BERLIN VERBILLIGT PARALLEL DEN SPRIT · 28. SEPTEMBER 2026

Die EU-Kommission ruft Europäer in der Energiekrise zum Energiesparen auf
EU-Energiekommissar Dan Jørgensen bittet die Hauptstädte, Gas und Strom zu sparen. Und was macht Berlin? Berlin senkt ab Donnerstag die Energiesteuer auf Benzin und Diesel und verliert über den Sparappell aufgrund der Energiekrise kein Wort.
Die Gasspeicher der EU sind zu rund 70 Prozent gefüllt, zwölf Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr. In einem Schreiben an die Mitgliedstaaten, das Euronews vorliegt, fordert Jørgensen deshalb, die Nachfrage nach Gas und Strom so lange wie nötig zu senken. Seit seiner ersten Warnung im März habe sich die Lage nicht verbessert. „… stehen wir vor einer Preiskrise, die mit einer Versorgungskrise verknüpft ist“, schreibt der dänische Kommissar zur Energiekrise.
Ausgelöst hat die Energiekrise der Krieg am Persischen Golf. Seit den Angriffen der USA und Israels auf Iran am 28. Februar ist Europa mit Asien in einen harten Wettbewerb um Ladungen von Flüssigerdgas geraten. Der niederländische Großhandelspreis TTF, der wichtigste Referenzwert für Erdgas in Europa, liegt bei rund 72 Euro je Megawattstunde. Das sind etwa 40 Euro mehr als vor dem Krieg. Analysten halten im Winter Ausschläge über 100 Euro für möglich.
Deutschland steht schlechter da als der EU-Schnitt. Ende September lagen die deutschen Speicher bei rund 57 Prozent. Die gesetzlich vorgeschriebenen 80 Prozent zum 1. November sind nicht mehr zu schaffen, technisch möglich sind nach Rechnung des Speicherverbands INES nur noch rund 77 Prozent. Wer heute einspeichert, verliert Geld, weshalb die Branche einen Gasspeicher-Aktionsplan mit gestrichenen Umlagen und Netzentgelten fordert.
Brüssel greift auf die Werkzeuge aus der Energiekrise 2022 zurück
Die Kommission empfiehlt, was vor vier Jahren gewirkt hat. Dazu gehören weniger Stromverbrauch in den Spitzenstunden und Anreize über intelligente Zähler und flexible Tarife. Hinzu kommen Temperaturgrenzen in öffentlichen Gebäuden, weniger Heizpilze und abgeschaltete Beleuchtung in der Nacht. Weniger Strom zur Spitzenzeit heiße, dass Gaskraftwerke weniger Gas verbrennen, argumentiert Jørgensen. Das entlaste das Gasangebot und die Strompreise.
Verbindliche Vorgaben macht Brüssel vorerst nicht. Freiwillige, gut geplante Einsparungen hätten sich 2022 bewährt, heißt es in dem Brief. Für den Fall einer Verschärfung verweist Jørgensen auf die nationalen Notfallpläne, etwa unterbrechbare Lieferverträge oder den Wechsel von Kraftwerken weg vom Gas. Beim Befüllen rät er zu einer Zielmarke von 80 statt 90 Prozent, damit die Staaten nicht in Panikkäufe am Ende der Füllsaison geraten. Eine unmittelbare Gefahr für die Versorgung sieht die Kommission derzeit nicht.
In Berlin hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Lage monatelang als reines Preisproblem behandelt. Interne Protokolle zeigen, wie das Ministerium die Vorsorge vor einer Gaskrise verschleppt hat. Inzwischen kaufen die bundeseigenen Versorger Sefe und Uniper auf Drängen des Ministeriums Gas für die Speicher ein, ohne förmliche Anweisung. Eine Gasmangellage, die den Weg für staatlich angeordnete Käufe öffnen würde, stellt das Ministerium bis heute nicht fest.
Berlin senkt die Steuer und reicht den Sparappell nicht weiter
Brüssel bittet um weniger Verbrauch, die Bundesregierung macht Verbrauch billiger. Ab 1. Oktober sinkt die Energiesteuer auf Benzin und Diesel um 14,04 Cent je Liter, mit der Mehrwertsteuer sind es rund 17 Cent. Der Tankrabatt gilt bis Ende Dezember und kostet Bund und Länder zusammen rund 2,5 Milliarden Euro. Bundestag und Bundesrat haben ihn am Freitag im Eilverfahren beschlossen, angehängt an ein Gesetz zur Versicherungsaufsicht.
Im Newsletter der Bundesregierung vom 25. September steht die Steuersenkung an prominenter Stelle: Der Spritpreis sinke am 1. Oktober um etwa 17 Cent. Zu Gasspeichern, Gasversorgung oder Energiesparen steht dort nichts. Den Appell der Kommission gibt die Bundesregierung damit nicht an die Menschen weiter, die ihn umsetzen müssten.
Ob der Rabatt an der Zapfsäule ankommt, ist offen. Eine gesetzliche Pflicht für Mineralölkonzerne und Tankstellen, die Senkung weiterzugeben, gibt es nicht. Beim ersten Tankrabatt im Mai und Juni kamen nur rund 80 Prozent bei den Autofahrer*innen an. Die Regierung setzt nun auf eine „klare Erwartung“ an die Branche und auf das Kartellamt.
Jørgensens Brief betrifft Gas und Strom, das Prinzip trifft Öl genauso. Seit der Sperrung der Straße von Hormus ist auch Rohöl knapp, und jede Steuersenkung auf Sprit verbilligt ein Gut, das fehlt. Ein Klimageld oder eine gezielte Direktzahlung würde Haushalte entlasten, ohne den Verbrauch anzuheizen. Wer auf Strom umsteigt, spart schon jetzt: Bei Ölpreisen über 100 Dollar rechnen sich Elektroauto und Wärmepumpe von selbst.
Wir erinnern uns: In der Energiekrise 2022 waren es u.a. Kanzler Scholz, Vize-Kanzler Habeck und auch Bundespräsident Steinmeier, die die Deutschen zum Energiesparen aufriefen. Die Rathäuser entschieden, Straßenbeleuchtung oder Ampeln abzuschalten. Die Temperaturen in Ministerien und Behörden wurden abgesenkt, um mit gutem Beispiel voranzugehen. Dies alles fordert der EU-Kommissar, solle sich wiederholen. Die Bundesregierung schweigt und hofft auf einen milden Winter. Das fossile Casino will sie nicht verlassen.
QUELLEN
- Gas Infrastructure Europe: AGSI Transparency Platform, Füllstände der Gasspeicher, abgerufen 28. September 2026.
- Initiative Energien Speichern: Zeitfenster für ausreichende Befüllung schließt sich, 8. September 2026.
- Cleanthinking.de: Gasspeicher-Aktionsplan: INES will Umlage und Netzentgelte streichen, 3. September 2026