KLIMAPOLITIK · 5. NOVEMBER 2026
Karkow / PIKGreen Transition Tracker: Deutschland wird erst 2051 klimaneutral
Bleibt es beim deutschen Tempo, wird das Klimaneutralitäts-Ziel um sechs Jahre verpasst. Allianz-Vorstand Frank Sommerfeld kritisiert die Politik als zu langsam und oft zu ängstlich. Und PIK-Direktor Johan Rockström warnt: Auch 2045 könnte zu spät sein.
Alle zehn Spitzenreiter im Green Transition Tracker liegen in Europa, angeführt von Luxemburg, Dänemark und Estland. Am Ende der Rangliste stehen die Ölstaaten am Golf. Die Ökonom*innen von Allianz Research ordnen im neuen Report „Green Transition Tracker“ 65 Volkswirtschaften danach, wie weit sie seit 2015 auf dem Weg zu Netto-Null im Jahr 2050 kommen werden. Für 56 Staaten hat sich die Prognose verbessert - mit einem Pfad im Sinne des Pariser Klimaabkommens hält aber nur jedes dritte Schritt. Beim heutigen Tempo kommt die Welt erst 2064 bei Netto-Null an, die EU 2057.
Deutschland klettert auf Rang zwölf und legt stärker zu als Welt und EU. Lichtblick ist die Elektromobilität: Im dritten Quartal 2026 waren 32 Prozent der Neuzulassungen elektrisch, ein Jahr zuvor 19 Prozent. Trotzdem erreicht das Land Netto-Null erst 2051, das Klimaschutzgesetz verlangt Klimaneutralität bis 2045. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, analysiert Allianz-Vorstandschef Sommerfeld.

Rockström hält selbst das Ziel 2045 für zu spät
Regierungen leiten ihre Klimaziele aus den Erwärmungsraten des Weltklimarats ab und aus einem CO2-Budget, der Menge, die die Welt noch ausstoßen darf. „Doch angesichts der sich beschleunigenden Erwärmung könnten wir uns geirrt haben“, sagt PIK-Direktor Johan Rockström im Interview mit Focus Online Earth. Selbst die ehrgeizigsten Länder stützten sich auf veraltete Wissenschaft, die fossilen Energien müssten noch schneller auslaufen.
Wie stark sich die Erderhitzung beschleunigt, zeigen Piers Forster und sein Team in den „Indicators of Global Climate Change 2025“: Zwischen 2016 und 2025 erwärmte sich die Erde um rund 0,30 Grad pro Jahrzehnt, fast 60 Prozent schneller als im Mittel der Jahre 1980 bis 2020. Wichtigster Treiber seit den 2000er Jahren ist paradoxerweise die sauberere Luft. Die Verschmutzung hatte wie viele kleine Spiegel Sonnenlicht zurückgeworfen. Dazu kommen Rückkopplungen: Es brennt häufiger, und Wälder speichern weniger CO2.
Bisher hat die Erde viel geschluckt. Der Ozean nahm laut Global Carbon Budget rund 30 Prozent des ausgestoßenen CO2 auf, das Land rund 20 Prozent, und im Meer stecken rund 89 Prozent der zusätzlichen Wärme. Rockström spricht von einer nachsichtigen Mutter, die nun Signale sendet, dass es genug ist: „Sie verliert ihre Fähigkeit, Schocks abzufedern.“ Sieben von neun planetaren Grenzen sind überschritten. „Wir ziehen uns selbst den Boden unter den Füßen weg.“
Deutschland senkt Energiepreise mit Geld aus dem Klimafonds
Der Ölschock um die Straße von Hormus wirkte laut Allianz Research auf Diesel wie ein CO2-Preis von mehr als 200 Euro je Tonne. Die fossilen CO2-Emissionen könnten 2026 deshalb um 0,5 Prozent sinken, so eine Analyse von Carbon Brief, die die Allianz-Ökonom*innen übernehmen. „Ein Preisschock ist keine Strategie“, sagt Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran. Er fordert, auf neue fossile Subventionen zu verzichten und den Wandel mit einem vorhersehbaren CO2-Preis und Investitionen in Netze und Speicher zu festigen.
Die Bundesregierung tut das Gegenteil. Der Bundestag hat den nationalen CO2-Preis fürs Heizen und Tanken 2027 bei 55 bis 65 Euro je Tonne festgehalten. Ohne den Beschluss hätte er sich laut Gesetzesbegründung am europäischen Emissionshandel für Industrie und Kraftwerke orientiert. Dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) entgehen dadurch 2027 rund vier Milliarden Euro, weitere 2,7 Milliarden Euro aus dem Emissionshandel wandern in den Kernhaushalt.

