Historisch niedrige Füllstände: Reicht das Gas für den Winter 2026/27?

GASVERSORGUNG · 08. SEPTEMBER 2026

Reicht das Gas für den Winter 2026/27? Was diesmal anders ist als vor einem Jahr

Die gesetzliche Vorgabe für den 1. November ist nicht mehr zu erreichen. 80 Prozent Füllstand schreibt die Verordnung vor, technisch möglich sind nach der neuen Rechnung des Gasspeicherverbands INES nur noch rund 77 Prozent. Vorgestellt hat INES die Zahlen am Montag in einem Webinar, veröffentlicht am Dienstagmorgen. Reicht das Gas trotzdem für den Winter 2026/27?


VON MARTIN JENDRISCHIK · 11 Min. Lesezeit LESEN


Anfang September lagen die deutschen Gasspeicher bei 53,4 Prozent. Das ist der niedrigste Stand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Gebucht haben Händler und Versorger 83 Prozent der Kapazität, physisch befüllen lassen sich bis zum 1. November aber nur noch rund 77. Bleibt das Einspeichertempo der vergangenen Wochen, sinkt auch dieser Wert weiter. Das INES-Statement trägt den Titel: „Zeitfenster für ausreichende Befüllung schließt sich".

„Die deutschen Gasspeicher sind für diese Jahreszeit historisch niedrig gefüllt. Zwar können wir technisch noch einen Füllstand von rund 77 Prozent erreichen. Dafür reicht es aber nicht, dass Speicherkapazitäten lediglich gebucht sind. Die Speicherbefüllung muss wirtschaftlich tragfähig sein, damit sie von Marktakteuren auch tatsächlich realisiert werden kann", sagt INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann.

Um die 77 Prozent überhaupt zu erreichen, müsste in den zwei Monaten bis zum 1. November mehr Gas eingespeichert werden als in den vergangenen drei Monaten zusammen. Dass es nicht fließt, liegt nicht an fehlendem Gas. Gas für den kommenden Winter ist derzeit billiger zu haben als Gas für den Sommer, wer heute einspeichert, verliert nach INES-Rechnung 3,14 Euro je Megawattstunde.

Vor einem Jahr sah das anders aus. Am 1. September 2025 lagen die Speicher bei 71 Prozent, der Winter begann am 1. November mit rund 76. Als der Stand im Januar unter 40 Prozent fiel, redeten YouTuber eine Katastrophe herbei, die AfD forderte russisches Gas zurück. Cleanthinking hielt dagegen: Pipelines aus Norwegen und Westeuropa tragen 2,5 bis 3 Terawattstunden am Tag, LNG-Terminals weitere 0,4, Speicher schließen nur die restliche Lücke. Mitte März bestätigte INES offiziell, dass die Füllstände bis zum Ende der Heizperiode reichten, eine Mangellage blieb aus.

Diesmal fehlt dieser Vorsprung. 53 Prozent sind 20 Punkte weniger als im Vorjahr, diese Marke hatten die Speicher 2025 schon Ende Juni erreicht, im August 2024 lag der Füllstand noch bei 95 Prozent. Die Aufgabe für 2026 hatte Cleanthinking im Februar benannt: die Wiederbefüllung im Frühjahr und Sommer, wenn Europa mit China und Indien um LNG-Ladungen konkurriert. Sie ist misslungen.

Verlauf der Gasspeicherfüllstände in Deutschland von September 2025 bis August 2026 laut INES, Tiefstand 21 Prozent im März, 53 Prozent im August
Gasspeicherfüllstände in Deutschland, September 2025 bis August 2026: Von 71 Prozent über 21 Prozent Anfang März zurück auf 53 Prozent. Die orangen Punkte markieren die gesetzlichen Füllstandsvorgaben. Grafik: INES

Reicht das Gas für den Winter 2026/27?

Seit Anfang Juni füllen sich die Speicher so langsam wie in keinem Vorjahr. Am 1. April lag der Füllstand bei 22 Prozent, am 1. Juli bei 41, im Vorjahr waren es an diesem Datum 51. Die Einspeicherung lag im Juni bei 0,7 Terawattstunden pro Tag, im Juli und August nur noch bei 0,4, beides unter dem Vorjahreswert.

Gesetzlich vorgeschrieben sind 80 Prozent je Speicheranlage zum 1. November, für sechs benannte Anlagen wie Rehden gilt eine abgesenkte Marke von 45 Prozent. Zum 1. Februar 2027 schreibt die Verordnung 30 Prozent vor, für vier bayerische Speicher 40 Prozent.

