CO2-ENTNAHME · 29. JULI 2026
KI-generiertCO2-Entnahme: Der Markt wächst, geliefert wird fast nichts
Der Markt für dauerhafte CO2-Entnahme meldet für das zweite Quartal 2026 ein Rekordvolumen an Zusagen. Bei den tatsächlich ausgestellten Zertifikaten bleibt er im sechsstelligen Bereich. Und erstmals kauft eine Stadt in großem Stil mit.
Ausgestellt wurden im zweiten Quartal 2026 rund 193.000 Zertifikate für dauerhaft entnommenes CO2, verteilt über die drei Register Puro.earth, Isometric und Rainbow. Zugesagt sind über alle bisherigen Quartale hinweg 45,9 Millionen Tonnen. Beide Zahlen stammen aus dem Quartalsbericht von ClimeFi, über den das Fachmedium Carbon Herald berichtet.
Die beiden Größen messen Unterschiedliches, und genau darin liegt der Kern. Eine Zusage ist ein Vertrag über eine Menge, die künftig entnommen werden soll. Ein Zertifikat ist der Nachweis über Tonnen, die bereits aus der Atmosphäre geholt und eingelagert wurden.
Hier steht also ein über Jahre aufgelaufener Bestand an Verpflichtungen der Ausstellung eines einzigen Quartals gegenüber. Das Verhältnis von rund 1 zu 240 ist deshalb keine Erfüllungsquote. Es zeigt trotzdem, wie weit das, was der Markt verspricht, von dem entfernt ist, was er belegen kann.
Ein Teil dieses Abstands ist bauartbedingt. Abnahmeverträge über CO2-Entnahme laufen typischerweise über Lieferzeiträume von mehreren Jahren, und ein erheblicher Teil der Anlagen, die die zugesagten Tonnen produzieren sollen, ist noch nicht gebaut. Eine Zusage aus diesem Quartal wird also frühestens am Ende des Jahrzehnts zu Zertifikaten.
Der andere Teil ist Risiko. Zwischen dem unterschriebenen Vertrag und der ausgestellten Tonne liegen eine Finanzierungsrunde, ein Genehmigungsverfahren und eine unabhängige Verifizierung. Jeder dieser drei Schritte kann eine Zusage in eine Zahl verwandeln, die nie geliefert wird.
| Kennzahl Q2 2026 | Wert |
|---|---|
| Neue Zusagen im Quartal | 3.370 kt (3,37 Mio. t) |
| Zusagen kumuliert | 45,9 Mio. t |
| Ausgestellte Zertifikate im Quartal | 193.000 |
| Geschätzter Wert der Quartalszusagen | 676 Mio. Dollar |
| Zusagen von Käufern außer Microsoft | 2,1 Mio. t |
Quelle: ClimeFi-Quartalsbericht nach Angaben von Carbon Herald. Die Wertangabe beruht laut Bericht auf allen öffentlich bekannten Mengen und ist auf Deals über 5 Kilotonnen begrenzt.
Vierzehn Verträge ohne Microsoft
Käufer außer Microsoft verpflichteten sich im zweiten Quartal zu 2,1 Millionen Tonnen, laut Bericht ein Allzeithoch und ein Plus von 136 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Dahinter stehen 14 Verträge, so viele wie in keinem Quartal zuvor. Sieben dieser Käufer gaben dabei ihre erste größere Zusage überhaupt ab.
Jahrelang hing die Nachfrage nach dauerhafter CO2-Entnahme an einem einzigen Konzern. Wenn Microsoft pausierte, pausierte der Markt. Diese Abhängigkeit lockert sich messbar, wenn auch von einer schmalen Basis aus.
