Wie Björn Lomborg die Zukunft billig rechnet

KLIMAPOLITIK · 26. AUGUST 2026

Björn Lomborg und die Kunst, die Zukunft billig zu rechnen

Der Däne Björn Lomborg erklärt im Wall Street Journal, die Welt brenne weniger. Die BILD-Zeitung greift die These auf. Bei genauerer Analyse wird klar: Die Zahlen Lomborgs stimmen weitgehend - die Schlussfolgerung nicht. Sieben Kritikpunkte an einer Rechnung, die die Zukunft billig macht.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 17 Min. Lesezeit LESEN


Björn Lomborgs These in Kürze
  • Die weltweit verbrannte Fläche lag bis zum 19. August 41 Prozent unter dem Normalwert, global auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Satellitenmessung 2001 und wahrscheinlich seit 1900.
  • Alle Kontinente lägen unter ihrem Durchschnitt, Afrika, Nord- und Südamerika auf Rekordtiefstand.
  • Der Klimawandel verschärfe die Feuerbedingungen, sei aber nicht der entscheidende Faktor. Über das Brennen entschieden Landnutzung, Brennstoffmenge und Löschwesen.
  • Emissionsminderung sei ein ineffektives Mittel gegen Brände. Selbst Netto-Null der reichen Welt bis 2050 verändere die Temperatur bis 2100 um weniger als 0,2 Grad Fahrenheit.
  • Wirksam seien Anpassung und Vorsorge: bessere Forstwirtschaft, kontrollierte Brände, Bauvorschriften und Bebauungsplanung, dazu Forschungsförderung statt Ausbauprogramme.
Kritikpunkte an Björn Lomborg
  • Falsches Etikett: Der Rückgang der verbrannten Fläche stammt aus afrikanischen Savannen. Die Emissionen außertropischer Waldbrände steigen.
  • Aggregationstrick: Der Satz, alle Kontinente lägen unter dem Durchschnitt, funktioniert nur, weil Russland drei Viertel des europäischen Werts stellt. In der EU war 2026 das zweitschwerste Waldbrandjahr seit Erhebungsbeginn.
  • Zwei Belege tragen nicht: Die zitierte Lancet-Studie bezeichnet Feuerrauch als wachsenden Risikofaktor. Die kanadische 182-Hektar-Zahl misst Pflanzflächenvorbereitung, nicht Brandschutz.
  • Der Zinssatz entscheidet: Die Kosten-Nutzen-Rechnung hängt an der Diskontrate. In der Oxforder Vergleichsrechnung machen 3,6 Prozentpunkte Zinsdifferenz sieben Billionen Dollar aus.
  • Forschung statt Ausbau zerstört die Lernkurve: 2.905 Modellprognosen zum Solarpreis lagen daneben, alle in dieselbe Richtung. Technologien ohne Massenmarkt verbilligen sich nicht, siehe CCS.
  • Falsche Maßeinheit: Die Grafik zur ausbleibenden Energiewende misst Primärenergie und zählt damit die Verluste des fossilen Systems als dessen Leistung.
  • Anpassung endet physikalisch: Der IPCC weist harte Anpassungsgrenzen aus, gemessene Hitzetoleranzschwellen liegen niedriger als lange angenommen.

Am 12. August erschien im Wall Street Journal ein Text von Björn Lomborg mit der Überschrift, die Welt stehe nicht in Flammen. Vierzehn Tage später übernahm BILD die Kernaussagen. Bis zum 19. August habe die weltweit verbrannte Fläche 41 Prozent unter dem Normalwert gelegen, alle Kontinente darunter, Afrika, Nord- und Südamerika auf Rekordtiefstand.

Screenshot des Wall-Street-Journal-Kommentars von Björn Lomborg vom 12. August 2026
Der Ausgangstext: Lomborgs Kommentar im Wall Street Journal vom 12. August 2026.

Diese Zahlen sind im Kern korrekt. Sie stammen vom Satellitensystem Copernicus, und der langfristige Rückgang der global verbrannten Fläche ist unter Feuerforschern unstrittig. Wer Lomborg über die Zahlen angreift, verliert.

