Rahmstorf flieht vor dem Feuer von Bordeaux

WISSENSCHAFT · 28. JULI 2026

Waldbrände Bordeaux: Was Rahmstorfs Flucht offenbart

Die Bademeister von Lacanau hissten die grüne Flagge, während Asche auf den Strand rieselte. Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat die Szene erlebt, kurz bevor er vor den Flammen bei Bordeaux fliehen musste. Sie erzählt mehr über Europas Klimapolitik als mancher Gipfel.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 11 Min. Lesezeit LESEN


Am Strand von Lacanau an der französischen Atlantikküste, westlich von Bordeaux, war das Baden an diesem Tag freigegeben. „Die Bademeister hissten die grüne Flagge. Das bedeutet, an dem Tag herrschen keine gefährlichen Strömungen, man kann sorglos baden. Doch über dem Meer schwebte die Rauchwolke, Asche rieselte herab und schwarze Flöckchen bedeckten den Sand.” So schildert es Stefan Rahmstorf, der als Urlauber vor Ort war.

Das Protokoll war korrekt ausgeführt. Die Bademeister prüfen die Strömung, dafür sind sie ausgebildet, und die Strömung war an diesem Tag harmlos. Eine Prüfung des Himmels über dem Wasser sieht das Verfahren nicht vor.

Am Sonntag standen die Feuer 15 Kilometer vor Bordeaux. Nur eine Winddrehung verhinderte, dass die Behörden die Evakuierung der Metropole anordnen mussten. Seit Tagen campieren Tausende in Notunterkünften, viele von ihnen wissen nicht, ob ihr Haus noch steht.

„Alles leuchtete orange, wie auf dem Mars.” Rahmstorf zögerte lange mit der Abreise. Die Hauptstraße nach Bordeaux war gesperrt, das Taxi fuhr einen weiten Umweg, und noch im Hotelzimmer in der Stadt roch es nach Rauch. Die leeren Straßen und die wenigen Menschen am Rand erinnerten ihn an die Lockdowns.

Auch Spanien brennt großflächig und hat wegen der Feuer rund um Madrid den nationalen Notstand erklärt. Frankreich hat 2026 bereits drei Hitzewellen hinter sich, die nach dem aktuellen Zwischenstand der Übersterblichkeitsstatistik 5.800 Menschen das Leben gekostet haben. Wie sich diese Sommer in die Reihe der vergangenen Jahre einordnen, hat Cleanthinking bereits beschrieben.

Seit der Elbeflut 2002 wartet ein Klimaforscher auf die Konsequenz

Nach der Elbeflut im August 2002 hielt Stefan Rahmstorf es für ausgemacht, dass die deutsche Politik die Dringlichkeit nun begriffen habe. Als im Sommer darauf die europaweite Hitzewelle folgte, die nach späteren Schätzungen rund 70.000 Menschen das Leben kostete, dachte er dasselbe. Mehr als zwanzig Jahre später fällt seine Bilanz nüchtern aus: zu wenig, zu langsam.

„Doch statt Emissionen zu senken, reden wir lieber über Klimaanlagen.” Der Satz steht in einem Interview, das Annika Joeres kurz nach seiner Rückkehr mit ihm führte. Er beschreibt darin kein Wetterphänomen, sondern ein politisches Lernverhalten: Die Debatte verschiebt sich von der Ursache zur Erträglichkeit der Folgen. Wie aus der Klimaanlage ein Symbol im Kulturkampf um die Energiewende wurde, haben wir an anderer Stelle nachgezeichnet.

„In der Klimakrise verändert sich unsere Umwelt so rasant, dass es manchmal kaum noch glaubhaft wirkt.” Rahmstorf sagt das über seine eigenen Aufnahmen aus Lacanau. In den sozialen Medien hielten manche die orangefarbenen Bilder für KI-generiert.

Rahmstorf forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und lehrt Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Bekannt ist er vor allem für seine Arbeiten zur atlantischen Umwälzströmung, deren Kipppunkt er seit Jahren untersucht. In der Gironde wurde der Forscher zum Betroffenen.

2022 hatte es in der Region Bordeaux schon einmal großflächig gebrannt. Dieses Jahr, so seine Einschätzung, ist es schlimmer.

