Wie Europa zwei Billionen Euro Energiekosten spart

WISSEN · 18. JUNI 2026

Die billigste Energie wird nie produziert

Ein Strategiepapier des Oxford-Energieökonomen Jan Rosenow zeigt, warum Energieeffizienz zu den wichtigsten Bausteinen europäischer Energiesicherheit gehört. Die billigste Energie ist die, die gar nicht erst gebraucht wird: Schon heute erspart sie Europa fast ein Drittel seines Energieverbrauchs, bis 2040 könnte sie Importkosten von bis zu zwei Billionen Euro vermeiden helfen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Energie, die man spart, muss man nicht einkaufen. Genau hier liegt Europas wirksamster Beitrag zur eigenen Energiesicherheit: Wer weniger Gas und Öl verbraucht, importiert weniger und zahlt weniger. Allein bis 2040 könnte Europa auf diesem Weg fossile Importkosten von bis zu zwei Billionen Euro sparen.

Diesen Gedanken stellt Jan Rosenow von der University of Oxford in seinem im Juni 2026 erschienenen Strategiepapier in den Mittelpunkt. Er rechnet dabei nicht selbst, sondern liest die offiziellen Modellwerte aus, mit denen die EU-Kommission ihr eigenes 2040-Klimaziel begründet. Das macht seine Zahlen schwer angreifbar: Es sind Brüssels eigene.

Bis 2040 könnte Europa seinen Gasverbrauch um 70 Prozent und seinen Ölverbrauch um 72 Prozent senken. Die dadurch vermiedenen Importkosten für Gas und Öl summieren sich zwischen 2025 und 2040 auf 1,4 bis zwei Billionen Euro.

Der Unterschied zwischen 1,4 und zwei Billionen Euro ist allein der Ölpreis. Die niedrigere Zahl gilt für die Preise vor der Eskalation am Persischen Golf, die höhere für die von Juni 2026. Steigen die Preise weiter, wächst auch der Betrag, den Europa sich erspart.

Warum die billigste Energie nur durch drei Säulen entsteht

Diese Einsparungen entstehen aus dem Zusammenspiel dreier Säulen der Energiewende. Wie das funktioniert, zeigt ein einzelnes Beispiel, in dem alle drei zugleich wirken: die Wärmepumpe in einem gut gedämmten Haus, das mit erneuerbarem Strom versorgt wird.

Die Dämmung senkt den Gesamtbedarf des Gebäudes, das ist die Effizienz. Die Wärmepumpe ersetzt die Gasheizung und beseitigt die direkte Verbrennung im Haus, das ist die Elektrifizierung. Und weil der Strom aus Wind und Sonne kommt, entfaltet sich der volle Klimanutzen, das ist die erneuerbare Erzeugung. Industriell funktioniert dasselbe Prinzip, etwa wenn ein elektrifizierter Prozess über einen langfristigen Ökostrom-Liefervertrag versorgt und die anfallende Abwärme weitergenutzt wird.

Rosenow behandelt die drei Säulen deshalb als ein zusammenhängendes System. Jede für sich wirkt, doch erst im Zusammenspiel entfaltet sich die volle Wirkung. Eine Wärmepumpe an einem fossilen Stromnetz spart weniger CO₂, ein sauberes Netz ohne effiziente Gebäude muss mehr Leistung bereitstellen als nötig. Weil die drei Strategien einander stützen, lässt sich ihr Beitrag in den Modellzahlen einzeln ausweisen.

Wasserfalldiagramm: EU-Gasbedarf sinkt von 340 auf 101 bcm bis 2040, aufgeteilt auf Effizienz minus 69, Elektrifizierung minus 86 und Erneuerbare minus 84 bcm
So sinkt der EU-Gasbedarf bis 2040: von 340 auf 101 Milliarden Kubikmeter, getragen von Effizienz, Elektrifizierung und erneuerbaren Energien. GRAFIK: JAN ROSENOW / EU 2040 CLIMATE TARGET IMPACT ASSESSMENT

Beim Gas sinkt der Verbrauch im Szenario einer 90-prozentigen Treibhausgasreduktion von 340 auf 101 Milliarden Kubikmeter (bcm, englisch für „billion cubic metres" bzw. Milliarden Kubikmeter, die Standardeinheit für Erdgasmengen). Das ist eine Einsparung von 239 bcm. Davon entfallen rund 69 bcm auf Effizienz, weil schlicht weniger Energie nachgefragt wird, 86 bcm auf Elektrifizierung, etwa durch Wärmepumpen statt Gaskesseln, und 84 bcm auf erneuerbare Energien, die Gaskraftwerke verdrängen und durch Biomethan ergänzt werden.