Interessant wird es eine Ebene darunter. Lomborgs Text ist keine Feuerstatistik, sondern eine ökonomische Argumentation mit Feuerstatistik als Vehikel. Er endet bei der Forderung, Emissionsminderung durch Anpassung und Forschung zu ersetzen. Sie ruht auf zwei Annahmen, die der Text nicht ausspricht, weil der Schluss sonst nicht mehr trüge: dass die Zukunft wenig zählt, und dass Technologien im Labor billig werden.

Wer hier eigentlich spricht

Björn Lomborg, Präsident des Thinktanks Copenhagen Consensus
Björn Lomborg, Präsident des Copenhagen Consensus und Gastwissenschaftler an der Hoover Institution. Foto: R. Mathiasson

Deutsche Medien führen Björn Lomborg meist als Klima-Ökonomen. Das ist er formal nicht. Er hat 1994 in Kopenhagen in Politikwissenschaft promoviert, lehrte bis 2005 Statistik in Aarhus und war anschließend adjungierter Professor an der Copenhagen Business School. Heute leitet er den Thinktank Copenhagen Consensus und ist Gastwissenschaftler an der Hoover Institution in Stanford. Ökonomie hat er nicht studiert, Klimawissenschaft nicht betrieben.

Er ist damit kein Wissenschaftler, der ein Fachurteil beisteuert, sondern ein Autor, der Ergebnisse anderer neu gewichtet. Das dänische Komitee für wissenschaftliche Unredlichkeit befand 2003, sein Buch Apocalypse No stelle wissenschaftliche Befunde falsch dar, sprach ihn persönlich aber mangels Fachkenntnis frei. Das Wissenschaftsministerium hob den Beschluss Ende 2003 wegen Verfahrensfehlern auf, das Komitee verfolgte die Sache nicht weiter. Eine inhaltliche Entlastung war das nicht, ein bestehendes Urteil ist es ebenso wenig.

Der Unterschied zu Klimaskeptikern wie Fritz Vahrenholt ist real und für die Auseinandersetzung wichtig: Lomborg bestreitet die Physik nicht. Er verlagert den Streit auf die Ebene der Prioritäten, wo er schwerer zu widerlegen ist, weil dort Annahmen und keine Messwerte verhandelt werden. In der Fachdebatte heißt diese Position Lukewarmer, in der politischen Wirkung ist sie Verzögerung. Widerlegen lässt sie sich nur dort, wo die Annahmen offenliegen.

Savannen sind keine Wälder

Zunächst zum handwerklichen Teil. Der Rückgang der verbrannten Fläche entsteht fast vollständig in Savannen und Grasland, vor allem in Afrika, wo Ackerbau, Straßen und Zäune die Feuerlandschaft zerschneiden. Waldbrände sind darin ein kleiner Posten mit gegenläufigem Vorzeichen: Die Kohlenstoffemissionen außertropischer Waldbrände steigen seit Jahrzehnten, wie eine Arbeitsgruppe um Bo Zheng 2021 in Science Advances gezeigt hat.

Auch der Satz, alle Kontinente lägen unter dem Durchschnitt, hält der Prüfung nicht stand. Das Europa der zitierten Datenbank enthält Russland, das rund drei Viertel der Fläche stellt und 2026 unterdurchschnittlich brannte. Rechnet man nur die EU und filtert auf Waldbrände, wie es das europäische System EFFIS tut, waren es Ende Juli knapp 435.000 Hektar, der zweithöchste Wert nach 2022. Frankreich verzeichnete einen modernen Rekord, Spanien eines der schwersten Jahre seit Beginn der Erhebung. Carbon Brief hat genau diese Behauptung Ende Juli auseinandergenommen.

Der aktuelle Copernicus-Bericht State of Wildfires zeigt beides gleichzeitig: global 18 Prozent unter dem Mittel der Jahre 2002 bis 2024, und zugleich Kanada im dritten Extremjahr in Folge mit fast dreifachem Feuerkohlenstoff gegenüber 2002, 35 Tote in Europa, 4,11 Milliarden Dollar an exponierten Sachwerten. Für den kanadischen Schild weist der Bericht extremes Feuerwetter als durch den Klimawandel doppelt so wahrscheinlich aus.

