Salz, Florida Eis und Gigawatt: Sachsen-Anhalt baut, während andere reden

STRUKTURWANDEL · 20. AUGUST 2026

Strukturwandel in Sachsen-Anhalt: Salz, Florida Eis und Gigawatt

Sachsen-Anhalt, das ist Chemie in Leuna und im Chemiedreieck, das sind Automobilzulieferer, das war einmal Solarindustrie. Was die wenigsten wissen: Hier wächst auch eine starke Ernährungswirtschaft, und gerade kommt eine der nachhaltigsten Eisfabriken Deutschlands dazu. Eine Reise zu den zarten Pflänzchen der Transformation.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 14 Min. Lesezeit LESEN


Am Eingang des Festzelts steht ein Eisberg. Kein echter, ein Objekt, gebaut für diesen Tag, mit einer Uhr darin, die nicht ein Zifferblatt hat, sondern drei: eines zeigt 5 vor 12, eines 12, eines 5 nach 12. Die meisten der rund 200 geladenen Gäste sind im Gedränge daran vorbeigelaufen, ohne ihn zu bemerken. Also holt Olaf Höhn, Inhaber und Chef der Berliner Eismanufaktur Florida Eis, den Eisberg in seiner Rede auf die Bühne, an diesem 20. August 2026 in Schönebeck, bei der Grundsteinlegung für sein neues Werk im Salzlandkreis.

Er erzählt von Grönland, wo er über die Jahre mehrfach war und die Veränderung mit eigenen Augen gesehen hat. Dann spannt er den Bogen zu den deutschen Flüssen: der Rhein sehr trocken, die Elbe mit einem Rest Wasser, die Donau wohl auch schon ziemlich am Ende. Wenn die Fische eine Stimme hätten, sagt Höhn, würden sie weinen, weil man ihnen die Grundlage entzieht.

„Ich möchte nicht, dass wir auf dem Ast sitzen, an dem wir sägen, sondern ich möchte hier einen Baum pflanzen", sagt Höhn.

Olaf Hoehn, Gruender von Florida Eis, bei seiner Rede zum Baustart in Schoenebeck
Olaf Höhn bei seiner Rede zum Baustart in Schönebeck.

Das ist ein ungewöhnlicher Satz für eine Grundsteinlegung, bei der es sonst um Fördermittel, Bauzeiten und Arbeitsplätze geht. Und er führt zur eigentlichen Beobachtung dieses Tages: Strukturwandel entsteht nicht durch das eine Leuchtturmprojekt, auf das alle warten. Er entsteht aus vielen unterschiedlichen Investitionen, die sich gegenseitig verstärken: Eine Eisfabrik hier, eine Proteinanlage dort, ein Speicher an der Stromtrasse. Sachsen-Anhalt ist gerade der beste Ort, um dieses Muster zu beobachten.

Kurz vor dem symbolischen Baustart läuft auf der Bühne ein 84 Sekunden langer Werbefilm, den Florida Eis für den Standort produziert hat. Am Ende steht ein Satz, der zum Wortspiel für den Tag wird: „Ihr habt das Salz, wir haben das Eis." Salzlandkreis und Schönebeck liefern das Salz, Florida Eis aus Berlin das Eis.

Aus dem Wortspiel ist eine eigene Sorte geworden, extra für die Grundsteinlegung kreiert: das Salzlandkreis-Eis, mit Salz aus der Region als Zutat, an diesem Tag zum Verkosten aufgestellt. Eine kleine Geste, aber eine, die zeigt, wie sich ein Berliner Familienbetrieb in einer Region festsetzen will, in der er noch keine Geschichte hat. Und wie kreativ das Team um Olaf Höhn eigene Speiseeissorten kreiert, die teilweise nur eine Saison verkauft werden.

25 Millionen Euro, 500 Arbeitsplätze, ein Familienbetrieb

Florida Eis stellt seit rund 100 Jahren Eis her, mit Sitz in Berlin. 2020 nahm das Unternehmen ersten Kontakt zur Investitionsmarketinggesellschaft Sachsen-Anhalt auf, der offizielle Baustart war ursprünglich Jahre früher geplant und wurde mehrfach verschoben. Jetzt entsteht in Schönebeck eine gläserne Manufaktur mit zunächst 50 Eismaschinen, dazu Eiscafé, Werksverkauf und Gewächshäuser, Inbetriebnahme 2028. Die Eckdaten zu Investitionsvolumen, Energiekonzept und Firmengeschichte hat Cleanthinking bereits im Mai im Artikel zur klimaneutralen Eisfabrik aufgeschrieben. Interessanter ist, was zwischen den Zahlen passiert.

