ARKTIS · 08. SEPTEMBER 2026
Annie Spratt / UnsplashEU-Grönland-Paket: 200 Millionen Euro für Rohstoffe, Wasserkraft und ein Signal an Trump
Die EU-Kommission hat am Montag in Nuuk ein 200-Millionen-Euro-Paket für Grönland angekündigt. Es bündelt Investitionen in kritische Rohstoffe, Wasserkraft und Satellitenkonnektivität. Zugleich unterzeichneten EU, Grönland und Dänemark eine neue Gemeinsame Erklärung. Trump kommt in Nuuk nicht vor, gemeint ist er trotzdem.
Die EU-Kommission hat am Montag in Nuuk ein neues Partnerschaftspaket für Grönland vorgestellt. Das „Global Gateway Partnership Package" habe ein Volumen von 200 Millionen Euro und solle noch 2026 und 2027 investiert werden, teilte die Kommission mit. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen und Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen unterzeichneten in Nuuk eine neue Gemeinsame Erklärung zwischen EU, Grönland und Dänemark.
Grönland gehört seit dem Austritt aus der damaligen EG im Jahr 1985 nicht mehr zur Union, ist aber als Überseeisches Land und Gebiet mit ihr assoziiert. Die neue Erklärung ersetzt die von 2015 und deckt unter anderem Bildung, Infrastruktur, nachhaltige Rohstoffe, saubere Energie, digitale Konnektivität, Tourismus, Wohnen, Forschung, Fischerei und Sicherheit ab. Grönland ist pro Kopf der größte Empfänger von EU-Mitteln unter den Überseeischen Ländern und Gebieten. Für den laufenden Zeitraum 2021 bis 2027 stehen 225 Millionen Euro bereit, 90 Prozent davon für Bildung. Für 2028 bis 2034 schlägt die Kommission 530 Millionen Euro vor, mehr als das Doppelte. Hinzu kommt ein Fischereiabkommen mit 17,3 Millionen Euro jährlich, davon 3,2 Millionen für eine nachhaltige Fischereistrategie.
Rohstoffe, Wasserkraft und Satelliten im Zentrum
Ein Schwerpunkt des Pakets liegt auf kritischen Rohstoffen, die Europa für Batterien und die Energiewende braucht. Die EU wolle nachhaltige Bergbauprojekte in Grönland an die europäische Industrie anbinden, unter anderem durch technische Analysen und die Vermittlung von Investoren. Das Paket baue auf der laufenden Investition in das Molybdän-Projekt Malmbjerg in Ostgrönland auf.
Das Graphitprojekt Amitsoq des Unternehmens GreenRoc ist als Strategisches Projekt nach dem europäischen Rohstoffgesetz, dem Critical Raw Materials Act, eingestuft. Graphit dient als Anodenmaterial in Batterien, ein Rohstoff, bei dem Europa bislang nahezu vollständig von Importen abhängt, vor allem aus China.
Beim Energiesystem fördert die EU ein Programm des staatlichen Versorgers Nukissiorfiit zur Modernisierung entlegener Siedlungen durch hybride Erneuerbaren-Systeme. Viele dieser Siedlungen laufen bislang weitgehend auf Dieselgeneratoren. Geprüft werde außerdem eine Erweiterung des Wasserkraftwerks Buksefjord, das die Hauptstadt Nuuk versorgt. Anlass sei der steigende Strombedarf in Nuuk, teilte die Kommission mit.
Im digitalen Bereich unterstützt die EU ein Projekt zum Ausbau der Satellitenkonnektivität mit dem grönländischen Telekomanbieter Tusass. Über fünf Jahre sollen die Kapazitäten europäischer Satellitenanbieter erweitert werden, aufbauend auf laufender EU-Förderung für die Westküste. Parallel prüfe die Kommission, ob sich Rechenzentren in Grönland wirtschaftlich betreiben ließen. Der Rest der Mittel fließe in die Vorbereitung von Programmen für nachhaltigen Tourismus und für den Wohnungsbau, dessen Bestand in Grönland vielerorts veraltet ist.
„Grönland kann sich auf die EU verlassen", sagte von der Leyen laut Mitteilung der Kommission in Nuuk.
EU-Kommissar für internationale Partnerschaften Jozef Síkela erklärte, die Partnerschaft solle den Alltag der Menschen in Grönland verbessern, etwa durch bessere Internetverbindungen und verlässlichere, saubere Energie. Zugleich stärke die EU über Global Gateway ihre eigene Resilienz und vertiefe die wirtschaftlichen Beziehungen zu Grönland, sagte er laut Kommission.
