Warum im Pariser Klimaabkommen jedes Zehntelgrad zählt

DER WELTKLIMAVERTRAG IM ÜBERBLICK · 4. OKTOBER 2026

Wozu sich fast alle Staaten im Pariser Klimaabkommen verpflichtet haben

Im Dezember 2015 einigten sich 195 Vertragsparteien in Paris darauf, die Erderhitzung deutlich unter zwei Grad zu halten und 1,5 Grad anzustreben. Den Weg dorthin bestimmt jeder Staat selbst, alle fünf Jahre mit strengeren Klimaplänen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. LESEN


Im Pariser Klimaabkommen steht keine Zahl, wie viel CO2 ein einzelnes Land einsparen muss. Sein Vorgänger, das Kyoto-Protokoll von 1997, hatte nur Industriestaaten feste Minderungsquoten auferlegt. Die USA ratifizierten es nie, Kanada trat 2012 aus. Die Verhandlungsteams in Paris drehten die Logik deshalb um. Jede Regierung meldet ihren eigenen Beitrag, legt offen, was sie erreicht hat, und muss in der nächsten Runde mehr bieten.

Mit den ersten Klimaplänen von 2015 steuerte die Welt laut UN-Umweltprogramm auf rund 3,4 Grad Erwärmung bis 2100 zu. Mit den Plänen, die bis Herbst 2025 eingereicht waren, sind es 2,3 bis 2,5 Grad, zeigt eine Zehn-Jahres-Bilanz des Umweltbundesamts. Für 1,5 Grad reicht das nicht. Die Kurve hat sich trotzdem verschoben. Seitdem geht es um die Frage, wie weit und wie lange die Temperatur über die Marke hinausschießt.

Drei Ziele stehen in Artikel 2 des Vertrags

Laut amtlichem deutschem Vertragstext wollen die Staaten den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur „deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau“ halten. Zugleich wollen sie Anstrengungen unternehmen, ihn auf 1,5 Grad zu begrenzen. Als vorindustriell gilt in der Klimaforschung das Mittel der Jahre 1850 bis 1900. Zwei weitere Ziele stehen gleichberechtigt daneben. Die Staaten sollen ihre Fähigkeit stärken, sich an Klimafolgen anzupassen, und die Finanzströme weltweit auf eine emissionsarme Entwicklung ausrichten.

Der passende Emissionspfad steht in Artikel 4. Die weltweiten Treibhausgasemissionen sollen so bald wie möglich ihren Höhepunkt erreichen und danach rasch sinken. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts soll ein Gleichgewicht zwischen dem Ausstoß und dem Abbau durch Senken wie Wälder, Moore und Böden entstehen. Diese Formel ist der völkerrechtliche Ursprung aller Netto-Null-Ziele, auch der deutschen Klimaneutralität bis 2045.

Welches der beiden Temperaturziele zählt, blieb lange umstritten. Der Internationale Gerichtshof hat die Frage im Juli 2025 beantwortet. In seinem Klimagutachten stuften die 15 Richterinnen und Richter 1,5 Grad als primäres Temperaturziel des Abkommens ein. Daran müssen sich nationale Klimapläne messen lassen.

Staaten legen ihre Klimapläne selbst fest und müssen nachschärfen

Das Herzstück des Pariser Klimaabkommens heißt „national festgelegter Beitrag“, im UN-Jargon NDC. Jeder Staat reicht alle fünf Jahre einen solchen Klimaplan ein und bestimmt Ziel, Zeitraum und Maßnahmen selbst. Jeder neue Plan muss den alten übertreffen und die größtmögliche Ambition des Landes ausdrücken. Diese Pflicht zur Steigerung nennen Verhandler den Ambitionsmechanismus.