Das Investitionsvolumen von rund 25 Millionen Euro und die geplanten mehreren hundert bis 500 Arbeitsplätze sind keine Zahlen, die Schlagzeilen wie bei einer Batteriefabrik oder einem Chip-Werk produzieren. Genau das ist der Punkt: Sachsen-Anhalt muss nicht auf den nächsten Milliarden-Investor warten, um Wirtschaft und Klimaschutz zusammenzubringen. Ein mittelständischer Betrieb mit klarer Idee reicht, wenn Land, Kreis und Kommune an einem Strang ziehen.

Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) übergibt in Schönebeck den Zuwendungsbescheid persönlich, rund 5 Millionen Euro aus dem GRW-Programm, der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur, finanziert von Bund und Land gemeinsam. Er tut das nach eigenen Worten „stellvertretend für die ganze Regierung".

Schulze beschreibt sein Bundesland als „ein Land mit Maß und Mitte", regiert mit Verlässlichkeit und Vernunft demokratischer Verantwortung. Er warnt an diesem Tag ausdrücklich davor, dass Fremdenfeindlichkeit dem Wirtschaftsstandort schadet, weil Unternehmen wie Florida Eis Fachkräfte aus aller Welt brauchen. „Wir sind auch als Land weltoffen", sagt er.

Sven Schulze, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, bei der Grundsteinlegung in Schönebeck
Ministerpräsident Sven Schulze in Schönebeck. FOTO: MARTIN JENDRISCHIK

Landrat Markus Bauer (SPD) und Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU) halten eigene Reden, dazu Höhn selbst. Auf dem Podium sitzen zusätzlich Wissenschafts- und Energieminister Armin Willingmann (SPD), zugleich stellvertretender Ministerpräsident, sowie Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey.

Was zählt, ist nicht die Liste der Titel. Es ist, dass sie alle an diesem Tag am selben Ort stehen, für ein Projekt, das ohne Vertrauen zwischen Kommune, Kreis und Land nicht funktioniert hätte.

Handwerk, Kreislauf, kurze Wege

Höhns Unternehmensethos zieht sich durch das ganze Projekt: „Mein Qualitätsdenken ist mein Fundament des Erfolgs", sagt er, und: „Die Nachhaltigkeit ist mein Lebensstil." Sein Eis grenzt er bewusst von Industrieware ab, ohne Luftaufschlag, handwerklich produziert.

Die Abwärme aus der Kühlung soll am neuen Standort ein Gewächshaus heizen, in dem Vanilleschoten für das eigene Vanilleeis wachsen, ein kleiner, konkreter Kreislauf mitten im Salzlandkreis. Ein nahegelegenes Krematorium soll ebenfalls Abwärme liefern.

Auch beim Rohstoff denkt Höhn regional weiter: Das vegane Eis basiert auf Hafer, und der neue Standort soll die Chance eröffnen, solche Zutaten aus der Region zu beziehen oder gleich selbst anzubauen. Das ausführliche Energiekonzept mit Photovoltaik, Wärmerückgewinnung und Elektromobilität dient als Best-Practice-Beispiel weit über die Landesgrenzen Berlins oder Sachsen-Anhalt hinaus.

Warum ein Eismacher das für sich beansprucht, erklärt Höhn selbst: „Weil ich hier eine derart große Notwendigkeit sehe, meine eigene Verpflichtung als mittelständischer Unternehmer, diese weiterzutragen und auch die Möglichkeiten, die wir haben, technologisch aufzuzeigen und nicht wegzuschauen oder sogar zu ignorieren."

Deshalb ist das, was in Schönebeck entsteht, größer als eine neue Eisfabrik. Es ist ein Realexperiment, bezahlt mit überwiegend eigenem Geld, gebaut von einem Mittelständler, nicht von einem geförderten Demonstrationsprojekt. Wenn die Anlage 2028 in Betrieb geht, wird sich an ihr ablesen lassen, ob sich industrielle Produktion tatsächlich so organisieren lässt, dass Energieeffizienz, erneuerbare Erzeugung, Wärmerückgewinnung, regionale Wertschöpfung und wirtschaftlicher Betrieb zusammenpassen.

