Totgesagt: Der Streit um Europas grünen Stahl

INDUSTRIE · 04. AUGUST 2026

Grüner Stahl aus Europa: Der Abgesang und die Gegenrechnung

Im Oman entstehen Stahlwerke, deren Abnehmer schon feststehen: Sie sitzen unter anderem in Essen. Für PwC ist das der Beleg, dass grüner Stahl aus Europa im globalen Wettbewerb nicht bestehen kann. Zwei Ökonomen halten mit einer eigenen Rechnung dagegen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Duqm, eine Sonderwirtschaftszone an der Küste des Oman. Die indische Naveen Jindal Group errichtet hier einen Direktreduktionskomplex mit fünf Millionen Tonnen Jahreskapazität, die erste Ausbaustufe soll Anfang 2027 anlaufen. Betrieben wird die Anlage zunächst mit omanischem Erdgas, später mit Wasserstoff.

Am selben Standort plant das Singapurer Unternehmen Meranti Green Steel eine Anlage für 2,5 Millionen Tonnen Eisenschwamm pro Jahr, ein Vorprodukt der Stahlherstellung. Die Abnehmer stehen bereits fest: 1 Million Tonnen jährlich gehen an Thyssenkrupp Materials Trading, weitere 250.000 Tonnen an Interfer Edelstahl. Der brasilianische Bergbaukonzern Vale entwickelt in Duqm zusätzlich einen Megahub für rund 5 Milliarden Dollar.

Für die Beratungsgesellschaft PwC Deutschland sind diese Baustellen mehr als Einzelprojekte. In der im Juli erschienenen Studie „Das Ende der europäischen Stahlwirtschaft... oder einfach nur anders?” deuten die Autoren um Andree Simon Gerken sie als Vorboten einer neuen Arbeitsteilung: Die energieintensive Stahlerzeugung wandert dorthin, wo Energie und Erz günstig sind.

Grüner Stahl aus Europa? PwC findet kein rentables Szenario

Die Studie rechnet drei Szenarien bis 2045 durch, vom importgetriebenen Wandel bis zur europäischen Eigenversorgung. Das Ergebnis fällt überall gleich aus: Für Mitteleuropa zeigt sich in keinem Szenario eine wirtschaftliche Primärstahlproduktion, weder mit Kohle noch mit Wasserstoff.

Die kohlebasierte Hochofenroute trifft es zuerst. Ihr Preis verdoppelt sich laut PwC bis 2045, weil die CO2-Bepreisung durch den EU-Emissionshandel und den Grenzausgleich CBAM weiter steigt. Spätestens 2040 ist der klassische Hochofen in keiner Region mehr die günstigste Option.

Auch die klimafreundlichen Routen rechnen sich laut Studie anderswo besser. Erdgasbasierte Direktreduktion in den Golfstaaten soll 2030 rund 30 Prozent günstiger sein als die Hochofenroute in Mitteleuropa, wasserstoffbasierte Anlagen in Indien liegen rund 15 Prozent darunter. Einzig Skandinavien könnte langfristig mithalten, allerdings nur bei hohen CO2-Preisen, wirksamem CBAM und günstigem Industriestrom.

Eine Ausnahme lässt die Studie gelten: Sekundärstahl aus dem Elektrolichtbogenofen. Stahlschrott fällt in Europa selbst an, das macht diese Route zur einzigen mit tatsächlich autarker Produktion. Die wegfallenden Primärkapazitäten kann sie wegen begrenzter Schrottmengen und Qualitätsgrenzen bei Spezialstählen aber nicht vollständig ersetzen.

Jedes zweite Green-Steel-Projekt in Europa stockt

Der Blick in die reale Projektlandschaft stützt diese Diagnose. Rund die Hälfte der angekündigten europäischen Green-Steel-Projekte ist laut PwC bereits verschoben, gestoppt oder verkleinert. British Steel hat 2025 die endgültige Stilllegung seiner letzten beiden Hochöfen im englischen Scunthorpe angekündigt, Großbritannien verliert damit seine komplette Primärstahlfähigkeit.

ArcelorMittal hat die Transformationspläne für Bremen und Eisenhüttenstadt vollständig aufgegeben und zugesagte Fördermittel in Milliardenhöhe verfallen lassen. Thyssenkrupp bewegt sich nach eigener Aussage „an der Grenze der Wirtschaftlichkeit” und hat die Ausschreibung für grünen Wasserstoff für die Duisburger Direktreduktionsanlage ausgesetzt. Auch der größte tschechische Stahlproduzent Třinecké Železárny verschiebt seine Dekarbonisierungsinvestitionen auf unbestimmte Zeit.

Ganz kampflos räumt die Branche das Feld allerdings nicht. Beim SALCOS-Projekt von Salzgitter werden nur einzelne Ausbaustufen verschoben, im Juni sicherte sich der Konzern bei der EWE Hydrogen GmbH rund 10.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr ab 2030. Die Menge deckt allerdings nur rund 6,5 Prozent des Bedarfs im Vollausbau.

Die Stahl-Holding-Saar mit ihren Werken in Dillingen und Völklingen schloss im September 2025 einen Vertrag mit dem französischen Energieunternehmen Verso Energy über mindestens 6.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr ab 2029. Auch das entspricht nur rund 5 Prozent des langfristigen Bedarfs.

