ENERGIEWENDE · 9. SEPTEMBER 2026
Unsplash / Fredrick F.Ölpreis 100 Dollar: Kipppunkt für E-Auto und Wärmepumpe
Brent-Rohöl steht wieder bei 100 Dollar, Diesel und Gas sind so teuer wie seit Kriegsbeginn nicht. Financial Times, Guardian und IEA-Zahlen zeigen: E-Auto, Wärmepumpe und Solar profitieren von genau diesem Preisschub.
Brent-Rohöl kostet seit Mittwoch wieder mehr als 100 Dollar je Barrel. Auslöser waren neue Gefechte in der Straße von Hormus: Das US-Militär zerstörte fünf iranische Öltanker, einen Tag zuvor hatte die Houthi-Miliz saudische Energieanlagen angegriffen. Beides sind die jüngsten Vorfälle in einem Krieg, der seit Ende Februar läuft.
Seit dem Angriff von USA und Israel auf Iran blockiert die iranische Marine die Straße von Hormus weitgehend. Durch die Meerenge lief vor dem Krieg ein Fünftel der weltweiten Ölexporte. Die US-Marine eskortiert Tanker durch die Meerenge. Im Roten Meer stört zusätzlich die Houthi-Miliz aus dem Jemen den Tankerverkehr.
Brent liegt fast 40 Prozent über dem Vorkriegsniveau, nach einer Spitze bei rund 120 Dollar im Frühjahr. WTI notiert bei 95 Dollar, ein Plus von 41 Prozent seit Kriegsbeginn. In den USA kostet Diesel rekordhohe 5,90 Dollar je Gallone, 55 Prozent mehr als vor dem Krieg, Benzin liegt über vier Dollar.
In Deutschland steigen Gas und Diesel parallel. Der Gaspreis am Handelsplatz TTF liegt bei 73 Euro je Megawattstunde, ein Plus von 121 Prozent im Jahresvergleich. Diesel erreichte im Frühjahr mit 2,31 Euro je Liter fast das Allzeithoch vom März 2022. Heizöl kostete im März rund 1,43 Euro je Liter, im August rund 1,24 Euro.
Ölpreis 100 Dollar: IEA zählt fünf Millionen Barrel weniger Nachfrage
Die Financial Times vertritt in ihrer Lex-Kolumne diese Woche eine These: Je teurer Öl wird, desto schneller ersetzen Käufer es durch Alternativen. Diese Nachfrage kommt nicht zurück. Autorin Camilla Palladino stützt sich auf Zahlen der Internationalen Energieagentur IEA. Zum Ölpreisschock als Beschleuniger der Energiewende hat Cleanthinking im Juni eine eigene Analyse veröffentlicht.
Die IEA schätzt, dass Angebotsstörungen durch Iran und Russland die weltweite Ölnachfrage im zweiten Quartal 2026 um rund fünf Millionen Barrel pro Tag gedrückt haben. Das sind knapp fünf Prozent. Ein Teil davon ist temporär, stillgelegte Anlagen und unterbrochene Flugrouten kommen zurück. Ein anderer Teil ist strukturell: Investitionen in Alternativen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden.
Als Beleg dient der FT der chinesische Cleantech-Export. Solarexporte lagen im ersten Halbjahr 2026 fast ein Viertel über dem Vorjahr, meldet die China Photovoltaic Industry Association. E-Auto-Exporte haben sich laut IEA mehr als verdoppelt.
In Afrika ersetzen chinesische Solarpanels für 2,4 Milliarden Dollar Dieselstrom für rund zehn Milliarden Dollar im Jahr, rechnet die Denkfabrik Ember vor. Das ist das Vierfache.
Afrikanische Solarinstallationen sollen 2026 um 45 Prozent wachsen. In Großbritannien liegt die Gesamtkostenrechnung eines E-Autos, Kaufpreis plus Betrieb, inzwischen auf Höhe vergleichbarer Verbrenner. LNG-Importländer wie Südkorea, Thailand und Pakistan wenden sich verstärkt Atomkraft und Erneuerbaren zu. Produzenten gleichen die Lücke bisher über Lagerbestände aus, mehr Förderung bleibt aus, schreibt die FT.