Die Frage, die hier beantwortet werden soll, stellt sich überall in Deutschland: Wie kann Industrie investieren, wachsen und gleichzeitig ihren CO2-Fußabdruck drastisch senken? Heute ist die Antwort aus Schönebeck ein Versprechen. Ab 2028 muss sie sich im Betrieb beweisen.

Die zarten Pflänzchen von Leuna bis Wernigerode

Das Muster, das Florida Eis vormacht, wiederholt sich derzeit an mehreren Orten: Ein Unternehmen behält seinen Hauptsitz, wo er ist, und baut seine Produktion gezielt dort auf, wo Fläche, Infrastruktur und Genehmigungen zusammenkommen. Einzeln betrachtet sind das zarte Pflänzchen, ein paar Dutzend Arbeitsplätze hier, eine Pilotanlage dort. Zusammen ergeben sie das Bild, das der Strukturwandel in Sachsen-Anhalt tatsächlich abgibt.

Sichtbar werden vier Motive mit Transformationsbezug: und es hat vier wiederkehrende Motive: - neue Ernährungsindustrie,
- neue Materialien,
- die Dekarbonisierung der alten Industrie und
- neue Energieinfrastruktur.

Das erste Motiv, die Ernährungsindustrie, hat gerade prominenten Zuwachs bekommen: Das Hamburger Biotech-Unternehmen MicroHarvest hat im Juli den Industriepark Leuna als Standort für seine erste Großanlage bestätigt. Dort sollen ab der ersten Jahreshälfte 2028 jährlich 15.000 Tonnen Protein durch Biomassefermentation entstehen, aus regionalen Nebenströmen wie Melasse, die rund um Leuna in großen Mengen anfällt.

Das Muster gleicht dem von Florida Eis aufs Haar: Der Hauptsitz bleibt in Hamburg, die Produktion kommt nach Sachsen-Anhalt, ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag und rund 25 Arbeitsplätze inklusive.

Das zweite Motiv sind neue Moleküle und Materialien, und auch hier führt die Spur nach Leuna. Dort arbeitet das Berliner Cleantech-Startup C1 Green Chemicals, das im Chemiepark eine neuartige Methanol-Katalyse in Betrieb genommen hat, mit dem Ziel, grünes Methanol für die Schifffahrt effizienter herzustellen.

Der finnische Konzern UPM hat in Leuna eine Bioraffinerie errichtet, die Holz zu Basischemikalien verarbeitet. Schon bei der Grundsteinlegung nannte der damalige Ministerpräsident Reiner Haseloff den Bau eine „Schlüsselinvestition für Sachsen-Anhalt": Leuna biete mit seiner Infrastruktur ein Umfeld, „wie man es sich besser kaum vorstellen kann".

In Bitterfeld-Wolfen, wo einst das Solar Valley der deutschen Photovoltaik-Industrie stand und unterging, baut Skeleton Materials, eine Tochter des estnischen Superkondensator-Herstellers Skeleton Technologies mit Produktion in Sachsen, die weltweit erste Fertigung für sogenanntes Curved Graphene, ein Speichermaterial für schnellladende Superkondensatoren. Rund 42 Millionen Euro fließen in das Projekt, 18 Millionen davon als Förderung des Landes. Ausgerechnet an dem Ort, der wie kein zweiter für verspielte deutsche Cleantech-Führerschaft steht, entsteht neue.

Das dritte Motiv ist die Dekarbonisierung der Industrie, die schon da ist. Im Harz, in Wernigerode, arbeitet Litherm Technologies an der vollelektrischen Kalzinierung für die Kalk- und Zementindustrie, eine Antwort auf Emissionen, die nicht aus Brennstoffen stammen, sondern aus der chemischen Reaktion selbst, und die deshalb als besonders schwer vermeidbar gelten.

Genau auf diese Gleichzeitigkeit zielt Ministerpräsident Schulze in seiner Schönebecker Rede, als er die Frage aufwirft, die derzeit über dem Land verhandelt wird: Ist Sachsen-Anhalt auf dem absteigenden Ast, oder ist es ein Land, das viel erreicht hat und in das richtig gute Unternehmen aus der ganzen Welt kommen?

Das Land werde gerne schlechtgeredet, doch es passiere etwas, an vielen Orten zugleich. Zum vierten Mal in wenigen Monaten sei er allein in dieser Region unterwegs gewesen, sagt Schulze, nicht wegen des Wahlkampfs, sondern weil es etwas zu feiern gab.