Im selben Quartal ordnete sich auch der institutionelle Rahmen neu. Der Bericht nennt drei Ereignisse: den Start des EU-Käuferklubs für CO2-Entnahme, die Veröffentlichung der Version 2.0 des Netto-Null-Standards der Science Based Targets initiative und den Beginn der öffentlichen Konsultation zum ISO-14060-Entwurf. Für Unternehmen, die eine Entnahme-Quote in ihren Klimazielen abbilden müssen, entsteht damit erstmals ein halbwegs belastbarer Bezugsrahmen.
Stockholm kauft 750.000 Tonnen
750.000 Tonnen, gekauft von der Stadt Stockholm beim Energieversorger Stockholm Exergi: Das ist laut Bericht der größte Deal des Quartals und zugleich die erste Beschaffung von CO2-Entnahme durch einen kommunalen Käufer in großem Maßstab. Bislang traten Städte in diesem Markt allenfalls als Beobachter auf. Jetzt gibt es einen Präzedenzfall mit Vertragsvolumen.
Die Grundkonstellation gibt es in Deutschland ebenfalls. Ein kommunales Heizkraftwerk auf Biomasse- oder Abfallbasis liefert einen einzelnen, konzentrierten Abgasstrom, an dem sich eine Abscheidung technisch anschließen lässt, und die Kommune als Eigentümerin hat eigene Klimaziele. In diesem Modell gehört der Versorger, der die Tonnen erzeugt, dem Käufer, der sie bezahlt.
Damit wird die kommunale Wärmeplanung zu einer möglichen Beschaffungsfrage. Wer ohnehin entscheiden muss, was mit einem Biomasseheizwerk in den 2030er Jahren geschieht, kann die Entnahme mitdenken oder sie ignorieren.
Ob eine deutsche Kommune eine vergleichbare Beschaffung vorbereitet, lässt sich derzeit nicht belegen. Auch über Preis und Finanzierungsstruktur des Stockholmer Kaufs macht der Bericht keine Angaben, und ohne diese Angaben taugt der Fall als Präzedenz, aber nicht als Kalkulationsgrundlage. Wer in Deutschland als erster Kämmerer Tonnen CO2-Entnahme einkauft, ist offen.
Pflanzenkohle liefert, Brüssel sortiert sie aus
Drei große Verträge über Bio-CCS, also die Abscheidung und dauerhafte Einlagerung von CO2 aus Biomasseanlagen, brachten diesen Pfad im zweiten Quartal auf 60 Prozent Marktanteil. Im ersten Quartal waren es 2 Prozent. Ein einzelnes Quartal kann die Rangfolge der Verfahren also komplett umwerfen.
Rechnet man diese Großdeals heraus, bleibt Pflanzenkohle laut Bericht der gefragteste Pfad mit 86 Prozent der Volumina. Zum dritten Mal in fünf Quartalen lag sie über einer Million Tonnen. Der Grund ist banal: Pyrolyse-Anlagen stehen bereits, sind vergleichsweise günstig und liefern sofort.
Gleichzeitig hat die EU-Kommission Pflanzenkohle aus dem Emissionshandel aussortiert. Der freiwillige Markt kauft damit in großem Umfang genau den Pfad, den der europäische Regulierer für seinen Kernmechanismus zurückgestellt hat. Beide Befunde stehen nebeneinander, und sie widersprechen sich nicht formal, weil freiwilliger Markt und Emissionshandel getrennte Systeme sind.
Direct Air Capture, die Filterung von CO2 direkt aus der Umgebungsluft, taucht in den Spitzenpfaden des Quartals nicht auf. Das steht in einem gewissen Kontrast dazu, dass die installierte DAC-Kapazität wächst und einzelne Langfristverträge wie der Zehnjahresvertrag von Climeworks mit der TD Bank Schlagzeilen machen. In den Quartalsvolumina schlägt sich das bislang kaum nieder.
Zwischen den Pfaden verläuft damit eine Bruchlinie, die der Markt bisher nicht auflöst. Auf der einen Seite steht, was heute verfügbar und bezahlbar ist. Auf der anderen steht, wie lange der Kohlenstoff gebunden bleibt und wie belastbar sich das nachweisen lässt.