E3G-Report: Ölnachfrage erreicht Anfang der 2030er ihren Höhepunkt
Einen Tag später veröffentlichte die Denkfabrik E3G einen Report, der zwei Jahre Arbeit und ein Planspiel mit über 100 Experten und Beamten weltweit zusammenfasst. Der Guardian berichtete darüber unter Berufung auf die Autorinnen Beth Walker und Maria Pastukhova.
Die globale Ölnachfrage erreicht demnach Anfang der 2030er Jahre ihren Höhepunkt und stagniert danach. Für 17 Länder macht Öl über 40 Prozent der Staatseinnahmen aus, in Irak und Libyen sind es 70 bis 90 Prozent. Ab 2030 drohen dort dramatische Einbrüche: Algerien minus 87 Prozent, Nigeria über minus 60 Prozent.
Billige Großproduzenten mit riesigen Reserven, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, setzen sich gegen teurere Förderregionen durch. Als Erstes trifft es dem Report zufolge die Nordsee. „Regierungen denken über diese Folgen nicht nach und sind darauf nicht vorbereitet", sagt Beth Walker von E3G.
Der Report nennt Venezuela als Warnung: Kollaps, Teil-Übernahme der Regierung durch die USA, dazu ein Erdbeben. Als mögliche neue Konfliktherde listet der Report Unruhen in Algerien und Instabilität im Irak mit Ausstrahlung auf die Golfregion. Dazu kommen geschwächte Staatlichkeit in Nigeria und Konkurrenz um Ölinfrastruktur in Libyen mit Sicherheitsrisiko für Europa.
Ein langsamer, aber chaotischer Übergang kann genauso destabilisierend wirken wie ein schneller, vielleicht sogar mehr, sagt Maria Pastukhova von E3G. Die Autorinnen fordern, dass Importstaaten und Finanzinstitutionen den Umstieg gemeinsam steuern.
Chinas Ölverbrauch sinkt bereits, auch wegen des E-Auto-Booms. Ob die weltweite Nachfrage rechtzeitig fällt, hängt laut Report vor allem von Indien ab.
Wer heute eine neue Ölheizung einbaut, bindet sich für 20 Jahre an einen Brennstoff, dessen Preis von Kriegen, Förderkartellen und dem steigenden CO2-Aufschlag abhängt. Die Förderländer selbst rechnen laut E3G ab 2030 mit sinkender Nachfrage.
Heizöl über 1,13 Euro: Ab hier rechnet sich die Wärmepumpe
In Deutschland zeigt sich die Verschiebung an zwei Rechnungen. Die erste betrifft das Auto. Im August 2026 fuhren laut Kraftfahrt-Bundesamt 32,4 Prozent aller neu zugelassenen Pkw rein elektrisch, Benziner und Diesel kamen zusammen auf 27,3 Prozent. Die KBA-Zahlen für August zeigen bei Benzinern ein Minus von 38 Prozent zum Vorjahresmonat, bei reinen Elektroautos ein Plus von 75 Prozent.
Diesel kostete im Frühjahr bis zu 2,31 Euro je Liter. Haushaltsstromtarife reagieren auf Öl- und Gaspreise deutlich träger und schwächer als die Zapfsäule, wer zu Hause lädt, spürt den Kriegsaufschlag kaum.
Die zweite Rechnung betrifft das Heizen. Amortisationsrechner mehrerer Anbieter nennen eine Schwelle: Ab einem dauerhaften Heizölpreis von etwa 1,13 Euro je Liter rechnet sich die geförderte Wärmepumpe gegenüber Öl. Der aktuelle Heizölpreis von 1,24 Euro liegt bereits darüber. Cleanthinking hatte diesen Zusammenhang aus Energiesicherheit und Wärmepumpe bereits im April am Beispiel des Iran-Kriegs beschrieben.
