DEKARBONISIERUNG · 9. SEPTEMBER 2026
Helmholtz-Zentrum HereonCO₂-Abscheidung im Zementwerk: Cool Planet startet Membrananlage in Höver
Das britische Cleantech-Unternehmen Cool Planet Technologies hat im Holcim-Zementwerk Höver bei Hannover eine Membrananlage zur CO₂-Abscheidung in Betrieb genommen. Es ist die erste Anlage dieser Art in einem deutschen Zementwerk.
Die Anlage trennt das CO₂ mit Kunststoffmembranen aus dem Abgas des Zementwerks. Die Membranen lassen CO₂ schneller durch als Stickstoff und Sauerstoff. So bleibt das Treibhausgas zurück, der Rest des Abgases geht in den Prozess zurück. Bisher setzen Zementwerke bei der CO₂-Abscheidung fast immer auf Aminwäsche, also auf ein chemisches Lösungsmittel.
Das Membranverfahren kommt ohne Chemikalien aus und lässt sich vollständig mit Ökostrom betreiben. Die Anlage sitzt hinter dem Brennofen. Deshalb kann ein bestehendes Zementwerk nachgerüstet werden, ohne den Ofen umzubauen.
Entwickelt wurde die Membran am Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht. Cool Planet Technologies hält die exklusiven Rechte für die Vermarktung und hat die Anlage in Höver gebaut. Ein erster Pilotversuch am selben Standort lief 2022. Die feierliche Eröffnung am 21. August 2026 übernahmen Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies und Holcim-Deutschland-Chef Stephan Hinrichs.
10.000 Tonnen jetzt, 90 Prozent als Ziel
Die neue Anlage erfasst bis zu 10.000 Tonnen CO₂ pro Jahr. Das Zementwerk Höver stößt insgesamt rund 500.000 Tonnen im Jahr aus. Die Demonstrationsanlage deckt also gut zwei Prozent davon ab.
Im Endausbau sollen rund 90 Prozent der Werksemissionen abgeschieden werden. Dies teilte Holcim mit. Einen Zeitplan für diesen Vollausbau gibt es noch nicht. Die 90 Prozent sind eine Zielmarke, keine Eigenschaft der jetzigen Anlage.
Das Bundeswirtschaftsministerium fördert das Projekt mit rund 1,6 Millionen Euro aus dem Programm „Dekarbonisierung in der Industrie". Cool Planet Technologies hat seinen Sitz in Guildford bei London und ein deutsches Büro in Geesthacht. Das Unternehmen hat bislang 36,7 Millionen Euro von Investoren eingesammelt, darunter Eni Next und CRH Ventures. Im Sommer 2025 hatte es im britischen Grimsby ein einzelnes Membranmodul mit einer Kapazität von 37.000 Tonnen CO₂ pro Jahr getestet.
Wohin geht das abgeschiedene CO₂?
Eine dauerhafte Speicherung ist für Höver nicht geplant. Zunächst läuft die Anlage zwölf Monate im Testbetrieb. Danach bleibt sie laut Cool Planet Technologies weitere 24 Monate am Standort. Ab dem zweiten Quartal 2027 soll sie CO₂ an das Forschungsprojekt ICO2NIC liefern.
Dort wird das CO₂ zu Ameisensäure umgewandelt und weiter zu mikrobiellen Ölen und Proteinen, etwa für Kosmetik, Flugkraftstoff oder Fischfutter. Einen festen Abnehmer für größere Mengen gibt es damit für Höver noch nicht. Holcim spricht von Projekten, die mit Partnern vorbereitet würden, um CO₂ als Rohstoff für andere Industrien zu nutzen.
Zum Vergleich: Yara speichert in Sluiskil die 80-fache Menge
Gut zwei Wochen nach Höver ging in den Niederlanden eine Anlage in einer anderen Größenordnung in Betrieb. Der Düngemittelkonzern Yara eröffnete am 7. September 2026 an seinem Ammoniakwerk in Sluiskil Europas größte industrielle CO₂-Abscheidung. Sie erfasst bis zu 800.000 Tonnen CO₂ pro Jahr, das Achtzigfache von Höver.
Anders als in Höver ist dort die Abnahme geregelt. Das CO₂ wird verflüssigt, per Schiff nach Norwegen gebracht und dort von Northern Lights rund 2,6 Kilometer unter dem Meeresboden gespeichert. Über 15 Jahre sollen so 12 Millionen Tonnen CO₂ aus Sluiskil verschwinden.
| Anlage | Kapazität | Verbleib des CO₂ |
|---|---|---|
| Cool Planet / Holcim Höver | 10.000 t/Jahr | Ab 2027 Rohstoff für Pilotprojekt ICO2NIC, danach offen |
| Yara Sluiskil | 800.000 t/Jahr | Speicherung unter dem Meeresboden vor Norwegen |
Quelle: Holcim Deutschland, Cool Planet Technologies, Yara International.
Der Vergleich zeigt, wo die deutsche Zementindustrie bei der CO₂-Abscheidung steht. In den Niederlanden läuft bereits eine kommerzielle Kette bis zur Speicherung. In Höver wird zunächst die Technik im industriellen Maßstab getestet. Wohin größere Mengen CO₂ aus deutschen Zementwerken künftig gehen, etwa über das geplante CO2-Exportterminal in Bremen, ist weiter offen.
QUELLEN
- Holcim Deutschland: Holcim nimmt Testanlage für industrielle CO₂-Abscheidung in Betrieb, 21.08.2026.
- Helmholtz-Zentrum Hereon: Durchbruch für eine zukunftsfähige Zementproduktion, 21.08.2026.
- Cool Planet Technologies: Projects, abgerufen 09.09.2026.
- Yara International: Europe's largest carbon capture facility officially inaugurated at Yara Sluiskil in the Netherlands, 07.09.2026.