Zwei weitere Belege im WSJ-Text tragen nicht. Die Zahl zu den Rauchtoten stammt aus einer Lancet-Studie von Rongbin Xu, die 1,53 Millionen Todesfälle pro Jahr durch Feuerrauch ausweist. Die Studie beschreibt Feuerrauch ausdrücklich als „zunehmenden Risikofaktor der globalen Sterblichkeit" und nennt den Klimawandel als Treiber. Kardiovaskuläre Todesfälle stiegen um 1,67 Prozent pro Jahr. Die sinkende Rate ist ein Nennereffekt der wachsenden Weltbevölkerung.

Und die vielzitierte Zahl, Kanada habe die kontrolliert gebrannte Fläche von 35.000 auf 182 Hektar reduziert, misst etwas anderes, als sie soll. Sie stammt aus der Tabelle zur Pflanzflächenvorbereitung der National Forestry Database, die in einer Fußnote festhält, dass Brennen zur Gefahrenreduktion darin ausdrücklich nicht enthalten ist. British Columbia allein behandelte 2024 rund 3.413 Hektar mit geplantem und kulturellem Feuer.

Dass Kanada zu wenig kontrolliert brennt, stimmt trotzdem. Nur belegt diese Zahl es nicht.

Screenshot der BILD-Schlagzeile Die Welt brennt weniger, nicht mehr
Vierzehn Tage später in Deutschland: Aus der Kolumne wird eine Schlagzeile über Waldbrände. Screenshot: bild.de

BILD ruft als zweiten Zeugen Axel Bojanowski auf, Chefreporter Wissenschaft bei WELT. Seine Erklärung des globalen Rückgangs trifft zu: veränderte Landnutzung, schnellere Feuerwehren, weniger Rodungsfeuer. Sein Zusatz aber, die betroffene Fläche werde in Deutschland seit Langem kleiner, gilt nur im Vergleich mit den 1970er Jahren. Das Umweltbundesamt führt 2018, 2019 und 2022 als deutliche Ausschläge nach oben und erwartet für die kommenden Jahrzehnte steigende Waldbrandgefahr.

Eine Quelle korrekt zu zitieren und ihren entscheidenden Satz wegzulassen, ist bei Bojanowski ein wiederkehrendes Muster. Cleanthinking hat es vor wenigen Tagen an seiner Darstellung des Rhein-Niedrigwassers gezeigt, wo er eine Attributionsstudie gegen den Klimabezug ins Feld führte, deren Kernbefund zur Verdunstung er nicht erwähnte.

Das Verfahren ist nicht neu. Im Oktober 2008 schrieb Lomborg im Guardian, der Meeresspiegel sei „in den vergangenen zwei Jahren überhaupt nicht gestiegen", er zeige sogar einen leichten Rückgang, und fragte, ob das nicht als gute Nachricht gelten müsse. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat den Satz aufbewahrt und daneben die Satellitenreihe seit 1992 gelegt. Die zwei Jahre waren eine Delle in einer steigenden Kurve. Der Meeresspiegel stieg weiter.

Damals waren es 24 Monate Meeresspiegel, heute ist es ein Stichtag im August. Die Methode ist dieselbe: ein kurzer Ausschnitt aus einer langen Reihe, korrekt gemessen und falsch gerahmt.

Der Zinssatz entscheidet, nicht die Physik

Damit zur ersten unausgesprochenen Annahme. Björn Lomborg leugnet den Klimawandel nicht. Er rechnet ihn. Seine Zahlen stammen aus dem Modell DICE des Ökonomen William Nordhaus, konkret aus der Version von 2016, deren berühmtes Ergebnis eine ökonomisch optimale Erwärmung von rund 3,5 Grad ist. Dieses Ergebnis hängt an einer einzigen Stellschraube: der Diskontrate, also der Frage, wie viel ein Schaden im Jahr 2100 heute wert ist.

