Getreidezüchtung im Klimawandel · 1. NOVEMBER 2026
David Maunsell / UnsplashWie Züchter klimaresistentes Saatgut für Dürre und Hitze entwickeln
Klimaresistentes Saatgut entsteht aus Kreuzung, Gentests, Genbanken und neuerdings der Genschere. Für editierte Pflanzen hat die EU im Juni 2026 eigene Regeln beschlossen, gültig ab Juli 2028. Bauern, Bioverbände und Forscher streiten über Patente und Kennzeichnung.
Im Dürrejahr 2018 ernteten deutsche Landwirte rund 37,9 Millionen Tonnen Getreide. Im Mittel der Jahre 2013 bis 2018 waren es 46,3 Millionen Tonnen, wie der Erntebericht 2019 des Bundeslandwirtschaftsministeriums ausweist. Winterweizen brachte 2018 nur 67,7 Dezitonnen je Hektar statt 78,5. Auch in späteren Dürrejahren forderten Verbände Krisenhilfen (mehr dazu: Dürre in Deutschland).
Dürren und extreme Hitze senkten die Getreideproduktion betroffener Länder zwischen 1964 und 2007 im Schnitt um neun bis zehn Prozent. Das zeigten Forscher um Corey Lesk 2016 in Nature. Katastrophen aller Art vernichteten in drei Jahrzehnten im Schnitt 69 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr, so eine Schätzung der Welternährungsorganisation FAO vom Oktober 2023.
Der Weltklimarat IPCC zählt verbesserte Sorten in seinem Sachstandsbericht von 2022 zu den wirksamen Anpassungsoptionen für die Ernährung. Klimaresistentes Saatgut gehört damit zum Werkzeugkasten der Klimaanpassung. Züchter arbeiten dafür mit vier Verfahren, die sich in Tempo, Präzision und gesellschaftlicher Akzeptanz unterscheiden.
Inhalt
Was macht Getreide widerstandsfähig gegen Dürre und Hitze?
Trockenheit und Hitze setzen der Pflanze auf verschiedenen Wegen zu. Fehlt Wasser, schließt Getreide die Spaltöffnungen der Blätter, nimmt weniger CO2 auf und bildet weniger Stärke. Hitze schadet vor allem in empfindlichen Phasen: Im Juni 2019 traf eine Hitzewelle den Weizen laut Erntebericht genau in der Kornfüllung. In diesen Wochen verlagert die Pflanze Stärke ins Korn.
Züchter suchen deshalb nach Eigenschaften, die solche Phasen abfedern. Dazu gehören tiefere und dichtere Wurzeln, ein früherer Blühtermin vor der Sommertrockenheit und Blätter, die unter Stress länger grün bleiben. Klimaresistentes Saatgut bringt in einem trockenen Jahr mehr Ertrag als die Vergleichssorte. Bei extremer Dürre fallen auch robuste Sorten aus.
Wärmere Luft verschärft das Problem. Sie nimmt mehr Wasserdampf auf und entzieht Böden schneller Feuchtigkeit (mehr dazu: Clausius-Clapeyron-Gesetz). Böden können dadurch innerhalb weniger Wochen austrocknen, ein Phänomen, das Meteorologen Blitzdürre nennen.
Wie entsteht klimaresistentes Saatgut durch Kreuzung und Gentests?
Bei der klassischen Züchtung kreuzen Züchter zwei Elternlinien und wählen aus den Nachkommen über viele Generationen die besten Pflanzen aus. Sie prüfen die Linien an mehreren Standorten und in verschiedenen Jahren, weil sich Trockentoleranz nur unter echtem Stress zeigt. Erst dann meldet ein Unternehmen eine Sorte beim Bundessortenamt an.