Lesen Sie auch: Stefan Rahmstorf und die Präzision, die Mut erfordert

Waldbrände Bordeaux: die Physik hinter dem Feuer

Die Dürre in vielen europäischen Regionen entstand weniger durch ausbleibenden Regen als durch extreme Temperaturen. Zu diesem Befund kommt eine Analyse der Forschungsinitiative World Weather Attribution, die einzelne Wetterereignisse gegen Modellwelten ohne menschengemachte Erwärmung rechnet. Diese Temperaturen sind durch den Klimawandel deutlich wahrscheinlicher und intensiver geworden.

Dahinter steht ein physikalischer Zusammenhang, der seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist. Bei 40 Grad kann Luft rund dreimal so viel Wasserdampf aufnehmen wie bei 20 Grad. Heißere Luft zieht Böden, Flüsse und Seen entsprechend schneller leer. Das Clausius-Clapeyron-Gesetz erklärt diesen Mechanismus im Detail.

Die Waldbrandsaison in Europa hat sich spürbar verlängert und reicht inzwischen bis ins Frühjahr und in den Herbst hinein. Das berichtet der wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission. Der IPCC-Sachstandsbericht führt für die Kombination aus Hitze, Trockenheit und Wind, die Brände begünstigt, den Begriff Feuerwetter ein und stellt fest, dass diese Bedingungen weiter zunehmen.

Eine Studie der Technischen Universität München beziffert, was daraus für die Wälder folgt. Die durch Brände, Trockenheit und Schädlinge geschädigte Waldfläche könnte sich bis zum Ende des Jahrhunderts verdoppeln, wenn die Temperatur um vier Grad steigt. Welche Folgen der Rauch dieser Feuer wiederum für das Klima hat, ist ein eigenes Kapitel.

Ein Königreich aus Seekiefern, gepflanzt für eine andere Zeit

Die Region um Cap Ferret trägt den Beinamen „royaume du pin maritime”, Königreich der Seekiefer. Im 19. Jahrhundert pflanzten Landarbeiter dort trockenheitsliebende Nadelhölzer, um sumpfiges Gelände zu entwässern und die Wanderdünen festzulegen. Heute stehen zwischen diesen Bäumen Ferienhotels.

Harzreiche Kiefern wirken im Feuer wie ein Beschleuniger. Das Cap musste vollständig geräumt werden. Eine forstliche Entscheidung von vor 150 Jahren bestimmt mit, wie schnell sich ein Feuer im Jahr 2026 durch die Landschaft frisst.

Als Auslöser gilt nach dem aktuellen Ermittlungsstand mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Arbeitseinsatz des Stromnetzbetreibers Enedis, bei dem ein Gebüschschneider Funken geschlagen haben soll. Die Ermittlungen sind nicht abgeschlossen, eine abschließende Bewertung steht aus. Für die Einordnung ist die Schuldfrage ohnehin zweitrangig: Funken schlägt im Wald seit jeher irgendwer. Verändert hat sich der Zustand des Waldes, auf den sie treffen.

Wird ein Feuer groß genug, erzeugt es sein eigenes Wetter. Rahmstorf nennt Rauchwolken, die zu Gewitterzellen aufsteigen und Blitze schlagen, unter den Phänomenen, die selbst Fachleute überfordern. Diese Blitze zünden neue Brände, oft kilometerweit von der Front entfernt. Wie Pyrocumulonimbus-Wolken entstehen und warum sie die Brandbekämpfung aushebeln, haben wir in einem eigenen Erklärstück beschrieben.

Deutschland hat seine Landschaft ähnlich vorbereitet, nur unter anderen Vorzeichen. Über Jahrhunderte wurden rund 90 Prozent der Feuchtgebiete trockengelegt, aus Mischwäldern wurden Monokulturen schnell wachsender Nadelbäume. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt derzeit vor allem im Süden und Osten außergewöhnliche Trockenheit.

Ein einzelner Monat über zwei Grad

Die in Paris von allen Staaten vereinbarte 1,5-Grad-Grenze sei nicht mehr zu halten, sagt Rahmstorf, die Politik verschleppe die notwendigen Maßnahmen. Diese Einschätzung ist in der Klimaforschung inzwischen Mehrheitsmeinung. Der europäische Klimadienst Copernicus hält für möglich, dass die 1,5-Grad-Langfristmarke noch vor Ende dieses Jahrzehnts gerissen wird.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein einzelner Monat Anfang 2027 die 2-Grad-Marke gegenüber dem vorindustriellen Niveau überschreitet, liegt bei 35 bis 40 Prozent. Die Zahl stammt aus Projektionen der Rosenstiel School an der University of Miami, Bloomberg hat sie am 27. Juli veröffentlicht. Treiber ist der derzeit aufziehende El Niño, nach Einschätzung US-amerikanischer Prognostiker der stärkste seit 75 Jahren.