Wie stark dieser Hebel wirkt, lässt sich an einer Studie zeigen, die Lomborgs Schlussfolgerung widerspricht, aber dieselbe Mechanik offenlegt. Ein Team um Rupert Way und Doyne Farmer von der Universität Oxford berechnete 2022 im Fachjournal Joule den Kostenvorteil einer schnellen Energiewende gegenüber dem fossilen Pfad. Bei einer Diskontrate von 1,4 Prozent, wie sie der Stern-Report empfiehlt, beträgt der Barwert rund 12 Billionen Dollar. Bei 5 Prozent sind es noch etwa 5 Billionen.

Gleicher Datensatz, gleiche Physik, gleiche Technologiekosten. Sieben Billionen Dollar Unterschied, allein durch eine ethische Setzung darüber, wie viel künftige Generationen zählen. Diese Setzung ist keine empirische Feststellung. Bei Lomborg erscheint sie als Rechenergebnis. Wer die Rate hoch genug ansetzt, kann jede Investition in die Zukunft unwirtschaftlich rechnen, unabhängig davon, was in dieser Zukunft passiert. Wie politisch dieser Parameter ist, hat die zweite Trump-Administration vorgeführt, als sie die sozialen Kosten von Kohlenstoff per Dekret auf nahe null setzte.

Hinzu kommt die Schadensfunktion. DICE beschreibt Klimaschäden als glatte Kurve ohne Kipppunkte, ohne Migration, ohne Konflikt. Eine Erwärmung von vier Grad kostet in diesem Modell rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Team um Martin Hänsel zeigte bereits 2020 in Nature Climate Change, dass DICE mit aktualisierter Schadensfunktion und Klimasensitivität Ergebnisse liefert, die mit dem Zwei-Grad-Ziel vereinbar sind. Lomborgs optimale Erwärmung war damit veraltet, bevor sie in den deutschen Boulevard einzog.

Forschung erfindet, Massenfertigung verbilligt

Die zweite Annahme ist folgenreicher. Lomborg will Forschungsausgaben statt Ausbau, rund 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Entwicklung grüner Technologien statt Subventionen für ihren Einsatz. Das klingt nach Effizienz und beschreibt einen Mechanismus, den es so nicht gibt.

Technologien werden billiger, wenn ihre kumulierte Produktion wächst. Das ist die Erfahrungskurve, in der Ökonomie als Wright'sches Gesetz bekannt. Für Photovoltaikmodule beziffert das Fraunhofer ISE die Lernrate über 45 Jahre auf 26,7 Prozent je Verdopplung der produzierten Menge. Für Lithium-Ionen-Zellen ermittelten Micah Ziegler und Jessika Trancik am MIT 20 Prozent, bei zylindrischen Zellen 24 Prozent. Der reale Preis dieser Zellen ist seit ihrer Markteinführung 1991 um rund 97 Prozent gefallen.

Die Zuordnung ist dabei ehrlicher, als es die Kurzfassung nahelegt. Eine Zerlegung von Goksin Kavlak und Kollegen für den Zeitraum 1980 bis 2012 schreibt der Forschung den größten Einzelbeitrag zur Verbilligung von Solarmodulen zu. Für die Jahre ab 2001 kippt das Bild: Dort trägt allein die Fabrikgröße knapp 40 Prozent. Forschung erzeugt die Option. Erst der millionenfache Einsatz macht sie bezahlbar. Beide Phasen brauchen einander, und die Politik, die Lomborg vorschlägt, würde die zweite verhindern.

Wie zuverlässig dieser Mechanismus übersehen wird, zeigt eine Zahl aus der Oxforder Studie. Neun Modellteams gaben im Vergleichsprojekt AMPERE insgesamt 2.905 Prognosen darüber ab, wie schnell die Investitionskosten für Solarstrom zwischen 2010 und 2020 sinken würden. Der Mittelwert lag bei 2,6 Prozent pro Jahr, keine einzige Prognose über 6 Prozent. Tatsächlich fielen die Kosten um 15 Prozent pro Jahr. Alle 2.905 lagen daneben, und zwar in dieselbe Richtung.

