KLIMAPOLITIK · 15. August 2026
Foto: Frank Woelffing / Zukunft KlimaSozialCO2-Preis 2027 : Warum die Entscheidung problematisch ist
Das Bundeskabinett will den CO2-Preis 2027 im Korridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne halten, Bundestag und Bundesrat müssen noch zustimmen. Brigitte Knopf, bis 2025 stellvertretende Vorsitzende des Expertenrats für Klimafragen und heute Direktorin des Thinktanks Zukunft KlimaSozial, hält das für die falsche Entlastung: Der Preisunterschied an der Zapfsäule ist klein, die Lücke im Klimafonds groß, und sie trifft die Förderung von Wärmepumpe und Sanierung.
Das Bundeskabinett hat am 12. August 2026 den Regierungsentwurf des Dritten Gesetzes zur Änderung des Brennstoffemissionshandelsgesetzes beschlossen. Geht der Entwurf so durchs Parlament, bleibt es beim nationalen CO2-Preis auch 2027 beim Korridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne, statt ihn wie im geltenden Übergangsrecht vorgesehen an den europäischen Emissionshandel ETS 1 zu koppeln.
Auslöser ist die Verschiebung des europäischen Emissionshandels für Gebäude und Verkehr (ETS2) von 2027 auf 2028, worauf sich die EU-Umweltminister am 5. November 2025 geeinigt haben. Der Entwurf sieht laut BDEW zusätzlich vor, die Überschuss- und Nachkaufpreise gegenüber 2026 um je 5 Euro zu erhöhen.
Cleanthinking hatte die drohende Lücke im Klima- und Transformationsfonds im Juli anhand einer FÖS-Studie eingeordnet. Neue Analysen des Thinktanks Zukunft KlimaSozial gehen jetzt weiter und legen eine soziale Schieflage offen, die im Regierungsentwurf nicht auftaucht.
Warum das Einfrieren an der Zapfsäule wenig bringt
Ohne die Änderung wäre der nationale CO2-Preis 2027 an den Durchschnittspreis der ETS-1-Auktionen gekoppelt gewesen, also an einen stark schwankenden Marktpreis. Für Haushalte und Unternehmen wäre er vorab nicht kalkulierbar gewesen. Planungssicherheit ist damit ein sachliches Argument der Bundesregierung.
Knopf hält dagegen: „Das ist nicht nur ein Problem für den Klimaschutz, sondern auch für die Finanzierung der Transformation“, schreibt die promovierte Physikerin und Klimaökonomin in ihrer Analyse zum Kabinettsbeschluss. Fünf Jahre lang hat sie im Expertenrat für Klimafragen geprüft, ob Deutschland seine Sektorziele einhält.
Der politisch umkämpfte Betrag ist die Differenz zwischen dem Korridor und einer Kopplung an ETS 1. An der Zapfsäule macht sie je nach Position im Korridor rund drei bis acht Cent pro Liter aus, im mittleren Fall etwa fünf Cent.
Marktbewegungen in dieser Größenordnung und darüber laufen binnen weniger Wochen durch, ob durch Rohölpreis, Wechselkurs oder Regulierungseffekte. Für diese wenigen Cent gibt die Regierung Milliarden auf, die im Klimafonds genau den Haushalten fehlen, die die Entlastung eigentlich schützen soll.
Beim aktuellen Korridor liegt der CO2-Preis-Anteil inklusive Mehrwertsteuer bei 15,5 bis 18,3 Cent pro Liter Benzin und 17,3 bis 20,5 Cent pro Liter Diesel.
| Preisbestandteil | Betrag |
|---|---|
| CO2-Preis-Anteil Benzin (55-65 €/t, inkl. MwSt.) | 15,5-18,3 Cent/Liter |
| CO2-Preis-Anteil Diesel (55-65 €/t, inkl. MwSt.) | 17,3-20,5 Cent/Liter |
| Differenz Korridor vs. ETS-1-Kopplung | rund 3-8 Cent/Liter |
| Dieselanstieg Juli 2026 (4 Wochen) | +27,9 Cent/Liter |
| Energiesteuersenkung Mai-Juni 2026 | -14,04 Cent/Liter |
Quelle: Spritpreise ADAC, CO2-Preis-Anteile eigene Berechnung auf Basis der Emissionsfaktoren 2,37 kg CO2 pro Liter Benzin und 2,65 kg pro Liter Diesel.
