255 Millionen Tonnen: So teuer wird die Emissionslücke für die Steuerzahler

KLIMAPOLITIK · 27. JULI 2026

Emissionslücke 2030: Die teure Zertifikate-Quittung der Merz-Jahre

Deutschland verpasst laut Umweltbundesamt seine europäischen Klimaziele bis 2030 um 255 Millionen Tonnen. Die Emissionslücke wird über die EU-Klimaschutzverordnung teuer für den Steuerzahler. Wie teuer, hängt an einem Preis, den bislang niemand kennt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Klimaschutz in Deutschland verliert seit 2025 an Tempo. Der Puffer, den sich Deutschland unter der Ampel-Regierung aufgebaut hatte, ist fast gänzlich aufgebraucht: Er reduzierte sich von 81 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent auf nun knapp 3,8 Millionen Tonnen. Faktisch sanken die Treibhausgasemissionen laut Projektionsbericht des Umweltbundesamtes 2025 nur um 0,1 Prozent oder 0,9 Millionen Tonnen, auf 648,9 Millionen Tonnen.

Der Maßstab, an dem sich das messen lassen muss, steht im selben Bericht: Ab 2026 müssten die Emissionen im Schnitt um 42 Millionen Tonnen pro Jahr sinken, um die Ziele noch zu erreichen. Das ist das Fünfundvierzigfache dessen, was 2025 gelungen ist. Welche Sektoren liefern und welche bremsen, hat Cleanthinking bei der Vorstellung des Projektionsberichts im Juni aufgeschlüsselt.

Die Klimapolitik der Bundesregierung von Bundeskanzler Friedrich Merz deutet nicht darauf hin, dass die Emissionslücke bis 2030 kleiner werden könnte. Mit der Verabschiedung des Gebäudemodernisierungsgesetzes gehen viele Experten stattdessen von einer Vergrößerung der Lücke aus. Auch der Verkehrssektor liefert Unwägbarkeiten: Zwar sind Autos mit Elektromotor zur wichtigsten Antriebsart geworden, wie auch Wärmepumpen bei Heizungen, trotzdem ist das Tempo der Transformation deutlich zu gering.

Das Öko-Institut hat die Folgen der Gebäudegesetz-Novelle beziffert. Fällt die verbindliche 65-Prozent-Regelung für erneuerbare Wärme weg, wächst die jährliche Lücke im Gebäudesektor von 25 auf 30 bis 33 Millionen Tonnen. Kumuliert bis 2040 kämen 108 bis 172 Millionen Tonnen hinzu. Gerechnet wurde allerdings mit den Eckpunkten vom Februar, nicht mit dem im Juli verabschiedeten Gesetz.

Ein weiteres Indiz für die Inaktivität der Merz-Regierung liefern zwei Entscheidungen, die ausgeblieben sind. Der nationale CO2-Preis für 2027 soll nicht steigen, sondern im bisherigen Korridor zwischen 55 und 65 Euro fortgeschrieben werden. Welche vier Milliarden Euro dem Klimafonds dadurch entgehen, hat Cleanthinking bereits vorgerechnet.

Und die Stromsteuer für private Verbraucher bleibt, wo sie ist. Die Absenkung auf das europäische Mindestmaß von 0,05 Cent je Kilowattstunde bekamen zum Jahresbeginn nur das produzierende Gewerbe sowie Land- und Forstwirtschaft. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen nannte das in der Anhörung einen Wortbruch. Eine Regierung, die Elektrifizierung ernst meint, würde den Strompreis für alle senken, statt ihn als Verhandlungsmasse zu behandeln.

Emissionslücke bis 2030 nach Sektoren, Projektion des Umweltbundesamts

Wo die Lücke sitzt, zeigt der Projektionsbericht unmissverständlich. Der Gebäudesektor überschreitet sein Budget bis 2030 um 110 Millionen Tonnen, der Verkehr um 187 Millionen Tonnen. Landwirtschaft und Abfallwirtschaft übererfüllen ihre Vorgaben dagegen, um 16,4 beziehungsweise 17 Millionen Tonnen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche verfolgt trotzdem einen Kurs, der den Erneuerbaren-Ausbau eher bremst als beschleunigt: Die feste Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen fällt weg, die Offshore-Auktionen für 2026 wurden ausgesetzt. Was Reiches Referentenentwurf für Solar und Wind konkret bedeutet, steht in unserer Analyse zum EEG 2027. Auch das Gerangel um die EU-Methanverordnung, bei der Reiche und Bundesumweltminister Carsten Schneider offen über Kreuz liegen, zeigt: Klimaschutzpolitik gilt dieser Regierung in erster Linie als Verhandlungsmasse.

„Der Ausbau der erneuerbaren Energien und anderer Klima-Lösungen darf jetzt nicht gebremst werden, sondern muss volle Vorfahrt bekommen“, sagte Schneider mit Blick auf die Waldbrände in Frankreich und Spanien. Sein Ministerium und das von Reiche vertreten in dieser Frage gegensätzliche Positionen.

Was passiert, wenn Deutschland das EU-Klimaziel 2030 reißt?