PwC leitet daraus eine klare Empfehlung ab: Deutsche Stahlkonzerne sollten die Verlagerung aktiv mitgestalten, als Technologiepartner, Co-Investoren oder Betreiber von Anlagen am Golf und in Indien. Im Inland solle sich die Industrie auf wissensintensive Wertschöpfung konzentrieren, von Robotik über Sensorik bis zum Anlagenbau. Als Rahmen schlägt die Studie Sonderwirtschaftszonen vor, etwa an der Küste zwischen Ems und Weser.

Die Gegenrechnung: 50 Milliarden Euro stehen auf dem Spiel

Genau an diesem Punkt setzt der Widerspruch an. Für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung haben die Ökonomen Patrick Kaczmarczyk und Tom Krebs berechnet, was ein globaler „Stahlschock” ohne nennenswerte eigene Produktion kosten würde: bis zu 50 Milliarden Euro Wertschöpfung.

Kaczmarczyk hält wettbewerbsfähigen grünen Rohstahl aus Mitteleuropa für machbar, wenn der Staat eingreift. Mit einem Industriestrompreis von 50 Euro pro Megawattstunde, einem Wasserstoffpreis von 120 Euro pro Megawattstunde und einer Investitionsförderung von 50 Prozent lägen die Herstellungskosten auch in Deutschland auf konkurrenzfähigem Niveau, so seine Rechnung.

„Projekte in Oman mögen zwar außerhalb dieser Meerenge liegen, doch die Route durch das Rote Meer hat sich durch die Huthi-Angriffe ebenfalls als störanfällig erwiesen”, sagt Kaczmarczyk gegenüber der taz mit Blick auf die Straße von Hormus. Die Meerenge war im Zuge des Irankriegs zeitweise gesperrt, die Spritpreise stiegen damals massiv.

Die IG Metall argumentiert ähnlich. Die Stahlbranche liefere „unverzichtbare Inputs für nachgelagerte Sektoren, insbesondere Bauwirtschaft, Maschinenbau und Automobilindustrie”, erklärt ein Sprecher gegenüber der taz. Rund zwei Drittel der Industriearbeitsplätze in Deutschland entfallen auf stahlintensive Branchen, seit 2008 gingen in der europäischen Stahlindustrie rund 100.000 Stellen verloren.

Hinter beiden Studien steht dieselbe Marktlage, die schon den Stahlgipfel im Kanzleramt geprägt hat: weltweite Überkapazitäten, eine schwächelnde Autoindustrie, fehlende Nachfrage. Neue EU-Schutzzölle sollen die europäische Produktion vor billigerer Konkurrenz aus China, Indien und der Türkei schützen. Wie stark der CO2-Grenzausgleich CBAM dabei wirkt, ist Teil der Rechnung auf beiden Seiten.

Die Frage, die beide Studien nicht stellen

PwC und Böckler-Stiftung streiten darüber, wo Stahl künftig herkommt und wer ihn herstellt. Die Nachfrageseite blenden beide aus: ob eine Gesellschaft, die innerhalb planetarer Grenzen bleiben will, überhaupt so viel Stahl braucht wie heute.

Dabei gibt es technisch ausgereifte Alternativen, die den Materialbedarf strukturell senken würden, allen voran der Holzbau. Konstruktionsholz und Brettsperrholz ersetzen im Hochbau schon heute Stahl und Beton, bei mehrgeschossigen Gebäuden ebenso wie bei Hallen. Weniger und materialärmeres Bauen würde den Druck auf die Stahlindustrie verringern, bevor die Standortfrage überhaupt gestellt ist.

Wie viel Stahl eine resiliente Gesellschaft braucht und wo er entsteht, gehört zusammen gedacht. Für die Standortfrage liefern PwC und Böckler-Stiftung präzise, gegensätzliche Zahlen. Die Mengenfrage ist noch offen.

QUELLEN

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  1. PwC Deutschland: Studie „Das Ende der europäischen Stahlwirtschaft... oder einfach nur anders?”, Juli 2026.
  2. Handelsblatt: Studie zeigt: Deutsche Stahlindustrie könnte Milliarden umsonst investiert haben, 03.08.2026.
  3. taz: Grüner Stahl aus Deutschland: Ungewisse Zukunft, 03.08.2026.
  4. Hans-Böckler-Stiftung: Pressemitteilung „Stahlschock könnte jährlich 50 Milliarden Euro Wertschöpfung kosten”.
  5. The Guardian: British Steel Scunthorpe blast furnaces closure plans, 27.03.2025.
  6. Manager Magazin: ArcelorMittal stoppt Pläne für klimafreundliche Stahlwerke.
  7. EWE: Salzgitter AG und EWE schließen Vertrag über die Lieferung von grünem Wasserstoff, Juni 2026.
  8. Handelsblatt: SALCOS-Projekt: Stahlkonzern Salzgitter verzögert Investitionen in grünen Umbau.
  9. Zeit Online: Wasserstoff aus Frankreich kommt ins Saarland, 05.09.2025.
  10. Oman Observer: Construction of Duqm steel project advances.
  11. Zawya: Full offtake coverage secured for Oman's green iron project.
  12. Zawya: 5 bln low-carbon steel mega hub in Oman set for final investment decision this year.
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