Übersicht der wichtigsten Regeln im Pariser Klimaabkommen mit Artikeln und Zeitleiste von 2015 bis 2028
Die wichtigsten Artikel des Pariser Klimaabkommens und die Stationen seit 2015. QUELLE: ÜBEREINKOMMEN VON PARIS, UNFCCC, UMWELTBUNDESAMT; GRAFIK: CLEANTHINKING.DE

Damit die Pläne keine Absichtserklärungen bleiben, müssen die Staaten nach Artikel 13 regelmäßig und nach einheitlichen Regeln berichten. Die ersten dieser Transparenzberichte waren Ende 2024 fällig.

Alle fünf Jahre ziehen die Staaten nach Artikel 14 eine globale Bestandsaufnahme. Die erste endete 2023 auf der Klimakonferenz in Dubai. Dort beschlossen sie, in den Energiesystemen von fossilen Brennstoffen wegzukommen, die Kapazität der Erneuerbaren bis 2030 zu verdreifachen und die Effizienz zu verdoppeln. Die zweite Bestandsaufnahme folgt 2028.

Rechtlich bindend sind vor allem die Verfahren: einreichen, berichten, nachschärfen. Ob ein Staat sein selbst gesetztes Ziel verfehlt, zieht keine Strafe nach sich. Ein Ausschuss nach Artikel 15 prüft die Einhaltung, er vermittelt aber und sanktioniert nicht. Nach Artikel 6 dürfen Staaten Minderungen gemeinsam erbringen und untereinander handeln. Das Regelwerk dafür stand erst Ende 2024 auf der Klimakonferenz in Baku.

Austreten kann eine Vertragspartei nach Artikel 28 frühestens drei Jahre nach Inkrafttreten, wirksam wird der Rücktritt ein Jahr später. Die USA haben das zweimal genutzt. Der erste Austritt galt von November 2020 bis zur Rückkehr im Januar 2021, der zweite wurde am 27. Januar 2026 wirksam. Seitdem sind laut UN-Klimasekretariat 194 der 198 Mitglieder der Klimarahmenkonvention Vertragspartei. Außen vor stehen neben den USA nur Iran, Libyen und Jemen.

Wie Industriestaaten Anpassung und Klimaschäden mitfinanzieren

Nach Artikel 9 unterstützen die Industriestaaten Entwicklungsländer finanziell bei Klimaschutz und Anpassung. Das Versprechen von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr, gegeben schon 2009 in Kopenhagen, erreichten sie laut Umweltbundesamt erst 2022. Auf der Klimakonferenz in Baku einigten sich die Staaten 2024 auf ein neues Ziel: mindestens 300 Milliarden US-Dollar jährlich bis 2035.

Artikel 7 enthält ein globales Anpassungsziel, in Artikel 8 erkennen die Staaten Verluste und Schäden durch den Klimawandel als eigenes Handlungsfeld an. Den Fonds für solche Schäden beschlossen die Staaten 2022, arbeitsfähig ist er seit der Konferenz in Dubai 2023. In Belém legten sie im November 2025 insgesamt 59 Indikatoren fest, um Fortschritte bei der Anpassung zu messen. Zugleich riefen sie dazu auf, die Anpassungsfinanzierung bis 2035 zu verdreifachen. Ein Bezugsjahr fehlt im Beschluss, analysiert Carbon Brief.

Forschende messen 1,5 Grad im Mittel über zwei Jahrzehnte

2024 lag die globale Temperatur laut Weltorganisation für Meteorologie (WMO) rund 1,55 Grad über dem vorindustriellen Niveau, als erstes Kalenderjahr über der Marke. Gerissen ist das Ziel damit noch nicht. Das Ziel im Pariser Klimaabkommen bezieht sich auf die langfristige Erwärmung, die Forschende als Mittel über rund 20 Jahre bestimmen. Diesen Wert beziffert die WMO für 2024 auf etwa 1,3 Grad. Einzelne Jahre schwanken um den Trend, etwa durch El Niño, und 2024 war ein solcher Ausreißer nach oben (mehr dazu: 2024 das wärmste Jahr).