Ein typisches Einfamilienhaus zahlt laut diesen Rechnungen pro Jahr rund 900 Euro mit Wärmepumpe. Mit Gas sind es rund 1.800 Euro, mit Öl rund 2.100 Euro. Ein CO2-Preis von 55 bis 65 Euro je Tonne verschärft die Schere zusätzlich, ebenso der TTF-Gaspreis, der binnen eines Jahres um 121 Prozent gestiegen ist.
Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat ein Szenario mit 150 Dollar je Barrel gerechnet. Die deutschen Verbraucherpreise stiegen dann um 1,6 Prozent 2026 und 1,9 Prozent 2027. Bank of America hält genau dieses Szenario für möglich, sollte der Krieg Energieinfrastruktur weiter zerstören. Bei einem Waffenstillstand hält die Bank umgekehrt eine schnelle Umkehr der Preise für wahrscheinlich.
Wer eine Heizung oder ein Auto kauft, rechnet mit Preisen über Jahre. Goldman Sachs hob die eigene Prognose am Dienstag um fünf Dollar an: 85 Dollar für Brent im Dezember 2026, 80 Dollar im Jahr 2027.
Im Risikoszenario der Bank, vier Millionen Barrel weniger Golfförderung pro Tag bis 2027, steigt Brent auf über 120 Dollar. Die aus Optionspreisen abgeleitete Wahrscheinlichkeit für Brent über 100 Dollar im März 2027 stieg binnen eines Monats von sechs auf 25 Prozent.
China: Fünf Millionen Barrel weniger als erwartet
Im Juli sprach Ezra Klein in seinem Podcast für die New York Times mit dem Publizisten Bill McKibben. McKibben schilderte, dass der Ölpreis selbst auf dem Höhepunkt des Iran-Kriegs nie über rund 130 Dollar je Barrel stieg. Viele Analysten hatten deutlich mehr befürchtet.
Seine Erklärung: China habe rund fünf Millionen Barrel pro Tag weniger verbraucht als ursprünglich erwartet, weil E-Autos und Solar dort bereits Öl verdrängen. Die IEA kommt für das zweite Quartal 2026 auf dieselbe Größenordnung, rund fünf Millionen Barrel täglich weniger weltweit.
Saubere Energie sei inzwischen aus reiner Kostenlogik konkurrenzfähig, sagt McKibben, „die Costco der Energie" statt eine teure Nischenlösung. Sein Beleg: In Australien bekommen Haushalte Strom zwischen 12 und 15 Uhr inzwischen kostenlos, weil Solaranlagen mittags mehr liefern, als das Netz braucht.
Für Hausbesitzer*innen in Deutschland bleibt eine einfache Rechnung. Liegt Heizöl dauerhaft über 1,13 Euro je Liter, ist die geförderte Wärmepumpe über ihre Laufzeit günstiger als ein neuer Ölkessel. Bank of America erwartet bei einem Waffenstillstand zwar einen schnellen Rückgang des Ölpreises. Der CO2-Preis auf Heizöl und Diesel steigt trotzdem weiter, unabhängig davon, wer die Straße von Hormus kontrolliert.
QUELLEN
- Financial Times: Pricey oil is laying the groundwork for its own decline, 7. September 2026.
- E3G: Oil Endgame: Geopolitics of Declining Demand, 8. September 2026.
- The Guardian: Global move away from oil could lead to conflict and migration, experts say, 8. September 2026.
- New York Times: Oil Hits $100 a Barrel as Turmoil Intensifies in Middle East, 9. September 2026.
- ZEIT Online: Eskalation im Nahen Osten treibt Rohölpreis über hundert Dollar, 9. September 2026.
- Kraftfahrt-Bundesamt: Fahrzeugzulassungen im August 2026, 3. September 2026.
- New York Times Opinion / The Ezra Klein Show: The Very Good and Very Bad News on Climate (Gast: Bill McKibben), 10. Juli 2026.
- finanzen.net / dpa-AFX: Goldman Sachs hebt Ölpreisprognose an, bis zu 120 US-Dollar möglich, 8. September 2026.
- Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Berechnung zu Ölpreis-Szenario und Verbraucherpreisen, 2026.