ELEKTRIFIZIERUNG ERKLÄRT · 11. OKTOBER 2026

Wie sich Öl, Gas und Kohle mit Electrotech ersetzen lassen
Solarmodul, Batterie, Elektromotor und Wärmepumpe verdrängen die Verbrennung aus Kraftwerk, Straße und Heizungskeller. Der Londoner Thinktank Ember fasst sie als Electrotech zusammen. Deutschland zahlt derweil weiter Milliarden für Öl, Gas und Kohle aus dem Ausland.
Wer Öl verbrennt, muss es jedes Jahr neu fördern, kaufen und um die halbe Welt transportieren. Ein Solarmodul kauft man einmal, und jede neue Fabrik drückt den Preis des nächsten Moduls. Auf diesem Gegensatz baut Ember die These auf, dass Elektrifizierung das fossile System nicht ergänzt, sondern Schritt für Schritt ablöst.
Das Team um den Energiestrategen Kingsmill Bond beim Thinktank Ember nennt diese Technologiefamilie Electrotech. Auf Deutsch heißt das sinngemäß: die Elektrotechnologien, die Energie aus Verbrennung durch Strom ersetzen. Zu Electrotech zählen Solarmodul und Windrad, Batterie und Elektromotor, Wärmepumpe und die Leistungselektronik, die alles verbindet. Die Geräte entstehen in Serie, ähnlich wie Unterhaltungselektronik, und werden mit wachsender Stückzahl billiger.
Mitte September 2026 hat das Ember-Team mit „The Age of Power“ die Fortsetzung seiner Analyse vorgelegt. Die Analysten nutzen den Begriff als Rechengröße: Sie vergleichen damit Kosten, Wirkungsgrade und Handelsströme der elektrischen und der fossilen Welt.
Inhalt
Was bedeutet Electrotech
Den Begriff hat Ember im September 2025 mit der Präsentation „The Electrotech Revolution“ ins Zentrum gerückt. Verfasst haben sie Kingsmill Bond, Daan Walter und Sam Butler-Sloss aus der Abteilung Ember Futures. Ember sortiert Electrotech in drei Gruppen: Erzeugung aus Sonne und Wind, Nachfrage über Elektroautos und Wärmepumpen, Verbindung über Batterien und Digitaltechnik. Wer das Wort zuerst verwendet hat, schreibt Ember nicht.
Bond kam aus der Finanzwelt zur Energiewende. Vor seinem Wechsel zu Ember im Februar 2025 arbeitete er für Carbon Tracker und das Rocky Mountain Institute (RMI). In seinen Modellen arbeitet Bond mit Lernkurven und S-förmigen Wachstumskurven (mehr dazu: Kingsmill Bond rechnet Europa den Weg zum Elektrostaat vor).
Im neuen Bericht beschreibt Ember fünf Bauteile, die in fast jedem Electrotech-Gerät stecken: Chips, Batterien, Leistungselektronik, Motoren und Sensoren. Ihre kombinierten Kosten sind laut Ember seit 1990 um 99 Prozent gefallen. Dieselben Bauteile treiben Smartphones, Rechenzentren und Elektroautos an. Deshalb spricht Ember von einem gemeinsamen elektrischen Baukasten für Energie und Information.
Mit den sinkenden Kosten wächst der Teil der Energienachfrage, den Strom technisch übernehmen kann. Ember beziffert den elektrifizierbaren Anteil am weltweiten Endenergiebedarf für das Jahr 2000 auf 25 Prozent, für 2025 auf 75 Prozent. Gemeint ist das technisch Mögliche, der tatsächliche Stromanteil liegt niedriger. Ember führt den Sprung auf Geräte wie Elektroauto und Wärmepumpe zurück, die es früher nicht in dieser Reife gab.
Warum Solarmodule und Batterien immer billiger werden
Eine Lernkurve beschreibt, wie stark die Stückkosten fallen, wenn sich die gebaute Menge verdoppelt. Ember setzt für Electrotech eine Lernrate von rund 20 Prozent an. Die Solarleistung hat sich laut Ember drei Jahrzehnte lang etwa alle drei Jahre verdoppelt. Der Bestand an Batteriespeichern verdoppelt sich seit 2020 fast jedes Jahr. Jede Verdopplung zieht die nächste Preissenkung nach sich, und zu niedrigeren Preisen greifen neue Käufer zu.
Die Internationale Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) hat die Folgen für Kraftwerke ausgewertet. Laut ihrem Kostenbericht vom Juli 2025 fielen die Stromgestehungskosten großer Solarparks von 2010 bis 2024 um 90 Prozent. Neue Solarparks lieferten 2024 Strom für durchschnittlich 0,043 US-Dollar je Kilowattstunde. Das lag 41 Prozent unter der günstigsten fossilen Alternative.
