Wie Bojanowski seine eigene Legende strickt

KLIMAPOLITIK · 21. AUGUST 2026

Klimakrisen-Niedrigwasser: Wie Bojanowski seine eigene Legende strickt

Axel Bojanowski, Chefreporter Wissenschaft der WELT, erklärt den Klimabezug des Rhein-Niedrigwassers zur Legende und attackiert dabei Energieökonomin Claudia Kemfert, obwohl sie dazu gar nichts gesagt hat. Seine eigene Hauptquelle widerspricht ihm beim entscheidenden Punkt vom Klimakrisen-Niedrigwasser: der Verdunstung.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN


Der Rhein führt im Sommer 2026 so wenig Wasser wie selten zuvor. Am Pegel Kaub fielen die Stände auf einstellige Zentimeterwerte, Binnenschiffe fahren mit einem Bruchteil ihrer Ladung, die Chemie- und Stahlindustrie rechnet die Ausfälle zusammen. Die Debatte über Rhein-Niedrigwasser und Klimawandel ist zurück, befeuert auch durch den seit 34 Jahren angekündigten Felsabtrag am Pegel Kaub.

In diese Lage hinein veröffentlicht Axel Bojanowski, Chefreporter Wissenschaft bei der WELT, einen Meinungsbeitrag mit der Überschrift „Die Legende vom Klimakrisen-Niedrigwasser". Politiker, Medien und Lobbyisten verbreiteten eine eingängige, aber falsche Erzählung, schreibt er. Als Belege reiht er auf: den NRW-Umweltminister Oliver Krischer, eine Greenpeace-Aktion im trockenen Flussbett, einen Fehler des Spiegel und ein ZDF-Interview mit der Energieökonomin Claudia Kemfert.

Die Legende vom Klimakrisen-Niedrigwasser - ins Spiel gebracht von Axel Bojanowski

Aus diesen vier Fäden strickt Bojanowski seine Gegenerzählung. Einer davon reißt sofort: Kemfert hat zur Frage, ob der Klimawandel das aktuelle Niedrigwasser verursacht hat, in dem zitierten Interview kein Wort gesagt.

Klimakrisen-Niedrigwasser? Was Kemfert wirklich gesagt hat

Der Rhein ist die zentrale Lebensader für die deutsche Industrie", sagte Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), am 6. August im ZDF. Sie sprach über die wirtschaftlichen Folgen niedriger Pegel: Das Niedrigwasser von 2018 kostete die Volkswirtschaft rund 2,4 Milliarden Euro, eine unabhängig belegte Zahl.

Jeder Euro, den wir heute bezahlen für Klimaschutz, hat einen erheblichen Nutzen vom 1,8 bis sogar 4,8-Fachen", so Kemfert weiter. Dazu nannte sie eine DIW-Studie unter ihrer Leitung: 145 Milliarden Euro Klimaschäden in Deutschland zwischen 2000 und 2021. Konkrete, benannte, überprüfbare Zahlen aus ihrem Fachgebiet.

Bei Bojanowski wird daraus ein Interview „über Klimaschäden und angebliche Vorteile zusätzlicher Klimaschutzinvestitionen„. Welche Zahl das Wort „angeblich“ bestreiten soll, sagt er nicht. Er nennt sie nicht einmal. Die Ökonomin, die über Industriekosten spricht, landet in derselben Aufzählung wie ein Greenpeace-Schild im Flussbett.

Das hat System. Es ist binnen weniger Wochen der zweite Anlauf aus der WELT-Redaktion gegen das DIW: Im Juni musste sich WELT-Redakteur Daniel Wetzel beim Thema Dunkelflaute von einem DIW-Forscher einen Rechenfehler nachweisen lassen, auch damals stand Kemferts Institut im Zentrum der Kritik. Wer eine Wissenschaftlerin immer wieder angreift, unabhängig davon, was sie konkret gesagt hat, betreibt keine Sachkritik mehr. Das ist Feindbildpflege, ein Baustein im Kulturkampf, den Teile der WELT-Redaktion gegen die Energiewende-Forschung führen.