Eine Facette dieses Landes kennen dabei die wenigsten: Sachsen-Anhalt ist ein Land der Ernährungswirtschaft. Auf der Grünen Woche in Berlin, der weltgrößten Messe rund um Lebensmittel, gehört Sachsen-Anhalt traditionell zu den größten Ausstellern, weil so viele Nahrungsmittel von hier stammen. In der Talkrunde nach den Reden lädt Schulze Höhn direkt ein, 2027 mit Florida Eis auf der Grünen Woche zu stehen. Die neue Eismanufaktur in Schönebeck verstärkt damit eine der stärksten Branchen des Landes.

Dass sich hier nicht nur einzelne Baustarts aneinanderreihen, zeigt der Arbeitsmarkt. Fast jede dritte Online-Stellenanzeige in Sachsen-Anhalt hatte 2025 einen Bezug zur Green Economy, 69.767 Anzeigen oder 30,8 Prozent, wie eine Auswertung des Jobmonitors der Bertelsmann Stiftung für die Grünen-Landtagsfraktion ergab. Damit liegt das Land auf Rang 5 aller Bundesländer, vor Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. In der Kreislaufwirtschaft erreicht kein anderes Bundesland einen höheren Anteil: 18,5 Prozent aller Stellenanzeigen haben hier einen Bezug. Die grüne Wirtschaft ist in Sachsen-Anhalt kein Zukunftsversprechen mehr, sie stellt längst ein. Die bis zu 500 Stellen von Florida Eis in Schönebeck reihen sich in genau diese Statistik ein.

Zur heutigen Perspektive gehört allerdings auch, was zwischen Grundsteinlegung und Erfolg liegt. Florida Eis selbst hat es erfahren: Der Baustart in Schönebeck war ursprünglich Jahre früher geplant und wurde mehrfach verschoben. Die Fachkräfte, das räumt Schulze in seiner Rede offen ein, werden nicht alle aus der Region kommen. Und kaum eines der Projekte steht ohne öffentliches Geld da: Florida Eis erhält rund 5 Millionen Euro aus der GRW, einem Programm, das laut Schulze harte Haushaltsverhandlungen überstehen musste, bei Skeleton Materials stammen 18 von 42 Millionen Euro aus Fördermitteln.

Eine Grundsteinlegung beweist eben noch keinen gelungenen Strukturwandel. MicroHarvest will 2028 produzieren, Florida Eis auch, der Speicher in Klostermansfeld ebenso. Jedes dieser Projekte kann theoretisch noch scheitern. Ob aus den Pflänzchen ein tragfähiger industrieller Pfad wird, entscheidet sich erst in den kommenden Jahren, und es hängt an dem, was Höhn an diesem Tag einfordert und was auch Trittin in dieser Woche von der Bundespolitik verlangt: stabile Rahmenbedingungen, die lange genug halten, dass sich Investitionen in die Zukunft rechnen.

Das Land, durch das der Strom fließt

Das vierte Motiv hat die größte Dimension: Energieinfrastruktur. Denn derselbe Standortfaktor, der Unternehmen wie Florida Eis eine energieautarke Produktion erlaubt, viel Fläche und viel erneuerbarer Strom, macht Sachsen-Anhalt zum Speicherland. Wer von Schönebeck aus rund 40 Kilometer nach Südwesten fährt, landet im Salzlandkreis erneut, diesmal in Förderstedt. Dort baut die ECO STOR-Tochter ECO POWER THREE derzeit an einem Speicher mit 300 Megawatt Leistung und über 700 Megawattstunden Kapazität, nach eigenen Angaben das größte privat finanzierte Batteriespeicherprojekt Deutschlands. Erste Anlagenteile sollen noch 2026 ans Netz gehen.

Wenige Kilometer weiter, im Saalekreis, ist am 16. August 2026 der Batteriespeicher Merseburg ans Netz gegangen, ein Projekt mit 250 Megawatt Leistung, in einer Stadt, die über ein Jahrhundert für Chemie stand. Und im Landkreis Mansfeld-Südharz, in Klostermansfeld, plant BW ESS noch größer: ein Gigawatt Leistung, bis zu 5,7 Gigawattstunden Kapazität, rund 1.100 Batteriecontainer auf 15 Hektar. Der Baustart dort fiel bereits im Juli 2026, der Großspeicher in Klostermansfeld soll 2028 in Betrieb gehen und gilt als einer der größten Batteriespeicher Europas. Zur Einordnung: Mit 5,7 Gigawattstunden könnte allein diese Anlage rund 700.000 Haushalte einen Tag lang mit Strom versorgen.

