KLIMAPOLITIK · 23. SEPTEMBER 2026
BMUKN/Sascha HilgersMerz-Kabinett beschließt Fahrplan für Ausstieg aus fossilen Energien
Umweltminister Carsten Schneider hat den Plan erarbeitet und stellt ihn am Mittwoch bei der UN-Generalversammlung in New York vor. Nach Frankreich und den Niederlanden ist Deutschland das dritte Land mit einem solchen Fahrplan.
Fast 65 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs stammten 2024 aus fossilen Energieträgern: Mineralöl deckte 36 Prozent, Erdgas 24 Prozent, Kohle fünf Prozent. Deutschland importiert 98 Prozent seines Mineralöls, 95 Prozent seines Erdgases und die gesamte Steinkohle. Die Nettoimporte fossiler Energieträger kosteten 2024 rund 76 Milliarden Euro. Nach der Schätzung der AG Energiebilanzen deckten Mineralöl, Erdgas und Kohle auch 2025 noch rund 77 Prozent des Primärenergieverbrauchs, der Erdgasverbrauch stieg sogar.
„Die Abkehr von fossilen Energien verbindet Unabhängigkeit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz miteinander", sagt Schneider. Das Geld, das heute für Öl und Gas ins Ausland fließt, könne künftig heimische Wertschöpfung finanzieren. Die englische Fassung trägt den Titel TAFF-Roadmap, nach dem UN-Leitbegriff „Transitioning Away from Fossil Fuels".
Bundesregierung bündelt bekannte Maßnahmen
Im Fahrplan fasst die Bundesregierung zusammen, was bereits beschlossen ist: das Klimaschutzprogramm 2026 mit 67 Maßnahmen, den EU-Emissionshandel für Energie, Industrie, Gebäude und Verkehr sowie bestehende Förderprogramme. Neue Maßnahmen enthält der Fahrplan laut der Nachrichtenagentur dts nicht. Ein Sprecher des Umweltministeriums sprach gegenüber ntv von bekannten Maßnahmen, mit denen Deutschland bis 2045 klimaneutral werden wolle.
Die Bundesregierung verknüpft darin Emissionsminderung und fossilen Ausstieg ausdrücklich: Ohne die schrittweise Abkehr von Kohle, Öl und Gas sinken die Treibhausgase nicht. Zugleich räumt sie ein, dass fossile Brennstoffe für eine Übergangszeit im Einsatz bleiben. Spätestens 2045 soll der Ausstieg aus fossilen Energien abgeschlossen sein.
Wie knapp der Pfad schon heute ist, zeigt eine Prognose von Agora Energiewende: Demnach verfehlt Deutschland 2026 wohl erstmals sein Klimaziel.
Regierung prüft Kohle-Aus schon 2035
Alle Kohlekraftwerke gehen laut Fahrplan spätestens 2038 vom Netz. Die Bundesregierung prüft, das Enddatum auf 2035 vorzuziehen. Neue geförderte Gaskraftwerke müssen wasserstofffähig sein und spätestens 2045 klimaneutral laufen. Bei der Stromerzeugung decken die Erneuerbaren heute rund 55 Prozent des Bruttostromverbrauchs, 2030 sollen es mindestens 80 Prozent sein.
Bundesregierung setzt bei Auto und Heizung auf Strom
Im Verkehr erwartet die Bundesregierung, dass der Anteil batterieelektrischer Autos an den Neuzulassungen bis 2035 auf 100 Prozent steigt. Im August 2026 lag er bei 32,4 Prozent. Das Umweltbundesamt rechnet mit sieben Millionen E-Autos auf deutschen Straßen 2030 und 17 Millionen 2035. Als Treiber nennt der Fahrplan die EU-Flottengrenzwerte für CO2.
Bis 2029 stellt der Bund 2,8 Milliarden Euro Kaufförderung bereit, bis 2030 soll Deutschland rund vier Milliarden Liter Benzin weniger verbrauchen. Bei Lkw stieg der Elektro-Anteil an den Neuzulassungen von 0,91 Prozent 2023 auf 4,7 Prozent 2026.
2025 verkauften Hersteller in Deutschland erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen. Rund 300.000 Geräte gingen an Kunden, 55 Prozent mehr als 2024, der Marktanteil lag bei 48 Prozent. Die Bundesregierung erwartet, dass Wärmepumpen künftig deutlich mehr als 70 Prozent der neu verkauften Heizungen stellen. Fernwärmenetze sollen 2030 mindestens 30 Prozent und 2040 mindestens 80 Prozent erneuerbare Wärme liefern.
Wer nach dem 29. Juli 2026 eine neue Gas- oder Ölheizung einbaut, muss ab 2029 steigende Anteile CO2-neutraler Brennstoffe nutzen, ab 2040 mindestens 60 Prozent. Mit dieser Biotreppe bleiben neue fossile Heizungen erlaubt. Eine Fraunhofer-Studie hält die Stilllegung der Gasnetze bis 2045 trotzdem für unausweichlich. Den Erdgasverbrauch will die Bundesregierung bis 2030 um fast sieben Milliarden Kubikmeter senken.
NABU verlangt Elektrifizierung ohne Biotreppe
„Die Roadmap macht Hoffnung, dass die Regierung das jetzt verstanden hat", sagt Sebastian Bock aus der Geschäftsleitung Politik beim NABU-Bundesverband. Die Bundesregierung müsse nun zeigen, dass sie hinter ihrem eigenen Plan stehe. Dazu gehören für den Umweltverband Flottengrenzwerte ohne Anrechnung von Biokraftstoffen, klare Elektrifizierungsziele für die Wärme ohne Biotreppe und ein naturverträglicher, schnellerer Ausbau der Erneuerbaren.
Die Spannung steckt im Fahrplan selbst. Die Bundesregierung rechnet darin mit 100 Prozent E-Autos bei den Neuzulassungen 2035 und mit Wärmepumpen als Standardheizung. Zugleich schreibt sie die Biotreppe für neue Gas- und Ölheizungen fest, die der NABU streichen will.
International bezieht sich die Bundesregierung auf den Beschluss der Weltklimakonferenz von Dubai 2023, die Energiesysteme von fossilen Brennstoffen wegzuführen. Im April 2026 gehörte Deutschland zu den 57 Regierungen, die im kolumbianischen Santa Marta an der ersten Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen teilnahmen. Die Folgekonferenz richten Tuvalu und Irland 2027 aus.
QUELLEN
- Bundesumweltministerium: Germany's Roadmap for Transitioning Away from Fossil Fuels, September 2026.
- Bundesumweltministerium: Deutschland legt Fahrplan für Abkehr von fossilen Energien vor, 23.09.2026.
- AG Energiebilanzen: Energieverbrauch in Deutschland. Daten für das 1. bis 4. Quartal 2025, Dezember 2025.
- ntv: Deutschland legt als drittes Land Fahrplan zum Ausstieg aus fossilen Energien vor, 23.09.2026.
- NABU: Raus aus Kohle, Öl und Gas: NABU begrüßt Fahrplan zum fossilen Ausstieg, 23.09.2026.