselben Technik, die KI-Desinformation erzeugt, lassen sich Mythen auch abbauen. Forscher um Thomas Costello vom MIT ließen 2.190 US-Amerikaner mit einem Sprachmodell über ihre liebste Verschwörungserzählung diskutieren. Der Glaube daran sank im Schnitt um 20 Prozent, berichtet die MIT Initiative on the Digital Economy über die Studie in Science vom September 2024.

Klimamythen folgen oft politischen Lagern, und Populisten nutzen sie gegen Wärmepumpe und Energiewende (mehr dazu: Populisten und Desinformation im Faktencheck). Wer KI-Desinformation widerlegen will, braucht deshalb belegte Zahlen. Die Kennzeichnung nach Artikel 50 verrät, ob eine KI ein Bild erzeugt hat. Ob es die Wahrheit zeigt, prüfen weiterhin Faktenchecker, Forscher und Redaktionen.

QUELLEN

  1. Climate Policy: Studie von Thomas Marlow u. a. zu Bots im Klimadiskurs auf Twitter nach der Ankündigung des US-Ausstiegs aus dem Pariser Abkommen, Januar 2021.
  2. Science: Costello, T. H., Pennycook, G., Rand, D. G., Durably reducing conspiracy beliefs through dialogues with AI, 13. September 2024.
  3. Amtsblatt der EU: Verordnung (EU) 2026/1744 (Digitaler Omnibus zur KI), 24. Juli 2026.
  4. Europäische Kommission: Code of Practice on Transparency of AI-Generated Content, 10. Juni 2026.
  5. Europäische Kommission: Guidelines on Transparency of AI-Generated Content, 20. Juli 2026.
  6. Europäische Kommission: Stellungnahme C(2025) 1008 zum Verhaltenskodex gegen Desinformation, 13. Februar 2025.
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