ENERGIEWENDE · 28. JULI 2026
KI-generiertWärmepumpen ersetzen Gasimporte: IEEFA rechnet die Elektrifizierung in Kubikmeter um
Jetzt steht eine Zahl dafür, wie viel importiertes Flüssigerdgas bereits installierte Wärmepumpen, Solar- und Windanlagen physisch ersetzen. Das Institute for Energy Economics and Financial Analysis beziffert diese Substitution für 2024 auf 8,8 Milliarden Kubikmeter, rund zwei Drittel dessen, was die EU im selben Jahr an katarischem Flüssigerdgas einführte. Wärmepumpen ersetzen Gasimporte damit in einer Größenordnung, die sich gegen ein reales Krisenszenario aufrechnen lässt.
In der Debatte hieß es bisher meist allgemein, dass Elektrifizierung den Gasbedarf senkt. Wie viel genau, blieb offen. IEEFA-Analystin Ana Maria Jaller-Makarewicz hat in ihrer Analyse vom 28. Juli 2026 durchgerechnet, welcher Anteil der europäischen Gasnachfrage-Senkung konkret auf den Zubau von Wärmepumpen, Photovoltaik und Windkraft zurückgeht.
Der Unterschied zu den gängigen Zahlen liegt in dieser Trennung. Wo übliche Statistiken nur den gesamten Rückgang der Gasnachfrage ausweisen, benennt IEEFA den Anteil, der sich auf konkret installierte Anlagen zurückführen lässt, unabhängig davon, ob nebenher eine Fabrik schließt oder ein Haushalt spart.
Die Ausgangslage: Die EU senkte ihre Gasnachfrage zwischen 2021 und 2024 um rund 78,5 Milliarden Kubikmeter, ein Rückgang von 20 Prozent. Verteilt auf die Sektoren fiel der Rückgang unterschiedlich aus, Haushalte minus 24 Prozent, Industrie minus 20 Prozent, Gewerbe und öffentliche Dienstleistungen minus 19 Prozent, Strom- und Wärmeerzeugung minus 18 Prozent.

Der Elektrifizierungsanteil daran lässt sich jetzt separat ausweisen. Zwischen 2022 und 2024 installierten die EU-Staaten rund 7,6 Millionen Wärmepumpen, Frankreich am meisten mit etwa 2 Millionen Geräten, gefolgt von Italien mit 1,5 Millionen und Deutschland mit knapp 1 Million. In Deutschland ist die Wärmepumpe im Neubau inzwischen die klare Nummer 1, ein Trend, der sich in dieser EU-weiten Zubauzahl spiegelt.
Dazu kamen 146 Gigawatt neu installierte Photovoltaik, angeführt von Deutschland, Spanien, Polen, Italien, Frankreich und den Niederlanden, davon nach Angaben von SolarPower Europe 39 Prozent Freiflächenanlagen und der Rest auf Dächern. Und mehr als 43 Gigawatt zusätzliche Windkapazität, vor allem in Deutschland, Finnland, Schweden, Frankreich, Spanien, den Niederlanden und Polen. Aus diesem Zubau errechnet IEEFA für 2024 eine Gasnachfrage-Senkung von 8,8 Milliarden Kubikmetern, das Maß, an dem sich der Rest des Textes orientiert.
Für Unternehmen und Kommunen ist das mehr als eine akademische Fußnote. Wer Investitionsentscheidungen zu Wärmepumpen, Freiflächenanlagen oder Windparks künftig gegen eine Importbilanz stellen kann, bekommt neben der CO2-Bilanz ein zweites, handfestes Argument: Versorgungssicherheit in konkreten Kubikmetern statt in abstrakten Klimazielen.
Der Maßstab heißt Ras Laffan
Am 18. März 2026 traf ein iranischer Angriff die LNG-Anlage Ras Laffan in Katar schwer. QatarEnergy erklärte Force Majeure, also höhere Gewalt, und ist damit von vertraglich zugesagten Liefermengen entbunden. Nach Angaben des QatarEnergy-Chefs fallen dadurch rund 17 Prozent der katarischen LNG-Kapazität für bis zu fünf Jahre aus.
Seitdem kreist die europäische Debatte um die Frage, woher der Ersatz kommen soll, ähnlich wie schon bei der zeitweisen Sperrung der Straße von Hormus, die gezeigt hatte, wie schnell europäische Energiepolitik an einem einzelnen geografischen Nadelöhr hängt. Die IEEFA-Zahlen drehen die Frage um: Europa muss diese Lücke nicht kompensieren, wenn es baut, was ohnehin auf der Agenda steht.
Wie viel eine solche Elektrifizierung im Ernstfall abfedert, hatte Cleanthinking bereits am Beispiel von Wärmepumpe und E-Lkw als Bollwerk gegen die Iran-Krise vorgerechnet. Die neue IEEFA-Analyse liefert dazu eine belastbare Gesamtzahl, getrennt nach Sektor und Technologie.
Was eine Anlage kann, was ein Vertrag nicht kann
Ein LNG-Vertrag lässt sich kündigen. Ein Terminal kann ausfallen, eine Meerenge lässt sich sperren, ein Exporthafen beschießen. Eine installierte Wärmepumpe nicht.
