Kemfert, Höhne und Latif prüfen die WELT-Deutung des Overshoot-Reports

KLIMAPOLITIK · 15. SEPTEMBER 2026

Klimaschutz-Kosten: „Menschenleben kann man nicht mit Geld messen”

Der Overshoot-Report der UNEP hat gezeigt: Das 1,5-Grad-Ziel kann nur noch „von oben” erreicht werden. WELT-Autor Axel Bojanowski fürchtet hohe Klimaschutz-Kosten und „katastrophale Folgen”. Aber stimmt diese Deutung?


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. Lesezeit LESEN


Das UN-Umweltprogramm hat seinen Blickwinkel geändert: Bisher untersuchte es, wie die Weltgemeinschaft unter 1,5 Grad Erderhitzung bleiben kann. Doch der neue, sogenannte Overshoot-Bericht untersucht jetzt erstmals, welche Maßnahmen nötig sind, um zur Marke von 1,5-Grad zurückzukehren.

Dieser Overshoot, der über das Pariser Klimaziel hinausgeht, hat einen Preis: Denn dadurch wird jedes Zehntelgrad Erderhitzung rechnerisch zweimal erreicht. Einmal beim Anstieg und einmal auf dem Rückweg. Beim zweiten Mal, so der UNEP-Report, dürften die Schäden größer sein, weil sich vieles durch das Auslösen von Klima-Kipppunkten nicht zurückdrehen lässt: Geschmolzene Gletscher wachsen nicht nach, ausgestorbene Arten kehren nicht wieder, selbst wenn die Temperatur auf 1,5 Grad zurückkehrt.

In den Paris-konformen Szenarien übernehmen natürliche Senken einen großen Teil der Arbeit: Wälder, Böden und veränderte Landnutzung steuern rund ein Viertel der gesamten Minderung bei.

Doch Waldbrände haben die Kohlenstoffsenken an Land zuletzt so geschwächt, dass das Kohlendioxid in der Atmosphäre schneller zugenommen hat. Marine Hitzewellen und der Verlust von Ökosystemen wirken in dieselbe Richtung, und beides beschleunigt sich mit jedem Zehntelgrad.

Alle Aufforstungs- und Wiederbewaldungsprojekte der Welt zusammen holen lediglich 2,2 Milliarden Tonnen Kohlendioxid im Jahr aus der Luft. Die Menschheit stößt im selben Zeitraum rund 40 Milliarden Tonnen aus. Selbst ohne fossile Emissionen müssten diese Projekte 100 Jahre laufen, um die Erde um ein Zehntelgrad abzukühlen.

Einen starken Temperaturrückgang könne die Kohlendioxid-Entnahme insgesamt nicht liefern, hält der Bericht fest. Und die technischen Systeme wie etwa die Anlage Mammoth von Climeworks überwinden erst gerade ihre Kinderkrankheiten.

Die logische Konsequenz: Emissionen gar nicht erst entstehen zu lassen, ist ungleich billiger als sie später wieder einfangen zu müssen. Daher sollten sich Technologien wie die Direct Air Capture-Technologie darauf konzentrieren, tatsächlich unvermeidbare Emissionen zurückholen zu können. Der UNEP-Bericht zählt auf, welche Maßnahmen bei Vermeidungskosten von maximal 200 Dollar je Tonne Kohlendioxid bis 2035 bereitstehen. Das Ergebnis: 41 Milliarden Tonnen pro Jahr ließen sich vermeiden. Die Hälfte davon für weniger als 20 Dollar.

Vermeidungspotenzial bis 2035 nach Sektor, bei Kosten bis 200 Dollar je Tonne. QUELLE: UNEP Emissions Gap Report 2024, dargestellt im Overshoot-Report 2026
SektorMrd. t CO2e pro Jahr
Energie14,7
Land- und Forstwirtschaft, Landnutzung12,8
Industrie6,6
Verkehr4,8
Gebäude4,2
Sonstige2,4
Korrektur für Überlappungen-3,9
Summe41

Diese Rechnung setzt allerdings voraus, dass die Welt 2020 mit dem Handeln begonnen hätte. Weil das nicht geschah, liegt das erreichbare Potenzial heute niedriger, wie der Bericht selbst einräumt.

