KLIMAPOLITIK · 03. JULI 2026
© Presse- und Informationsamt der BundesregierungEU-Methanverordnung: Was Reiche aussetzen will und was sie wirklich regelt
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will die EU-Methanverordnung aussetzen, mit Rückendeckung von Kanzler Merz und gegen das Veto von Umweltminister Carsten Schneider. Das Versorgungsargument hält einer Prüfung der Verordnung selbst nicht stand.
Nur wenige Tage nach der historischen Juni-Hitzewelle fordert Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die EU-Methanverordnung (EU/2024/1787) auszusetzen oder um Jahre zu verschieben. Ihr Argument: Ab 2027 drohten Engpässe bei Flüssiggas- und Mineralölprodukt-Importen, einschließlich Kerosin für den Luftverkehr.
Reiche stützte ihren Vorstoß beim Energierat am 26. und 27. Juni 2026 auf einen Vorschlag aus der Slowakei und Tschechien, die Verordnung faktisch auszusetzen. Laut Reuters warnte sie, die Regeln könnten die Versorgung mit Flüssigerdgas und Kerosin ab 2027 durcheinanderbringen, weil zu wenig konform zertifiziertes Gas am Markt sei (Reuters, 26.06.2026). Deutschland reiht sich damit in eine Gruppe von zwölf weiteren EU-Staaten ein, darunter Italien, Tschechien und die Niederlande, die einen dreijährigen Aufschub verlangen.
Reiche handelte laut Table.Briefings mit Rückendeckung von Kanzler Merz, gegen das offene Veto von Bundesumweltminister Schneider (Table.Briefings, 27.06.2026). „Ich bin es leid, so zu tun, als gäbe es das gravierende Problem der Methanemissionen nicht", sagt Schneider im Handelsblatt. Der Koalitionsstreit ist damit auch eine Richtungsentscheidung der Regierung Merz.
Gestern reichte die Deutsche Umwelthilfe Klage auf Offenlegung von Reiches Kontakten zur US-Gaslobby ein (DUH, PM 02.07.2026). Das Verfahren läuft, ein Urteil steht aus.
Was regelt die EU-Methanverordnung eigentlich?
Die Verordnung (EU) 2024/1787 ist seit August 2024 in Kraft und läuft in drei Stufen an. Sie gilt für die europäische Öl-, Gas- und Kohleproduktion und, das ist der eigentliche Streitpunkt, auch für Importe aus Drittstaaten (EUR-Lex, Verordnung EU/2024/1787).
Ab 2027 müssen Importeure nachweisen, dass ihr Gas, Öl oder Kohle nach vergleichbaren Monitoring-, Berichts- und Verifizierungsstandards produziert wurde wie in der EU. Das ist eine Nachweispflicht. Ein Importverbot sieht die Verordnung nicht vor. Ab 2029 drohen bei Verstößen Sanktionen, wobei die EU-Kommission laut Verfahrensstand ein Moratorium bis Ende 2029 erwägt. Ab 2030 gelten feste Methanintensitäts-Grenzwerte für importierte fossile Energieträger.
Der TTE-Rat vom 27. Juni 2026 endete ohne formalen Beschluss. Energiekommissar Dan Jørgensen kündigte Erleichterungen bei der Umsetzung an, schloss eine Neufassung der Verordnung aber aus. Sein Ministerium hält an der Verordnung als Pfeiler der EU-Klimaagenda fest.
Was macht Methan zum schnellsten Klimahebel?
Methan ist über 20 Jahre etwa 82-mal klimawirksamer als CO2 (IPCC AR6). Über 100 Jahre gemittelt sinkt der Wert auf 29,8-mal, weil Methan im Gegensatz zu CO2 in einem Jahrzehnt abgebaut wird.
Genau diese kurze Verweildauer macht Methan zum schnellsten verfügbaren Hebel gegen die Erderwärmung. Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur ist Methan für rund 30 Prozent der Erwärmung seit Beginn der Industrialisierung verantwortlich (IEA, 2026). Wer Methanlecks heute schließt, senkt die Erwärmungsrate innerhalb weniger Jahre.
Was kostet die Umsetzung wirklich?
