Durchbruch: Climeworks überwindet Kinderkrankheiten seiner Anlage auf Island

CO₂-ENTNAHME · 12. SEPTEMBER 2026

Mammoth: Climeworks überwindet Kinderkrankheiten seiner größten DAC-Anlage

18 Monate hat Climeworks gemessen, umgebaut und nachjustiert. Jetzt laufen zwei Kollektorcontainer der Mammoth genannten Anlage zur CO2-Abscheidung endlich wie vorgesehen. Die Betriebskosten wurden halbiert. Für die Direct-Air-Capture-Branche ist das die beste Nachricht seit Jahren - gerade in der Woche, in der das 1,5-Grad-Ziel als unerreichbar beschrieben wurde.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 MIN LESEN


Bahnbrechende Industrietechnologien reifen nicht im Labor. Sie reifen im Betrieb." Mit diesem Satz eröffnet Jan Wurzbacher, Mitgründer und Co-Chef von Climeworks, seinen Bericht über anderthalb Jahre Mammoth. Er beschreibt darin, was seit Mai 2024 auf Island passiert ist: Die größte Direct-Air-Capture-Anlage der Welt ging mit zwölf von 72 geplanten Kollektorcontainern in Betrieb. Rasch wurde festgestellt, dass die Abscheideleistung in den harschen Wetterbedingungen Islands unter den Erwartungen blieb. Den weiteren Ausbau stoppte das Cleantech-Unternehmen daher. Stattdessen wurde gemessen und getüftelt.

Nun die positive Nachricht aus der Züricher Zentrale von Climeworks: Zwei der zwölf bereits errichteten Container liefern mittlerweile seit sechs Monaten zuverlässig die Filtermengen, die errechnet wurden. Konkret: 1,37 Tonnen CO₂ pro Tag und Container.

Doch neben der Abscheidemenge, die jetzt den Zielwert erreicht und zum schnellen Umbau der restlichen zehn Container sowie zur Skalierung auf die erwarteten 72 Container führen dürfte, gibt es noch eine weitere gute Nachricht: Die Betriebskosten pro Tonne haben sich - nach Angaben von Climeworks - mehr als halbiert. Im ersten Halbjahr 2026 hat die Anlage 675 Tonnen CO₂ netto entnommen und gespeichert, nach 119 Tonnen im gleichen Zeitraum 2025.

Was Climeworks in 18 Monaten gelernt hat

Das Filtermaterial bestimmt, wie viel CO₂ ein Container pro Zyklus bindet, wie viel Energie das Freisetzen kostet und wie oft das Material getauscht werden muss. Climeworks hat Rezeptur und Herstellung überarbeitet, mit den Betriebsdaten aus Island als Grundlage. Dazu kamen Umbauten an Mechanik und Betriebsführung, die vor allem die Verfügbarkeit der Container erhöht haben.

Wie gut das zusammenwirkt, zeigt der Kapazitätsfaktor: Er misst, wie viel der theoretisch möglichen Leistung eine Anlage übers Jahr tatsächlich liefert, nach Abzug von Wartung, Wetter, Stillstand und der eigenen Emissionen aus Bau und Betrieb. Die beiden umgebauten Container kommen auf 40 bis 50 Prozent. Solarparks erreichen 20 bis 25 Prozent, Windparks 30 bis 40. Für eine Technologie, die vor zwei Jahren als Beispiel für die Lücke zwischen Ankündigung und Betrieb galt, ist das der Beleg, dass die Einheit funktioniert.

Bis Ende 2026 rüstet Climeworks alle zwölf installierten Container auf den neuen Stand um. Anfang 2027 beginnt vor Ort der Test der nächsten Technikgeneration, die im Labor eine zehnfache Lebensdauer des Sorbens und die vierfache Leistung pro Modulgröße erreicht hat. Die 60 noch nicht gebauten Container bekommen keinen Termin. Hochgerechnet liegt Mammoth heute bei rund 1.350 Tonnen im Jahr, gut sechs Prozent der 20.000 bis 22.000 Tonnen netto, die Climeworks für den Vollausbau nennt.

