Stegras Großaktionäre stellen mehr Geld für grünen Stahl in Aussicht

GRÜNER STAHL · 30. SEPTEMBER 2026

Stegra braucht mehr Kapital für das Grünstahl-Werk in Boden

Stegra holt den früheren Saab-Chef Håkan Buskhe an die Spitze, Gründungs-CEO Henrik Henriksson tritt ab. Das Werk in Boden fertigzubauen, kostet deutlich mehr als im Juni angenommen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Seit Juni haben der neue Verwaltungsrat und externe Berater das Projekt in Boden Investition für Investition durchgesehen, 100 Tage lang. Der Zeitplan für die Produktion bleibe wie erwartet, das Geschäftsmodell trage weiter, teilt Stegra mit. Stegra braucht mehr Kapital, eine Summe nennt das Unternehmen nicht. Das Wirtschaftsmagazin Affärsvärlden berichtete am Vortag unter Berufung auf zwei unabhängige Quellen von mindestens zehn Milliarden Kronen, knapp einer Milliarde Euro.

Stegra-Kommunikationschefin Karin Hallstan wollte die Zahl nicht kommentieren. Den größten Teil der Mehrkosten erklärt das Unternehmen mit dem Hochlauf: Nachdem die Arbeiten Anfang des Jahres lange zurückgefahren waren, kostete es erheblich, die Baustelle wieder hochzufahren. Dazu komme die Inflation. Der Verwaltungsrat ließ Buchhaltung, Projektüberwachung und Kostenkontrolle prüfen; diese Arbeit sei im Wesentlichen abgeschlossen, ein belastbarer Plan für die Fertigstellung liege vor.

„Der Finanzierungsbedarf ist größer als erhofft“, sagt Verwaltungsratschef Leif Johansson, früher Konzernchef von Volvo. Schon bei der Übernahme habe man nicht ausschließen können, dass mehr Geld nötig werde. Jetzt kenne der Verwaltungsrat jede Investition, wie weit sie gediehen sei und was sie gekostet habe. Sein Glaube an das Geschäft sei heute eher stärker als beim Einstieg im Juni.

Die größten Aktionäre hätten sich positiv gezeigt, sich an der Kapitalbeschaffung zu beteiligen, schreibt Stegra. Mit Aktionären, Finanzierern und Partnern verhandle man mit hoher Intensität. Die Arbeiten in Boden laufen weiter, die Zusagen an Lieferanten und Kunden gelten unverändert. Hinter den Aktionären steht seit Juni ein Konsortium unter Führung von Wallenberg Investments, das die Finanzierungsrunde über 1,4 Milliarden Euro angeführt hat, gemeinsam mit Temasek, IMAS, Bolero und SEB-Stiftelsen.

Mit dem Abschluss der Runde bauten die neuen Eigentümer die Struktur um. Die neue Stegra Holding AB hält seither über 90 Prozent, das Wallenberg-Konsortium indirekt die Mehrheit, Altor wurde zweitgrößter Aktionär. Mitgründer Harald Mix verließ den Verwaltungsrat, Shaun Kingsbury von Just Climate gab den Vorsitz an Johansson ab und blieb Mitglied. Buskhe kam als Vertreter des Konsortiums ins Gremium.

Der Chalmers-Ingenieur leitete ab 2002 Schenker North und wechselte 2006 zu E.ON, zuletzt als Chef des Nordeuropa-Geschäfts. Von 2010 bis 2019 führte er den Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Saab, 2020 übernahm er FAM, die Beteiligungsgesellschaft der Wallenberg-Stiftungen. Johansson begründet die Wahl mit Buskhes Erfahrung, große Industriebetriebe durch einen Umbau zu führen. Er sei bereit, zu tun, was für den Erfolg nötig ist, sagte Buskhe dem Sender SVT, und wolle „sehr viel vor Ort in Boden“ sein.

Henrik Henriksson, seit der Gründung 2020 als H2 Green Steel an der Spitze, bleibt als Berater und begleitet die Übergabe. Er habe das Unternehmen von einer Idee zu einem der wichtigsten Industrieprojekte Europas aufgebaut, sagt Johansson. Mit dem Wechsel geht Stegra vom Aufbau in den Betrieb über, eine Phase, in der Industrieerfahrung zählt. Genau diese Erfahrung holen sich Europas Klima-Gründer bei Scania und Airbus.

Bei der Fertigungstiefe schlagen die Eigentümer eine andere Richtung ein. Mit der Grundsatzeinigung im April floss laut Stegra noch Geld in einen größeren Projektumfang, etwa um ausgewählte Infrastrukturkomponenten in eigene Hand zu nehmen. Jetzt sieht Johansson mehr Möglichkeiten für Auslagerung und Partnerschaften als bisher gedacht. Welche Teile des Werks das betrifft, lässt Stegra offen.

Im Vertrieb legte Stegra im September nach. Mit Electra, Charm, RSB und RMI baute das Unternehmen ein Register nach dem Book-and-Claim-Prinzip auf: Käufer erwerben darüber Umweltzertifikate für nahezu emissionsfreies Eisen und Stahl, ohne das Material selbst abzunehmen. Google kauft solche Zertifikate aus Boden, im ersten Jahr für bis zu 91.000 Tonnen Stahl; Laufzeit und Preis nennen beide nicht. Für den Seetransport verpflichtete Stegra ESL Shipping, Royal Wagenborg und Pangaea Logistics, Clarksons berät.

Die Kostenfrage begleitet das Projekt seit einem Jahr. Im Oktober 2025 bezifferte Henriksson die Lücke auf rund 15 Prozent des Projektbudgets, etwa zehn Milliarden Kronen. Im Dezember fuhr Stegra den Bau weitgehend herunter, bis neues Kapital kam, im März berichtete Dagens industri von über 20 Milliarden Kronen Bedarf. Der jetzt fällige Nachschlag kommt auf die 1,4 Milliarden Euro vom Juni obendrauf.

Seit April stehen in Boden alle 37 Elektrolyse-Module von thyssenkrupp nucera aus Dortmund, zusammen rund 740 Megawatt. Ihr Wasserstoff soll im Werk die Kohle bei der Eisenherstellung ersetzen. Ausgelegt ist das Werk anfangs auf 2,5 Millionen Tonnen Stahl im Jahr, später auf bis zu fünf Millionen. Ein verbindliches Datum für den Produktionsstart nennt Stegra weiterhin nicht: Im Juni stand der Zeitplan unter Überprüfung, jetzt heißt es nur, er bleibe wie erwartet.

Boden ist das erste Grünstahl-Werk dieser Größe, und wer zuerst baut, trägt die Kosten des Lernens. Wie weit Europas Grünstahl-Pläne insgesamt tragen, ist im Streit um Europas grünen Stahl offen. Vor derselben Rechnung stehen deutsche Vorreiter wie die Stahl-Holding-Saar, die früh auf klimaneutrale Verfahren setzen und damit in die Vorreiter-Falle geraten können.

37

ELEKTROLYSE-MODULE

von thyssenkrupp nucera, rund 740 MW, seit April 2026 installiert

1,4 Mrd. €

FINANZIERUNG JUNI 2026

angeführt von Wallenberg Investments, der neue Bedarf kommt hinzu

2,5 Mio. t

STAHL PRO JAHR

Anfangskapazität in Boden, später bis zu 5 Mio. t

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