Politisches Signal ohne Namensnennung
Von der Leyen sprach in Nuuk von „enormem Druck", ohne US-Präsident Donald Trump beim Namen zu nennen. Wörtlich sagte sie laut Euronews:
„Grönlands Zukunft entscheiden die Menschen in Grönland und Dänemark. Niemand sonst."
Sie nannte territoriale Integrität, Souveränität und die Unverletzlichkeit von Grenzen als grundlegende Prinzipien des Völkerrechts. Die Arktis sei zu einem Ort geworden, an dem geopolitische Interessen aufeinandertreffen, sagte von der Leyen laut Euronews. Die EU habe dort ein direktes eigenes Interesse. Nielsen erklärte, Grönland brauche die EU und die EU brauche Grönland. Frederiksen dankte der Kommissionspräsidentin für ihre klare Haltung in den vergangenen Jahren.
Trump hatte im Januar 2026 mit hohen Zöllen gegen Dänemark gedroht, um eine Abgabe Grönlands zu erzwingen, ruderte nach internationalem Gegenwind aber zurück. Sein Argument: Das NATO-Mitglied Dänemark könne die Insel nicht verteidigen. Im Juli bekräftigte er den Anspruch beim NATO-Gipfel in der Türkei. Im August erklärte er, Grönland werde noch vor Ende seiner Amtszeit unter amerikanischer Kontrolle stehen. Als Grund nannte er unter anderem die Rohstoffvorkommen der Insel, sagte der New York Times aber auch, es gehe letztlich um Eigentum. Verbündeten wirft er vor, zu wenig in die Region zu investieren.
Das neue Paket lässt sich als Antwort auf genau diesen Vorwurf lesen: Die EU beantwortet ihn mit konkreten Projekten statt mit Worten. Über den Critical Raw Materials Act bindet sie Grönlands Vorkommen an Graphit und Molybdän an die eigene Wertschöpfung, also an den Hebel, den Trump selbst als Motiv nennt. Der Besuch fällt zudem in eine Phase, in der die NATO-Übung „Arctic Shield" mit Soldaten aus zehn Ländern beginnt und die Kommission ihre Arktis-Strategie überarbeitet. Dass die Arktis zum Machtschauplatz wird, an dem sich ein Präsident, der den Klimawandel für einen Schwindel hält, brennend für ein auftauendes Meer interessiert, hat der britische Ex-Diplomat Arthur Snell in seinem Buch beschrieben, Cleanthinking hat es rezensiert.
Lesetipp: Robert Habecks „Arctic Meltdown. Die Neuvermessung der Welt„ erscheint am 1. Oktober 2026 bei Kiepenheuer & Witsch und nimmt auf 416 Seiten genau diesen Schauplatz auseinander: den amerikanischen Anspruch auf Grönland, Russlands Rückkehr in die Arktis, Chinas „Polare Seidenstraße“. Cleanthinking bespricht das Buch zum Erscheinen.
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Arctic Meltdown: Die Neuvermessung der Welt |
26,00 EUR |
Grönlands Rohstoffreichtum bleibt ungehoben
Grönland verfügt über 25 der 34 Rohstoffe, die Brüssel als kritisch einstuft, meldete Euronews unter Berufung auf EU-Angaben. China dominiert den globalen Sektor für Seltene Erden und andere kritische Rohstoffe, die EU bleibt von Pekings Exportkontrollen abhängig.
Der Bergbau in Grönland liegt bislang weit unter seinem Potenzial. Harte glaziale Bedingungen und hohe Kosten schrecken Investoren ab. An dieser Lücke setzt das neue EU-Paket an, mit technischer Unterstützung und Investor-Matchmaking für einzelne Projekte wie Malmbjerg und Amitsoq. Ob das reicht, um den Rückstand zum dominierenden chinesischen Markt aufzuholen, bleibt offen.
QUELLEN
- Europäische Kommission: EU and Greenland strengthen partnership and engagement, backed by €200 million in EU investment, Pressemitteilung, Nuuk, 07.09.2026.
- Europäische Kommission: Joint Declaration between the European Union, Greenland and Denmark, 07.09.2026.
- Euronews: Von der Leyen tries to counter Trump with €200 million investment in Greenland, 07.09.2026.
- Tagesspiegel/Reuters: Als Antwort auf Trumps Annexionspläne: EU will Investitionen in Grönland deutlich ausweiten, 07.09.2026.
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