Warum das mehr ist als eine Firmenmeldung

Mammoth war seit der Eröffnung das Symbol einer Branche, die mehr versprach, als sie lieferte. Climeworks baute 2025 ein Fünftel der Belegschaft ab, Wettbewerber fusionierten, Kritiker rechneten vor, dass die Anlage mehr CO₂ verursache als sie entferne. Wurzbacher benennt den Fehler im Rückblick selbst: Beim Bau von Mammoth sei es Branche und Investoren um möglichst viel Volumen zu fast jedem Preis gegangen, „it was really a volume game", sagte er Bloomberg. Die 18 Monate auf Island waren die Korrektur dieses Ansatzes: erst die Einheit zum Laufen bringen, dann vervielfachen.

Dass ausgerechnet der Pionier diesen Nachweis erbringt, hat Gewicht. Climeworks ist das einzige Unternehmen weltweit, das seit Jahren DAC-basierte CO₂-Entnahme an Kunden liefert, darunter Lufthansa, SWISS und British Airways. Jede andere Firma in diesem Feld, das deutsche Startup Greenlyte ebenso wie das britische Airhive nach der Übernahme von Carbyon, misst sich an dem, was Climeworks unter Realbedingungen zeigt. Bislang war das ein Rückstand. Jetzt ist es ein Datenblatt, das stimmt.

Der Rahmen: UNEP plant mit dem Overshoot

Eine Woche vor der Climeworks-Meldung hat das UN-Umweltprogramm den Bericht „Limiting Overshoot" vorgelegt. Das verbleibende Budget für 1,5 Grad ist bei rund 130 Milliarden Tonnen CO₂ und aktuellen Emissionen von 40 Milliarden Tonnen im Jahr in etwa drei Jahren aufgebraucht. Mit der heutigen Politik steuert die Welt auf 2,6 Grad bis 2100 zu, mit allen zugesagten Klimaplänen auf 1,8. Die Frage ist nicht mehr, ob die 1,5 Grad überschritten werden, sondern wie hoch der Überschuss ausfällt und ob die Temperatur danach wieder sinkt.

Für die Rückkehr braucht es Entnahme in einer Größenordnung, die es heute nicht gibt: 6,5 bis 13,3 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr bis 2050, rechnet UNEP vor. Aufforstung liefert derzeit 2,2 Milliarden Tonnen, technische Verfahren wie Direct Air Capture weniger als 0,1 Prozent der gesamten Entnahme. Selbst bei optimistischem Ausbau, so der Bericht, bringt CO₂-Entnahme in diesem Jahrhundert kaum mehr als ein paar Zehntelgrad Umkehr. Genau diese Zehntelgrad sind der Unterschied zwischen einem Overshoot, der wieder abklingt, und einem, der bleibt.

Jede Technologie, die in dieser Rechnung vorkommen will, muss zuerst zeigen, dass sie unter Realbedingungen leistet, was auf dem Datenblatt steht. Diesen Nachweis hat Climeworks nach 18 Monaten für zwei Container erbracht, im isländischen Wind, mit echtem Stromnetz, echter Wartung und echten Kosten. Dass es so lange gedauert hat, ist bitter. Dass Wurzbacher den Weg dorthin offenlegt, Kennzahl für Kennzahl, ist der Grund, warum diese Zahlen tragen. Siebzehn Jahre nach dem Start an der ETH Zürich, schreibt er, sei seine Überzeugung unverändert: Direct Air Capture werde eine wesentliche Rolle spielen. Zum ersten Mal seit der Eröffnung von Mammoth liefert die Anlage dafür ein Argument.

1,37 t

PRO TAG UND CONTAINER

Auslegungsleistung, seit sechs Monaten von zwei umgebauten Containern erreicht

-50 %

BETRIEBSKOSTEN PRO TONNE

Gegenüber dem Vorjahr, Angabe Climeworks, absolute Zahl nicht genannt

6,5 bis 13,3 Gt

CO₂-ENTNAHME PRO JAHR BIS 2050

Nötig für die Rückkehr unter 1,5 Grad laut UNEP, DAC liefert heute unter 0,1 Prozent

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