Die Gegenprobe liefert dieselbe Studie. Über die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid schreiben die Autoren, die Kosten seien in fünfzig Jahren kommerzieller Geschichte „überhaupt nicht gesunken". CCS hat Forschungsgelder in Milliardenhöhe erhalten und keinen Massenmarkt. Für Kernkraft schätzen dieselben Autoren den Erfahrungsparameter negativ, die Kosten steigen also mit der Erfahrung. Technologien ohne Skalierung haben keine Lernkurve, sondern Förderbescheide.

Das Ergebnis dieser Kurven steht in den Kostenstatistiken. Solarstrom lag 2024 laut IRENA global bei 4,3 US-Cent je Kilowattstunde und damit 41 Prozent unter der günstigsten fossilen Alternative, Onshore-Wind bei 3,4 Cent. Batteriepacks kosteten Ende 2025 im Mittel 108 Dollar je Kilowattstunde, stationäre Speicher 70 Dollar. Was das für die vermeintliche Grundlastfrage bedeutet, hat Cleanthinking in der Analyse zu Solar plus Speicher aufgeschrieben.

Bleibt die Frage, warum von dieser Verbilligung in Lomborgs Schaubildern nichts zu sehen ist. Im April 2026 verbreitete er eine Kurve unter dem Titel No Energy Transition, derzufolge fossile Energie weiterhin 87 Prozent der globalen Primärenergie stellt. Die Antwort steckt in der Maßeinheit.

Mark Jacobson von der Stanford University hat den Mechanismus offengelegt. Ein Joule Wind- oder Solarstrom ersetzt rund drei Joule fossiler Primärenergie, weil im Wärmekraftwerk zwei Drittel als Abwärme entweichen. Weitere zwölf Prozent des fossilen Verbrauchs gehen für Förderung, Transport und Raffination der Brennstoffe selbst drauf und entfallen mit ihnen. Elektroautos und Wärmepumpen brauchen für dieselbe Leistung jeweils rund drei Viertel weniger Energie.

Wer Primärenergie auf die Achse legt, misst die Verluste des alten Systems mit und lässt die Wende kleiner aussehen, als sie ist. Cleanthinking hat diesen Rechenfehler bereits am Primärenergie-Trugschluss vorgeführt. Die aussagekräftige Größe ist die Nutzenergie, also das, was am Ende als Bewegung, Wärme oder Licht ankommt.

Wer das schlimmste Szenario gestrichen hat

Damit lässt sich die Frage stellen, die Lomborgs Argumentation aushebelt. Vor gut zehn Jahren galt das Szenario RCP8.5 als plausible Fortschreibung ohne zusätzliche Klimapolitik. Es unterstellte eine Verfünffachung der weltweiten Kohlenutzung bis 2100. Heute stuft der IPCC in seinem sechsten Sachstandsbericht die Wahrscheinlichkeit dieses Pfads angesichts der Entwicklung im Energiesektor ausdrücklich als gering ein.

Zeke Hausfather und Glen Peters haben diesen Befund 2020 in Nature angestoßen. In einer aktuellen Übersicht beziffert Hausfather die mittlere Erwärmungserwartung für das Jahr 2100 auf 2,7 Grad. Der Climate Action Tracker sah für die damalige Politik im Jahr 2015 noch 3,6 Grad, im November 2025 waren es 2,6 Grad. Der UNEP Emissions Gap Report nennt für die aktuelle Politik bis zu 2,8 Grad.

Diese Verschiebung um rund ein Grad ist die größte gute Nachricht der vergangenen Dekade. Sie ist nicht durch Forschungsprogramme entstanden, nicht durch Anpassung und nicht durch bessere Diskontraten. Sie ist entstanden, weil Erneuerbare gebaut wurden. 2024 entfielen 92,5 Prozent des weltweiten Kapazitätszubaus auf Erneuerbare, allein 452 Gigawatt auf Photovoltaik. Wer diesen Ausbau als ineffiziente Subvention einstuft, streicht rückwirkend die Ursache der Entwarnung, auf die er sich beruft.

