Fatih Birol sieht die Welt in einer Vertrauenskrise bei Öl und Gas

ENERGIEWENDE · 22. SEPTEMBER 2026

Fatih Birol: „Die Vase ist zerbrochen"

Der IEA-Chef sieht die Elektrifizierung als großen Gewinner der Energiekrise. Auf der COP 31 in der Türkei sollen sich die Staaten dazu auf ein Ziel einigen: 35 Prozent Strom am Endenergieverbrauch bis 2035. Für das 1,5-Grad-Ziel reicht das Tempo nach seiner Einschätzung trotzdem nicht.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN LESEN


Zwei Konflikte blockieren die zwei wichtigsten Lebensadern der Energieversorgung: Der Iran-Krieg sperrt die Straße von Hormus, der Bruch mit Russland die Gaspipelines nach Europa. Fatih Birol sieht darin eine Vertrauenskrise, wie er der dänischen Zeitung Politiken sagt. „Selbst wenn die Straße von Hormus wieder öffnen sollte, ist die Vase zerbrochen. Und wenn sie zerbrochen ist, kann man sie nicht wieder zusammenkleben." Die Regierungen rechneten jetzt damit, dass die Meerenge wieder schließen kann, und stellten deshalb ihre Energiestrategien auf den Prüfstand.

Öl und Gas verlieren ihren Ruf als sichere Quelle

„Wir leben in einer Welt mit wenig Vertrauen", sagt Birol. Gemeint ist das Vertrauen in Öl und Gas als sichere Energiequelle und das Vertrauen in andere Länder als verlässliche Partner. Noch nie habe er die „dunklen und langen Schatten" der Energie so dominant in der Geopolitik erlebt.

Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), in seinem Büro in Paris
Fatih Birol in seinem Büro in der IEA-Zentrale in Paris. Foto: IEA

Bisher haben große Vorräte, etwa in China, den Preisschock abgefedert. Im März koordinierte die IEA zudem die Freigabe von 400 Millionen Barrel aus den Notreserven ihrer Mitgliedsländer. Schon im Frühjahr hatte Birol vor Engpässen bei Diesel und Kerosin in Europa gewarnt (mehr dazu: Reiche sagt: keine Ölknappheit in Europa. IEA-Chef sagt: April oder Mai). „Diese Puffer sind bald aufgebraucht. Wenn Hormus also nicht vollständig und überzeugend öffnet, könnten wir deutlich höhere Preise erleben", sagt Birol. Ein harter Winter könne in Europa die Energiepreise stark steigen lassen.

Kritiker hatten Birol Schwarzmalerei vorgeworfen, nachdem er die laufende Krise als schlimmer als die vergangenen drei Energiekrisen zusammen bezeichnet hatte. „Nein, ich lag völlig richtig. Und Europa ist nicht der Nabel der Welt. In Asien hat das große Folgen", sagt Birol (mehr dazu: Energieschock durch Iran-Krieg beschleunigt Energiewende in Asien).

Die US-Regierung drohte Anfang 2026 damit, aus der IEA auszutreten, sollte die Organisation ihren Fokus auf Klimaziele und die Netto-Null-Berichterstattung nicht aufgeben. Ob sich die IEA im nächsten Bericht im November beugt, lässt Birol offen. „Wir werden sehen, was im November passiert, wenn der Bericht erscheint", sagt er.

Die Länder setzen auf Strom aus eigenen Quellen

Die Regierungen versuchen laut Birol vor allem, sich heimische Energiequellen zu sichern: in erster Linie erneuerbare Energien, teils auch Atomkraft oder Kohle. „Der große Gewinner ist meiner Meinung nach aber die Elektrifizierung", sagt Birol.

COP-31-Präsident Murat Kurum aus der Türkei und Australiens Klimaminister Chris Bowen haben im Juni bei den Bonner Zwischenverhandlungen das Ziel „35 Prozent bis 2035" vorgestellt: den Anteil von Strom am weltweiten Endenergieverbrauch bis 2035 von heute rund 20 auf 35 Prozent zu steigern. Das Ziel stützt sich auf eine Analyse der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (IRENA), die IEA soll dazu einen Sonderbericht zu möglichen Pfaden liefern. Beschlossen ist das Ziel noch nicht, die Präsidentschaft will es auf der COP 31 in Antalya voranbringen.

Weltkarte zum Wind- und Solarpotenzial sowie Balkengrafik zum Elektrifizierungsgrad der weltweiten Endenergie
97 Prozent der Menschen leben in Ländern mit mehr als zehnfachem Wind- und Solarpotenzial ihres Strombedarfs. Von der weltweiten Endenergie sind erst 21 Prozent elektrifiziert, 54 Prozent wären mit heutiger Technik wirtschaftlich umstellbar. Grafik: Ember, The Age of Power (2026).