Marke Prozent
Füllstand 1. September 202653,4
Füllstand 1. September 2025 (Vorjahr)71
Technisch erreichbar bis 1. November 202677
Gebucht (vermarktete Kapazität)83
Gesetzlich vorgeschrieben zum 1. November 202680
Gesetzlich vorgeschrieben zum 1. Februar 202730

Quelle: INES, Gas-Szenarien September 2026, Stand 1. September 2026; Bundesnetzagentur.

Für einen Normalwinter rechnet INES mit dem europäischen Wetterjahr 2016. Erreichen die Speicher zum 1. November 77 Prozent, kommt Deutschland vollständig versorgt durch die Heizperiode. Der Füllstand zum 1. April 2027 läge dann bei rund 38 Prozent.

Für einen Kaltwinter dient das Wetterjahr 2010 als Referenz. Nach der aktuellen Rechnung reichen 77 Prozent dann nicht: Im Januar und Februar 2027 fehlen bis zu 2 Terawattstunden pro Monat, an einzelnen Tagen bis zu 1,5 Terawattstunden. An manchen Januartagen liegt die Unterdeckung laut INES bei über 25 Prozent. Im kalten Wetterjahr werden nach dem Modell nicht einmal die 77 Prozent bis zum 1. November erreicht.

INES selbst stuft diesen Verlauf als weniger wahrscheinlich ein, verweist aber auf Februar und März 2018, die kälter waren als das Kaltszenario. Die Szenarien seien Modellrechnungen ohne Anspruch, die Realität abzubilden, betont der Verband.

INES-Szenarien für den Winter 2026/27 bei 77 Prozent Füllstand am 1. November: Füllstandsverlauf bei normalen, warmen und kalten Temperaturen bis März 2027
INES-Szenarien bei 77 Prozent Füllstand am 1. November 2026: Bei Normal- und Warmtemperaturen bleiben die Speicher über der 30-Prozent-Marke, im kalten Wetterjahr 2010 fehlen im Januar 2,3 Terawattstunden. Grafik: INES

Eine Überschlagsrechnung von Cleanthinking zeigt die Spannbreite, kein Modell, nur Dreisatz. Im Vorjahr fiel der Füllstand vom 1. November bis Ende Januar von 76 auf 37 Prozent, also um 39 Punkte in einem kalten Januar. Startet Deutschland diesen Winter mit 77 Prozent, landet es bei einem ähnlichen Verlauf Ende Januar bei rund 38. Startet es nur mit rund 70, was dem aktuellen Einspeichertempo entspricht, landet es bei etwa 31, direkt an der gesetzlichen 30-Prozent-Marke zum 1. Februar.

Woher das Gas kommt, und warum es nicht in die Speicher fließt

An der Herkunft des Gases hat sich wenig geändert. Norwegen liefert stabil: 2025 schickte der Netzbetreiber Gassco 114,9 Milliarden Kubikmeter durch seine Pipelines nach Europa, davon 58 Milliarden nach Deutschland, zwei Milliarden mehr als im Jahr davor. Für 2026 erwartet Gassco erneut 110 bis 120 Milliarden Kubikmeter.

Deutschland bezog 2025 44 Prozent seines Gases aus Norwegen, 24 Prozent aus den Niederlanden, 21 Prozent aus Belgien. LNG-Terminals steuerten nur 10,3 Prozent bei.

Europas LNG-Terminals laufen zu weniger als der Hälfte ihrer Kapazität. Zwischen September 2025 und August 2026 kamen im Schnitt 4,3 Terawattstunden pro Tag an, bei einer Kapazität von 9,4. Ungenutzt bleiben vor allem Terminals in Spanien mit 1,6 Terawattstunden pro Tag, Großbritannien mit 1,3 und Frankreich mit 0,6.

Anders ist der Preis. Am niederländischen Handelspunkt TTF kostete Gas zur Lieferung im Folgemonat am 7. September rund 74 Euro je Megawattstunde. Vor dem Iran-Krieg Ende Februar waren es unter 32 Euro. Im Januar lagen die Preise bei 28 bis 30 Euro, ein Niveau, in dem Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller keine Zeichen von Knappheit sah.

Seit Ende Februar 2026 führen die USA und Israel Krieg gegen den Iran. Die Straße von Hormus ist seither faktisch für Handelsschiffe gesperrt, Anfang September passierten nur vereinzelt Schiffe die Meerenge. Katar hat seine Force-Majeure-Erklärung für LNG-Lieferungen bis mindestens November 2026 verlängert.