Ein zweiter Vorbehalt gehört dazu. Der IPCC weist darauf hin, dass die Konzentrationen des Hochemissionspfads auch über niedrigere Emissionen erreicht werden könnten, weil die Rückkopplungen im Kohlenstoffkreislauf stärker ausfallen können als angenommen. Ein unwahrscheinliches Emissionsszenario ist nicht dasselbe wie ein unwahrscheinliches Klimaergebnis. Die Disruption der fossilen Geschäftsmodelle, die Cleanthinking seit Jahren an der Dampfschiff-Analogie beschreibt, ist ein Grund für Zuversicht, keine Versicherung.

Anpassung hat eine physikalische Obergrenze

Bleibt der Kern von Lomborgs Vorschlag: Anpassung statt Minderung. Bessere Forstwirtschaft, kontrollierte Brände, Bauvorschriften, klügere Bebauungspläne. All das ist sinnvoll, unterfinanziert und in der Fachliteratur unstrittig. Als Ersatz für Emissionsminderung funktioniert es nur unter einer Bedingung: dass Anpassung keine Grenze kennt.

Sie kennt eine. Der zweite Teil des sechsten IPCC-Sachstandsberichts unterscheidet zwischen weichen Grenzen, an denen Optionen theoretisch existieren, aber nicht verfügbar sind, und harten Grenzen, an denen keine Anpassungshandlung mehr möglich ist. Harte Grenzen sind in einigen Ökosystemen bereits erreicht. Für Maßnahmen gegen Hitzestress hält der Bericht fest, dass sie ab 1,5 Grad regional an weiche und harte Grenzen stoßen. Ab drei Grad projiziert er harte Grenzen für Teile des europäischen Wassermanagements.

Wie diese Grenze aussieht, hat eine Gruppe um Daniel Vecellio an der Pennsylvania State University im Labor vermessen. Die lange zitierte Feuchtkugeltemperatur von 35 Grad, oberhalb derer der Mensch seine Körpertemperatur nicht mehr durch Schwitzen regulieren kann, erwies sich als zu optimistisch. Bei realen, jungen und gesunden Probanden lag die kritische Schwelle in feuchter Hitze im Mittel bei 30,6 Grad, in trockener Hitze niedriger. Ältere Menschen erreichen sie noch früher.

Mit diesen gemessenen statt angenommenen Schwellen rechnete dieselbe Gruppe 2023 in den Proceedings of the National Academy of Sciences durch, wie viele Menschenstunden künftig oberhalb der Grenze liegen. Bei 1,5 Grad sind es rund 44 Milliarden, bei zwei Grad 86 Milliarden, bei drei Grad rund 350 Milliarden. Die Autoren schreiben, eine Begrenzung auf unter zwei Grad beseitige das Risiko großflächiger unkompensierbarer Feuchthitze nahezu, während bei drei Grad „ein scharfer Anstieg der Exposition" eintrete.

Erwärmung Personenstunden über der Hitzeschwelle Betroffene Regionen
1,5 Grad44 Mrd.Naher Osten, Industal
2,0 Grad86 Mrd.zusätzlich Ostchina, Subsahara-Afrika
3,0 Grad350 Mrd.zusätzlich US-Mittelwesten
4,0 Grad1.080 Mrd.global ausgeweitet

Quelle: Vecellio, Kong, Kenney und Huber, PNAS 2023, auf Basis empirisch gemessener Toleranzschwellen und der Bevölkerungsverteilung 2050.

Dazu kommt die Klimanische. Ein Team um Timothy Lenton von der Universität Exeter zeigte 2023 in Nature Sustainability, dass die Menschheit historisch in einem schmalen Temperaturband siedelt. Bei 2,7 Grad Erwärmung läge etwa ein Drittel der Weltbevölkerung außerhalb dieser Nische, bei 1,5 Grad rund fünf Prozent. Jedes Zehntelgrad entspricht etwa 140 Millionen Menschen. Anpassung an ein Klima, das der Mensch als Art nie erlebt hat, ist kein Ingenieursproblem mit unbekannter Lösung. Für Teile dieser Zonen gibt es keine.

