ENERGIEWENDE · 07. SEPTEMBER 2026

Anschläge auf Umspannwerke: Warum dezentrale Energie sicherer ist
Draht und ein Zeitzünder reichten. Binnen einer Woche traf Sabotage drei Umspannwerke in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Ganze Kraftwerksblöcke waren tagelang vom Netz. Die Lehre daraus spricht für die Energiewende: Wer Strom an vielen Orten erzeugt und speichert, bietet Saboteuren kein Ziel.
Am 1. September 2026 fanden Einsatzkräfte an der Anlage Turnow-Preilack im Landkreis Spree-Neiße mehrere selbstgebaute Abschussvorrichtungen. Die Anlage versorgt das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. Am selben Tag entdeckten Ermittler sechs weitere Vorrichtungen neben dem Amprion-Umspannwerk Rommerskirchen bei Bergheim. Drei Tage später fand ein Passant am Umspannwerk Dormagen eine selbstgebaute Rakete mit Zeitschaltung und Kupferdraht.
Das Prinzip war in allen drei Fällen gleich: Draht flog über eine Freileitung und löste einen Kurzschluss aus. Die Schutztechnik erkannte den Fehler binnen Millisekunden und schaltete ab. Die allgemeine Stromversorgung blieb stabil, doch die angeschlossenen Kraftwerksblöcke mussten für Stunden bis Tage vom Netz.
Mehrere Bekennerschreiben gingen an Medien und die Deutsche Presse-Agentur. Darin wird Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen als Verbrechen bezeichnet.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von mutmaßlichem Klimaterrorismus eines Einzeltäters. Das in den Schreiben offenbarte Wissen sei eindeutiges Täterwissen. Die Ermittler prüfen den Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung und verfassungsfeindlicher Sabotage.
Die Serie reiht sich in eine europäische Häufung ein. Ein Brandanschlag in Berlin ließ im Jänner 2026 rund 100.000 Menschen mehrere Tage ohne Strom. In der Ostsee wurden mehrfach Unterseekabel beschädigt. In Italien griffen Unbekannte einen Strommast an, der eine Pipeline-Pumpstation versorgt.
Kritiker der Energiewende verweisen gern auf Redispatch-Kosten. Das sind Kosten für Eingriffe, mit denen Netzbetreiber das Netz stabil halten, wenn viele dezentrale Anlagen einspeisen. Diese Kosten sind real, aber sie sind ein Betriebsproblem, kein Sicherheitsproblem.
Die physische Schwachstelle liegt woanders: bei den wenigen großen Umspannwerken, die die Last ganzer Kraftwerksblöcke bündeln. Genau diese Knoten waren in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen das Ziel.
Sabotage am Stromnetz trifft, wer zentralisiert
Das deutsche Übertragungsnetz folgt einer einfachen Regel, dem n-1-Kriterium: Fällt eine einzelne Leitung oder ein Transformator aus, darf das keinen großflächigen Stromausfall auslösen. Deshalb betreiben die Netzbetreiber ihre Leitungen nur mit rund der Hälfte der möglichen Auslastung. Die Reserve fängt den Ausfall auf.
Das Prinzip ist für Zufälle gebaut: einen Blitzschlag, einen technischen Defekt, einen Sturmschaden. Es rechnet nicht mit einem Täter, der binnen einer Woche gezielt drei Knotenpunkte in zwei Bundesländern anfährt und genau weiß, welche Freileitung welchen Kraftwerksblock speist.
Wenige hundert Umspannwerke bündeln in Deutschland die Leistung einer kleinen Zahl großer Kraftwerksblöcke. Wer einen dieser Knoten trifft, nimmt einen ganzen Kraftwerksblock auf einmal vom Netz.
Millionen kleiner Erzeugungs- und Speicherpunkte bieten kein vergleichbares Ziel: Balkonkraftwerke, Photovoltaik auf Hallendächern, Batteriespeicher im Keller. Ein Angriff auf einen einzelnen Haushalt mit eigener Erzeugung entzieht dem Netz kaum messbare Leistung.
Was Netzbetreiber und Behörden jetzt tun
Die Bundesnetzagentur steht nach eigenen Angaben in engem Austausch mit Netz- und Kraftwerksbetreibern. Ein Thema ist die Lagerhaltung von Ersatzteilen. Ein zweites ist die Standardisierung von Bauteilen, damit beschädigte Transformatoren und Schaltanlagen schneller ersetzt werden können.