Reiches Versorgungsargument steht und fällt mit den Kosten für die Betreiber. Eine Analyse von Carbon Limits im Auftrag von EDF Europe beziffert die Kosten für Monitoring, Reporting und Verifizierung auf 0,03 bis 0,6 Prozent der Produktionskosten (Carbon Limits/EDF Europe, 03.06.2026). Das ist eine Marge im Rundungsbereich.
Die IEA rechnet vor, dass sich 70 Prozent der fossilen Methanemissionen mit bereits vorhandener Technik vermeiden lassen. Mehr als 40 Prozentpunkte davon sogar ohne Nettokosten, weil der Wert des aufgefangenen Gases die Reparaturkosten übersteigt (IEA, 2026). Weltweit ließen sich so rund 200 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr zurückgewinnen, fast doppelt so viel wie die Menge, die 2025 durch die Straße von Hormus transportiert wurde.
Leck-Reparatur ist in der Gasindustrie damit meist kein Kostentreiber, sondern ein Geschäft. Entsprechend fordert die IEA bereits seit ihrem Methan-Tracker 2023 von der Energiebranche, die Emissionen drastisch zu senken.
Reicht das konforme Angebot für den europäischen Bedarf?
Reiches zentrale Sorge lautet, ab 2027 fehle konformes Gas am Markt. Die Analysefirma Rystad Energy kommt zu einem anderen Bild: Das voraussichtlich konforme Gasangebot 2027 liegt doppelt so hoch wie die gesamte EU-Gasnachfrage (Rystad Energy, zitiert in einem CAN-Europe-Brief an POLITICO). Bei Öl kommen zusätzlich rund 7.700 Millionen Barrel Öläquivalent hinzu, die bereits nach dem strengsten Standard OGMP Level 5 zertifiziert sind.
Auf der Anbieterseite trägt die Branche das Programm längst mit. Die Oil and Gas Methane Partnership 2.0, das globale Referenzprogramm für Methan-Reporting, zählt mittlerweile über 150 Mitglieder in mehr als 90 Ländern. Sie stehen für 42 bis 45 Prozent der weltweiten Öl- und Gasproduktion und über 80 Prozent der globalen LNG-Ströme (OGMP 2.0, UNEP, 2026).
Woher stammt die Zahl, mit der Kritiker die Verordnung angreifen?
In der Debatte kursiert die Behauptung, die Verordnung gefährde 43 Prozent der EU-Gasimporte. Die Zahl stammt aus einem gesponserten Beitrag von ExxonMobil in POLITICO, der sich auf eine Studie von Wood Mackenzie stützt, einem Beratungsunternehmen mit engen Verbindungen zur Öl- und Gasindustrie.
Esther Bollendorff, Programmleiterin für fossile Energien bei CAN Europe, widersprach in einem an die POLITICO-Redaktion gerichteten Brief öffentlich: Die 43-Prozent-Behauptung beruhe auf falschen Prämissen, denn die Verordnung verbiete keine Importe, sie stelle Nachweispflichten. Methanminderung stärke die Energiesicherheit, argumentiert Bollendorff (CAN Europe, veröffentlicht 04.06.2026).
„Während eine historische Hitzewelle den Kontinent plagt, will Katherina Reiche die EU-Methanverordnung abschießen", sagte Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Ende Juni auf dem Höhepunkt der Hitzeperiode. Einen größeren Widerspruch könne es kaum geben. Die Methanreduktion im Öl- und Gassektor zählt für ihn zu den schnellsten und wirtschaftlich effizientesten Klimaschutzmaßnahmen überhaupt.
Chronik der Abschwächungsversuche
Der deutsche Vorstoß ist der vorläufig letzte Schritt in einer Reihe von Interventionen gegen die Verordnung. Diese Liste wird bei neuen Entwicklungen fortgeschrieben.
24.06.2026: USA und Katar fordern öffentlich Änderungen an den EU-Methanregeln und warnen vor Versorgungsrisiken (Reuters, 24.06.2026).
26.06.2026: Deutschland schließt sich dem Widerstand an. Reiche warnt beim Energierat vor Engpässen bei LNG- und Kerosin-Importen ab 2027, zwölf weitere Mitgliedstaaten fordern einen dreijährigen Aufschub (Reuters, 26.06.2026).
27.06.2026: TTE-Rat endet ohne formalen Beschluss. Jørgensen kündigt Erleichterungen bei der Umsetzung an, lehnt eine Neufassung ab. Die Kommission prüft ein Sanktions-Moratorium bis Ende 2029.
