Poschardt will die Electrotech-Revolution und merkt es nicht

KOMMENTAR · 4. NOVEMBER 2026

Ulf Poschardt will die Electrotech-Revolution und merkt es nicht

Der Springer-Publizist verspottet Harald Lesch und alle, die dem Physiker zuhören. Sein eigenes Fortschrittsversprechen kann aber nur die Technik einlösen, für die Lesch seit Jahren wirbt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


Über Ulf Poschardt könnte man vieles schreiben. Man könnte ihn einen arroganten Schnösel nennen, aber damit begäbe man sich auf sein Niveau. Poschardt nennt Harald Lesch in einem Video auf X einen „verbeamteten Vollhonk“ und beleidigt gleich mit, wer im Gegensatz zu ihm der Wissenschaft vertraut. An der Lichtgestalt Poschardt fällt dabei vor allem eines auf: Er verlangt einen „Überfluss an Energie“, damit Elon Musk zum Mars fliegen und die Welt KI-Rechenzentren bauen kann. Die Technologien, die genau diesen Überfluss versprechen, lehnt er ab.

Das ist mehr als ein Widerspruch in einem schlecht gelaunten Video. Es zeigt, wie ein Teil des konservativen Lagers die größte Wohlstandschance seit Jahrzehnten an sich vorbeiziehen lässt, nur weil sie von den falschen Leuten empfohlen wird.

Die Sonne liefert den Überfluss, den Poschardt sucht

Fangen wir beim Überfluss an. In rund anderthalb Stunden schickt die Sonne so viel Energie zur Erde, wie die Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht. Jeden Tag, ohne Rechnung, ohne Pipeline, ohne Autokraten am Gashahn. Um daraus den gesamten Energiebedarf der Welt zu decken, reichen Solarparks auf weniger als zwei Prozent der Landfläche. Wind kommt dazu, und Batterien verschieben den Mittagsstrom in die Nacht.

Knappheit gehört zur Welt von Kohle, Öl und Gas. Jede Tonne muss gefördert, transportiert und verbrannt werden, und wer sie verbrennt, braucht morgen die nächste. Solarmodule, Windräder und Batterien folgen einer anderen Logik. Je mehr die Welt davon baut, desto billiger werden sie, Jahr für Jahr, seit Jahrzehnten. Diese Kurve zeigt nach unten und hat noch nicht aufgehört zu fallen. Wer Energie im Überfluss will, kommt an dieser Electrotech-Revolution nicht vorbei.

Ausgerechnet Poschardts Held weiß das längst. Elon Musk hat das Verbrennen von Kohlenstoff aus der Tiefe einmal ein verrücktes Spiel mit Atmosphäre und Ozeanen genannt. Tesla baut Solaranlagen und Großbatterien. Der Mann, der zum Mars will, hat sein Energiegeschäft auf die Sonne gebaut. Poschardt bewundert die Raketen und überspringt das Kraftwerk dahinter.

Was Poschardt Lesch und seinen Zuschauern vorwirft

Poschardts Ausfälle hat der YouTube-Kanal „Oida, Bartunek!“ in einem Video ausführlich dokumentiert. Lesch ist für Poschardt der König einer „low level bundesrepublikanischen“ Nachdenklichkeit der oberen Mittelschicht, einer, der abgeschmackte Kalendersprüche aufsagt. Dann holt Poschardt Heideggers „Sein und Zeit“ aus dem Regal und erklärt, niemand verkörpere die Verfallsformen des Nachdenkens so gut wie „solche Typen“.

Danach trifft es das Publikum. Poschardt sagt, er rieche deren Partykeller, er wisse, wie sie einen Zwölf-Euro-Rotwein trinken und sich dabei irre cool vorkommen. Dieses Milieu sei verantwortlich für eine „hässliche, unansehnliche, traurige Bundesrepublik“ und dafür, dass das Land beim Nachdenken verblöde. Wer ein Lesch-Zitat in seinem Profil stehen hat, zeigt laut Poschardt vor allem, „dass man nicht sonderlich intelligent ist“. Seine eigene Rolle beschreibt er offen: Er betreibe eine „Trollexistenz“ in den sozialen Medien und schreibe nur noch sarkastische Kommentare.