Amprion-Chef Christoph Müller forderte in der Rheinischen Post mehr Freiheiten beim Eigenschutz. Er will weniger Pflicht zur Veröffentlichung technischer Netzdaten. Zudem fordert er mehr Spielraum für Videoüberwachung und für Drohnen, die Leitungstrassen regelmäßig abfliegen.
„So machen wir es Attentätern unnötig leicht, egal aus welcher Ecke sie kommen", sagte Amprion-Chef Christoph Müller. Er verlangt besseren Schutz für die rund 180 Umspannwerke seines Unternehmens.
Zäune, Kameras und Drohnen senken die Wahrscheinlichkeit, dass ein Angriff gelingt. Sie härten das bestehende Netz, ändern es aber nicht.
Am Schaden, den ein gelungener Angriff anrichtet, ändern sie wenig: Die Last bleibt auf wenige Knoten konzentriert. Für die kommenden Monate ist das der richtige Sofortschritt. Für die Netzplanung der nächsten zehn Jahre reicht es nicht.
Österreich: Zäune um Umspannwerke, keine um Strommasten
In Österreich beobachtet man die deutsche Anschlagsserie genau. Austria Power Grid (APG), die zum Verbund-Konzern gehörende Übertragungsnetzbetreiberin, sichert ihre 67 Umspannwerke rund um die Uhr mit Kameras und Zaunanlagen. Gesteuert wird das aus einer stacheldrahtgesicherten Zentrale am Johannesberg in Wien.
Anders sieht es bei den Leitungen aus: 12.000 Strommasten und 7.000 Kilometer Leitungen lassen sich so nicht überwachen. „Wir haben tausende Strommasten, die wir de facto nicht schützen können", sagt APG-Technikvorstand Gerhard Christiner dem Standard.
Auch das österreichische Netz arbeitet nach dem n-1-Prinzip: Fällt eine Leitung oder ein Transformator aus, egal ob durch Defekt oder Sabotage, übernehmen andere Netzteile. Christiner hält physische Angriffe wie in Deutschland für real. Die größere Gefahr sieht er aber im Digitalen.
Er beschreibt das Sicherheitskonzept als Zwiebelschale: Ein Angreifer muss mehrere Schutzschichten überwinden. Anomalien im Netz werden sofort registriert.
Ein Problem verschärft die Lage: zu viel Transparenz. Echtzeitdaten zu Netzauslastung und Speicherkapazitäten sind öffentlich einsehbar, Umspannwerke lassen sich auf Google Maps finden.
Microsoft veröffentlichte 2025 nach der Eröffnung dreier Rechenzentren in Niederösterreich deren Standorte deshalb bewusst nicht. Der deutsche Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert nach den Anschlägen, Detailinformationen zu kritischer Infrastruktur nicht mehr frei zugänglich zu machen.
Ein Gesetz schafft noch keine Resilienz
Seit dem Frühjahr 2026 gilt in Österreich das Resilienz kritischer Einrichtungen-Gesetz (RKEG). Es verpflichtet Betreiber kritischer Infrastruktur zu Risikokonzepten. Die müssen neben Angriffen auch Naturgefahren wie Hochwasser oder Muren abdecken.
Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) legt fest, wer betroffen ist. Sie verlangt die Konzepte und eine Meldepflicht bei Sicherheitsvorfällen. Laut Innenministerium betrifft das mehrere Hundert Unternehmen aus Energie, Transport, Lebensmittelversorgung und Gesundheitssektor.
„Ein Gesetz schafft aber noch keine Resilienz", sagt PwC-Sicherheitsexperte Bernhard Müller. Das RKEG schaffe dennoch erstmals eine gesetzliche Pflicht, physische Infrastruktursicherheit zu prüfen. Man könne aber nicht die gesamte Infrastruktur schützen, so Müller: Umspannwerke lassen sich einzäunen und überwachen, Schienenstrecken nicht lückenlos.
Entscheidend sei die Abwägung aus Angriffswahrscheinlichkeit und Auswirkung. Fällt ein Umspannwerk aus, gleichen Nachbarwerke das meist aus. Fallen drei Werke in einer Region gleichzeitig aus, hat das Folgen für die Bevölkerung.
Weder Zaun noch Gesetz lösen dieses Drei-Werke-Problem. Der Grund liegt im Netzaufbau selbst, nicht in fehlender Aufsicht.
Ein System aus vielen kleinen Erzeugungs- und Speicherpunkten kennt dieses Problem so nicht. Fallen bei einem verteilten Netz drei Balkonkraftwerke oder drei Heimspeicher gleichzeitig aus, betrifft das drei Haushalte, nicht eine Region. Die Auswirkung eines Einzelausfalls bleibt von vornherein klein.
