Warum Europas Sommer schneller austrocknen, als das Klima allein erklärt

KLIMAWISSEN · 29. JULI 2026

Dürre in Europa: Atmosphärische Zirkulation treibt Austrocknung stärker als gedacht

Forschende der Universität Leipzig zeigen: Veränderte Wetterlagen verursachen seit den 1980er-Jahren rund 55 Prozent der sommerlichen Austrocknung Europas. Die Folgen reichen bis zum aktuellen Niedrigwasser am Rhein.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Europas Sommer werden trockener. Die gängige Erklärung lautet: Wärmere Luft entzieht Böden und Pflanzen mehr Feuchtigkeit, die Verdunstung steigt. Eine neue Studie der Universität Leipzig zeigt, dass dieser Blick zu kurz greift.

Ein Team um den Meteorologen István Dunkl weist in der Fachzeitschrift Nature Geoscience nach, dass ein Großteil der sommerlichen Austrocknung auf veränderte Wetterlagen zurückgeht. Rund 55 Prozent des Rückgangs der Bodenfeuchte seit den 1980er-Jahren gehen auf die atmosphärische Zirkulation zurück, mehr als auf die Erwärmung selbst. Für Europas Wirtschaft ist das mehr als eine akademische Feinheit, wie das Niedrigwasser am Rhein in diesem Sommer zeigt.

Was ist die atmosphärische Zirkulation?

Als atmosphärische Zirkulation bezeichnen Meteorolog*innen die großräumigen Bewegungsmuster der Luftmassen: Hoch- und Tiefdruckgebiete, Strömungsbänder wie der Jetstream, wiederkehrende Wetterlagen. Sie entscheidet, ob eine Region über Wochen unter einem stabilen Hoch mit Sonne und Trockenheit liegt oder ob Tiefausläufer Regen bringen.

Klimamodelle simulieren diese Zirkulation meist frei, mit eigener innerer Variabilität. Für die neue Studie war das ein Problem: In einer frei laufenden Simulation lassen sich Erwärmungseffekt und Zirkulationseffekt nicht sauber trennen.

Wie die Forschenden Erwärmung und Wetterlagen getrennt haben

Das Leipziger Team um Dunkl, Ana Bastos und Sebastian Sippel löste das Problem mit einer Methode namens Nudging. Im Klimamodell CESM2 zwingen sie die Windfelder oberhalb von 700 Hektopascal auf die Werte der ERA5-Reanalyse, also auf die tatsächlich beobachtete Zirkulation der vergangenen Jahrzehnte.

So lässt sich die reale Zirkulationsentwicklung mit unterschiedlichen Erwärmungsannahmen kombinieren. Ein Lauf namens HIST verwendet alle historischen Antriebe, ein zweiter namens NAT friert den menschengemachten Antrieb auf vorindustrielles Niveau ein. Die Differenz zwischen beiden trennt den thermodynamischen vom dynamischen, also durch die atmosphärische Zirkulation bedingten Anteil.

Untersucht haben die Forschenden die Sommermonate Juni bis August zwischen 1980 und 2024. In diesem Zeitraum setzte der schnelle europäische Erwärmungstrend ein, während zuvor Aerosole und CO2 gegenläufig wirkten.

Drei Wetterlagen, die Europa austrocknen

Um die Zirkulation greifbar zu machen, gruppierten die Autor*innen die großräumigen Strömungsmuster in fünf wiederkehrende Regime. Drei davon zeigen seit 1980 einen statistisch signifikanten Trend.

WR1 beschreibt seltener werdende, tiefdruckgeprägte Lagen über Nordeuropa. WR2 steht für ein bipolares Muster mit Hochdruck über dem Atlantik und Tiefdruck über Südosteuropa, das ebenfalls abnimmt. WR3 erfasst häufiger werdende Hochdrucklagen über dem Mittelmeerraum und Mitteleuropa.

Die Regionen reagieren unterschiedlich auf diese drei Muster. In Osteuropa hängt der Rückgang der Bodenfeuchte an der Zunahme von WR3 und der Abnahme von WR1, in Westeuropa vor allem an WR1. Der Anstieg des Dampfdruckdefizits, am stärksten in Süd- und Osteuropa, folgt dagegen WR2 und WR3.