„Jedes Jahr mit hohen Emissionen macht es schwerer, die Überschreitung zu begrenzen”, heißt es dort. Fünf weitere Jahre mit unverändert hohen Emissionen heben den Temperatur-Höchststand um ein weiteres Zehntelgrad. Pfade mit verzögerter Minderung brauchen am Ende deutlich mehr Entnahmekapazität, um überhaupt die Rückkehr zu 1,5 Grad erreichbar zu halten.

Der August 2026 war der heißeste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen. Schon die Extremwetter-Ereignisse der jüngsten Monate machen klar, dass es kein Ziel sein kann, die Erderhitzung auf 2,6 Grad oder mehr laufen zu lassen.

Die logische Schlussfolgerung der UNEP-Experten: Die Dauer des Overshoots soll so gering und kurz wie möglich gehalten werden. Dafür ist mehr als die Halbierung der globalen Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2019 in den kommenden zehn Jahren nötig.

Müssen wir die rasche Rückkehr zu 1,5 Grad in Frage stellen?

Doch dazu gibt es Gegenrede aus dem konservativen Medienspektrum. WELT-Autor Axel Bojanowski bringt eine ganz eigene Interpretation in die Debatte. „Die katastrophalen Folgen des 1,5-Grad-Ziels” hat der Chefreporter Wissenschaft und Buchautor seinen Artikel überschrieben:

„Die globale Erwärmung werde die 1,5-Grad-Schwelle bald überschreiten, warnt ein UN-Bericht – und fordert drastische Maßnahmen, um das Ziel zu erreichen. Doch die Folgen wären schlimmer als alle Klimaschäden.”

Daraus abgeleitet, stellt Bojanowski die Grundsatzfrage:

„Wäre es eigentlich sinnvoll, möglichst rasch zu 1,5 Grad zurückzukehren?”

Eine Teilantwort ist dabei klar: Aus klimatologischer Sicht ist der Befund eindeutig, das sieht auch der WELT-Autor so. Aber der UNEP-Report dokumentiere die Kosten für die radikale Emissionsminderung zur Rückkehr zu 1,5 Grad nicht. „Ein entscheidendes Manko”, so Bojanowski. Müssen wir - dieser Logik folgend - also ein gewisses Maß an Klimaschäden achselzuckend hinnehmen, weil eine etwaige ökonomische Rechnung in der Vordergrund geschoben wird? Und, wenn ja: Stimmt diese Rechnung überhaupt?

Für Prof. Mojib Latif ist die Antwort auf die Fragestellung überdeutlich: „Menschenleben kann man nicht mit Geld messen”, schreibt der Wissenschaftler vom Kieler Geomar an Cleanthinking unter Verweis auf mehr als 16.000 Hitzetote in diesem Sommer in Deutschland.

„Was ist es wert, dass ganze Landstriche unbewohnbar sind?”, fragt Niklas Höhne vom NewClimate Institute. Die möglichen Schäden seien so gravierend, dass sie sich kaum in Geld übersetzen ließen. Das gelte auch für ein Klimasystem, das einen Kipppunkt überschreitet und in einen anderen Zustand rutscht: „Klima, das jetzt in Toronto herrscht, zukünftig vielleicht in Hamburg.”

Den Vergleich von Klimaschutz-Kosten und vermiedenen Schäden hält Höhne deshalb schon im Ansatz für schwierig.

Trotzdem erscheint es berechtigt, die klimatologische Antwort auf die Klimakrise um eine ökonomische Beurteilung zu ergänzen - was etwa Energieökonomin Prof. Claudia Kemfert seit Jahrzehnten macht. Im Sinne einer seriösen Kosten-Nutzen-Betrachtung müssten dabei vermiedene Klimaschäden ebenso berücksichtigt werden wie geringere fossile Energieimporte, Gesundheitskosten und weitere externe Kosten. „Wer nur die Transformationskosten betrachtet, bilanziert nur eine Seite der Rechnung”, so Kemfert in einer E-Mail-Antwort an Cleanthinking.de.