Das Amt lässt eine Sorte nur zu, wenn sie einen landeskulturellen Wert hat. Nach Paragraf 34 des Saatgutverkehrsgesetzes muss sie in der Gesamtheit ihrer Eigenschaften eine deutliche Verbesserung gegenüber vergleichbaren Sorten erwarten lassen. Das kann auch nur für ein Anbaugebiet gelten, etwa für trockene Sandböden in Brandenburg.
Wer klimaresistentes Saatgut schneller entwickeln will, setzt auf markergestützte Selektion. Forscher suchen kurze DNA-Abschnitte, die mit einer gewünschten Eigenschaft gemeinsam vererbt werden. Mit einem Gentest am Keimling erkennen Züchter dann, welche Pflanzen das Merkmal tragen, ohne eine ganze Saison im Feld abzuwarten. Das Erbgut der Pflanze bleibt dabei unverändert.
Das Julius Kühn-Institut (JKI), Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, startete im April 2020 mit Partnern aus Forschung und Saatzucht das Verbundprojekt TERTIUS. Die Forscher nutzen einen kleinen Abschnitt aus dem Erbgut des Roggens, der Weizen kräftigere Wurzeln verschafft. Darauf deuteten nach Angaben des JKI die Extremjahre 2018 und 2019 hin. Mit dem Abschnitt wandern Gene mit, die die Backqualität verschlechtern, deshalb trennen die Züchter beides.
Warum brauchen Züchter Genbanken und wilde Verwandte?
Für klimaresistentes Saatgut suchen Züchter Eigenschaften gegen Trockenheit oft in alten Landsorten oder Wildarten, die Genbanken als Samen aufbewahren. Die Bundeszentrale Ex-situ-Genbank am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben hält nach ihrem Genbank-Steckbrief von 2025 rund 151.000 Muster aus fast 3.000 Arten. Mehr als 66.000 davon sind Getreide und Gräser. Seit 1948 hat die Genbank mehr als 1,1 Millionen Muster an Nutzer im In- und Ausland abgegeben. Das Institut forscht nach eigener Darstellung auch mit der Genschere CRISPR-Cas.
Weltweit betreibt das Agrarforschungsnetzwerk CGIAR elf Genbanken mit mehr als 700.000 Mustern, wie das Genbank-Portal der CGIAR Stand 2026 angibt. Davon verwahrt das mexikanische Mais- und Weizenzentrum CIMMYT etwa 153.000 Weizen- und 28.000 Maismuster. Das Zentrum für Trockengebiete ICARDA hält rund 145.000 Muster.
Als der Bürgerkrieg den Betrieb im syrischen Aleppo 2015 unmöglich machte, holte ICARDA Kopien seiner Samen aus dem Saatgut-Tresor auf Spitzbergen zurück. Nach Angaben des Svalbard Global Seed Vault war die Rückholung im August 2019 abgeschlossen. Mit den Samen baute ICARDA neue Genbanken in Marokko und im Libanon auf.
Wie Wildgene in Sorten gelangen, zeigt das Ziegengras Aegilops tauschii, ein wilder Vorfahr des Brotweizens. CIMMYT kreuzt es mit Hartweizen zu sogenanntem synthetischem Weizen. Ein Arbeitspapier für den Crop Trust von 2019 zählt 86 Sorten mit dem Ziegengras im Stammbaum. In Indien wuchsen solche Sorten nach einer Schätzung des Papiers auf 3,15 Millionen Hektar, rund zehn Prozent der Weizenfläche.
Den größten Praxistest für klimaresistentes Saatgut hat trockentoleranter Mais in Afrika hinter sich. Das Projekt Drought Tolerant Maize for Africa von CIMMYT und Partnern brachte zwischen 2007 und 2013 rund 160 Sorten in 13 Ländern heraus. Im Dürreversuch auf Bauernfeldern brachten sie 83 bis 137 Prozent mehr als handelsübliche Sorten, so eine Studie in Climatic Change von 2015.
Was kann die Genschere bei Trockenheit leisten?