Beim Öl fällt der Verbrauch von 350 auf 98 Millionen Tonnen Öläquivalent (Mtoe, eine gängige Vergleichseinheit, mit der sich unterschiedliche Energieträger umrechnen lassen). Das sind 252 Mtoe weniger. Hier dominiert die Elektrifizierung mit 122 Mtoe, getragen von Elektroautos statt Verbrennern. Bio- und E-Fuels steuern 78 Mtoe bei, vor allem dort, wo direkte Elektrifizierung noch schwerfällt, also in Luftfahrt, Schifffahrt und Schwerlastverkehr. Effizienz trägt 52 Mtoe bei.

Was Energieeffizienz längst geleistet hat

Diese Werte sind Projektionen, doch der Effekt lässt sich längst rückwirkend belegen. Der Endenergieverbrauch der EU lag 2024 bei 854 Mtoe. Ohne die Effizienzgewinne seit dem Jahr 2000 läge er bei rund 1.103 Mtoe.

Die Differenz von 249 Mtoe entspricht 29 Prozent des heutigen Verbrauchs. Diese Energiemenge musste nie importiert und nie bezahlt werden. Europa zahlt dadurch auf jedem Preisniveau rund 29 Prozent weniger, ganz gleich, woher der nächste Preisschock kommt.

Liniendiagramm: tatsächlicher EU-Energieverbrauch seit 2000 liegt 2024 bei 854 Mtoe, ohne Effizienzgewinne läge er bei rund 1100 Mtoe, Differenz 249 Mtoe
Der tatsächliche Endenergieverbrauch der EU liegt deutlich unter dem Wert ohne Effizienzgewinne. Die Lücke von 249 Mtoe entspricht 29 Prozent. GRAFIK: JAN ROSENOW / ODYSSEE-MURE

Diese 29 Prozent erfassen nur die nicht verbrauchte Endenergie. Hinzu kommen die Kraftwerke, Leitungen und Netze, die für diese Energiemenge nie gebaut werden mussten. Effizienz senkt also nicht nur die laufende Importrechnung, sondern erspart Europa zugleich Milliardeninvestitionen in Infrastruktur, die sonst nötig gewesen wären.

Wo noch Spielraum liegt, zeigt der Blick auf die Sektoren. Der Stromsektor ist bereits weit dekarbonisiert: Der fossile Anteil an der Stromerzeugung fiel von 53 Prozent im Jahr 2005 auf unter 30 Prozent im Jahr 2024. Strom ist also schon heute der sauberste Energieträger, den Europa hat.

Nur deckt Strom bisher erst 23 Prozent des europäischen Endenergieverbrauchs. Der große Rest steckt in Bereichen, die noch überwiegend fossil laufen.

SektorFossiler Anteil
Verkehr92 %
Gebäude71 %
Industrie61 %
Anteil fossiler Energie am Endverbrauch je Sektor. Quelle: Rosenow 2026 / Eurostat

Jeder Prozentpunkt, der hier von Öl und Gas auf effizient genutzten Ökostrom wandert, entlastet die Importbilanz. Hier liegt das Potenzial der kommenden Jahre, und genau dieses Potenzial heben die 2040-Werte der EU-Kommission.

Mehr als Energiesicherheit: Gesundheit, Industrie, Arbeitsplätze

Der Nutzen reicht über die Importbilanz hinaus. Europäerinnen und Europäer verbringen rund 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen. Über 30 Millionen Menschen leben in Wohnungen mit zu wenig Tageslicht, und fast ein Drittel der Bevölkerung, etwa 163 Millionen Menschen, ist mindestens einem ernsten Innenraumrisiko ausgesetzt, sei es Feuchte, Schimmel, Kälte, schlechtes Licht oder Lärm.

Energetische Sanierung verbessert deshalb zugleich die Wohngesundheit. Rosenow beziffert die sozioökonomischen Gewinne besserer Gebäude auf über 600 Milliarden Euro bis 2050, getragen von höherer Produktivität und niedrigeren Gesundheitskosten. Effizienz senkt damit nicht nur die Importrechnung, sie macht Wohnungen gesünder.