„Das ist eine große Wahrscheinlichkeit. Wirklich groß. Und vielleicht ist es genau das, was die Leute nicht begreifen.” So ordnet Ben Kirtman die Projektion ein, der die Rechnungen verantwortet. Was hinter dem aktuellen Super-El-Niño steckt und wie das ENSO-System überhaupt funktioniert, haben wir separat erklärt.

Die Pariser Marken von 1,5 und 2 Grad beziehen sich auf langfristige Mittelwerte über rund zwei Jahrzehnte, nicht auf Einzelmonate. Formal reißt ein 2-Grad-Monat also nichts.

Aussagekräftig ist die Verschiebung des Normalen. Vor zehn Jahren war ein einzelner Monat über 1,5 Grad noch eine Ausnahmemeldung, heute gilt die Langfristmarke praktisch als verloren. Kirtman rechnet damit, dass sich die Frage bald nicht mehr auf das Ob richtet, sondern auf die Zahl solcher Monate pro Jahr.

Ein Teil der jüngsten Beschleunigung geht vermutlich auf die schneller als erwartet zurückgehende Luftverschmutzung zurück, vor allem in China. Darauf weist die Klimaforscherin Kate Marvel hin: Kühlende Aerosole fallen weg und legen die Treibhauserwärmung frei, die ohnehin vorhanden war. Sie fügt hinzu, dass das vieles erklärt, aber nicht alles.

Während die Behörden der Gironde die Evakuierung einer Großstadt durchrechnen, verhandeln Brüssel und Berlin über verschobene Klimaziele und eine wachsende Emissionslücke bis 2030. Auch das ist eine grüne Flagge: ein sauber geführtes Verfahren, entworfen für eine ruhigere Welt.

Ein Mathematiker vermisst den Zustand des Planeten

Eliot Jacobson ist emeritierter Professor für Mathematik und betreibt den Blog „Climate Casino”, in dem er täglich Klimadatenreihen aufbereitet: Temperaturen, Meereis, Strahlungsbilanz, Albedo. Sein Beitrag vom 27. Juli trägt den Titel „More Fucked Today than Yesterday”. Der Titel ist bewusst drastisch, die zugrunde liegenden Datenreihen sind öffentlich nachprüfbar.

Nach seiner Auswertung lag die globale Mitteltemperatur sechs Tage in Folge über 17,0 Grad Celsius. Diese Marke wurde bis dahin überhaupt nur in den Jahren 2023 und 2024 erreicht. Die Meeresoberflächen setzten den 55. Tagesrekord in Folge und liegen aktuell mehr als 3,8 Standardabweichungen über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020.

Die Strahlungsbilanz der Erde, also die Differenz zwischen eingestrahlter und wieder abgegebener Energie, entspricht nach den CERES-Satellitendaten einer Erwärmungsrate von rund 14 Hiroshima-Bomben pro Sekunde. Die Albedo, die Rückstrahlfähigkeit des Planeten, ist im 36-Monats-Mittel von 29,33 auf 28,67 Prozent gefallen. Jacobson nennt das „The Great Darkening”.

Er merkt außerdem an, dass die PIOMAS-Datenreihe zur Dicke des arktischen Meereises abgeschaltet wurde. Eine zentrale Beobachtungsquelle fällt damit weg, ausgerechnet in einer Phase, in der sich das beobachtete System schneller verändert als je zuvor im Messzeitraum. Welches ökonomische Risiko in dieser Beschleunigung steckt, ist bislang kaum eingepreist.

Als historischen Vergleich zieht Jacobson den El Niño von 1877 heran. Das Ereignis war verheerend und kostete weltweit Millionen Menschen das Leben. Verursacht wurde die Katastrophe allerdings nicht allein von der Meteorologie: Kolonialverwaltungen ließen Getreide exportieren, während Menschen verhungerten, Vorsorge fand praktisch nicht statt.

Ob ein Klimaereignis tödlich wird, entscheidet also die Vorbereitung, nicht allein das Wetter. Genau an diesem Punkt endet Jacobsons Text. Seine Zahlen sind weitgehend belastbar, seine Verzweiflung ist nachvollziehbar, aber seiner Bilanz fehlt ein Adressat. Sie beschreibt einen Zustand mit hoher Präzision und lässt die Leser damit allein.