02.07.2026: Die Deutsche Umwelthilfe reicht Klage auf Offenlegung von Reiches Kontakten zur US-Gaslobby ein.
Die Lobby-Offensive gegen die Verordnung hat Cleanthinking bereits im Mai eingeordnet: EU-Methanverordnung unter Druck. Der Energierat vom Juni ist darin noch nicht erfasst.
Was bedeutet der Streit für die deutsche Klimapolitik?
Reuters dokumentiert Reiches Versorgungsargument im Wortlaut: Engpässe bei zertifiziertem LNG und Kerosin ab 2027, Risiko für den Luftverkehr. Am Faktenstand gemessen trägt es nicht. Rystad Energy sieht das konforme Gasangebot 2027 doppelt so hoch wie die Nachfrage, die Umsetzungskosten liegen laut Carbon Limits im niedrigen einstelligen Prozentbereich, und die 43-Prozent-Zahl, mit der die Gegenseite operiert, stammt aus einem von ExxonMobil gesponserten Beitrag.
Damit bleibt vom Vorstoß vor allem die machtpolitische Ebene: ein Bundeswirtschaftsministerium, das sich mit Kanzler-Rückendeckung gegen das eigene Umweltressort durchsetzt, wenige Wochen bevor die ersten Nachweispflichten greifen. Zugleich führt Reiches Kurs Deutschland tiefer in die LNG-Abhängigkeit.
Häufige Fragen zur EU-Methanverordnung
Verbietet die EU-Methanverordnung Gasimporte ab 2027?
Nein. Ab 2027 gelten Nachweispflichten für Importeure, keine Importverbote. Wer nicht nachweisen kann, dass sein Gas nach vergleichbaren Standards produziert wurde, riskiert ab 2029 Sanktionen, für die die EU-Kommission derzeit ein Moratorium bis Ende 2029 prüft.
Wie teuer ist die Umsetzung der Methanverordnung für Unternehmen?
Laut einer Analyse von Carbon Limits im Auftrag von EDF Europe kostet die Erfüllung der Monitoring- und Berichtspflichten 0,03 bis 0,6 Prozent der Produktionskosten. Über 40 Prozent der Vermeidungsmaßnahmen sind laut IEA sogar kostenneutral oder profitabel, weil das aufgefangene Gas verkauft werden kann.
Warum ist Methan klimapolitisch so wichtig?
Methan ist über 20 Jahre etwa 82-mal klimawirksamer als CO2 (IPCC AR6). Es ist für rund 30 Prozent der bisherigen Erderwärmung verantwortlich, baut sich aber binnen etwa zehn Jahren ab. Emissionsminderung wirkt deshalb schneller als bei CO2.
Woher stammt die 43-Prozent-Zahl, die gegen die Verordnung zitiert wird?
Sie stammt aus einem von ExxonMobil gesponserten Beitrag in POLITICO, gestützt auf eine Studie des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie. Esther Bollendorff von CAN Europe hat die Zahl öffentlich widerlegt, die Verordnung verbiete keine Importe.
Gibt es schon genug Anbieter, die die Methanverordnung erfüllen?
Ja. Über 150 Unternehmen aus mehr als 90 Ländern sind bereits Mitglied der Oil and Gas Methane Partnership 2.0 und stehen für 42 bis 45 Prozent der weltweiten Öl- und Gasproduktion sowie über 80 Prozent der globalen LNG-Lieferungen.
QUELLEN
- Reuters: Germany joins opponents of EU methane law, warns it could up-end jet fuel supply, 26.06.2026.
- Reuters: US, Qatar urge EU to change methane rules, warn of supply risk, 24.06.2026.
- Table.Briefings: Methanverordnung: Reiche hatte Rückendeckung von Merz, 27.06.2026.
- CAN Europe: The real risk to Europe's energy security? Fossil fuels, not methane rules, 04.06.2026.
- EDF Europe: Carbon Limits analysis: Monitoring, Reporting and Verification costs under EU methane, 03.06.2026.
- IEA: Tackling methane emissions would strengthen energy security amid crisis, 2026.
- Verordnung (EU) 2024/1787: Volltext auf EUR-Lex, 2024.
- Deutsche Umwelthilfe: Pressemitteilungen vom 25.06.2026 und 02.07.2026.