Bei Batterien zeigt die jährliche Preisumfrage von BloombergNEF dasselbe Muster. Ein Lithium-Ionen-Batteriepack kostete 2025 im Mittel 108 US-Dollar je Kilowattstunde, acht Prozent weniger als 2024. Packs für stationäre Speicher fielen im selben Jahr um 45 Prozent auf 70 US-Dollar. Lithium-Eisenphosphat-Packs lagen bei 81 US-Dollar und damit deutlich unter Packs mit Nickel-Mangan-Kobalt-Chemie.
| Technologie | Kennzahl | Wert | Jahr | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Solarpark | Stromgestehungskosten, US-Dollar je kWh | 0,043 | 2024 | -90 % seit 2010 |
| Solarpark | Installationskosten, US-Dollar je kW | 691 | 2024 | -87 % seit 2010 |
| Batteriespeicher (Großanlage) | Installationskosten, US-Dollar je kWh | 192 | 2024 | -93 % seit 2010 |
| Batteriepack, Weltmittel | Preis, US-Dollar je kWh | 108 | 2025 | -8 % ggü. 2024 |
| Batteriepack, stationär | Preis, US-Dollar je kWh | 70 | 2025 | -45 % ggü. 2024 |
| Batteriepack, China | Preis, US-Dollar je kWh | 84 | 2025 | -13 % ggü. 2024 (real) |
Quelle: IRENA, Renewable Power Generation Costs in 2024 (Juli 2025); BloombergNEF, Battery Price Survey 2025 (Dezember 2025).
Auch Großspeicher folgen der Kurve. IRENA beziffert den Rückgang ihrer Installationskosten zwischen 2010 und 2024 auf 93 Prozent, von 2.571 auf 192 US-Dollar je Kilowattstunde. Für Gas und Öl gibt es keinen solchen Mechanismus: Ein Barrel Rohöl wird nicht billiger, weil die Welt mehr davon verbrennt.
Wie viel Energie der Elektromotor gegenüber dem Verbrenner spart
Der zweite Vorteil von Electrotech liegt in der Physik. Ein Elektroauto bringt laut der Verbrauchsseite von US-Energieministerium und Umweltbehörde EPA mehr als 77 Prozent der Energie aus dem Netz auf die Räder. Ein Benziner setzt nur zwölf bis 30 Prozent der Energie im Tank in Bewegung um. Den Rest verliert der Motor als Wärme.
Ember überträgt diese Rechnung auf das gesamte Energiesystem. „Electrotech ist rund dreimal effizienter als fossile Systeme“, schreiben die Ember-Analysten. Nach ihrer Rechnung verpuffen zwei Drittel der fossilen Primärenergie, 380 Exajoule im Jahr, als Abwärme. Diese Verluste kosten laut Ember jährlich rund fünf Billionen US-Dollar.
Die Wärmepumpe vervielfacht den Effekt. Sie hebt mit Strom Umweltwärme aus Luft, Erde oder Grundwasser auf Heiztemperatur. Dabei gibt sie mehr Wärme ab, als sie an Strom aufnimmt (mehr dazu: Wie funktioniert eine Wärmepumpe). Ein Gaskessel kann physikalisch nie mehr Wärme liefern, als im Brennstoff steckt.
Daraus folgt eine Eigenheit der Statistik. Eine Kilowattstunde Strom im Elektroauto ersetzt mehrere Kilowattstunden Benzin. Ersetzt ein Elektroauto einen Verbrenner, sinkt der Primärenergieverbrauch deshalb stärker, als neuer Strom hinzukommt. Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) weist selbst darauf hin, dass ihre Primärenergiezahlen statistische Effekte aus der Bewertung von Wind- und Solarstrom enthalten. Wer Erneuerbare nur an ihrem Anteil an der Primärenergie misst, unterschätzt, wie viel fossile Arbeit sie übernehmen.
Welche Rolle China in der Electrotech-Industrie spielt
Ember nennt China den Dreh- und Angelpunkt des Systems und bezeichnet das Land als ersten Elektrostaat der Welt. In der Electrotech-Präsentation von 2025 steht China für etwa die Hälfte der weltweit installierten Solarmodule und 60 Prozent der Elektroauto-Verkäufe. Seit 2019 entfielen laut Ember zwei Drittel des globalen Wachstums der Stromnachfrage auf China.
Laut IEA lieferten chinesische Hersteller 2025 rund 60 Prozent der weltweit verkauften Elektroautos. China fertigte mehr als 80 Prozent der Batteriezellen. Laut BloombergNEF waren Batteriepacks 2025 in China mit 84 US-Dollar je Kilowattstunde am günstigsten, in Europa lagen sie 56 Prozent darüber.
Chinesische Hersteller verkaufen ihre Electrotech-Produkte zunehmend ins Ausland. Chinas Ausfuhren sauberer Technologien erreichten im August 2025 einen Rekord von 20 Milliarden US-Dollar, wie Ember auswertete. Elektroautos und Batterien erreichten dabei jeweils mehr als den doppelten Wert der Solarexporte. In den ersten acht Monaten 2025 wuchsen die Ausfuhren nach Südostasien und in den Nahen Osten am stärksten, bei Elektroautos auch nach Afrika.