Exponentielle Physik verlangt exponentielle Antworten

Der Erdsystemforscher Johan Rockström argumentiert sinngemäß, dass exponentiell wachsende Probleme exponentielle Lösungen brauchen. Lineare Politik verliert gegen nichtlineare Physik, weil sie in Legislaturperioden rechnet, während sich Rückkopplungen in Jahren verstärken. Wer schnell genug sein will, muss auf das setzen, was von selbst skaliert.

Exponentiell wachsen derzeit vier Technologien: Photovoltaik, Batteriespeicher, die Elektrifizierung von Verkehr und Industrie sowie Wärmepumpen. Diese Electrotech-Revolution läuft bereits, ihre Engpässe heißen Kapital, Netzanschluss und Genehmigung. Sie ist der schnellste verfügbare Hebel auf die Emissionskurve.

In den USA hat Solarstrom die Kohle erstmals überholt, und zwar gegen den erklärten Willen der Trump-Regierung. In Deutschland haben Batteriespeicher das System um 3,9 Milliarden Euro entlastet. Die EU hat mit dem Electrification Action Plan erstmals einen Rahmen gesetzt, der Elektrifizierung als Industriepolitik behandelt.

„Wenn wir auf drei Grad Erderwärmung zusteuern, weil wir weiterhin Erdöl und Gas verfeuern, können wir uns nicht mehr anpassen.” Rahmstorfs Satz markiert die Grenze dessen, was Deiche, Klimaanlagen und Löschflugzeuge leisten können. Anpassung ersetzt keine Emissionsminderung, sie kauft Zeit.

Unterhalb dieser Grenze wirkt sie allerdings sehr wohl. Wiedervernässte Moore halten Wasser in der Landschaft, renaturierte Auen und Küsten puffern Extremereignisse ab, Mischwälder brennen schlechter als Kiefernmonokulturen. Brandschneisen und Früherkennung entscheiden darüber, ob aus einem Funken ein Großfeuer wird.

Wie die technische Seite davon aussieht, zeigt das Unternehmen Dryad Networks aus Eberswalde: KI-gestützte Gassensoren, die Brandgase schon in der Schwelphase erkennen, solarbetrieben und über ein LoRa-Mesh-Netz verbunden. Rund 30.000 dieser Sensoren hängen inzwischen in Wäldern in Nordamerika, Europa und Asien. Sie schlagen an, bevor offene Flammen entstehen, und genau in diesem Zeitfenster entscheidet sich, ob ein Feuer noch löschbar ist.

Die grüne Flagge über Lacanau war kein Fehler der Bademeister. Sie war ein Verfahren, das niemand über die veränderten Bedingungen informiert hat. Verfahren lassen sich neu schreiben, Wälder umbauen, Netze und Speicher zubauen, und die Menschen, die daran gerade arbeiten, sind die Gestalter der sauberen Zukunft.

In der Gironde werden für Mittwoch wieder 35 Grad erwartet. Daran lässt sich kurzfristig nichts mehr ändern. An der Zahl solcher Tage im Jahr 2040 schon.

QUELLEN

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  1. DIE ZEIT: „Die Bademeister hissten die grüne Flagge, vom Himmel rieselte Asche”, Interview von Annika Joeres mit Stefan Rahmstorf, 28.07.2026.
  2. DER SPIEGEL: Waldbrände zeigen, wie unvorbereitet Europa ist, Susanne Götze, 28.07.2026.
  3. Bloomberg: Global Warming May Briefly Reach 2C as El Niño Roils Weather, Eric Roston, 27.07.2026.
  4. Climate Casino: More Fucked Today than Yesterday, Eliot Jacobson, 27.07.2026.
  5. World Weather Attribution: Increasingly hot Europe faces more severe droughts and growing challenges for water and land management, Juli 2026.
  6. Europäische Kommission, Gemeinsame Forschungsstelle (JRC): Forest Fires in Europe, Middle East and North Africa.
  7. IPCC: Sechster Sachstandsbericht, Arbeitsgruppe I, Kapitel zu Feuerwetter.
  8. Technische Universität München: Studie zur klimabedingten Schädigung europäischer Waldflächen, Juli 2026.
  9. Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ): Dürremonitor Deutschland, Stand Juli 2026.
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