Wer den CO2-Preis einfriert, kappt nach Knopfs Argumentation vor allem die Fördermittel, die einkommensschwache Haushalte beim Umstieg auf Wärmepumpe, Sanierung oder E-Auto brauchen. „Ein schneller Umstieg auf Erneuerbare und klimafreundliche Technologien dient daher nicht nur dem Klimaschutz, sondern verringert auch die Abhängigkeit von teuren fossilen Rohstoffen“, schreibt Knopf.
Was die Verbände sagen
Der Bundesverband der Wohnungswirtschaft GdW begrüßt die Stabilisierung als richtigen Schritt, weil Vermieter und Mieter Planungssicherheit brauchen. Zugleich warnt er vor künftig stark steigenden und schwer kalkulierbaren Belastungen.
Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) kritisiert dagegen die geplanten Preiserhöhungen bei Überschuss- und Nachkaufmengen. Die Auktionsregeln hätten strukturelle Defizite, von denen vor allem Spekulanten profitierten, ohne Mehrwert für den Klimaschutz und zulasten von Wirtschaft, Verbrauchern und Stadtwerken.
Der Energieverband BDEW fordert eine rechtssichere und bürokratiearme Ausgestaltung. Er begrüßt zugleich, dass die Regierung von einer Aussetzung oder Senkung der CO2-Bepreisung abgesehen hat.
Milliardenloch im Klimafonds
Wie groß die Lücke ausfällt, hat Carlotta Giustozzi von Zukunft KlimaSozial für den Klima- und Transformationsfonds (KTF) durchgerechnet. Allein durch das Einfrieren des CO2-Preises würden dem Fonds 2027 rund 4 Milliarden Euro fehlen, sollte der Entwurf so beschlossen werden.
Zusammen mit der Verschiebung von ETS1-Einnahmen in den Kernhaushalt wächst die Lücke nach dieser Analyse auf knapp 8 Milliarden Euro. Ohne die beiden Eingriffe läge sie nach Giustozzis Rechnung bei rund 1 Milliarde Euro.
Im Wirtschaftsplan bleibt die Lücke schwer sichtbar, weil bereits Einnahmen aus vorgezogenen ETS2-Auktionen eingeplant sind. Die Gegenfinanzierung funktioniert nur, wenn ETS2 2028 tatsächlich startet. Eine weitere Verschiebung würde die Lücke im KTF weiter vergrößern.
Aus europapolitischer Sicht sieht Knopf ein zusätzliches Risiko: „Zudem ist das Einfrieren des Preises auch ein schlechtes Signal für die europäische Perspektive, wo der ETS2 2028 starten soll“, schreibt sie. Der ETS2 stehe in einigen Mitgliedstaaten politisch stark unter Druck, für den tatsächlichen Start brauche es starke Unterstützung aus Deutschland. Ein weiterer Eingriff in den nationalen Preis zeige aus ihrer Sicht in die falsche Richtung.
Das Kabinett hatte den KTF-Wirtschaftsplan 2027 bereits am 15. Juli 2026 beschlossen, mit 2,7 Milliarden Euro Transfer aus dem KTF in den Kernhaushalt. Gekürzt wird laut Giustozzis Analyse vor allem über globale Minderausgaben bei Programmen für private Haushalte und die öffentliche Hand, für den öffentlichen Sektor bereits 1 Milliarde Euro.
Die Bundesförderung effiziente Gebäude soll ab 2028 sinken. Unternehmen bekommen aus dem KTF weiterhin deutlich mehr zurück, als sie einzahlen, private Haushalte nur etwa so viel wie sie über das BEHG beisteuern.
Was stattdessen sozial wäre
Zwei EU-Länder haben die soziale Flankierung gebaut, die im deutschen Entwurf fehlt. Wer Geld aus dem EU-Klimasozialfonds abrufen will, muss der Kommission einen nationalen Klimasozialplan vorlegen, der zeigt, wie einkommensschwache Haushalte den ETS2-Start ab 2028 bewältigen sollen. Frist war der 30. Juni 2025.