In der Industrie liegt ein zweiter großer Posten. Elektromotoren verbrauchen mehr als die Hälfte des EU-Stroms, viele von ihnen arbeiten unterhalb der heute möglichen Effizienzstandards. Wer sie austauscht oder besser regelt, hebt ein erhebliches, weitgehend ungenutztes Potenzial, ohne dass die Produktion darunter leidet.

Und die Arbeit selbst bleibt im Land. Sanierung, Installation und Planung sind lokale Tätigkeiten, die sich nicht verlagern lassen. Wo eine importierte Kilowattstunde Gas Wertschöpfung außerhalb Europas schafft, entsteht bei der eingesparten Kilowattstunde ein Auftrag für ein Handwerksunternehmen vor Ort. Die Energiewende ist damit zugleich eine Sicherheits- und eine Industrieagenda.

Warum die Politik das Erreichte aufs Spiel setzt

Vor diesem Hintergrund wirkt die aktuelle politische Bewegung in eine andere Richtung. In Deutschland novelliert die schwarz-rote Koalition das Gebäudeenergiegesetz. Die unter der Ampel eingeführte Vorgabe, dass neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen, fällt weg, der politische Rahmen lautet „mehr Wahlfreiheit". Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) soll nach derzeitigem Planungsstand zum 1. November 2026 in Kraft treten. Die Wärmepumpenförderung bleibt bis 2029 mit bis zu 70 Prozent auf hohem Niveau.

Aus Sicht Rosenows ist hier Vorsicht geboten. Geringere Anreize für die Wärmepumpe treffen genau den Punkt, an dem Effizienz, Elektrifizierung und erneuerbarer Strom zusammenlaufen. Dass die Förderung mit bis zu 70 Prozent hoch bleibt, federt das ab, doch das ordnungsrechtliche Signal fällt weg.

Auf EU-Ebene steht zudem das verbindliche 2030-Effizienzziel der Energieeffizienzrichtlinie (EED) unter Rückbau-Druck. Damit gerät ausgerechnet jener Wert ins Wanken, der den bisherigen 29-Prozent-Erfolg überhaupt erst erzwungen hat. Rosenow sorgt sich weniger um ein einzelnes Gesetz als um das gleichzeitige Lockern mehrerer Strategien, deren Wirkung gerade aus dem Zusammenspiel stammt.

Rosenows Kernwarnung lautet, dass es teurer ist, Ambition gegen kurzfristige politische Beruhigung einzutauschen, als die Linie zu halten. Er spricht von den „Kosten der Ineffizienz", dem Spiegelbild der bereits eingesparten 29 Prozent. Für die kommenden zwölf Monate empfiehlt er, das 2030-Effizienzziel zu halten, die bestehenden Richtlinien EED und EPBD tatsächlich umzusetzen statt nur Ziele zu formulieren, die 2040-Ziele für alle drei Säulen festzuschreiben und einen verlässlichen CO₂-Preis über die Emissionshandelssysteme ETS1 und ETS2 ohne Ausnahmen zu sichern.

Europas sicherste Energiequelle ist damit jene, die niemals produziert werden muss. Wer Milliarden in Wärmepumpen, Sanierung und Industrieumbau lenken soll, braucht dafür verlässliche Regeln, die auch nach der nächsten Wahl noch gelten. Rosenow fasst das in einem Satz zusammen: „Europa braucht keine neue Strategie, sondern das Vertrauen, die vorhandene zu halten."

QUELLEN

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  1. Jan Rosenow, Environmental Change Institute, University of Oxford: „The Road to Energy Security. Electrification, Efficiency and Clean Energy as One System", Policy Brief, Juni 2026. Veröffentlichung des Briefs
  2. Europäische Kommission: 2040 Climate Target Impact Assessment, COM(2024) 63 final, Annex 8, PRIMES-Szenario S3. eur-lex.europa.eu
  3. Ember: European Electricity Review 2025
  4. Eurostat: Endenergieverbrauch, Datensatz nrg_bal_s
  5. Bundesregierung: Eckpunkte zum GebǤudemodernisierungsgesetz (GModG), 2026. bmwsb.bund.de
  6. Cleanthinking.de: Macht die Energiewende uns unabhängig?
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