Europas Klima-Gründer lernen ihr Handwerk bei Scania und Airbus

AENU-STUDIE ZU 100 KLIMA-GRÜNDERN · 29. SEPTEMBER 2026

Europas Climate-Tech-Gründer kommen aus der Industrie

Mindestens 45 der 100 bestfinanzierten Climate-Tech-Gründer Europas haben vorher bei Industrie- oder Energiekonzernen gearbeitet, etwa bei Scania, Airbus oder Siemens. Das zeigt eine Auswertung des Berliner Wagniskapitalgebers AENU.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


In den USA sieht das Bild anders aus. Dort haben 30 von 100 vergleichbaren Gründer*innen in Harvard, Stanford oder am MIT studiert. Die 100 Europäer kommen dagegen von 118 verschiedenen Hochschulen, keine taucht öfter als fünfmal auf. Cambridge führt mit fünf Gründern, die TU Delft folgt mit vier. Spitzenhochschulen hat Europa durchaus, von der ETH Zürich bis zur TU München, eine Gründer-Pipeline nach US-Muster bilden sie aber nicht.

Für die Studie „The Execution Game“ hat AENU alle europäischen Unternehmen herangezogen, die seit 2009 gegründet wurden und mindestens 50 Millionen Euro eingesammelt haben. Von 3.784 Firmen blieben nach Klima-Definition und Gründerführung 418 übrig. Aus 20 Teilbranchen wählten die Autor*innen die jeweils bestfinanzierten aus, damit Solarfirmen die Liste nicht dominieren. Die größte Herkunftsgruppe bilden Gründer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit 21 Personen, vor den nordischen Ländern mit 19.

Scania, Airbus und Siemens bilden die Gründer aus

Henrik Henriksson verließ den Lkw-Hersteller Scania und baut heute mit Stegra in Nordschweden ein Grünstahlwerk, für das er zuletzt 1,4 Milliarden Euro eingesammelt hat. Auch Martin Lewerth kam von Scania und gründete den Wärmepumpenanbieter Aira. Benoit Lemaignan (Batteriezellen, Verkor) und Jérémy Caussade (Elektroflugzeuge, Aura Aero) stammen beide von Airbus. Henrik Stiesdal war zuletzt Technikchef von Siemens Wind Power und gründete mit 59 Jahren sein eigenes Unternehmen.

Im Median hatten die europäischen Gründer 13 Jahre Berufserfahrung, als sie starteten, die US-Gründer 16 Jahre. Jeder zweite hatte schon einmal ein Unternehmen gegründet. Christoph Ostermann etwa hatte den Heimspeicherhersteller Sonnen 2019 an Shell verkauft, bevor er den Speicherentwickler Green Flexibility aufbaute. Mindestens 46 der 100 arbeiteten ein Jahr oder länger in Beratung oder Finanzwirtschaft, bevor sie gründeten.

AENU hat bewusst auch gescheiterte Firmen in der Liste belassen. Zehn der 100 Unternehmen sind geschlossen oder insolvent, darunter Northvolt mit rund 12,8 Milliarden Euro Kapital und Lilium mit rund einer Milliarde. An zwei der untersuchten Firmen, Agreena und Hometree, ist AENU selbst beteiligt.

Formo-Gründer Wohlgensinger sieht die Fabriken in China

Zehn der Gründer hat AENU ausführlich interviewt. Raffael Wohlgensinger, Mitgründer des Berliner Käse-Alternativen-Herstellers Formo, beschreibt die Lücke zwischen Labor und Fabrik.

Forschung und Entwicklung sieht er weiter in Europa, einen großen Teil der Wertschöpfung aber im Ausland. „Ich hoffe leider kaum noch, dass Europa in dieser Branche eine Rolle spielt“, sagt er. Die Bundesregierung habe nach seiner Darstellung öffentlich geförderte Projekte in seinem Feld gestrichen und das Geld in Verteidigung und KI umgeschichtet. Formos großskalige Produktion könne langfristig in China entstehen.

Das Tempo beim Fabrikbau ist ein bekanntes Problem des Standorts Deutschland (mehr dazu: Feinmechanik ist unser Ding. Zeit nicht.). Der schwedische Gründer Johan Outinen verweist im Report auf die Sicherheitsfrage. Sein Unternehmen Elvy verbaue Wechselrichter eines schwedischen Herstellers, chinesische Geräte hält er für ein Risiko. Die EU-Kommission hat gerade abgelehnt, die Regeln für Hochrisiko-Wechselrichter aufzuschieben.

Climate-Tech-Gründer finden in Europa mehr Kapital als in den USA

Europäische Klimafonds haben 2025 laut dem Marktdatenanbieter Currence 61 Milliarden Dollar eingesammelt, US-Fonds 37 Milliarden. 2022 lagen die USA noch vorn. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Wagniskapital-Investitionen in europäische Climate-Tech-Gründer um 78 Prozent auf sieben Milliarden Dollar. Einen großen Teil tragen öffentliche Geldgeber wie der Europäische Investitionsfonds.

Mehrere der untersuchten Firmen wachsen bereits im industriellen Maßstab. Beim Dresdner Elektrolyseurhersteller Sunfire bestellte der spanische Energiekonzern Repsol im Januar 2026 einen Elektrolyseur mit 100 Megawatt. Die Raffinerie Petronor orderte eine weitere Anlage derselben Größe (mehr dazu: Warum Sunfire baut und Nucera aussteigt). Der Berliner Solarfinanzierer Cloover meldete im September die Gewinnschwelle, bei einem hochgerechneten Jahresumsatz von mehr als 300 Millionen Euro.

Zum Abschluss nennt AENU 20 Gründer*innen, die aus Sicht des Fonds die nächste Generation bilden könnten. Aus Deutschland stehen darauf unter anderem der Waldbrand-Satellitenbetreiber OroraTech aus München, der Darmstädter Energiesoftware-Anbieter Etalytics und der Berliner Dämmspezialist Varm. Die Autor*innen richten daraus eine Botschaft an Ingenieur*innen in der Industrie. Wer zehn bis 15 Jahre in einem Konzern an denselben Problemen gearbeitet hat, steht dort, wo fast die Hälfte der heute erfolgreichsten Climate-Tech-Gründer Europas einmal stand.

QUELLEN

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  1. AENU, Currence, Green Executives: The Execution Game. How Europe's most well-funded climate founders were made, September 2026 (Report, PDF).
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