Käufer entscheiden diese Frage derzeit über ihr Budget und ihren Zeithorizont, Regulierer entscheiden sie über Anerkennungsregeln. Beide kommen sichtbar zu unterschiedlichen Ergebnissen. Entschieden wird das in den Standards, die derzeit geschrieben werden.
Rund 200 Dollar je Tonne, sehr grob gerechnet
Den Wert der im zweiten Quartal getätigten Zusagen schätzt der Bericht auf 676 Millionen Dollar. Neu hinzugekommen sind 3.370 Kilotonnen, also 3,37 Millionen Tonnen, ein Plus von 84 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Teilt man das eine durch das andere, landet man überschlägig bei rund 200 Dollar je Tonne.
Diese Rechnung ist ein grober Mittelwert und keine Preisangabe. Hinter ihr verbergen sich Pfade mit sehr unterschiedlicher Kostenstruktur, von Pflanzenkohle im niedrigen dreistelligen Bereich bis zu Verfahren, die ein Vielfaches kosten. Wer aus dem Schnitt einen Marktpreis machen will, rechnet an der Realität vorbei.
Bemerkenswert bleibt die Ausstellungsseite. 193.000 Zertifikate über erfolgte CO2-Entnahme sind fast doppelt so viele wie im ersten Quartal, das Wachstum ist also da. Nur eben auf einem Niveau, das die 45,9 Millionen Tonnen an Zusagen in dieser Geschwindigkeit über Jahrzehnte strecken würde.
Für die kommenden Quartale ist deshalb weniger die Zahl der Verträge interessant als die Frage, ob die Register mitwachsen. Ein Markt für CO2-Entnahme, der sich vor allem in Absichtserklärungen misst, bleibt ein Versprechen. Klimawirkung entsteht erst mit der ausgestellten Tonne.
Häufige Fragen zur CO2-Entnahme
Wie viele CO2-Zertifikate wurden im zweiten Quartal 2026 ausgestellt?
Rund 193.000 Zertifikate für dauerhaft entnommenes CO2, verteilt über die Register Puro.earth, Isometric und Rainbow. Das ist fast doppelt so viel wie im ersten Quartal 2026. Die Zahl stammt aus dem Quartalsbericht von ClimeFi.
Was ist der Unterschied zwischen einer Zusage und einem Zertifikat?
Eine Zusage ist ein Kaufvertrag über eine Menge CO2, die künftig entnommen werden soll. Ein Zertifikat ist der von einem Register ausgestellte Nachweis über Tonnen, die tatsächlich aus der Atmosphäre entfernt und eingelagert wurden. Zusagen laufen dem Zertifikatsvolumen um ein Vielfaches voraus.
Welche Stadt hat als erste CO2-Entnahme in großem Maßstab gekauft?
Die Stadt Stockholm. Sie kaufte 750.000 Tonnen beim Energieversorger Stockholm Exergi, laut ClimeFi-Bericht der größte Einzeldeal des zweiten Quartals 2026 und die erste Beschaffung dieser Größenordnung durch einen kommunalen Käufer.
Was kostet eine Tonne dauerhaft entnommenes CO2?
Aus 676 Millionen Dollar Vertragswert und 3,37 Millionen Tonnen neuer Zusagen ergibt sich für das zweite Quartal 2026 ein überschlägiger Schnitt von rund 200 Dollar je Tonne. Das ist ein Mittelwert über sehr unterschiedliche Verfahren, kein Marktpreis. Pflanzenkohle liegt deutlich darunter, Direct Air Capture deutlich darüber.
QUELLEN
- Carbon Herald: ClimeFi Q2 2026 Report Shows New CDR Buyers Making Strides, Sasha Ranevska, 28. Juli 2026.
- ClimeFi: CDR Market Review Q2 2026, Juli 2026.