Lomborgs Antwort auf diesen Einwand lautet Wohlstand. Reiche Gesellschaften seien widerstandsfähiger, deshalb solle Entwicklung Vorrang vor Emissionsminderung haben, notfalls auf fossiler Grundlage. Diese Reihenfolge unterstellt, dass die Elektrifizierung armer Regionen fossil billiger zu haben wäre. Sie ist es nicht mehr. Dezentrale Photovoltaik mit Speicher ist in Regionen ohne belastbares Netz die günstigste verfügbare Option, wie sich am indischen Ausbautempo ablesen lässt.

Es sei „als ob saubere, dezentrale erneuerbare Energie die Armen bedrohen würde", hielt Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dem Dänen bereits 2020 entgegen. Fossile Energie braucht Infrastruktur, Importe und Devisen. Ein Solarmodul mit Batterie braucht ein Dach. Wer Entwicklung will, hat heute die Wahl zwischen einer Technologie mit sinkender Kostenkurve und einer mit Weltmarktpreis.

Björn Lomborg und die Diskontrate

Björn Lomborg arbeitet nicht mit falschen Zahlen. Er arbeitet mit korrekten Zahlen in Rahmen, die zuverlässig in eine Richtung zeigen: ein Ausschnitt statt der Reihe, eine Diskontrate, die über das Ergebnis entscheidet, eine Maßeinheit, die die Verluste des alten Systems mitzählt. Jede einzelne Entscheidung ist verteidigbar. Ihre Summe ist es nicht.

Für die deutsche Debatte ist das relevant, weil sein Text hier nicht als ökonomischer Diskussionsbeitrag ankommt, sondern als Entwarnung. BILD hat aus einer Kolumne über Savannenbrände eine Schlagzeile über Waldbrände gemacht und Axel Bojanowski als Zeugen aufgerufen. Was bei Lomborg noch eine Kosten-Nutzen-Behauptung ist, wird zwei Übersetzungen später zum Argument gegen die Wärmepumpe.

Die Antwort darauf ist keine Gegenpanik. Sie ist die Beobachtung, dass die Welt heute auf 2,6 statt 3,6 Grad zusteuert, weil Solarmodule und Batterien in Größenordnungen gebaut wurden, die kein Modell vorhergesehen hat. Der Weg dorthin hat sich als billiger erwiesen als das Nichtstun, mit dem er verglichen wurde. Lomborg rechnet gegen eine Technologie von 2026 mit den Preisen von 2010.

QUELLEN

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  1. Wall Street Journal: Despite What You’ve Heard, the World Isn’t on Fire, 12.08.2026.
  2. Carbon Brief: Factcheck: No, Europe is not having its 'quietest' year for wildfires, 30.07.2026.
  3. Earth System Science Data: State of Wildfires 2025-2026, 2026.
  4. Science Advances: Increasing forest fire emissions despite the decline in global burned area, 2021.
  5. The Lancet: Global mortality burden attributable to air pollution from landscape fires, 28.11.2024.
  6. Joule: Empirically grounded technology forecasts and the energy transition, 21.09.2022.
  7. Energy Policy: Evaluating the causes of cost reduction in photovoltaic modules, 2018.
  8. Energy & Environmental Science: Re-examining rates of lithium-ion battery technology improvement and cost decline, 2021.
  9. IRENA: Renewable Power Generation Costs in 2024, Juli 2025.
  10. BloombergNEF: Lithium-Ion Battery Pack Prices Fall to 108 Dollar per Kilowatt-Hour, 09.12.2025.
  11. IPCC: AR6 Working Group II, Summary for Policymakers, 2022.
  12. PNAS: Greatly enhanced risk to humans as a consequence of empirically determined lower moist heat stress tolerance, 2023.
  13. Nature Sustainability: Quantifying the human cost of global warming, 2023.
  14. Dialogues on Climate Change: An assessment of current policy scenarios over the 21st century, 2025.
  15. Climate Action Tracker: Warming Projections Global Update, 13.11.2025.
  16. RealClimate: Bjorn Lomborg, just a scientist with a different opinion?, 31.08.2015.
  17. Grantham Research Institute: A closer examination of the fantastical numbers in Bjorn Lomborg's new book, 2020.

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