Die dezentrale Antwort ist längst im Bau
Was in der Sicherheitsdebatte gerade neu diskutiert wird, ist auf der Erzeugungsseite bereits Alltag. Balkonkraftwerke speisen Strom dort ein, wo er verbraucht wird, ohne über ein zentrales Umspannwerk zu laufen.
Heimspeicher puffern diese Erzeugung lokal. Sie machen einzelne Haushalte für Stunden unabhängig vom übergeordneten Netz. Energy Sharing und Bürgerenergie verteilen Erzeugung und Verbrauch zusätzlich auf ganze Nachbarschaften, statt sie an einem einzelnen Netzknoten zu bündeln.
Bislang wird diese Entwicklung fast ausschließlich unter Kosten- und Klimaaspekten diskutiert, zuletzt in der Debatte um die tatsächliche Höhe der Redispatch-Entschädigungen für abgeregelte Erneuerbare-Anlagen. Die physische Sicherheit der Infrastruktur kommt darin bislang nicht vor.
Zäune um Umspannwerke und ein Gesetz wie das österreichische RKEG ändern nichts daran, dass wenige Knoten viel Last tragen. Verteilte Erzeugung und Speicher tun das: An jedem einzelnen Punkt hängt weniger Last, also sinkt der Preis eines erfolgreichen Angriffs.
Häufige Fragen zu Sabotage am Stromnetz
Wie liefen die Anschläge auf die deutschen Umspannwerke im September 2026 ab?
Selbstgebaute Abschussvorrichtungen schossen Draht über Hochspannungsleitungen an den Anlagen Turnow-Preilack (Brandenburg), Rommerskirchen bei Bergheim und Dormagen (beide Nordrhein-Westfalen). Der Draht löste einen Kurz- oder Erdschluss aus, der die Schutztechnik der Leitungen automatisch abschalten ließ.
Warum blieb die allgemeine Stromversorgung trotz der Anschläge stabil?
Das n-1-Prinzip der Netzplanung sorgt dafür, dass beim Ausfall einer Leitung andere Leitungen die Last automatisch übernehmen. Die Schutztechnik trennt nur die betroffene Verbindung. Die angeschlossenen Kraftwerksblöcke mussten dennoch für Stunden bis Tage vom Netz.
Macht dezentrale Stromerzeugung das Netz sicherer gegen Sabotage?
Ja, strukturell schon: Ein Angriff auf einen zentralen Umspannwerksknoten legt einen ganzen Kraftwerksblock lahm, ein Angriff auf einen einzelnen Prosumer-Haushalt mit Balkonkraftwerk oder Heimspeicher entzieht dem Netz kaum messbare Leistung. Viele kleine Erzeugungspunkte bieten kein vergleichbares Einzelziel.
Wie schützt Österreich seine Strominfrastruktur vor Sabotage?
Netzbetreiberin APG sichert ihre 67 Umspannwerke mit Kameras und Perimeter-Schutz, ihre 12.000 Strommasten lassen sich laut Technikvorstand Gerhard Christiner de facto nicht flächendeckend schützen. Seit Frühjahr 2026 verpflichtet das Resilienz kritischer Einrichtungen-Gesetz (RKEG) mehrere Hundert Betreiber zu Risikokonzepten, ersetzt laut PwC-Sicherheitsexperte Bernhard Müller aber keine Prüfung der tatsächlichen physischen Sicherheit.
QUELLEN
- Der Standard: Im Visier der Saboteure: Wie sicher ist Österreichs Energie-Infrastruktur?, Bettina Pfluger und Michael Ortner, 04.09.2026.
- heise online: Draht statt Sprengstoff: Angriffe auf Umspannwerke und Grenzen der Netzredundanz, September 2026.
- ZDFheute: Sabotageakte in Brandenburg: Polizei geht Terrorverdacht nach, September 2026.
- Tagesspiegel: „Anschlag auf die kritische Infrastruktur": Sechs Abschussvorrichtungen nahe Umspannwerk Bergheim bei Köln gefunden, September 2026.
- Tagesspiegel: Anschläge auf das Stromnetz: Umspannwerke sind die verwundbaren Arterien der Versorgung, September 2026.
- ZDFheute: Polizei spricht von möglicher Sabotage an Umspannwerk in Dormagen, September 2026.
- ad-hoc-news: Amprion-Chef fordert mehr Schutz für 180 Umspannwerke, September 2026.
- Cleanthinking: Redispatch-Kosten 2026: Stimmt Reiches Zahl? Faktencheck, 04.03.2026.