Paebbls CO₂-Mineral schafft es in den Serienbeton

FIRMEN-NEWS · BAUSTOFFE · 26. August 2026

Paebbl-Zusatzstoff erreicht Serieneinsatz im Infrastrukturbeton

Die NGE-Tochter AGILIS mischt das CO2-Mineral seit April in Gleitbau-Beton, den schwierigsten Mischungstyp - mit 28 Prozent weniger eingebettetem Kohlenstoff.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 3 MINUTEN LESEN


Das Cleantech-Unternehmen Paebbl ist vom Demonstrator im kommerziellen Serieneinsatz angekommen. Das französische Bauunternehmen AGILIS, eine Tochter der NGE-Gruppe, mischt den CO2-Zusatzstoff der Niederländer seit April 2026 in Gleitbau-Beton (Slipform) für Schwerinfrastruktur. Ausgerechnet: Es ist der steifste, am schwersten verarbeitbare Mischungstyp im Betonbau. Nach über einem Jahr gemeinsamer Rezepturentwicklung sinkt der eingebettete Kohlenstoff der Formulierung um 28 Prozent.

Beim Gleitbauverfahren wandert die Schalung kontinuierlich am entstehenden Bauwerk entlang, etwa an Brückenpfeilern, Tunnelröhren oder Schutzwänden. Der Beton muss sofort nach dem Einbau seine Form halten, was extrem hohe Anforderungen an die Rezeptur stellt. Bisherige Paebbl-Projekte liefen in deutlich gutmütigeren Mischungen. Für Paebbl-Produktchefin Ana Luisa Vaz ist der Einsatz der Beleg, dass Kohlenstoff-Mineralisierung Zementbestandteile im industriellen Maßstab ersetzen kann.

Technisch beruht der Zusatzstoff auf demselben Verfahren, das Paebbl bereits in seiner Demo-Anlage in Rotterdam betreibt. Zerkleinertes Olivin-Gestein reagiert mit abgeschiedenem Industrie-CO2 zu einem siliziumreichen Magnesiumcarbonat, das Zementklinker ersetzt. Laut Hersteller liegt der Nettoausstoß des Materials über den gesamten Lebenszyklus bei minus 149 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Tonne, verifiziert per Umweltproduktdeklaration (EPD).

Offengelegt ist damit die Klimabilanz-Kennzahl selbst, nicht aber die zugrundeliegenden Systemgrenzen der Berechnung. Auch die 28 Prozent sind eine Rezeptur-Kennzahl, kein Wert für ein konkretes Bauwerk und keine Aussage über den Zementsektor. Wie klimapositiv das Material tatsächlich wirkt, hängt zudem an der Herkunft des eingesetzten Industrie-CO2, die AGILIS und Paebbl nicht spezifizieren.

AGILIS setzt die Mischung seit April 2026 im Umfeld des Flughafens Paris-Charles-de-Gaulle kommerziell ein. „Das kohlenstoffspeichernde Material bot eine gleichwertige und teils überlegene Leistung im Vergleich zu traditionellen Mischungen”, sagt Christophe Chevalier, technischer Leiter bei AGILIS. Sein Arbeitgeber gehört zu den großen französischen Tiefbaukonzernen: Die mehrheitlich der Belegschaft gehörende NGE-Gruppe setzte 2023 mit gut 16.300 Mitarbeitenden 3,34 Milliarden Euro um. Konzernweit will NGE den eingebetteten Kohlenstoff seiner Bauwerke bis 2030 um 30 Prozent senken, Paebbls Zusatzstoff ist dafür jetzt Teil der Kernrezepturen.

In Deutschland hat Paebbl bereits einen kleineren, aber konkreten Fußabdruck. Im Mai 2026 lieferten Goldbeck, Holcim und Paebbl eine 420 Quadratmeter große Industriebodenplatte für eine süddeutsche Logistikimmobilie. Dort ersetzten 15 Prozent Paebbl-Material den Zement und senkten den CO2-Fußabdruck der Mischung um 13 Prozent. Bodenplatten-Beton ist allerdings deutlich einfacher zu formulieren als Gleitbau-Mischungen.

Die offene Flanke bleibt die Produktionsmenge. Öffentlich dokumentiert ist bislang nur die Rotterdamer Demo- und Pilotanlage mit einer Speicherkapazität von rund 500 Tonnen CO2 pro Jahr. Eine kommerzielle Fabrik existiert noch nicht. Anfang August 2026 wählte der Europäische Innovationsrat (EIC) Paebbl für sein STEP-Scale-Up-Programm aus. Das Programm stellt sechs Deep-Tech-Firmen zusammen bis zu 97 Millionen Euro Eigenkapital in Aussicht, je 10 bis 30 Millionen pro Unternehmen. Der genaue Betrag für Paebbl war zu Redaktionsschluss nicht bekannt; die Mittel sollen in die Planung der ersten kommerziellen Produktionsanlage fließen.

Der AGILIS-Einsatz schärft eine Abgrenzung, die in der Berichterstattung über CO2-Mineralisierung im Betonbau häufig verschwimmt. Das Schweizer Unternehmen Neustark nutzt chemisch denselben Mechanismus, die dauerhafte Bindung von CO2 in mineralischem Material, setzt ihn aber am anderen Ende der Wertschöpfungskette an. Es speichert CO2 in zerkleinertem Abbruchbeton, also im Altmaterial, und erzeugt damit eine Senke.

Paebbl dagegen erzeugt aus abgeschiedenem CO2 einen neuen Baustoff, der Zementklinker im Frischbeton ersetzt, wirkt also über Vermeidung, nicht über nachträgliche Bindung. Eine dritte Variante zeigt das kanadische Unternehmen CarbonCure, das CO2 direkt in den Frischbeton injiziert und damit die Festigkeit erhöht. Dessen Hebel bleibt mit rund 5 Prozent Lebenszyklus-Einsparung allerdings deutlich unter den 28 Prozent der AGILIS-Rezeptur.

Der Fortschritt bei Paebbl fällt in eine Phase, in der die klassische CO2-Abscheidung in der Zementindustrie ins Stocken gerät. Heidelberg Materials stoppte im August 2026 sein 1,36-Milliarden-Dollar-CCS-Projekt (rund 1,17 Milliarden Euro) in Edmonton. Der Grund: Die kanadische CO2-Bepreisung trägt die Abscheide- und Verpressungskosten nicht. Paebbl umgeht dieses Problem strukturell: Das CO2 wird zum verkaufsfähigen Baustoff, der sich über den Materialwert refinanziert statt über den Zertifikatepreis. Ob dieser Weg tatsächlich robuster ist, muss die kommerzielle Skalierung erst zeigen, die AGILIS-Anwendung liefert dafür aber den bislang stärksten Beleg.

28 %

WENIGER EINGEBETTETER KOHLENSTOFF

Gegenüber konventioneller Slipform-Rezeptur bei AGILIS

-149 kg

CO2E PRO TONNE

Netto-Fußabdruck des Paebbl-Materials, EPD-verifiziert

500 t

CO2-KAPAZITÄT PRO JAHR

Nur Demo-Anlage Rotterdam, kommerzielle Fabrik steht aus

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