Darin liegt der eigentliche Unterschied zwischen einer Lieferbeziehung und einer gebauten Infrastruktur. Wer Anlagen ans Netz bringt statt Bezugsverträge zu verlängern, senkt seinen Importbedarf dauerhaft, nicht nur für die Laufzeit eines Kontrakts. Diese Logik trägt, was Cleanthinking als Electrotech-Revolution beschreibt: Wer Kupfer, Turbinen und Wärmetauscher verbaut statt Frachtrouten zu sichern, macht seine Versorgung ein Stück unverhandelbar.
Die Gegenprobe: Ziel ist nicht Ist-Zustand
Die IEEFA-Werte für den Zeitraum 2026 bis 2030 sind an Ziele geknüpft, nicht an den heutigen Ausbaustand. Erfüllt die EU ihre eigenen Vorgaben, mindestens 4 Millionen neu installierte Wärmepumpen pro Jahr, 75 Gigawatt Solar und 22 Gigawatt Wind pro Jahr über die kommenden fünf Jahre, könnte die Gasnachfrage bis Ende 2030 um rund ein Viertel sinken, weitere Effizienzmaßnahmen nicht eingerechnet. Das entspräche dem doppelten Volumen des LNG, das die EU in diesem Zeitraum überhaupt aus Katar beziehen könnte.

Zwischen Ziel und Wirklichkeit liegt allerdings eine Lücke. Nach Zahlen der European Heat Pump Association wurden 2025 in der EU rund 2,62 Millionen Wärmepumpen für Wohngebäude abgesetzt, ein Plus von etwa 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit die Trendumkehr nach einem schwachen Jahr. Im ersten Quartal 2026 zogen die Verkäufe weiter deutlich an.
Von 2,62 auf 4 Millionen Einheiten pro Jahr ist trotzdem ein Sprung von gut der Hälfte, machbar, aber nicht selbstverständlich.
Die EU selbst hat auf den Ras-Laffan-Schock bereits reagiert: Mit AccelerateEU zieht Brüssel Konsequenzen aus dem Iran-Krieg und beschleunigt die Elektrifizierung auf Verordnungsebene, flankiert vom Electrification Action Plan, mit dem die Kommission raus aus Öl und Gas will. In Deutschland dagegen wird parallel darüber gestritten, ob das Energieeffizienzgesetz Wohlstand abbaut oder Effizienz gewinnt. Dieser Streit erschwert die Zielerreichung ausgerechnet in dem Land, das in der EU-Wärmepumpenstatistik ohnehin hinter Frankreich und Italien liegt.
Ein zweiter Bruch verschärft die Gegenprobe: Während die EU insgesamt ihre LNG-Importe senkt, steigert Deutschland sie, ein Kurs, der der IEEFA-Rechnung direkt entgegenläuft. Die EU-LNG-Importe insgesamt stiegen zwischen 2021 und 2025 um 84 Prozent auf einen Rekordwert, auch weil das vollständige EU-Verbot russischer Gasimporte erst 2027 greift.
Der REPowerEU-Plan, den die Europäische Kommission im Mai 2022 nach dem russischen Überfall auf die Ukraine aufgelegt hatte, sollte genau diese Abhängigkeit über drei Säulen abbauen: weniger Verbrauch, mehr Erneuerbare, andere Bezugsquellen. Wie viel allein die Effizienzsäule davon einsparen kann, hat Cleanthinking anhand der europaweiten Einsparpotenziale von rund zwei Billionen Euro eingeordnet. Der jetzt anvisierte Ausbau soll zugleich das neue EU-Elektrifizierungsziel für 2040 stützen.
Der Maßstab ist der Bau, nicht die Studie
Der Maßstab ist nicht, ob eine Studie am Ende recht behält, sondern ob gebaut wird. Die IEEFA-Zahl ist vor allem eine Umrechnungshilfe, sie übersetzt Installationsziele in Importunabhängigkeit und macht damit sichtbar, was ein Wärmepumpen- oder Solarzubau tatsächlich wert ist, wenn irgendwo eine Anlage wie Ras Laffan ausfällt.
Ob die EU von 2,62 auf 4 Millionen Wärmepumpen pro Jahr kommt, ob Berlin sein Effizienzgesetz nachschärft, ob Deutschland seinen wachsenden LNG-Kurs korrigiert, das entscheidet, ob aus der Rechnung Realität wird. Wer wissen will, wie viel Erpressbarkeit ein Land abbaut, kann das ab jetzt in Kubikmetern nachrechnen.
QUELLEN
- IEEFA: New solar, wind and heat pumps could save twice the gas the EU imports from Qatar by 2030, Ana Maria Jaller-Makarewicz, 28.07.2026.
- EUobserver: Heat pumps, solar and wind could cut EU gas use by a quarter and blunt next energy shock, study finds.
- European Heat Pump Association: Heat pumps replace Middle East gas imports twice over.
- CNBC: Iran attack wipes out 17% of Qatar's LNG capacity for up to five years, QatarEnergy CEO says, 19.03.2026.
- Bundesverband Wärmepumpe: Mindestens 2,62 Millionen Wärmepumpen für Wohngebäude wurden 2025 in der EU abgesetzt, 29.04.2026.