Warum sich Hitze und Trockenheit gegenseitig verstärken

Zwischen Zirkulation und Erwärmung wirkt eine Rückkopplung. Häufigere antizyklonale, also warme und trockene Wetterlagen verstärken den thermodynamischen Anteil der Austrocknung zusätzlich. In ohnehin heißen, trockenen Sommern schlägt die reine Erwärmung dadurch stärker durch.

Beim Dampfdruckdefizit, einem Maß dafür, wie viel zusätzliche Feuchtigkeit die Luft der Vegetation entzieht, dreht sich das Verhältnis allerdings um. Hier dominiert die Thermodynamik mit rund 58 Prozent, die atmosphärische Zirkulation trägt knapp 42 Prozent bei. Das physikalische Grundprinzip dahinter, wonach wärmere Luft exponentiell mehr Wasserdampf aufnehmen kann, erklärt der Cleanthinking-Beitrag zum Clausius-Clapeyron-Gesetz.

Im Boden liegt das Gewicht anders. Dort bestimmt die atmosphärische Zirkulation den größeren Teil des Trends, regional sogar noch deutlicher als im europäischen Mittel. Beim Niederschlag ist der Befund am eindeutigsten, der Rückgang geht praktisch vollständig auf die Dynamik zurück.

Anhaltende Trockenheit begünstigt in der Folge auch Vegetationsbrände. Wie schnell aus Waldbränden eigenständiges Feuerwetter werden kann, hat Cleanthinking im Beitrag zum Pyrocumulonimbus beschrieben.

Niedrigwasser am Rhein zeigt die Folgen bereits heute

Was die Studie an Mechanismen beschreibt, lässt sich am Rhein in diesem Sommer beobachten, unabhängig von der Untersuchung selbst. Am Pegel Kaub im Mittelrheintal lag der Wasserstand am 29. Juli 2026 bei nur noch 29 Zentimetern, die Fahrrinnentiefe bei 1,43 Metern. Das liegt nur vier Zentimeter über dem bisherigen Negativrekord aus dem Jahr 2018.

Ein Hotelschiff mit 75 Passagieren und 40 Besatzungsmitgliedern fuhr sich vor wenigen Tagen bei Bonn fest. Zwei Rheinfähren, die „Peter Pan“ zwischen Leimersheim und Leopoldshafen sowie die „Baden-Pfalz“ zwischen Neuburg und Neuburgweier, pausieren derzeit den Betrieb.

Der Chemiekonzern BASF am Stammwerk Ludwigshafen transportiert rund 40 Prozent seiner Güter per Schiff und beobachtet die Lage nach eigenen Angaben genau. Der Transport lasse sich bislang durch zusätzliche Niedrigwasser-Schiffe weitgehend aufrechterhalten, ein Teil der Fracht wandert auf Lastwagen und Schiene. In früheren Niedrigwasser-Jahren hatte das bereits zu Produktionsstopps am Standort geführt.

Am Pegel Koblenz wurden laut Bundesanstalt für Gewässerkunde am 26. Juni 2026 bis zu 28 Grad Wassertemperatur gemessen. Die kritische Schwelle von 25 Grad, ab der es laut Umweltministerium besonders für den Barben-Bestand eng wird, könnte in den kommenden Tagen erneut überschritten werden. Wechselwarme Fische können bei sinkendem Abfluss kaum in kühlere Bereiche ausweichen, weil ihnen Sauerstoff und Raum fehlen.

Dürrebedingte Schäden kosten Europa laut den Studienautor*innen im Mittel bereits heute rund 9 Milliarden Euro pro Jahr. Im Mittelmeerraum könnte dieser Schaden bei 2 Grad Erwärmung um mehr als 60 Prozent steigen. Wie stark sich solche Wetterextreme volkswirtschaftlich niederschlagen, hat der Klimaforscher Anders Levermann im Cleanthinking-Beitrag zur wachsenden Wetter-Volatilität als Wirtschaftsrisiko eingeordnet.

Die offene Frage, an der Europas Klimazukunft hängt

Damit drängt sich die Frage auf, woher die beobachteten Zirkulationsänderungen stammen. Die Forschenden prüften das gegen ein Vergleichsensemble aus 100 frei laufenden Simulationen desselben Klimamodells, genannt LENS2.