Lesch dagegen ist Astrophysiker, hat über Plasmaprozesse in Galaxienkernen promoviert und sich über galaktische Magnetfelder habilitiert. Er erklärt seit Jahrzehnten Millionen Menschen, wie die Welt funktioniert. Je mehr Menschen ihm zuhören, desto lauter werden die Angriffe auf ihn. Das gilt nicht nur für ihn: Je erfolgreicher Wissenschaftler ein breites Publikum erreichen, desto mehr Hass schlägt ihnen entgegen.

Exxon wusste, was kommt

Cleanthinking steht auf der Seite der Wissenschaft, und das aus gutem Grund. Die Klimaforschung hat die Erderhitzung der vergangenen Jahrzehnte erstaunlich genau vorausberechnet. Sogar die eigenen Forscher des Ölkonzerns Exxon wussten früh, was kommt, und ihre Prognosen trafen. Der Konzern kannte also die Folgen seines Geschäfts und finanzierte trotzdem jahrelang Kampagnen, die öffentlich Zweifel säten.

Der Spott über „Nachdenklichkeit“ und Intellektuelle steht in dieser Tradition, ob Poschardt das will oder nicht. Wer Wissenschaftler lächerlich macht, muss sich mit ihren Ergebnissen nicht mehr befassen. Das spart Arbeit, und die Rechnung zahlen andere.

Die beheizte Oldtimergarage

Wie Poschardt die Energiefrage im Alltag erlebt, hat er im Januar gezeigt. Damals fiel im Berliner Südwesten nach einem Anschlag linksextremer Saboteure tagelang der Strom aus. Poschardt sinnierte öffentlich darüber, ob er in seiner beheizten Oldtimergarage auf einer Isomatte übernachten solle. Den Stromausfall nutzte er, um gegen Klima- und Stadtpolitik zu polemisieren, über die Ursache sprach er nicht (mehr dazu: Vulkangruppe legt Berlin lahm). Der Arme.

Die Szene sagt viel über das Weltbild dahinter. Energie kommt bei Poschardt einfach aus der Steckdose, und wenn sie einmal ausbleibt, sind die Grünen schuld. Dass ein Haus mit Solardach, Speicher und Wärmepumpe genau solche Ausfälle abfedern kann, kommt in dieser Erzählung nicht vor.

Warum Konservative die Revolution verschlafen

Dabei müsste die Electrotech-Revolution Konservativen und Liberalen eigentlich gefallen. Sie folgt keinem Fünfjahresplan, sondern dem Preis. Unternehmer bauen Solarparks, weil sie sich rechnen, und Hausbesitzer kaufen Wärmepumpen und Batterien, weil die Stromrechnung sinkt. Länder ohne Öl und Gas machen sich unabhängig von Petrostaaten. Mehr Markt, mehr Eigentum und mehr Freiheit lassen sich in der Energiepolitik kaum haben.

Poschardt plädiert also für die Electrotech-Revolution, wenn er Energie im Überfluss fordert. Er erkennt nur die eigene Forderung nicht wieder, weil Lesch sie vorträgt, oder Klimaschützer, oder Grüne. Das ist tragisch, für ihn und für ein Lager, das sich gern als Partei der Wirtschaft versteht und dabei die stärkste Wachstumsbranche der Gegenwart verschmäht.

Vielleicht hilft ein Philosoph auf Poschardts intellektuellem Hochniveau. Heidegger, den er so gern aus dem Regal zieht, hat in seinem Aufsatz über die Technik ausgerechnet die Windmühle als Gegenbild gewählt. Sie überlasse sich dem Wind, statt der Natur Energie abzupressen und zu horten wie der Kohlebergbau. Wer Heidegger ernst nimmt, landet eher beim Windrad als beim Kohlemeiler. Ein anderer Philosoph hätte es Poschardt auch erklären können: Robert Habeck ist promoviert und hat über Jahre genau diese Verbindung von Freiheit, Markt und sauberer Energie beschrieben. Aber Habeck ist ja auch ein Feindbild.

So bleibt Poschardt in seiner Garage zurück, zwischen Oldtimern und Isomatte, und schimpft auf die Leute, die ihm den Überfluss bauen.

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