Was den Klimaschutz-Kosten gegenübersteht

Und genau daran scheitert das Narrativ von Bojanowski im WELT-Artikel. Seine Belege holt Bojanowski aus der Ökonomie, allen voran aus einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, die er gegen das 1,5-Grad-Ziel anführt. Vom Nobelpreisträger William Nordhaus übernimmt er die Aussage, schon das Zwei-Grad-Ziel koste mehr, als es einbringe.

Das Team um Falko Ueckerdt am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung fragt, bei welcher Temperatur die Gesamtkosten am niedrigsten liegen. Gesamtkosten heißt hier: Umbaukosten plus Klimaschäden zusammengenommen. Das Optimum findet die Studie bei 1,9 bis 2,0 Grad, also oberhalb von 1,5 Grad.

Damit stützt die Studie das Pariser Ziel, denn Paris nennt als Obergrenze „deutlich unter zwei Grad”. Genau das schreiben die Autoren auch: Dieses Ziel sei „auch ein ökonomisch optimales Ziel”. Die Studie streitet damit nicht über den Sinn des Klimaschutzes, sondern über das letzte halbe Grad. „Die Studie als Argument gegen ambitionierten Klimaschutz anzuführen, greift deshalb zu kurz”, stellt Kemfert klar.

Die zweite Arbeit stammt von Lint Barrage und William Nordhaus, erschienen 2024. Sie prüfen unter anderem ein Szenario, in dem die Temperatur 1,5 Grad zu keinem Zeitpunkt überschreiten darf. Damit das gelingt, müsste die Welt ihre Emissionen binnen fünf Jahren auf Null fahren. Dieses Szenario verwerfen die beiden Autoren selbst. Sie nennen es „infeasible”, undurchführbar, und nehmen es aus der weiteren Analyse heraus.

Auch bei Barrage/Nordhaus muss man genau hinsehen”, argumentiert Kemfert. „Die extremen Verluste des 1,5-Grad-Szenarios entstehen, weil das Modell dafür praktisch Nullemissionen innerhalb von fünf Jahren verlangen würde.” Aus einem Szenario, das die Autoren als nicht machbar aussortiert haben, allgemeine Folgen oder gar katastrophale Folgen des Klimaschutzes abzuleiten, hält die Wissenschaftlerin Kemfert für „methodisch nicht überzeugend”.

Auch beim Zwei-Grad-Ziel steht in derselben Arbeit mehr, als im WELT-Artikel zitiert wird. Barrage und Nordhaus halten fest, dass dieses Ziel den Kosten-Nutzen-Test besteht, sobald sie eine niedrigere Diskontrate oder eine andere Schadensfunktion einsetzen.

Ehrlich bilanzierte Klimaschäden relativieren die Klimaschutz-Kosten

Macht man die ökonomische Bilanz der Klimaschäden im Vergleich zu den Klimaschutz-Kosten auf, braucht es also eine ehrliche Beurteilung beider Orientierungspunkte. Neben dem, was die Wissenschaft hierzu klar dokumentiert, hilft mittlerweile auch schon der Blick zurück. So sparen erneuerbare Energien Deutschland volkswirtschaftlich jedes Jahr 18 bis 25 Milliarden Euro an Öl-, Gas- und Kohleimporten. Gleichzeitig zeigt die Forschung von Prof. Kemfert bereits eingetretene Klimaschäden von 145 Milliarden Euro alleine in den zwei Dekaden bis 2021.

Über die Größenordnung künftiger Schäden gehen die Schätzungen weit auseinander. Ein viel zitiertes Nature-Papier von Kotz, Levermann und Wenz aus dem Jahr 2024 wurde Ende 2025 zurückgezogen. Levermann weise in einem neuen Nature-Beitrag darauf hin, so Kemfert, dass ökonomische Modelle die Risiken instabiler Ozeane, Eisschilde und möglicher Kippprozesse nur unzureichend erfassen.

Neuere empirische Forschung deutet auf „erheblich größere makroökonomische Klimaschäden hin”, erläutert Kemfert. „Bilal und Känzig kommen in ihrer 2026 im Quarterly Journal of Economics erschienenen Arbeit zu Schäden, die etwa eine Größenordnung über vielen früheren Schätzungen liegen.”