Im Fonds selbst verschiebt sich das Geld: Ab 2027 bilden Entlastungen bei den Energiekosten laut Zukunft KlimaSozial den größten Ausgabenblock, allein der neue Industriestrompreis kostet 2,4 Milliarden Euro. Günstiger Strom hilft der Elektrifizierung, die Autorinnen um Brigitte Knopf sehen die Entlastungen trotzdem im falschen Topf, sie gehörten in den allgemeinen Haushalt. Die Gebäudeförderung sinkt dagegen von 13,0 Milliarden Euro 2027 auf 10,2 Milliarden Euro 2030. Dabei könnte der Hormus-Schock nach Einschätzung der Allianz-Ökonom*innen den stagnierenden Absatz von Wärmepumpen wieder anschieben.
Der Speicherzubau wächst auf das 150-Fache
Die Hoffnung steckt in der Electrotech, den Technologien, die Strom aus Sonne und Wind erzeugen, speichern und in Autos, Heizungen und Fabriken nutzen. Weltweit wuchs der jährliche Zubau an Batteriespeichern von rund zwei Gigawattstunden 2015 auf 307 Gigawattstunden 2025. Die installierten Kosten fielen laut Allianz Research um 91 Prozent auf etwa 140 US-Dollar je Kilowattstunde. 2026 fließen 36 Prozent mehr Geld in Speicher und 21 Prozent mehr in Netze, genau dorthin, wo Subran mehr Tempo fordert.
Beim Auto schrumpfte der Preisabstand zum Verbrenner seit 2019 von 49 auf 20 Prozent. In China stieg der Anteil der E-Autos an den Neuwagen binnen fünf Jahren von rund sechs auf 53 Prozent. Der Ölverbrauch hat dort nach Angaben von Sinopec den Höhepunkt schon hinter sich.
Indien wächst und stößt weniger aus
Indiens Emissionen sanken 2025 um 0,2 Prozent, bei rund 7,6 Prozent Wirtschaftswachstum, der erste Rückgang seit 25 Jahren außerhalb einer Wirtschaftskrise. Der Anteil emissionsarmer Quellen am Strom stieg von 22,4 auf 26,6 Prozent, der größte Sprung seit mindestens 1985, ein stärkerer Monsun half mit. Allianz-Ökonomin Katharina Utermöhl spricht von einem historischen Erfolg in einem einzelnen Jahr, der erst zum Trend werden muss. Wie zerbrechlich er ist, zeigt 2026: Laut Internationaler Energieagentur steigt Indiens Kohleverbrauch um 4,2 Prozent, weil der Gasschock Flüssigerdgas verknappt (mehr dazu: Entsteht mit Indien der nächste Elektrostaat?).

Einen weltweiten Emissionshöhepunkt vor 2030 halten die Allianz-Ökonom*innen für erreichbar, ähnlich wie Pep Canadell vom Global Carbon Project, für den er sehr nah ist. Ab 9. November verhandeln die Staaten in Antalya auf der COP31 über die Lücke zum 1,5-Grad-Pfad, die der Emissions Gap Report des UN-Umweltprogramms beziffert. Wer die Emissionssenkung um ein Jahrzehnt verschiebt, braucht laut Allianz Research bis 2100 mehr als 50 Prozent mehr CO2-Entnahme.
Rockström verlangt, planetare Risiken als Obergrenze für alle anderen Politikfelder zu setzen. Hoffnung machen ihm positive Kipppunkte, an denen Wirtschaft und Gesellschaft in einen Prozess geraten, der sich selbst verstärkt, wie bei fossilfreien Technologien. Bei Batteriespeichern und bei Elektroautos in China läuft dieser Prozess bereits. Wie viel Geld aus dem Klimafonds in den Umbau fließt, entscheidet der Bundestag Ende November mit dem Haushalt 2027.
QUELLEN
- Allianz Research: Medienmitteilung Allianz Green Transition Tracker 2026: The clean-tech turning point, and why emissions could soon follow, 5. November 2026.
- Focus Online Earth: „Wir könnten uns geirrt haben“: Erde kränker als gedacht, 30. Oktober 2026.
- Zukunft KlimaSozial: Der Klima- und Transformationsfonds 2027: Größerer Fonds, weniger Investitionen und kaum sozialer Fokus, September 2026.