Ein Angriff auf die katarische Anlage Ras Laffan hatte am 18. März bereits 17 Prozent der dortigen Kapazität lahmgelegt, für bis zu fünf Jahre.

Normalerweise kostet Gas für den Winter mehr als Gas im Sommer. Aus dieser Differenz, dem Sommer-Winter-Spread, finanzieren Händler das Einspeichern: Sie kaufen im Sommer, lagern ein und verkaufen im Winter teurer. Nach dem Hormus-Schock stieg der Sommerpreis über den Winterpreis, der Spread kippte ins Negative.

Cleanthinking beschrieb den Mechanismus im März so: „Das Problem heißt nicht Knappheit. Das Problem heißt Preis."

Die INES-Rechnung vom 8. September bestätigt das für diesen Winter: „Gas ist für den kommenden Winter derzeit günstiger als für den Sommer verfügbar. Damit fehlen dem Markt derzeit jegliche ökonomischen Anreize zur Einspeicherung." Den Mechanismus hat Cleanthinking zum Aktionsplan Anfang September beschrieben.

Im Juni hatte Cleanthinking die Lage so zusammengefasst: Die Speicher sind nicht leer, weil Gas fehlt. Sie sind leer, weil sich das Einspeichern nicht rechnet.

Der Puffer ist außerdem europaweit dünner als im Vorjahr. Die EU-Speicher lagen am 5. September bei 66,6 Prozent, der Fünf-Jahres-Schnitt für dieses Datum liegt bei rund 88. Italien stand Ende August bei 80,9 Prozent, Frankreich bei 65,7, Österreich bei 64,7. Deutschland liegt deutlich unter dem EU-Schnitt, und der EU-Schnitt liegt deutlich unter seinem eigenen Fünf-Jahres-Mittel.

Beim Flüssigerdgas hängt Europa an den USA, die rund 60 Prozent des europäischen LNG liefern, wie Cleanthinking im Juni berichtete. Asiatische Käufer konkurrieren um jede freie Ladung. Und der deutsche Gasverbrauch ist 2025 nach Jahren des Rückgangs wieder gestiegen, um 6,9 Prozent auf 910 Terawattstunden.

Wetterprognose: milder Frühwinter, Kälterisiko ab Januar

Wie kalt der Winter tatsächlich wird, weiß im September niemand. Die saisonale Vorhersage des europäischen Wetterzentrums ECMWF deutet für Dezember bis Februar auf einen eher milden Winter in Deutschland, der Deutsche Wetterdienst auf einen eher niederschlagsreichen. Beide Prognosen sind im Spätsommer noch mit erheblicher Unsicherheit behaftet.

Ein sehr starker El Niño im Pazifik erhöht die Wahrscheinlichkeit eines gestörten Polarwirbels, und damit das Kälterisiko Richtung Januar und Februar 2027, messbar, wie Cleanthinking Anfang September beschrieben hat. Erzwingen kann er die Störung nicht, der Frühwinter dürfte eher mild und westwindgeprägt ausfallen. Der Deutsche Wetterdienst betonte Ende August: Aus einem starken El Niño allein lasse sich kein kalter Winter in Europa ableiten.

Reiche wartet, INES warnt

Auf der politischen Seite hat sich seit August wenig bewegt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat weder eine Einspeicherung angeordnet noch den eigenen Zeitplan gehalten. Der Referentenentwurf für die strategische Gasreserve blieb Ende Juli aus, die Kabinettsbefassung am 12. August fiel aus.

Die Reserve von 24 Terawattstunden kommt frühestens 2027, für diesen Winter zu spät. Ein Gutachten von Frontier Economics im Auftrag ihres Ministeriums sieht bislang kein strukturelles Marktversagen, das weitere Eingriffe rechtfertige.

Die Bundesnetzagentur nennt die Lage weiterhin stabil, das Risiko einer angespannten Versorgung gering, richtet ihren Blick inzwischen ausdrücklich auf die 30-Prozent-Marke zum 1. Februar. Seit Juli 2025 gilt die Frühwarnstufe, die niedrigste der drei Stufen des Notfallplans Gas.

Die Initiative Energien Speichern selbst wird deutlicher als noch im Juli.

Die Initiative Energien Speichern selbst wird deutlicher. Ihr Statement vom 8. September trägt den Titel „INES-Gas-Szenarien: Historisch niedrige Speicherstände - Zeitfenster für ausreichende Befüllung schließt sich".

„Die deutschen Gasspeicher sind für diese Jahreszeit historisch niedrig gefüllt. Zwar können wir technisch noch einen Füllstand von rund 77 Prozent erreichen. Dafür reicht es aber nicht, dass Speicherkapazitäten lediglich gebucht sind. Die Speicherbefüllung muss wirtschaftlich tragfähig sein, damit sie von Marktakteuren auch tatsächlich realisiert werden kann", sagt INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann.