Wer diese drei Orte auf einer Karte markiert, Förderstedt, Merseburg, Klostermansfeld, und Schönebeck dazu, sieht ein Muster: alle liegen im Umkreis von rund 100 Kilometern, verstreut über ein Bundesland, das lange vor allem für Kohle, Chemie und Salz bekannt war. Kein gemeinsamer Investor steckt dahinter, kein zentraler Plan aus Magdeburg.

Was die Projekte eint, ist die Lage: Sachsen-Anhalt liegt an den Trassen, über die Windstrom aus dem Norden nach Süddeutschland fließt. Genau dort, wo dieser Strom durchläuft, entstehen die Speicher, die ihn zwischenparken, bis er gebraucht wird.

Und die Speicher-Geschichte hört hier nicht auf. Solange der Engpass zwischen Norden und Süden besteht, bleibt jeder Standort entlang der Route ein Kandidat für das nächste Projekt.

Eismanufaktur und Speicherpark teilen sich dieselbe Voraussetzung: eine Landesregierung und Kommunen, die Genehmigungsverfahren zügig durchziehen, und Investoren, die bereit sind, in einem Bundesland zu bauen, das medial selten als Wirtschaftsstandort auftaucht. Sachsen-Anhalt wird so vom Durchleitungsland zum Infrastrukturstandort, erst fließt der Strom hindurch, dann bleibt die Wertschöpfung da.

Drei Zifferblätter, ein Auftrag

Am Nachmittag des 20. August steht die Uhr mit den drei Zifferblättern noch im Festzelt in Schönebeck. 5 vor 12, 12, 5 nach 12: Höhn meint sie als Erinnerung. Die Zeit zum Handeln ist nicht endlos, aber sie ist auch noch nicht abgelaufen.

Was in Schönebeck entsteht, ist eine Eisfabrik mit Gewächshaus und Solardach. Was in Förderstedt, Merseburg und Klostermansfeld entsteht, sind Speicher aus Stahlcontainern. Beides sind Antworten auf dasselbe Problem, mit dem Höhn seine Rede eröffnet hat: die schmelzenden Gletscher, die trockenen Flüsse. Eine Produktion, die kein CO2 ausstößt, und Speicher, die erneuerbaren Strom rund um die Uhr nutzbar machen, sind genau die Art Wirtschaft, die den Zeiger nicht weiter Richtung 5 nach 12 dreht.

Höhn selbst bringt es in der Pressemitteilung zum Baustart auf den Punkt: „Wir wollen mit Florida Eis beweisen, dass man hervorragendes Eis herstellen und gleichzeitig Verantwortung für die Zukunft übernehmen kann. Wenn wir ab 2028 hier die erste Eiscreme produzieren, soll jeder sagen können: Das ist ein Standort, der Zukunft hat."

Gelingt der Beweis, strahlt er weit über Schönebeck, Berlin und Sachsen-Anhalt hinaus. Dann steht zwischen Elbe und Harz kein Einzelfall, sondern der Bauplan für etwas, das ganz Deutschland braucht: eine Industrie, die wächst, während ihr CO2-Ausstoß verschwindet. Bis 2028 ist Zeit, den Baum wachsen zu lassen, den Höhn in Schönebeck gepflanzt sehen will. Und Zeit für Sachsen-Anhalt, aus den vielen zarten Pflänzchen einen Wald zu machen.

QUELLEN

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  1. O-Töne, Redebeiträge und Werbefilm: Baustart mit Grundsteinlegung, Florida Eis, Schönebeck, 20.08.2026 (eigene Aufnahme).
  2. Pressemitteilung Florida Eis zum Baustart in Schönebeck, 20.08.2026.
  3. IWR: Speichermarkt boomt: Deutschlands größter Batteriespeicher mit 716 MWh entsteht in Förderstedt.
  4. MicroHarvest: MicroHarvest selects Leuna, Germany for first large-scale production plant, 21. Juli 2026.
  5. Chemie Technik: Skeleton Materials baut Graphen-Werk in Bitterfeld-Wolfen, Februar 2025.
  6. UPM Biochemicals: Bioraffinerie Leuna.
  7. Bertelsmann Stiftung: Unternehmen in Deutschland setzen immer stärker auf die Green Economy (Jobmonitor), 2026; Sachsen-Anhalt-Auswertung für die Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, 2025er-Daten.
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