Für Importländer entsteht mit Electrotech aus China eine neue Abhängigkeit, allerdings mit anderem Charakter. Ein Solarmodul liefert nach dem Kauf Jahrzehnte lang Strom, ein Öltanker muss jede Woche wiederkommen. Kritiker der Elektrifizierung verweisen zu Recht auf Rohstoffe wie Lithium und Kupfer. Kupfer steckt in jedem Motor, jedem Kabel und jedem Umspannwerk (mehr dazu: Kupfer als strategischer Rohstoff der Energiewende).
Wie Autokäufer auf den Ölschock 2026 reagieren
Im Frühjahr 2026 fiel ein großer Teil des weltweiten Ölangebots aus (mehr dazu: Ölpreisschock 2026 als Beschleuniger der Energiewende). IEA-Chef Fatih Birol sprach im Mai vom größten Ölangebotsschock der Geschichte. Wer daraus eine Ära dauerhaft knappen und teuren Öls ableitet, übersieht, dass viele Käufer inzwischen ausweichen können.
Die IEA hat den Umstieg auf Electrotech im Straßenverkehr im Mai 2026 beziffert. 2025 stiegen die weltweiten Verkäufe von Elektroautos um 20 Prozent auf mehr als 20 Millionen. Für 2026 erwartet die Agentur 23 Millionen, fast 30 Prozent aller Neuwagen. Im ersten Quartal 2026 sanken die Verkäufe weltweit um acht Prozent, in Europa wuchsen sie um fast 30 Prozent.
Bei einem Ölpreis über 100 US-Dollar rechnet sich das Elektroauto für viele Fahrer schneller (mehr dazu: Ölpreis 100 Dollar als Kipppunkt fürs E-Auto). Wer einmal umgestiegen ist, tankt auch dann kein Benzin mehr, wenn der Ölpreis wieder fällt.
Aus Lernkurve und Effizienzvorteil leitet Ember eine weitreichende Erwartung ab: Bis 2030 gehe die weltweite fossile Nachfrage in einen dauerhaften Rückgang über. Die Analysten knüpfen das an die Bedingung, dass Ausbau und Elektrifizierung im bisherigen Tempo weitergehen. Fossile Nachfrage stagniert laut Ember in der Industrie seit 2014, in Gebäuden seit 2018 und im Straßenverkehr seit 2019.
Die IEA zeichnet im World Energy Outlook 2025 zwei Wege. Im Szenario der angekündigten Politik erreicht die Ölnachfrage um 2030 mit 102 Millionen Barrel am Tag ihren Höhepunkt. Im Szenario der geltenden Politik steigt sie bis 2050 auf 113 Millionen Barrel. Die IEA unterstellt dort ausdrücklich, dass sich der Schub zu einem stärker elektrifizierten Energiesystem nicht breit durchsetzt.
Was Electrotech für Deutschland bedeutet
Deutschland zahlte 2025 laut Jahresbericht der AG Energiebilanzen 66,8 Milliarden Euro für den Nettoimport von Kohle, Öl und Gas. Im Krisenjahr 2022 waren es 135,4 Milliarden Euro. Insgesamt hing die Energieversorgung 2025 zu 65,6 Prozent von Importen ab. Mineralöl deckte 36 Prozent des Primärenergieverbrauchs und kam zu mehr als 96 Prozent aus dem Ausland, Erdgas zu rund 89 Prozent.
Mit jeder heimisch erzeugten Kilowattstunde, die Öl oder Gas ersetzt, spart Deutschland einen Teil dieser Importrechnung. Erneuerbare Energien lieferten 2025 laut AGEB 58 Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung. Ember sieht Europa trotzdem im Rückstand: Der Kontinent führe bei Erneuerbaren, liege bei der Elektrifizierung aber zurück. Gemeint ist der Schritt, Auto, Heizung und Industrieofen mit Electrotech auf Strom umzustellen.
IRENA meldet für 2024 steigende Solarstromkosten in der EU, weil Genehmigungen, Netzanschlüsse und Nebenkosten bremsen. Wer Verbrennungsmotor und Gasheizung mit E-Fuels oder Gasquoten verlängern will, bindet zusätzlich Kapital in teure Umwege (mehr dazu: Fossile Scheinlösungen von E-Fuels bis CCS).
An der Börse hat die grüne Wirtschaft die Gesundheitsbranche bereits überholt (mehr dazu: Electrotech-Unternehmen überholen Gesundheitskonzerne beim Börsenwert). Deutsche Hersteller von Wärmepumpen, Wechselrichtern, Netztechnik und Industrieantrieben gehören selbst zur Electrotech-Industrie. Ob Deutschland diese Märkte bedient oder beliefert wird, entscheidet sich an Fabriken, Netzen und Strompreisen im eigenen Land.
QUELLEN
- Ember: New energy initiative led by Kingsmill Bond set up by Ember, 3. Februar 2025.
- IEA: World Energy Outlook 2025, Stated Policies Scenario, November 2025.
- IEA: World Energy Outlook 2025, Current Policies Scenario, November 2025.