ENERGIEWENDE · 27. JULI 2026
KI-generiertChinas grüne Seidenstraße: Rekord bei der Erneuerbaren-Finanzierung im Ausland
Im ersten Halbjahr 2026 hat das Land so viel Geld und Bauleistung in Chinas grüne Seidenstraße gesteckt wie nie seit dem Start 2013. Entscheidender als die Summe ist die Herkunft des Kapitals: Fast die Hälfte kommt von privaten Unternehmen, angeführt von einem Windturbinenbauer, der in Äthiopien eine komplette Grünenergie-Industrieanlage errichten will.
Die Neue Seidenstraße, offiziell Belt and Road Initiative (BRI), ist Chinas Programm zur Finanzierung von Infrastruktur in Partnerländern, über Bauaufträge und Direktinvestitionen. Im ersten Halbjahr 2026 erreichte das Engagement 126,4 Milliarden US-Dollar in rund 186 Deals, verteilt auf 76,5 Milliarden Bauaufträge und 49,8 Milliarden Investitionen. Das ist der höchste Halbjahreswert seit dem Start des Programms 2013, kumuliert seit damals stehen 1,539 Billionen US-Dollar zu Buche.
Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Green Finance & Development Center (GFDC) in Shanghai, verfasst von Christoph Nedopil Wang. Der Zeitpunkt fällt in eine Phase hoher Öl- und Gaspreise nach dem Iran-Angriff und der Zuspitzung fossiler Energie als geopolitische Waffe. Der Ölpreisschock 2026 erklärt bestenfalls das Tempo der Verschiebung, nicht ihre Richtung, denn der Umbau der chinesischen Auslandsfinanzierung läuft bereits seit Jahren.
20 Milliarden Dollar für grüne Energie, ein Rekordanteil
Vom Energiesegment der BRI, 36,3 Milliarden US-Dollar, gingen 56 Prozent, mehr als 20 Milliarden Dollar, an grüne Projekte. Das ist ein Rekord, absolut wie relativ. 14,3 Milliarden entfielen auf Wind, Solar und Waste-to-Energy, 5,3 Milliarden auf Wasserkraft. Über 20 Gigawatt an grüner Erzeugungskapazität wurden bestätigt, mehr als im gesamten Jahr 2025.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Gesamtengagement BRI | 126,4 Mrd. US-Dollar |
| Energiesektor gesamt | 36,3 Mrd. US-Dollar |
| davon grün | 20,1 Mrd. US-Dollar (56 %) |
| davon fossil | 16,2 Mrd. US-Dollar (44 %) |
| Privatsektor-Anteil am Gesamtvolumen | 47,7 % (2020: 12,5 %) |
Quelle: Green Finance & Development Center, BRI-Report H1 2026.
„Die kleinen, aber feinen Projekte, wie sie während der Corona-Jahre offiziell propagiert wurden, gehören der Vergangenheit an", schreibt Nedopil Wang in seiner Auswertung. Nach Jahren der Zurückhaltung fährt China die BRI wieder in großem Maßstab, mit 32 Megaprojekten über einer Milliarde Dollar, gegenüber 29 im Vorjahreshalbjahr, und einer durchschnittlichen Deal-Größe von 958 Millionen Dollar (2024: 672 Millionen).
Wer das Geld bewegt: private Unternehmen holen auf
Der eigentliche Strukturbruch zeigt sich in der Herkunft des Kapitals. 47,7 Prozent des BRI-Volumens kamen im ersten Halbjahr von privaten chinesischen Unternehmen, 2020 waren es 12,5 Prozent. Bei den Investitionen führen laut GFDC-Report die Ming Yang Smart Energy Group, Xinfeng und die CALB Group, während Bauaufträge weiter Domäne der Staatskonzerne PowerChina, State Construction Engineering und China Communications Construction bleiben.
Größter Einzelposten des Halbjahres: eine Vereinbarung zwischen der Ethiopian Investment Commission und Ming Yang Smart Energy, ursprünglich 7,4 Milliarden Dollar, im Frühjahr 2026 auf 14,17 Milliarden erweitert. Das Paket umfasst Erzeugungsanlagen und Fabriken für grünes Ammoniak, Phase 1 mit 7,47 Milliarden Dollar ist für die Stromerzeugung vorgesehen. Ming Yang hat dafür bereits eine Investitionslizenz erhalten, berichteten unter anderem Hydrogen Insight, bne IntelliNews und SolarQuarter.
Äthiopien ist damit für sich genommen der größte Länderzuwachs des Halbjahres, mit 14,8 Milliarden Dollar an Ankündigungen im Bereich grüne Energie. Afrika insgesamt kletterte bei den Investitionen auf 33,5 Milliarden Dollar, ein Plus von rund 254 Prozent gegenüber dem Vorjahreshalbjahr. Dass private Investoren diesen Sprung tragen, passt zu einem Muster, das auch der chinesische Fünfjahresplan für Erneuerbare zeigt: Wind- und Solartechnik sind in China so weit skaliert, dass sie zur exportierbaren Handelsware geworden sind. Das frühere politische Prestigeprojekt ist zur Kalkulationsfrage geworden.