Für die Behauptung, Klimaschutz koste mehr als die Schäden, die er verhindert, gebe es keine belastbare Grundlage, sagt Kemfert eindeutig. Dass sich die These vom zu teuren Klimaschutz trotzdem hält, erklärt Kemfert mit einem Wahrnehmungsproblem. Eine Windkraftanlage kostet sichtbar Geld. Der Hochwasserschaden, der dadurch ausbleibt, taucht in keiner Rechnung auf, weil er nie eintritt.

Was die Diskontrate mit fernen Schäden macht

Höhnes zweiter Einwand betrifft die Rechentechnik. Klimaschäden treten erst in Jahrzehnten ein, die Klimaschutzkosten heute. Um beides zu vergleichen, rechnen Ökonomen künftige Schäden mit der Diskontrate auf heutiges Geld um, ähnlich wie bei einem Zins, nur rückwärts.

Das Ergebnis hängt also massiv davon ab, welchen Satz man wählt. 100 Euro Schaden im Jahr 2126 sind bei einem Prozent heute 37 Euro wert, bei drei Prozent noch 5,20 Euro. Derselbe zerstörte Deich, Faktor sieben Unterschied, allein durch eine Annahme.

Selbst bei niedrigem Satz blieben ferne Schäden in solchen Rechnungen klein, sagt Höhne. „Das führt zu irreführenden Ergebnissen.” Kemfert sieht es ähnlich: Nordhaus' Klimamodell DICE bleibe eine wichtige Referenz, seine Ergebnisse hingen aber entscheidend von Diskontrate und angenommener Schadenshöhe ab. Wer die Rate festlegt, entscheidet über das Ergebnis (mehr dazu: Wie Björn Lomborg die Zukunft billig rechnet).

Rückkehr zu 1,5 Grad sollte die zentrale Ambition bleiben

Es ist zutreffend, dass der Overshoot-Report die wirtschaftlichen Kosten der Überschreitung nicht beziffert. Er will mit den herangezogenen Studien Wirkungskanäle zeigen und hält an anderer Stelle fest, dass bislang wenig Literatur den Nutzen sinkender Temperaturen bewertet. Die Wissenschaft muss hier präziser werden. Die Richtung aber steht: Rechnet man alle Kosten ein, ist präventiver Klimaschutz volkswirtschaftlich vorteilhaft, so Kemferts Auswertung von zwei Jahrzehnten Forschung.

Der Internationale Gerichtshof stufte das 1,5-Grad-Ziel 2025 als das vereinbarte primäre Temperaturziel des Pariser Abkommens ein. Die Rückkehr dahin sollte die zentrale Ambition der Weltgemeinschaft bleiben. Die UN-Generalversammlung bestätigte diese Pflicht 2026 per Resolution. Verhandelbar bleibt letztlich nur das Tempo - hier können ökonomische Blickwinkel sinnvolle Indizien liefern.

Letztlich bleibt aber klar: Je länger die Rückkehr dauert, desto mehr Schäden fallen unterwegs an und desto teurer wird der Weg.

QUELLEN

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  1. UNEP: Limiting Overshoot. Navigating exceedance of 1.5°C and pathways towards return, 09.2026.
  2. WELT: Die katastrophalen Folgen des 1,5-Grad-Ziels, 03.09.2026.
  3. Earth System Dynamics: The economically optimal warming limit of the planet, 2019.
  4. PNAS: Policies, projections, and the social cost of carbon: Results from the DICE-2023 model, 2024.
  5. Robert Koch-Institut: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, 09.2026.
  6. Prognos, GWS, IÖW im Auftrag des BMWK: Kosten durch Klimawandelfolgen in Deutschland, 03.2023.
  7. Quarterly Journal of Economics: Macroeconomic Impact of Climate Change: Global Versus Local Temperature, 2026.
  8. Claudia Kemfert, Niklas Höhne, Mojib Latif: Antworten per E-Mail an Cleanthinking, 09.2026.
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