Klima: Der Löwe steht vor uns, und wir diskutieren noch

KOMMENTAR · 23. SEPTEMBER 2026

Extremwetterkongress 2026: Wir wissen alles und handeln zu langsam

Seit 20 Jahren trifft sich in Hamburg die Klimaforschung zum Extremwetterkongress. Die Diagnose stand von Anfang an fest. Was uns heute bremst, ist weder Unwissen noch fehlende Technik, sondern die Macht der fossilen Beharrungskräfte.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


Am Ende der Eröffnungspressekonferenz griff Tagungspräsident Frank Böttcher zu einem Bild. Die Menschheit habe lange über einen Löwen in der Ferne diskutiert: ob er wirklich ein Löwe sei, ob er Hunger habe, was für ein Tier das eigentlich sei. Einen Zaun habe in dieser Zeit niemand gebaut. Jetzt stehe der Löwe vor uns und schaue uns an.

Böttcher sieht drei Möglichkeiten. Wir stellen uns ihm entgegen, das ist Klimaschutz. Wir weichen zurück, das ist Anpassung. Oder wir tun wieder nichts, dann hätten wir, so Böttcher, einen Termin mit Charles Darwin.

Das Bild trifft, weil es so bitter ist. Wir haben den Löwen seit Jahrzehnten kommen sehen, wir haben ihn vermessen, beschrieben und in Szenarien durchgerechnet. Wie kann es sein, dass wir immer noch über ihn reden, statt den Zaun zu bauen?

Die Forschung liefert seit zwei Jahrzehnten dieselbe Diagnose

Den ersten Extremwetterkongress gab es im Februar 2006. Wer in diesem Jahr auf dem Podium saß oder mit Teilnehmenden sprach, hörte immer wieder denselben Befund: Neu ist nur die Höhe der Zahlen. Sven Plöger sagte in der Pressekonferenz sinngemäß, man erzähle auf jedem Kongress ähnliche Dinge, nur mit langsam steigenden Temperaturen. Im Grunde erlebe man, was die Klimaforschung seit Jahrzehnten vorhersagt.

Mojib Latif beschreibt dieselbe Lage seit Jahren. „Weil wir schon viel zu lange in dem Dilemma festhängen, dass wir nicht vom Wissen zum Handeln kommen“, sagte der Kieler Klimaforscher schon 2022 im Interview mit Öko-Test. Das Faktenpapier, das der Deutsche Wetterdienst in diesem Jahr vorgelegt hat, ändert daran nichts. Es zeigt einen Sommer, in dem an mehr als 95 Prozent der DWD-Stationen neue Rekorde fielen, und Flüsse mit den niedrigsten Pegeln seit Beginn der Aufzeichnungen (mehr dazu: Extremwetterkongress: DWD misst Rekordtiefs an Pegeln und 29 Grad im Rhein).

Ein Erkenntnisproblem haben wir also nicht. Politiker*innen, Ministerien und Vorstände kennen den Stand der Wissenschaft seit Langem.

Umso schwerer ist zu begreifen, wie wir damit umgehen. Wir wissen, dass jeder Hitzesommer Tausende Menschenleben kostet, dass Flüsse austrocknen und Ernten leiden. Trotzdem streiten wir über Klimapolitik, als ginge es um eine Geschmacksfrage. Warum behandeln wir die größte Gefahr unserer Zeit wie ein Thema, das man nach der nächsten Wahl wieder aufgreifen kann?

Die Technik für den Ausstieg steht bereit

Ein Technologieproblem haben wir ebenso wenig. Solarstrom ist die günstigste Energiequelle der Geschichte, Batteriespeicher machen ihn inzwischen rund um die Uhr verfügbar (mehr dazu: Das Dauersolar-Zeitalter hat begonnen). Wärmepumpe und Elektroauto sind ausgereift und dem Verbrenner technisch überlegen. Selbst EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat ihre Rede zur Lage der Union in diesem Monat unter das Motto „Let's electrify“ gestellt.

Die Electrotech-Revolution löst nicht jedes Problem, sie reicht aber für sehr große Schritte. Strom aus Sonne und Wind, gespeichert in Batterien und genutzt in Motoren und Wärmepumpen, ersetzt einen großen Teil dessen, was heute noch verbrannt wird. Wer eine Wärmepumpe einbaut, ein Balkonkraftwerk anschließt oder elektrisch fährt, ist längst Teil dieser Lösung, und viele Haushalte in Deutschland tun genau das.

Fossile Interessen und autoritäre Kräfte bremsen die Umsetzung

Warum geht es trotzdem so langsam? Die US-Regierung ist aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten und will auch die UN-Klimarahmenkonvention verlassen. In vielen europäischen Ländern treiben extrem rechte Parteien die bürgerlichen vor sich her und stellen die menschengemachte Klimakrise infrage. Hinter ihnen stehen Interessen, die mit Öl, Gas und Kohle weiter Geld verdienen wollen.