Neue genomische Techniken (NGT) verändern das Erbgut gezielt an einer Stelle. Die bekannteste ist die Genschere CRISPR-Cas. Sie schneidet die DNA an einer vorher bestimmten Position, die Zelle repariert den Schnitt und verändert dabei einzelne Bausteine. Kleine Änderungen dieser Art können auch spontan in der Natur oder bei klassischer Züchtung auftreten.
Bei Trockenheit stößt die Methode auf eine biologische Grenze. Ein Übersichtsartikel in Plant Communications von 2022 beschreibt Trockentoleranz als Merkmal, das viele Gene und Stoffwechselwege zugleich steuern. Einzelne Treffer gibt es trotzdem. Die Autoren listen etwa Mais, bei dem Forscher den Genschalter vor dem Gen ARGOS8 austauschten und so die Trockentoleranz steigerten.
Die Forscher empfehlen, die Genschere mit genomgestützter Züchtung zu kombinieren. Marker und Sequenzdaten zeigen, welche Gene zählen, die Genschere setzt die passende Variante in eine bewährte Sorte. Klimaresistentes Saatgut aus Genomeditierung steht in Europa damit im Forschungsstadium. Produkte aus einfach editierten Pflanzen könnten laut Bundesregierung ab Juli 2028 in den Handel kommen.
Was regelt die EU-Verordnung zu neuen genomischen Techniken?
Der Rat der Mitgliedstaaten nahm die Verordnung am 21. April 2026 förmlich an, das Europäische Parlament stimmte am 17. Juni 2026 endgültig zu. So beschreibt es das österreichische Landwirtschaftsministerium. Die Verordnung (EU) 2026/1388 erschien am 26. Juni 2026 im Amtsblatt.
Nach Angaben der EU-Kommission trat sie am 16. Juli 2026 in Kraft, die meisten Regeln gelten ab dem 17. Juli 2028. Stand Oktober 2026 läuft damit die Übergangszeit. Die Verordnung teilt editierte Pflanzen in zwei Kategorien.
Kategorie 1 umfasst Pflanzen, deren Veränderungen auch durch klassische Züchtung oder natürliche Mutation hätten entstehen können. Nach Darstellung der Bundesregierung sind höchstens 20 genetische Änderungen ohne artfremdes Erbgut erlaubt. Alle übrigen editierten Pflanzen fallen in Kategorie 2 und bleiben weitgehend im Gentechnikrecht.
| Regel (Verordnung (EU) 2026/1388) | Kategorie 1 | Kategorie 2 |
|---|---|---|
| Prüfung vor Freisetzung | Behörden prüfen, ob die Pflanze in Kategorie 1 gehört | Zulassung mit Risikobewertung |
| Kennzeichnung Saatgut | ja, als NGT-Saatgut | ja |
| Kennzeichnung Lebensmittel | nein | ja |
| Nationales Anbauverbot möglich | nein | ja |
| Ökolandbau | verboten | verboten |
| Herbizidtoleranz | ausgeschlossen | keine Förderanreize |
| Patente | Offenlegung bestehender und beantragter Patente, Expertengruppe beobachtet die Folgen | |
| Geltung | ab 17. Juli 2028 | |
Für klimaresistentes Saatgut enthält die Verordnung einen eigenen Anreiz. Pflanzen der Kategorie 2 mit Nachhaltigkeitsmerkmalen wie Wassereffizienz oder Klimaresistenz können nach Angaben des Rats regulatorische Erleichterungen erhalten. Herbizidtolerante Pflanzen bleiben davon ausgenommen.
Warum streiten Bauern, Bioverbände und Forscher über Patente und Kennzeichnung?
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) begrüßte den Beschluss im Juni 2026. Ihre Senatskommission für Grundsatzfragen der Genforschung sieht bei Pflanzen der Kategorie 1 keine spezifischen wissenschaftlichen Risiken. Die DFG erwartet einfachere Feldversuche und widerstandsfähigere Pflanzen für die Anpassung an den Klimawandel.
