Jurisdictional Reward Funds: PIK-Plan für Klimaschutz jenseits der EU-Grenzen

KLIMAPOLITIK · 09. September 2026

Jurisdictional Reward Funds: PIK-Plan für Klimaschutz jenseits der EU-Grenzen

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung schlägt leistungsbezogene Fonds für Entwicklungs- und Schwellenländer vor, statt klassischer CO2-Zertifikate. Der Mechanismus soll den außereuropäischen Anteil am EU-Klimaziel 2040 absichern.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 MIN LESEN


Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat ein Modell für „Jurisdictional Reward Funds” vorgelegt. Die EU solle darüber Klimaschutz-Leistungen ganzer Staaten außerhalb Europas direkt vergüten, statt wie bisher einzelne Projekte über Zertifikate zu finanzieren. Das PIK veröffentlichte die Studie am 16. Juni 2026.

Hintergrund ist das EU-Klimaziel 2040: minus 90 Prozent gegenüber 1990. Fünf der 90 Prozentpunkte dürfen laut dem 2025 verabschiedeten EU-Klimagesetz über „Klimaschutz anderswo” erreicht werden, also über Emissionsminderungen außerhalb der EU. Genau für diesen Anteil soll das neue Instrument greifen.

Fonds statt Projektzertifikate

Klassische freiwillige Kohlenstoffmärkte vergeben Zertifikate für einzelne Projekte, etwa ein Wiederaufforstungsvorhaben oder eine Kochherd-Initiative. Diese Praxis stand zuletzt wegen manipulierter Ausgangswerte und zweifelhafter Zusätzlichkeit in der Kritik. Jurisdictional Reward Funds setzen stattdessen auf ganze Staaten als Bezugsgröße.

Förderfähig seien alle Entwicklungs- und Schwellenländer mit nachgewiesener Verschärfung ihrer Klimapolitik, erklärt Lennart Stern, PIK-Forscher und Ko-Autor der Studie. Brüssel stelle darüber Geld als Gegenleistung für konkrete politische Schritte in Drittstaaten bereit, so Stern. Feste Budgets würden nach gemessener Leistung gegen einheitliche Benchmarks verteilt, nicht nach verhandelten Einzelprojekten.

„Die Anrechnungsmöglichkeit von Klimaschutz jenseits der eigenen Grenzen ist eine Chance, wenn man sie richtig gestaltet”, sagt Stern.

Der Mittelverteilung im kostenoptimalen Mix zufolge sollen 62 Prozent der Gelder in den Kohleausstieg fließen, 32 Prozent in die Reduktion von Öl- und Gasförderung, 6 Prozent in Waldschutz. Für Wald skizziert die Studie einen Auszahlungsmechanismus: Länder erhalten Geld nach ihrer gemessenen Entwaldungsrate gegen einen einheitlich festgelegten Referenzwert.

Offene Frage: Wer misst die Leistung?

Für den Waldschutz-Anteil benennt die Studie also einen Prüfmaßstab. Für die übrigen 94 Prozent der Mittel, Kohleausstieg und Öl-/Gasförderungsreduktion, fehlt in der öffentlich zugänglichen Zusammenfassung jede Aussage dazu, wer den Fortschritt misst, verifiziert oder kontrolliert. Das ist die zentrale offene Flanke des Vorschlags.

Ein Kohleausstieg lässt sich über stillgelegte Kraftwerkskapazität grundsätzlich messen, eine Reduktion von Öl- und Gasförderung ebenso über Fördermengen. Wer diese Daten erhebt, welche Institution sie gegenprüft und wie mit Falschangaben umgegangen wird, bleibt in den vorliegenden Quellen unbeantwortet.

Abgrenzung zu REDD+

Der Waldschutz-Teil des Vorschlags erinnert an REDD+, ein seit Jahren etabliertes Instrument zur Reduktion von Emissionen aus Entwaldung. REDD+ existiert in zwei Varianten: projektbasiert, mit denselben Kritikpunkten wie klassische CO2-Zertifikate, und jurisdiktional, bei dem ganze Verwaltungseinheiten oder Staaten als Bezugsgröße dienen.

Jurisdictional Reward Funds übernehmen die jurisdiktionale Logik des zweiten REDD+-Modells, gehen im Anwendungsbereich aber weit über Wald hinaus: 94 Prozent der Mittel sollen laut Studie in fossile Ausstiegspfade fließen, nur 6 Prozent in Wald. Ein weiterer Unterschied liegt in der Finanzierungsform. REDD+ läuft überwiegend über den Kauf von Zertifikaten durch Emittenten. Jurisdictional Reward Funds sind als direkte Fondsfinanzierung durch die EU konzipiert, mit im Voraus festgelegten Leistungsschwellen statt verhandelter Baselines. Diese Einordnung zieht Cleanthinking selbst; die Studie stellt keinen expliziten REDD+-Vergleich an.

Kosten und Effekt auf den CO2-Preis

Die Studie beziffert die Kosten des Instruments auf 5 Milliarden Euro im Jahr 2040, das entspricht 21 Euro je eingesparter Tonne CO2. Es handelt sich um die geschätzte Kostenhöhe für das Zieljahr, nicht um eine Dauersumme, die bereits jetzt jährlich anfiele.

Würden die so gewonnenen internationalen CO2-Gutschriften in den EU-Emissionshandel integriert, also den Markt, über den Unternehmen CO2-Zertifikate handeln, könnte das laut Studie den CO2-Preis zwischen 2036 und 2050 im Schnitt um 40 bis 45 Prozent gegenüber einem Szenario ohne solche Gutschriften senken. Der Dekarbonisierungsanreiz bliebe dabei nach Angaben der Autoren weiterhin hoch.

Ottmar Edenhofer, PIK-Direktor und Vorsitzender des EU-Klimabeirats, ordnet die internationale Flexibilität im EU-Klimaziel als Stabilisierungsmechanismus ein. „Er sichert ab, dass in Brüssel auch künftig ambitionierte Klimapolitik realistisch bleibt, unabhängig davon, was man in Peking oder Washington entscheidet”, sagt Edenhofer. Man solle die Flexibilität nicht als Ersatz für fehlenden politischen Ehrgeiz im eigenen Territorium abtun, so Edenhofer weiter.

Umstrittener Fünf-Prozentpunkte-Anteil

Der Anteil internationaler Flexibilität am EU-Klimaziel 2040 ist politisch umstritten. Umweltverbände und der Expertenrat für Klimafragen haben klassische Kompensationszertifikate wiederholt kritisch bewertet. Jurisdictional Reward Funds positionieren sich in der Studie explizit als glaubwürdigere Alternative zu diesen Zertifikaten. Ob das Instrument über die verbleibende offene Verifizierungsfrage hinaus überzeugt, dürfte die weitere Debatte in Brüssel entscheiden.

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