Die Mehrheit lässt sich davon nicht beirren. Im Wissenschaftsbarometer 2025 sagen 54 Prozent der Befragten, dass sie Wissenschaft und Forschung vertrauen, ein Wert auf dem Niveau der Vorjahre. Aber eine laute Minderheit und gezielte Kampagnen reichen, um Verunsicherung zu säen. Plöger nannte in Hamburg genau das als größtes Einfallstor für Klimawandelleugner: Unsicherheit und Wissenslücken. Die Leugner haben dabei das Thema gewechselt, bestritten wird heute vor allem die menschliche Verantwortung für die Erwärmung (mehr dazu: Vier Ausreden, seit Leugnen nicht mehr reicht).

Wie wenig bisher gewollt ist, zeigt ausgerechnet eine gute Nachricht. Die weltweiten CO2-Emissionen aus fossilen Energien sinken 2026 voraussichtlich um rund 0,5 Prozent, rechnet Carbon Brief auf Basis von IEA-Prognosen vor. Den Rückgang treibt vor allem die Krise an der Straße von Hormus, die Öl und Gas verteuert. Die Kohle erreicht im selben Jahr einen Rekord. Gewollt hat diesen Rückgang niemand.

Nichts davon ist ein Naturgesetz. Hinter jeder Verzögerung stehen Entscheidungen von Regierungen, Konzernen und Geldgebern, und Entscheidungen lassen sich anders treffen.

Staaten, Geldgeber und Zivilgesellschaft müssen die Lücke schließen

Plöger setzt auf bessere Kommunikation, und er hat recht damit. Sie allein wird die Lücke zwischen Wissen und Handeln aber nicht schließen. Dafür braucht es Bündnisse der Staaten, die elektrifizieren und raus aus dem fossilen Verbrennen wollen. Einen Anfang gibt es: Im April trafen sich im kolumbianischen Santa Marta 57 Staaten zur ersten Konferenz über den Ausstieg aus fossilen Energien, Deutschland war dabei. Sie wollen nationale Ausstiegspläne erarbeiten und den Finanz- und Handelsrahmen umbauen.

Beim Geld hat die Freiwilligkeit versagt. Die Net-Zero Banking Alliance, der Klimabund der Großbanken unter dem Dach der Vereinten Nationen, hat im Oktober 2025 ihre Arbeit eingestellt, nachdem Goldman Sachs, JPMorgan, HSBC und viele andere ausgetreten waren. Wer will, dass Banken aufhören, neue fossile Projekte zu finanzieren, braucht verbindliche Regeln statt freiwilliger Selbstverpflichtungen.

Gefragt sind dabei nicht nur Staaten und Banken, gefragt sind wir alle, die wissen, was auf dem Spiel steht. Dazu gehört, was keine Regierung ersetzen kann: Kommunikation, die nicht lähmt, Aktivismus, der Druck macht, und Bürger*innen, die vor Ort anpacken. Der Deutsche Wetterdienst hat selbst den Satz geliefert, der dafür Mut macht. „Wir sehen: Wir können wirksam sein“, sagt Tobias Fuchs, DWD-Vorstand für Klima und Umwelt. Die Erwärmung wäre ohne das bisher Erreichte schon deutlich stärker.

2027 laden Tuvalu und Irland zur zweiten Konferenz über den Ausstieg aus den fossilen Energien. Deutschland sollte dort mit einem eigenen, datierten Ausstiegsplan für Öl und Gas antreten. Der Löwe wartet nicht, bis wir fertig diskutiert haben.

QUELLEN

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  1. Extremwetterkongress Hamburg: Eröffnungspressekonferenz des 16. Extremwetterkongresses, Livestream, 23.09.2026.
  2. Deutscher Wetterdienst und Extremwetterkongress Hamburg: „Was wir über das Extremwetter in Deutschland wissen“, Ausgabe 2026, 23.09.2026.
  3. Öko-Test: Mojib Latif zur Klimakrise: „Unsere Zeit läuft ab, und das wird nicht begriffen“, 01.11.2022.
  4. Wissenschaft im Dialog: Wissenschaft gibt Orientierung in kontroversen Debatten, 04.11.2025.
  5. Carbon Brief: Analysis: Global fossil-fuel emissions set to fall in 2026 amid Hormuz crisis, 16.09.2026.
  6. Carbon Brief: Santa Marta: Key outcomes from first summit on ‘transitioning away’ from fossil fuels, 30.04.2026.
  7. ESG Dive: NZBA votes to cease all operations, abandon membership model, 03.10.2025.
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