Behält Deutschland seine Emissionslücke von 255 Millionen Tonnen bis 2030 bei, muss es diese Lücke durch den Kauf von Emissionszuweisungen aus anderen Ländern ausgleichen, die ihre Verpflichtungen eingehalten haben. Der Mechanismus ist als Effort Sharing Regulation bekannt, kurz ESR. Er erfasst Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft, Abfall und kleine Industrie.

Die Stromerzeugung gehört ausdrücklich nicht dazu. Kohle- und Gaskraftwerke unterliegen dem europäischen Emissionshandel, und dessen Zertifikate kauft nicht der Staat, sondern der Betreiber. Ein Kraftwerk, das vom Netz geht, senkt die Zertifikaterechnung des Bundes also nicht.

Trotzdem entscheidet der Ausbau der Erneuerbaren mit darüber, wie hoch die Rechnung ausfällt. Jede Wärmepumpe und jedes Elektroauto nimmt Emissionen aus der ESR-Bilanz heraus und verschiebt den Energiebedarf in den Emissionshandel. Ob daraus eine echte Minderung wird oder nur eine Umbuchung, hängt daran, womit dieser Strom erzeugt wird. Das Umweltbundesamt formuliert es so: Investitionen, die Gebäude und Verkehr aus der Abhängigkeit von fossilen Energien befreien, seien besonders dringend, um den Ankauf von Zertifikaten möglichst zu vermeiden.

Der Handlungsdruck verschiebt sich damit dorthin, wo bislang am wenigsten passiert. Im Gesamtenergieverbrauch machen fossile Energiequellen weiterhin rund 77 Prozent aus. Und laut Projektionsbericht ist die Energiewirtschaft bereits 2028 nicht mehr der größte Emittent des Landes.

Was kostet die Emissionslücke wirklich?

Die Antwort lautet: Das weiß niemand, weil es keinen Markt gibt. Emissionszuweisungen werden bilateral zwischen Regierungen ausgehandelt, ohne Börse und ohne Referenzpreis. Agora Energiewende rechnet deshalb mit einem Korridor von 60 bis 150 Euro je Tonne, abgeleitet vom europäischen Emissionshandel. Das Handelsblatt Research Institute multipliziert die 255 Millionen Tonnen mit dem oberen Ende und kommt auf bis zu 38 Milliarden Euro. Am unteren Ende desselben Korridors stehen 15 Milliarden.

Einen realen Vergleichswert gibt es bereits. 2022 kaufte die Bundesrepublik gut 11,3 Millionen Emissionszuweisungen von Bulgarien, Tschechien und Ungarn und zahlte dafür 13,5 Millionen Euro, also exakt einen Euro je Tonne. Das steht in einer Unterrichtung der Bundesregierung an den Bundestag nach dem Klimaschutzgesetz.

Bis 2030 dürfte es deutlich enger werden, weil viele Staaten ihre Ziele knapp verfehlen und als Käufer auftreten. Neben Deutschland weisen vor allem Irland und Malta große Lücken aus. Auf der Verkäuferseite stehen Bulgarien, Griechenland und Portugal, gemessen an ihrer Größe. Den größten absoluten Überschuss dürfte Spanien haben, was dem Land eine ausgezeichnete Verhandlungsposition gegenüber Deutschland verschafft.

Zahlt der Klimafonds für das verfehlte Klimaziel?

Genau das war der Plan. Im Regierungsentwurf für den Haushalt 2026 wanderte der Titel „Ankauf von Emissionszuweisungen nach der EU-Klimaschutzverordnung“ in den Klima- und Transformationsfonds, vorerst mit einem Ansatz von null Euro. Das Bundesfinanzministerium begründete den Schritt damit, dass der Fonds so einen Beitrag zur Aufstellung des Kernhaushalts leiste.

Der Haushaltsausschuss machte den Griff in den Klimafonds im November 2025 wieder rückgängig und schob den Titel zurück in den Einzelplan des Umweltministeriums, weiterhin ohne konkreten Mittelansatz. Im Wirtschaftsplan des Fonds für 2027 taucht kein Posten für den Zertifikatekauf auf. Belegt ist dort etwas anderes: 2,7 Milliarden Euro aus dem Emissionshandel fließen künftig in den Kernhaushalt statt in den Klimafonds.

„Dies ist ein ausgemachter Skandal“, sagt der Bundesvorsitzende der Ökologisch-Demokratischen Partei, Günther Brendle-Behnisch. Er bezieht sich dabei nicht nur auf die Höhe der Emissionslücke, sondern auf die Erwartung, die Bundesregierung werde die Zertifikate aus dem Klimafonds bezahlen.

„Zuerst beim Klimaschutz versagen, und dann die Zeche mit Mitteln, die für den Klimaschutz vorgesehen sind, zu bezahlen, ist eine absolute Dreistigkeit der Bundesregierung“, so der ÖDP-Bundesvorsitzende weiter. Für den Haushalt 2027 ist ein solcher Zugriff bislang nicht belegt. Dass die Regierung ihn einmal versucht hat und das Parlament ihn kassierte, ist dagegen aktenkundig.

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