Was diese Welle von früheren BRI-Phasen unterscheide, sagte Li Shuo, Direktor des China Climate Hub am Asia Society Policy Institute, gegenüber der Financial Times, seien zunehmend kommerzielle statt staatlich gelenkte Investitionsentscheidungen. Grüne Energie trägt sich auf der Neuen Seidenstraße inzwischen selbst, weil die Technologie am Markt günstiger ist als die fossile Alternative.
Die Gegenprobe: 44 Prozent bleiben fossil
Das ist keine Läuterung, sondern Kalkül, und beides schließt sich nicht aus. 16,2 Milliarden Dollar, 44 Prozent des Energiesegments, flossen weiter in fossile Projekte, überwiegend Gas mit 14 Milliarden Dollar, dazu 1,9 Milliarden Öl. Kohle macht nur noch rund ein Prozent aus, ist aber nicht null.
Ein chinesisches Unternehmen hat in Sambia ein 660-Megawatt-Kohlekraftwerk zugesagt, Genehmigungen stehen noch aus. Das widerspricht Xi Jinpings Zusage vom September 2021, im Ausland keine neuen Kohlekraftwerke mehr zu bauen. Parallel dazu erreichten Metalle und Bergbau mit 21,8 Milliarden Dollar ein Rekordhoch, etwa ein Stahlwerk in Ägypten für 10 Milliarden Dollar und Aluminiumprojekte in Kasachstan.
Rund 80 Prozent des Metallvolumens entfielen auf Verarbeitung und Verhüttung, Rohstoffsicherung läuft also im selben Paket wie der Ausbau grüner Erzeugung. Hinzu kommt: Vieles davon sind Ankündigungen und Lizenzen, kein gegossener Beton. Auch die Äthiopien-Vereinbarung ist bislang eine Investitionslizenz, keine ans Netz gegangene Anlage.
Bemerkenswert ist zudem eine Leerstelle: Im ersten Halbjahr 2026 lief kein einziges BRI-Projekt in Pakistan oder Russland, zwei traditionellen Schwerpunktländern der Initiative. Pakistans eigener Solarboom entsteht ohnehin größtenteils außerhalb offizieller Kanäle, wie Cleanthinking zum dezentralen Solarmarkt am Netz vorbei beschrieben hat. Wer den BRI-Bericht als Blaupause für Chinas Klimapolitik liest, sollte diese Leerstelle mitdenken, ebenso wie die bekannte Kritik an der Initiative: hohe Schuldenlasten in Teilen Afrikas und des globalen Südens, intransparente Kreditbedingungen und ein Marktzugang, der selten auf Gegenseitigkeit beruht.
Die eigentliche Standortfrage
Während in Europa diskutiert wird, wie abhängig man von chinesischer Cleantech werden darf, etwa in der Debatte um US-Zölle und Chinas Cleantech-Strategie, verschiebt sich in Afrika bereits die Antwort auf eine andere Frage: wessen Technologie die Energieinfrastruktur der kommenden Jahrzehnte trägt. Die 14,8 Milliarden Dollar für Äthiopien sind dafür der bislang deutlichste Beleg, deutlicher als jede globale Gesamtsumme.
Das betrifft nicht nur die Erzeugung. Auch bei der Fertigung wächst das Volumen, plus 81 Prozent auf 6,5 Milliarden Dollar, mit Schwerpunkt Batterien und grünes Ammoniak, während die Solar-PV-Fertigung selbst rückläufig ist. Das Muster ähnelt dem, was Cleanthinking bereits zur Überkapazität in Chinas Autoindustrie eingeordnet hat: Wo im Inland Kapazität übersteht, wird sie exportiert, über Bauaufträge, Lizenzen und zunehmend über private Kapitalbeteiligung.
Auch andere Regionen zeigen den Ausschlag: Bauaufträge im Nahen Osten erreichten mit 36,5 Milliarden Dollar einen Rekord, plus 98,4 Prozent, Zentralasien wuchs um 174 Prozent auf 13,2 Milliarden, Südostasien um 81,3 Prozent auf 12,3 Milliarden. Für Kommunen, Netzbetreiber und Industrieunternehmen außerhalb Chinas ist die Konsequenz nüchtern: Wer heute über Standorte für Erzeugungs- und Fertigungskapazität verhandelt, verhandelt mit einem Gegenüber, das privat finanziert, kommerziell kalkuliert und in Äthiopien bereits eine Lizenz in der Hand hält.
QUELLEN
- Green Finance & Development Center: China's investment and construction engagement in the Belt and Road Initiative (BRI) 2026 H1, 26.07.2026.
- Financial Times: China pours funding into green energy deals as Iran war hits oil demand, 26.07.2026.
- Hydrogen Insight: Ming Yang secures investment license for near-$15bn renewables, green hydrogen and ammonia projects in Ethiopia.
- bne IntelliNews: Ethiopia secures $13.1bn in deals led by $10bn Ming Yang investment into green ammonia project.
- SolarQuarter: Ethiopia Secures $14.8 Billion Renewable Energy Investment From Ming Yang, 14.05.2026.