Stroh statt Holz: Wie ein Entsorger die Papierindustrie testet

PAPIERINDUSTRIE · 28. JULI 2026

Strohfaseranlage Schwedt: OutNature baut für LEIPA

Die Strohfaseranlage Schwedt soll ab Ende des ersten Quartals 2027 jährlich rund 7.000 Tonnen Strohfasern liefern. Bauherr ist OutNature, eine Marke des Kreislaufwirtschaftsunternehmens PreZero, Standort ist das Werksgelände des Papierherstellers LEIPA.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 MINUTEN LESEN


In Schwedt an der Oder beginnt der Bau einer Anlage, die Stroh zu Papierrohstoff verarbeitet. LEIPA hat dafür eine Bestandshalle auf dem eigenen Werksgelände instand gesetzt, mit der Schlüsselübergabe beginnt nun der physische Aufbau. Die Investition liegt nach Unternehmensangaben im niedrigen zweistelligen Millionenbereich, verarbeitet wird das Stroh per thermomechanischem Aufschluss. Schwedt ist damit erneut Schauplatz eines Industrieprojekts abseits fossiler Rohstoffe, zuletzt testete refuel.green in der PCK-Raffinerie Schwedt eine Plasma-Technologie zur Methanolherstellung.

Weniger als ein Prozent, und trotzdem ein Test

LEIPA verarbeitet am Standort Schwedt nach Branchenangaben über eine Million Tonnen Altpapier pro Jahr. Gemessen daran sind 7.000 Tonnen Strohfasern weniger als ein Prozent des jährlichen Rohstoffbedarfs. Das ist noch kein Rohstoffwechsel, sondern der erste Belastungstest im industriellen Maßstab. Die Strohfaseranlage Schwedt muss vor allem beweisen, ob das Verfahren in echter Betriebsgröße funktioniert.

Vergleichbare Fragen stellten sich zuletzt bei anderen biobasierten Materialien im Übergang vom Labor in die Serie, etwa als traceless materials seine erste Produktionsanlage für Plastikersatz eröffnete. Auch dort zeigte sich erst im Hochlauf, ob ein neuer Werkstoff die Anforderungen der Industrie in großer Stückzahl erfüllt.

Warum die Papierindustrie eine dritte Faserquelle braucht

Altpapierfasern werden bei jedem Recyclingdurchlauf kürzer und verlieren an Festigkeit. Deshalb braucht jeder Papierkreislauf frischen Fasernachschub von außen, bislang meist Zellstoff aus frischem Holz. Rundholz wird in Europa jedoch teurer und knapper, mehrere Marktberichte melden für 2026 steigende Holzpreise und eine angespannte Rohholzversorgung. Die Papierindustrie sucht seit Jahren nach einer dritten Faserquelle neben Frischholz und Altpapier, genau in diese Lücke zielt Stroh.

Nach Angaben von OutNature weisen die gewonnenen Strohfasern Festigkeitswerte auf, die eine Aufwertung in Richtung Frischfaser-Eigenschaften ermöglichen sollen. Das ist die eigentliche Wette hinter dem Projekt. Mit Agrarresten arbeiten auch andere Unternehmen an Fasern für bestehende Märkte, etwa BIO-LUTIONS bei Verpackungen und Einweggeschirr oder Notpla mit Seetang-Verpackungen für Stadien und Imbissbuden, beide ebenfalls jenseits von Frischholz.

Wie viel Stroh die Böden hergeben, ohne den Humus zu belasten

In Deutschland fallen jährlich rund 30 Millionen Tonnen Getreidestroh an. Wie viel davon entnommen werden darf, ohne die Humusbilanz der Äcker zu belasten, ist die Standardfrage bei jeder industriellen Strohnutzung. Eine Zusammenstellung des Niedersächsischen Torfersatzforums aus dem Jahr 2016 beziffert das nachhaltig verfügbare Potenzial auf 27 bis 43 Prozent des Aufkommens, grob 8 bis 13 Millionen Tonnen, nach Abzug dessen, was Höfe für Humuserhalt und Tierhaltung selbst benötigen.

Die Anlage in Schwedt braucht davon einen verschwindenden Bruchteil. Der Humus-Einwand greift bei dieser Größenordnung nicht, er wird erst relevant, wenn das Modell über einzelne Anlagen hinaus in die Fläche geht. OutNature will das Stroh ohnehin aus dem unmittelbaren Umkreis der Anlage beziehen, um transportbedingte CO2-Emissionen zu senken, was zugleich begrenzt, wie groß eine einzelne Anlage werden kann, ohne die regionale Strohversorgung zu überfordern.

Die Kooperation zwischen OutNature und LEIPA wurde bereits im September 2025 angekündigt. Für den Faseraufschluss ist eine BioTrac-Anlage des finnischen Anlagenbauers Valmet vorgesehen, wie der Fachdienst bvse damals berichtete. Als erstes marktfähiges Produkt war seinerzeit ein weiß gestrichener Kraftliner-Ersatz genannt. Inzwischen trägt dieses Produkt den Namen LEIPA Synergy, eine Rezeptur aus Strohfasern und Recyclingfasern für Wellpappe-Verpackungen und Displays, die Ende des zweiten Quartals 2027 auf den Markt kommen soll.

„Wir wandeln Ressourcen aus dem Einzugsgebiet unserer Anlage in strategische Rohstoffe für die Papierherstellung um", sagt Michail Ginsburg, Geschäftsführer von OutNature. Er beschreibt Agrarreste als zusätzliche Rohstoffquelle, mit der sein Unternehmen die Versorgung seiner Kunden absichern will. LEIPA-Chef Antonio Bellante sieht in der Kooperation vor allem einen Beleg dafür, dass am Standort Schwedt weiter investiert und entwickelt wird.

Bislang war OutNature vor allem als Pionier bei der Nutzung der Durchwachsenen Silphie als Papierrohstoff bekannt und ist der toMOORow-Initiative zur Moorwiedervernässung und Gewinnung von Paludi-Biomasse beigetreten. Mit Schwedt kommt Stroh als dritte Rohstofflinie hinzu, ähnlich wie andere Anbieter biozirkulärer Materialalternativen parallel an mehreren Rohstoffquellen arbeiten. Offen ist, welche der drei Linien bei OutNature am Ende trägt und ob sich alle drei parallel in die Fläche bringen lassen.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob 7.000 Tonnen Strohfasern die Papierindustrie verändern. Sie lautet, ob das Verfahren die Qualitätsanforderungen hält und sich rechnet. Beides zeigt sich frühestens, wenn LEIPA Synergy Ende des zweiten Quartals 2027 auf den Markt kommt.

QUELLEN

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  1. PreZero und OutNature: Mitteilung zum Baubeginn der Strohfaseranlage in Schwedt, 23.07.2026.
  2. bvse: OutNature und LEIPA gehen neue Wege mit Strohfasern und Altpapier, 17.09.2025.
  3. Niedersächsisches Torfersatzforum: Mengenverfügbarkeit von Stroh, 2016.
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