Beim Patentschutz liegen Ökobranche und konventionelle Landwirtschaft auf einer Linie. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und der Deutsche Bauernverband schrieben Anfang Juni 2026 einen offenen Brief an das Europaparlament. Züchtung dürfe „nicht durch die Patentierung von Pflanzen, Saatgut oder genetischen Eigenschaften behindert werden“. Beide Verbände wollen beim Sortenschutz bleiben, der anderen Züchtern die freie Weiterarbeit mit einer Sorte erlaubt.
Änderungsanträge, die Patente auf NGT-Pflanzen ausgeschlossen hätten, fanden im Parlament keine Mehrheit. Darauf verweist die österreichische Saatgut-Initiative Arche Noah. Nach ihren Angaben liegen weltweit rund 2.000 Patentanmeldungen für NGT-Pflanzen vor. Der EU-Gesetzgeber setzt auf Offenlegungspflichten und eine Studie der Kommission zu den Folgen für Züchter und Landwirte.
Lebensmittel aus Pflanzen der Kategorie 1 tragen keinen Hinweis, nur das Saatgut. Wer editierte Zutaten meiden will, kann laut Bundesregierung zu Bioware oder zum Siegel „Ohne Gentechnik“ greifen. Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) stützt sich auf ein Rechtsgutachten vom April 2026. Danach bleiben NGT-Pflanzen der Kategorie 1 unter dem Siegel unzulässig.
Das Gutachten benennt auch den Aufwand. Weil die Pflichtkennzeichnung für Futtermittel entfällt, müssen Landwirte für das Siegel verbindliche Erklärungen ihrer Lieferanten einholen. Im Ökolandbau sind editierte Pflanzen nach der Verordnung ganz verboten.
Wie viel Ernte kann neues Saatgut gegen die Erderhitzung sichern?
Der Weltklimarat nennt neben verbesserten Sorten auch die Anpassungsgrenzen der Nutzpflanzen als Faktor, der über den Erfolg entscheidet. Ab zwei Grad Erderhitzung erwartet er schwerere Risiken für die Ernährung, vor allem in Afrika südlich der Sahara und Südasien (mehr dazu: Weltklimarat zur Klimaanpassung). Klimaresistentes Saatgut verschiebt diese Grenze, hebt sie aber nicht auf.
Landwirte kombinieren klimaresistentes Saatgut deshalb mit anderen Maßnahmen. Das JKI will mit der Universität Gießen laut einer Kooperation von 2022 Ackerbohne und Sorghumhirse erforschen, die besser zum künftigen Klima passen. In der Hallertau schützen Solarmodule über den Pflanzen den Hopfen vor Hitze und liefern zugleich Strom (mehr dazu: Agri-PV im Hopfenanbau). Auf vielen Höfen übernehmen Maschinen mit künstlicher Intelligenz schwere Routinearbeit (mehr dazu: KI in der Landwirtschaft).
Für die Züchter zählt die Zeit. Von der Kreuzung bis zur Zulassung vergehen viele Jahre, in denen die Erderhitzung weiter voranschreitet. Genbanken, Gentests und Genschere verkürzen den Weg. Ob eine Sorte hält, was sie verspricht, zeigt trotzdem erst der Feldversuch im echten Dürrejahr. Mit jedem Hitzesommer bekommen Züchter neue Prüfdaten für klimaresistentes Saatgut.
QUELLEN
- Rat der Europäischen Union: New genomic techniques for plant breeding, Politik-Dossier mit Zeitleiste und Regeln zu Kategorie 1 und 2, abgerufen im Oktober 2026.
- Amtsblatt der Europäischen Union: Verordnung (EU) 2026/1388 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Juni 2026 über mit bestimmten neuen genomischen Techniken gewonnene Pflanzen.