Der Trend steigt laut UNEP-Report von 2026 allerdings um etwa ein Viertelgrad pro Jahrzehnt. Liegt auch der Langfristwert über 1,5 Grad, sprechen Fachleute vom Overshoot: Die Temperatur überschreitet die Marke, erreicht einen Höchststand und soll danach wieder sinken. Das gelingt nur, wenn die Emissionen auf null fallen und die Menschheit der Atmosphäre zusätzlich CO2 entzieht. Jedes Zehntelgrad auf dem Hinweg verlängert den Rückweg, und Schäden wie abgeschmolzene Gletscher oder ausgestorbene Arten lassen sich nicht rückgängig machen.

UNEP rechnet zehn Jahre nach Paris mit dem Overshoot

Am 5. Oktober 2016 hinterlegte die Europäische Union ihre Ratifizierungsurkunde bei den Vereinten Nationen. Damit waren beide Schwellen für das Inkrafttreten nach Artikel 21 erreicht: mindestens 55 Vertragsparteien, die zusammen mindestens 55 Prozent der weltweiten Emissionen verursachen. Einen Monat später, am 4. November 2016, trat das Pariser Klimaabkommen in Kraft, weniger als ein Jahr nach seiner Verabschiedung.

Zehn Jahre nach der EU-Ratifizierung hält das UN-Umweltprogramm UNEP ein Überschreiten der 1,5-Grad-Marke für kaum noch vermeidbar und plant im Overshoot-Report „Limiting Overshoot“ erstmals den Rückweg. Setzen alle Staaten ihre Klimapläne und Netto-Null-Ziele vollständig um, liegt der Höchststand bei rund 1,8 Grad. Auf dem Pfad der tatsächlich beschlossenen Politik landet die Welt bis 2100 bei etwa 2,6 Grad. Alle weiteren fünf Jahre mit unverändert hohen Emissionen heben den Höchststand um etwa ein Zehntelgrad.

Mit der dritten Runde der Klimapläne und ihren Zielen für 2035 bleibt die Lücke offen. Bis Ende September 2025 gingen 64 neue Pläne ein. Mit ihnen sinken die Emissionen dieser Staaten laut Synthesebericht des UN-Klimasekretariats bis 2035 um 17 Prozent unter das Niveau von 2019. Für 1,5 Grad müssten die weltweiten Emissionen laut Weltklimarat bis 2035 um rund 60 Prozent sinken.

Auf der Klimakonferenz in Belém erkannten die Staaten im November 2025 erstmals in einem Beschluss an, dass ein Overshoot wahrscheinlich ist. Sie forderten, ihn in Höhe und Dauer zu begrenzen.

„Jedes Zehntelgrad zählt“, sagt Sebastian Bock aus der Geschäftsleitung Politik des NABU-Bundesverbands. Die kommenden Jahre entscheiden aus seiner Sicht darüber, wie groß der Overshoot ausfällt und wie schnell die Welt wieder unter 1,5 Grad kommt. Je größer die Abweichung, desto mehr Menschen seien gefährdet und desto teurer werde die Anpassung. Bock verlangt von der Bundesregierung, den Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Energien umzusetzen. Bundesumweltminister Carsten Schneider hat ihn im September 2026 in New York vorgestellt.

Der NABU nennt dafür Verkehr und Wärme, strengere Flottengrenzwerte für Pkw und Lkw und den Schutz natürlicher Kohlenstoffspeicher wie Moore, Wälder, Böden und Meere. Für den Rückweg unter 1,5 Grad hält der Verband zusätzlich technische Verfahren zur dauerhaften CO₂-Entnahme für nötig, eingesetzt mit Augenmaß. Wie Ökonomen den Preis dieses Rückwegs bewerten, zeigt die Debatte um die Kosten des Klimaschutzes. Die nächste Gelegenheit, an den Zielen zu arbeiten, ist die Klimakonferenz COP31 vom 9. bis 20. November 2026 im türkischen Antalya.