Nach der Ember-Analyse „The Age of Power" vom 16. September 2026 ließen sich weltweit rund 75 Prozent der Endenergie mit heutiger Technik wirtschaftlich elektrifizieren, technisch sogar rund 90 Prozent. Deutschland kommt nach Ember erst auf rund 20 Prozent, obwohl Wind und Solar hier schon rund 40 Prozent des Stroms liefern. Die Denkfabrik beschreibt die Electrotech-Revolution auch als Machtverschiebung: Zehn Länder halten 73 Prozent allen je gefundenen Öls und Gases, Sonne und Wind hat dagegen fast jedes Land genug.

E-Autos setzen sich laut Birol schneller durch als erwartet. „Wir rechnen damit, dass in wenigen Jahren die Hälfte aller verkauften Autos elektrisch sein wird", sagt er. Bei Lastwagen laufe dieselbe Entwicklung. „Und das nicht, um den Planeten vor Emissionen zu retten, sondern weil sie billig werden", sagt Birol.

2025 wurden nach dem IEA Global EV Outlook 2026 weltweit mehr als 20 Millionen Elektroautos verkauft, rund ein Viertel aller Neuwagen. Für 2026 erwartet die IEA 23 Millionen Verkäufe, knapp 30 Prozent. Bei Elektro-Lkw haben sich die Verkaufszahlen 2025 mehr als verdoppelt, inzwischen fährt fast jeder zehnte verkaufte Lastwagen elektrisch.

Flottenwachstum von Zwei- und Dreirädern, Pkw, Lkw und Transportern sowie öffentlichen Ladepunkten von 2010 bis 2025
Elektrische Flotten wachsen seit 2010 in allen Fahrzeugklassen: rund 90 Millionen Zwei- und Dreiräder, rund 75 Millionen Pkw, rund 2,6 Millionen Lkw und Transporter, dazu rund sieben Millionen öffentliche Ladepunkte. Grafik: Ember, The Age of Power (2026).

Seit 2010 sind laut Ember die Kosten für Batterien um 93 Prozent gefallen, für Solarstrom um 89 Prozent und für Strom aus Offshore-Wind um 63 Prozent. Batteriepreise liegen inzwischen unter der Schwelle, ab der ein Elektroauto über seine Lebensdauer günstiger fährt als ein Verbrenner. 75 Prozent aller im vergangenen Jahr weltweit gebauten Kraftwerke seien Solar- oder Windparks gewesen, sagt Birol.

Kostenverfall von Wind, Solar und Batterien seit 2010 mit Schwelle für die Lebenszyklus-Kostengleichheit von Elektroauto und Verbrenner
Kosten für Wind- und Solarstrom sowie Batterien, 2010 bis 2025, weltweite Durchschnittswerte. Grafik: Ember, The Age of Power (2026).

Birol hält das Tempo für zu langsam

„Wenn ich mir die Zahlen ansehe, sieht es extrem schwierig aus. Wir haben nicht die große Emissionsminderung gesehen, die nötig gewesen wäre", sagt Birol. Solar, Wind, Batterien, Elektroautos und Atomkraft gewinnen nach seiner Beobachtung an Schwung, doch auch die fossilen Brennstoffe wachsen weiter. Kohle hat nach Angaben von Politiken in diesem Jahr wegen der Hormus-Krise sogar leicht zugelegt.

Globale CO2-Emissionen aus Energie von 1850 bis heute mit Szenariopfaden bis 2150
Globale CO₂-Emissionen aus Energie, 1850 bis heute, mit Szenariopfaden bis 2150: Trägt die Elektrifizierung in großem Maßstab, zeigen die Rystad-Szenarien Pfade zu 1,6 beziehungsweise 1,8 Grad. Zur Illustration möglicher Verläufe, keine Prognose. Grafik: Ember, The Age of Power (2026).

„Wenn ich mir unsere derzeitige Entwicklung ansehe, habe ich nicht viele Gründe zu hoffen, dass wir die Ziele mit unserem derzeitigen Tempo erreichen", sagt Birol.

UNEP rechnet mit 1,8 bis 2,6 Grad Erwärmung

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) rechnet im Overshoot-Report von Anfang September damit, dass die Welt die 1,5-Grad-Marke in den nächsten Jahren überschreitet. Setzen alle Staaten ihre nationalen Klimapläne und Netto-Null-Ziele vollständig um, erreicht die Erwärmung ihren Höchststand bei rund 1,8 Grad. In anderen Pfaden steigt sie über 2 Grad. Bei unveränderter Politik schätzt UNEP die Erwärmung bis 2100 auf rund 2,6 Grad.

Wo die Welt zwischen rund 1,8 und 2,6 Grad landet, hängt damit am Tempo der Elektrifizierung. Birol nennt Werte am unteren Rand, nah an den Ember-Szenarien. „Ich finde, auch wenn wir das 1,5-Grad-Ziel nicht erreichen, müssen wir alles tun, was wir können, um zum Beispiel 1,6 oder 1,7 Grad zu erreichen", sagt Birol. Das helfe zugleich der Versorgungssicherheit, sagt er.

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