Im Mittel dieses Ensembles stimmt zumindest das Vorzeichen aller drei beobachteten Regime-Trends mit der Realität überein. Nur 7 der 100 Mitglieder zeigen jedoch einen so starken Rückgang von WR1 wie tatsächlich beobachtet. Die beobachteten Trends bei WR2 und WR3 liegen sogar vollständig außerhalb der Bandbreite des Ensembles.

Das deutet nach Einschätzung der Autor*innen darauf hin, dass eher die interne Klimavariabilität als der erzwungene menschengemachte Antrieb die beobachteten Zirkulationstrends dominiert. Für die Zukunft ergeben sich daraus zwei gegensätzliche Pfade.

Waren die bisherigen Zirkulationstrends teilweise extern erzwungen, könnte die zirkulationsgetriebene Austrocknung anhalten. Entstammen sie überwiegend der internen Variabilität, wäre eher eine gegenläufige Tendenz zu erwarten, die der thermodynamischen Trocknung entgegenwirkt. Diese Unsicherheit macht belastbare Prognosen für Europas künftiges Hydroklima schwierig, wie auch der Cleanthinking-Grundlagenbeitrag zu Ursachen und Folgen des Klimawandels einordnet.

Die Studie in Zahlen

Kennzahl Wert
Untersuchungszeitraum 1980-2024, Sommer (Juni-August)
Bodenfeuchte-Rückgang durch Zirkulation rund 55 %
Dampfdruckdefizit-Anstieg durch Zirkulation rund 42 % (Thermodynamik: 58 %)
Erwärmungstrend durch Zirkulation erklärt rund 45 %
Niederschlagsrückgang pro Jahrzehnt 0,028 mm/Tag, praktisch vollständig dynamisch
Regionaler Spitzenwert Zirkulationsanteil (West-/Osteuropa) bis zu 80 %
Dürreschäden Europa im Mittel rund 9 Mrd. Euro/Jahr
Prognostizierter Schadensanstieg Mittelmeerraum bei 2 °C über 60 %

Häufige Fragen zum Thema Atmosphärische Zirkulation

Was ist atmosphärische Zirkulation?

Atmosphärische Zirkulation bezeichnet die großräumigen Bewegungsmuster von Luftmassen wie Hoch- und Tiefdruckgebiete und den Jetstream. Sie entscheidet, ob eine Region über längere Zeiträume trocken, feucht, warm oder kühl bleibt.

Wie stark beeinflusst die atmosphärische Zirkulation Europas Sommerdürre?

Eine Studie der Universität Leipzig beziffert den Anteil an der Bodenfeuchte-Austrocknung auf rund 55 Prozent seit den 1980er-Jahren. Beim Dampfdruckdefizit der Luft überwiegt dagegen mit rund 58 Prozent die reine Erwärmung.

Was hat das Rhein-Niedrigwasser mit der Studie zu tun?

Das aktuelle Niedrigwasser am Rhein ist keine unmittelbare Studienaussage, zeigt aber den in der Studie beschriebenen Mechanismus in der Praxis. Anhaltende Hochdrucklagen lassen Flusspegel sinken und beeinträchtigen Schifffahrt, Wasserkraft und Industrie.

Sind die veränderten Wetterlagen über Europa menschengemacht?

Die Studie findet Hinweise darauf, dass die beobachteten Zirkulationstrends eher aus interner Klimavariabilität als aus erzwungenem menschengemachtem Antrieb stammen. Ob sich die Wetterlage künftig weiter in Richtung Trockenheit verschiebt oder gegenläufig dreht, bleibt deshalb offen.

QUELLEN

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  1. Dunkl, I., Bastos, A., Sippel, S.: European summer drying largely driven by atmospheric circulation changes since the 1980s, Nature Geoscience, 2026.
  2. Spektrum der Wissenschaft: Die unterschätzte Ursache der europäischen Dürre, Juli 2026.
  3. SWR Aktuell, Susanne Weber: Wie das Niedrigwasser im Rhein Umwelt und Wirtschaft trifft, 29. Juli 2026.
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