Warum sich die Pariser Ziele heute billiger erreichen lassen als 2015

Als die Staaten in Paris unterschrieben, galt Klimaschutz vor allem als Kostenfrage. Seitdem hat sich die Rechnung gedreht. Die Stromgestehungskosten großer Solarparks sind laut der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien zwischen 2010 und 2024 um rund 90 Prozent gefallen. 2025 erzeugten Erneuerbare weltweit erstmals mehr Strom als Kohle, und die fossile Stromerzeugung sank, wertet Carbon Brief Zahlen des Thinktanks Ember aus. Anders als in Finanzkrise und Pandemie ging der Rückgang nicht auf einen Wirtschaftseinbruch zurück, sondern auf den Zubau sauberer Kraftwerke.

In Paris haben die Staaten die Richtung gesetzt und Investoren Planbarkeit gegeben, das Tempo kommt aus Fabriken für Solarmodule, Batterien, Wärmepumpen und Elektroautos. Wie weit die Entwicklung die Prognosen von 2015 übertroffen hat, zeigt der Rückblick auf zehn Jahre Pariser Klimaabkommen. Laut Stanford-Forscher Mark Jacobson erzeugten 2025 schon 64 Länder mehr als die Hälfte ihres Stroms aus Wind, Wasser und Sonne (mehr dazu: Solarer Kipppunkt).

Die nächste Etappe heißt Elektrifizierung. Die COP31-Präsidentschaft schlägt vor, den Stromanteil am weltweiten Endenergieverbrauch bis 2035 auf 35 Prozent zu heben (mehr dazu: COP31 setzt auf Elektrifizierung). Wer einen Verbrenner, eine Gasheizung oder einen Hochofen durch eine elektrische Alternative ersetzt, senkt den Höchststand der Erwärmung. Deutschland selbst droht sein Klimaziel 2026 erstmals zu verfehlen, vor allem in Verkehr und Gebäuden. Wie hoch der Overshoot ausfällt, hängt damit vor allem an der Geschwindigkeit, mit der Staaten und Unternehmen elektrische Technik in die Fläche bringen.

Häufige Fragen zum Pariser Klimaabkommen

Ist Übereinkommen von Paris dasselbe wie das Pariser Klimaabkommen?

Ja. „Übereinkommen von Paris“ ist die amtliche deutsche Bezeichnung des Weltklimavertrags von 2015, auf Englisch heißt er „Paris Agreement“. Im Alltag sind auch „Pariser Klimaabkommen“, „Pariser Abkommen“ und „Paris-Abkommen“ gebräuchlich.

Ist das 1,5-Grad-Ziel schon verfehlt?

Formal nicht. Das Ziel bezieht sich auf die langfristige Erwärmung im Mittel über rund 20 Jahre, die laut WMO 2024 bei etwa 1,3 Grad lag, auch wenn das Einzeljahr 2024 mit 1,55 Grad darüber lag. Das UN-Umweltprogramm UNEP hält ein zeitweises Überschreiten, den Overshoot, inzwischen für kaum noch vermeidbar.

Ist das Pariser Klimaabkommen rechtlich bindend?

Ja, als völkerrechtlicher Vertrag. Verbindlich sind vor allem die Verfahren: Klimapläne alle fünf Jahre einreichen, jeweils steigern und über Fortschritte berichten. Das Verfehlen eines selbst gesetzten Ziels zieht keine Sanktion nach sich, der Internationale Gerichtshof leitete aus dem Vertrag 2025 aber konkrete Sorgfaltspflichten der Staaten ab.

Welche Staaten sind nicht Vertragspartei?

Von den 198 Mitgliedern der UN-Klimarahmenkonvention sind 194 Vertragspartei des Abkommens. Nicht dabei sind die USA, deren Austritt am 27. Januar 2026 wirksam wurde, sowie Iran, Libyen und Jemen.

QUELLEN

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  1. NABU: 10 Jahre Paris-Abkommen: Jedes Zehntelgrad zählt, Pressemitteilung, September 2026.
  2. WRI: Paris Agreement Crosses Threshold to Enter into Force, 5. Oktober 2016.
  3. UNEP: Limiting Overshoot. Navigating exceedance of 1.5°C and pathways towards return, September 2026.
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