Deutschland hat seinen Plan mindestens bis Sommer 2026 nicht eingereicht, obwohl dem Land laut Zukunft KlimaSozial zwischen 2026 und 2032 bis zu 5,31 Milliarden Euro aus dem EU-Klimasozialfonds zustünden.
Bislang haben nur Schweden und Litauen ihre Pläne von der Kommission angenommen bekommen. Litauen fördert gebrauchte E-Autos für ländliche Haushalte mit geringem Einkommen mit bis zu 12.000 Euro, Schweden richtet seine Förderung gezielt auf Haushalte unter 80 Prozent des Medianeinkommens in Gemeinden mit schlechter ÖPNV-Anbindung.
Beide Pläne zeigen, wie zielgenaue Förderung für einkommensschwache Haushalte aussehen kann, wenn die CO2-Bepreisung steigt. In Deutschland läuft die Debatte über den sozialen Ausgleich seit Jahren unter dem Stichwort Klimageld, ohne Ergebnis.
Der Klimasozialplan ist von diesem Gesetzentwurf unabhängig. Er fehlt trotzdem. Und solange er fehlt, bleibt der stabil gehaltene CO2-Preis eine Entlastung ohne Gegenrechnung: An der Zapfsäule spart er wenige Cent, im Klimafonds kostet er Milliarden.
Häufige Fragen zum CO2-Preis 2027
Wie hoch ist der CO2-Preis 2027 laut Kabinettsbeschluss?
Der Regierungsentwurf hält den Preis im Korridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne CO2, statt ihn wie ursprünglich vorgesehen an das europäische ETS-1-Niveau zu koppeln. Bundestag und Bundesrat müssen dem Entwurf noch zustimmen.
Wie viel Geld fehlt dem Klima- und Transformationsfonds durch das Einfrieren?
Nach einer Analyse von Zukunft KlimaSozial würden dem KTF 2027 rund 4 Milliarden Euro allein durch das Einfrieren des CO2-Preises fehlen, sollte der Entwurf so beschlossen werden. Zusammen mit verschobenen ETS1-Einnahmen wächst die Lücke auf knapp 8 Milliarden Euro.
Wie stark macht der CO2-Preis den Sprit teurer im Vergleich zu Marktschwankungen?
Der CO2-Preis-Anteil liegt inklusive Mehrwertsteuer bei rund 15,5 bis 18,3 Cent pro Liter Benzin und 17,3 bis 20,5 Cent pro Liter Diesel. Allein im Juli 2026 stieg der Dieselpreis laut ADAC binnen vier Wochen um 27,9 Cent, mehr als der gesamte CO2-Preis-Anteil.
Hat Deutschland einen Klimasozialplan bei der EU eingereicht?
Nein, Deutschland hatte seinen Klimasozialplan mindestens bis Sommer 2026 nicht bei der EU-Kommission eingereicht, obwohl die Frist bereits am 30. Juni 2025 ablief. Nur Schweden und Litauen haben bislang angenommene Pläne.
QUELLEN
- Zukunft KlimaSozial: Analyse der Klimasozialpläne der EU-Mitgliedstaaten, 29.06.2026.
- BDEW: Dritte Änderung des BEHG führt CO2-Preiskorridor für 2027 fort, 12.08.2026.
- VKU: CO2-Preis für Heizen und Tanken ab 2027: VKU warnt, Spekulanten profitieren, Verbraucher zahlen, 17.07.2026.
- Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit: Drittes Gesetz zur Änderung des Brennstoffemissionshandelsgesetzes, Gesetzgebungsverfahren, 2026.
- ADAC: Diesel im Wochenvergleich massiv verteuert, Juli 2026.
- ADAC: Rekord bei Spritpreisen im April, April 2026.
- Brigitte Knopf, Zukunft KlimaSozial: Analyse zum Kabinettsbeschluss zum CO2-Preis, LinkedIn, 12.08.2026.
- Zukunft KlimaSozial (Analyse von Carlotta Giustozzi): Analyse des KTF-Wirtschaftsplans im Regierungsentwurf 2027, LinkedIn, 02.08.2026.