Die eigene Quelle sagt das Gegenteil

Beim wissenschaftlichen Kern seiner These gerät Bojanowski in ein größeres Problem. Als Beleg dafür, dass der Klimawandel mit dem Niedrigwasser wenig zu tun habe, zitiert er eine Attributionsstudie von World Weather Attribution (WWA) vom 23. Juli 2026: Für den Regenmangel im Frühjahr finde die Analyse kein Klimawandelsignal. Das stimmt, das steht so in der Studie.

Was er nicht erwähnt: Dieselbe Studie findet für den zweiten Dürre-Treiber, die Verdunstung, ein sehr starkes Klimasignal. Die außergewöhnlich hohe potenzielle Verdunstung zwischen April und Juni 2026 ist laut WWA in Westeuropa rund 80-mal wahrscheinlicher geworden durch die Erderwärmung, in Osteuropa rund 40-mal. Die Forscher ziehen daraus einen konkreten Schluss: Diese Verschiebung verändert die Dürreschwellen. Niederschlagsdefizite, die früher keine Dürre ausgelöst hätten, tun das jetzt.

Bojanowski erwähnt Verdunstung nur in einem Nebensatz über die ferne Zukunft. Seine eigene Hauptquelle macht sie zum zentralen Mechanismus des Sommers 2026. Er übernimmt aus der Studie den Teil, der seine Überschrift stützt, und lässt den Teil weg, der sie widerlegt.

Wo Bojanowski recht hat

Ein Punkt seiner Kritik trifft. „So wenig Wasser war noch nie im Rhein", meldete der Spiegel, und das war falsch. Ein Pegel misst die Höhe der Wasseroberfläche über einem festgelegten Nullpunkt, nicht die Wassermenge. Rekordtiefe Pegelstände wie derzeit in Kaub oder Köln bedeuten deshalb nicht automatisch, dass so wenig Wasser fließt wie nie.

Die tatsächlich strömende Wassermenge, der Abfluss, liegt 2026 zwar dramatisch niedrig, in Köln bei etwa einem Viertel des Normalen. Die historischen Abfluss-Minusrekorde aus Jahren wie 1947 sind aber bislang nicht gefallen. Diese Unterscheidung sauber zu treffen, gehört zum Handwerk, und hier hat der Spiegel geschlampt.

Nur trägt dieser eine berechtigte Einwand nicht die große These. Auch Bojanowskis historischer Kronzeuge spricht eher gegen ihn: Für ein vergleichbares Sommer-Extrem muss er bis ins Jahr 1540 zurückgehen, als Anwohner den Rhein zu Fuß durchwaten konnten. Wenn der nächstliegende Vergleichsfall fast 500 Jahre zurückliegt, beschreibt das kein normales Ereignis. Es beschreibt ein außergewöhnliches.

So bleibt am Ende ein Text stehen, der vor verzerrter Wissenschaftskommunikation warnt und sie dabei selbst vorführt: Eine Ökonomin wird für Aussagen an den Pranger gestellt, die sie nicht getroffen hat, und die zentrale Studie wird nur zur Hälfte gelesen. Die Legende vom Klimakrisen-Niedrigwasser gibt es also tatsächlich, nur hat Bojanowski sie selbst gestrickt, aus einer halben Studie und einem alten Feindbild. Was er sonst an Spitzfindigkeiten zusammenträgt, ein Pegel-Fachbegriff hier, eine historische Fußnote dort, mag im Einzelnen stimmen. Kriegsentscheidend ist davon nichts.

Entscheidend ist, wie Deutschland mit dieser Krise umgeht. Kommen solche Niedrigwasser jetzt häufiger? Was kosten sie Industrie und Verbraucher? Und was lässt sich dagegen tun? Genau diese Fragen hat Kemfert im ZDF beantwortet, mit nachprüfbaren Zahlen. Die Debatte über das angebliche Klimakrisen-Niedrigwasser als Legende ist dagegen eine Ablenkungsdebatte.

Wer wissen will, was die Klimaforschung wirklich sagt, sollte die Attributionsstudie ganz lesen, nicht nur die Hälfte, die ins Feindbild passt.

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