INES vertritt 17 Speicherbetreiber und mehr als 90 Prozent der deutschen Kapazität, der Verband ist im Lobbyregister eingetragen. Vorschläge liegen seit dem Gasspeicher-Aktionsplan vom 3. September auf dem Tisch: Netzentgelte an Speichern vollständig rabattieren, die Konvertierungsumlage abschaffen, Finanzierung über die KfW verbilligen.

Zusätzliche Ausschreibungen von Long-Term-Options liefern nach INES-Rechnung nur einen begrenzten Beitrag. Langfristig fordert der Verband ein Anreizmodell oder eine Verpflichtung nach dem Vorbild Frankreichs oder Italiens. Das nächste Szenario-Update kündigt INES für den 10. November an, kurz nach dem gesetzlichen Stichtag.

Für Verbraucher bleibt vor allem der Preis das Risiko, kalt wird die Wohnung aller Voraussicht nach nicht. Jede Entlastung, die INES fordert, jede Ausschreibung, jeder Kredit, landet am Ende auf der Gasrechnung.

Wärmepumpen verkleinern das Problem Jahr für Jahr. Die zwischen 2022 und 2024 installierten Wärmepumpen, Solar- und Windanlagen ersetzten 2024 rund 8,8 Milliarden Kubikmeter Gas, etwa zwei Drittel der katarischen Importe der EU, wie Cleanthinking im Juli errechnet hatte.

Physisch reicht das Gas bei einem normalen Winter, das war schon im vergangenen so. Ob es diesen Winter bezahlbar bleibt, entscheidet sich an der Straße von Hormus und an einem Anreiz zum Einspeichern, den in Berlin bislang niemand setzen will.

Häufige Fragen zur Gasversorgung im Winter 2026/27

Wie voll sind die deutschen Gasspeicher aktuell?

Zum 1. September 2026 lag der Füllstand bei rund 53 Prozent, laut Bundesnetzagentur bei 53,4 Prozent. Das ist der niedrigste Wert zu dieser Jahreszeit seit Beginn der INES-Aufzeichnungen vor 15 Jahren, 20 Punkte weniger als im Vorjahr.

Reicht das Gas für den Winter 2026/27?

Bei einem milden bis normalen Winter reicht ein Füllstand von rund 77 Prozent zum 1. November nach INES-Modellrechnung aus. Bei einem Kaltwinter wie 2010 fehlen laut demselben Modell im Januar und Februar bis zu 2 Terawattstunden pro Monat, an einzelnen Tagen 1,5 Terawattstunden.

Warum wird derzeit so wenig Gas eingespeichert?

Weil sich Einspeichern wirtschaftlich nicht lohnt. Der Sommer-Winter-Spread ist negativ, nach INES-Rechnung verliert, wer heute einspeichert, 3,14 Euro je Megawattstunde. Ökonomische Anreize fehlen dem Markt derzeit fast vollständig.

Was ist an der Gasversorgung 2026/27 anders als im Vorjahr?

Physisch hat sich wenig geändert: Norwegen liefert stabil, Europas LNG-Terminals sind nur zur Hälfte ausgelastet. Anders ist der Preis: Der Terminmarkt TTF liegt bei rund 74 statt unter 32 Euro pro Megawattstunde vor dem Hormus-Schock, und auch die Speicher der Nachbarländer sind leerer als sonst.

QUELLEN

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  1. INES: Presse-Statement „INES-Gas-Szenarien: Historisch niedrige Speicherstände - Zeitfenster für ausreichende Befüllung schließt sich", 08.09.2026.
  2. INES: Gas-Szenarien September 2026, Dokumentation und Foliensatz, 08.09.2026.
  3. Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage der Gasversorgung in Deutschland, abgerufen am 07.09.2026.
  4. AGSI+ (Gas Infrastructure Europe): Speicherfüllstand Deutschland und EU, Stand 05.09.2026.
  5. S&P Global: EU gas storage passes 60% full but still lags recent years, 17.08.2026.
  6. Trading Economics: EU Natural Gas (TTF), abgerufen am 07.09.2026.
  7. Euronews: QatarEnergy extends LNG cancellations into November as Hormuz disruption drags on, 31.08.2026.
  8. Gas Processing News: Norway pipeline gas export down 2.3% in 2025, seen steady this year, 08.01.2026.
  9. Deutscher Wetterdienst: Thema des Tages, 23.08.2026.
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