Wie Katherina Reiche die Vorsorge vor einer Gaskrise verschleppt

ENERGIEPOLITIK · 18. SEPTEMBER 2026

Wie Katherina Reiche die Vorsorge vor einer Gaskrise verschleppt

Katherina Reiches Beamte sahen im Juli allenfalls ein Preisproblem, Klingbeils Finanzbeamte widersprachen: Auch die Menge werde knapp. Interne Protokolle zeigen, wie lange das Wirtschaftsministerium Warnungen vor einer Gaskrise in den Wind schlug.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. Lesezeit LESEN


Markus Becker und Gerald Traufetter haben für den Spiegel Sitzungsprotokolle und interne Aufzeichnungen aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ausgewertet. Die Papiere reichen von Februar bis August und halten fest, welchen Füllstand das Haus jeweils kannte und was es daraufhin entschied. Eine Gasmangellage bestreitet das Ministerium bis heute, und mit ihr jede Gaskrise.

An dieser Auskunft hängt der juristische Spielraum. Anordnen darf die Bundesregierung Gaseinkäufe nur, wenn die Versorgung gefährdet ist, und genau das stellt das Ministerium in seinem Bericht an den Wirtschaftsausschuss des Bundestags nicht fest. Also wird geredet: Sefe und Uniper kaufen ein, ohne förmliche Anweisung. Der Bund hält an Sefe 100 und an Uniper noch 99 Prozent. Am Mittwoch bestätigte Sefe die Käufe erstmals öffentlich, bezeichnete sie aber als eigene kommerzielle Entscheidung.

Nach der Taskforce im Juli unternahm das Ministerium nichts

Jeden Montagmorgen tagt im Wirtschaftsministerium die Taskforce Energieversorgungssicherheit, neben den Abteilungsleitern des Hauses sitzen dort Finanz- und Verteidigungsministerium, Auswärtiges Amt, Bundesnetzagentur und Bundesnachrichtendienst. Am 13. Juli lagen die deutschen Speicher bei nicht einmal 45 Prozent, ein Jahr zuvor waren es zur gleichen Zeit rund 55 Prozent.

Laut Protokoll dieser Sitzung wiegelten Reiches Leute ab, es bestehe „kein Grund für Alarmismus”, eine auskömmliche Befüllung sei auch im September noch möglich, und es gebe allenfalls ein Preis-, aber kein Mengenproblem. Die Vertreter des Finanzministeriums hielten dagegen, auch die Menge sei ein Problem. Nach der Sitzung unternahm das Haus nichts.

Die Fragen waren älter. Im Februar musste sich Reiche im Energieausschuss des Bundestags erklären, die Speicher standen bei rund einem Fünftel. Ihre Antwort: Die Preise seien niedrig, und mit den neuen Terminals für Flüssigerdgas hänge Deutschland nicht mehr an einer großen Pipeline, sondern könne auch im Winter jederzeit Schiffe nachordern.

Am 13. Mai meldete das Ministerium dem Koalitionsausschuss von Union und SPD: „Gasversorgungslage stabil”. Am selben Tag nannte Reiche die Lage im Kabinett im Vergleich zum Vorjahr normal. Acht Tage später sprach sie mit dem damaligen Kanzleramtschef Thorsten Frei, ein internes Dokument hält für diesen Termin 28 Prozent Füllstand fest.

Gaskrise: Buchungen füllen keine Speicher

Mitte September sind die deutschen Speicher zu 56 Prozent gefüllt, vor einem Jahr waren es 75. Seit die LNG-Terminals an der Nordseeküste laufen und Norwegen stabil liefert, decken die laufenden Importe den Winterbedarf, die Speicher gleichen vor allem Spitzen aus. Im April verwies das Ministerium noch auf über 70 Prozent gebuchte Kapazität.

Eine Buchung ist aber kein Gas. Die von Uniper betriebenen Speicher sind zu 98 Prozent gebucht und zu 75 Prozent gefüllt. Rehden in Niedersachsen, der größte Speicher des Landes, liegt bei knapp zehn Prozent; ihn betreibt Sefe. Wer eine Kaverne reserviert, erwirbt damit nur das Recht, sie zu befüllen.

Bis Anfang Juli lief die Einspeicherung im Trend parallel zum Vorjahr, nur auf niedrigerem Niveau, etwa acht Prozentpunkte darunter. Fachleute der Regierung rechneten vor, dass bei gleichbleibendem Verlauf zum 1. November 65 bis 70 Prozent erreichbar gewesen wären.

Ab Ende Juli sank die Rate spürbar. Norwegen lieferte wegen Wartungsarbeiten weniger durch die Pipelines, durch die mehr als 40 Prozent des deutschen Erdgases strömen, und in Asien zog die Nachfrage wegen einer Hitzewelle an. Anfang August hielt das Ministerium die 70 Prozent intern nur noch unter sehr optimistischen Annahmen für erreichbar.

Ob ein Händler einspeichert, entscheidet der Sommer-Winter-Spread, und der ist seit dem Krieg im Iran und der Sperrung der Straße von Hormus negativ. Mitte September notierte der europäische Terminkontrakt TTF über 83 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Ende 2022. Wer heute einspeichert, verliert nach Rechnung der Initiative Energien Speichern 3,14 Euro je Megawattstunde.

Im Mai kostete dieselbe Megawattstunde rund 45 Euro, und Uniper-Vorstandschef Michael Lewis mahnte öffentlich, die Speicher schneller zu füllen. Jede Woche des Abwartens hat die Absicherung teurer gemacht, die nun trotzdem läuft, nur ohne Anordnung.

Was die Speicherverordnung wirklich verlangt

Die Gasspeicherfüllstandsverordnung verlangt zum 1. November bundesweit rund 70 Prozent, für die Kavernenspeicher 80; ob das Gas für den Winter reicht, hängt weniger an dieser Marke als am Preis. Die härtere Marke gilt in der Bundesnetzagentur bereits als verloren. „Diese 80 Prozent sind schon technisch fast nicht mehr zu schaffen”, sagt Behördenpräsident Klaus Müller. Für einen normalen Winter reicht die Menge trotzdem, der Füllstand ist ein Preissignal, keine Mangelanzeige.

Dieses Signal ist bei den Verbraucher*innen angekommen. Wer Mitte September einen neuen Gasvertrag abschloss, zahlte nach Verivox-Daten elf Cent je Kilowattstunde, im Februar waren es 8,2 Cent. Bleibt der Winter mild, bleibt es bei diesem Aufschlag. Wird er kalt, müssen Versorger beschaffen, was gerade am Markt ist, und den Preis setzt dann die Konkurrenz um jede Ladung.

Europa tauscht Russland gegen Norwegen und die USA

Wer diese Preise setzt, hat sich seit 2022 verschoben. Von Januar bis August 2026 importierte die EU rund 200 Milliarden Kubikmeter Gas, praktisch so viel wie im Vorjahreszeitraum, hat das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) ausgewertet. Den Großteil liefern zwei Länder: Norwegen mit gut 63 und die USA mit gut 54 Milliarden Kubikmetern.

Beim Flüssigerdgas ist die Konzentration noch schärfer. Rund 60 Prozent des EU-LNG kamen in diesem Jahr aus den USA, im August waren es 70 Prozent. Katar fiel weitgehend aus, seine Lieferungen an die EU gingen um 5,1 Milliarden Kubikmeter zurück; ausgeglichen haben das Norwegen, die USA, Algerien und, trotz Sanktionen, auch Russland.

Wie die Preise am globalen Spotmarkt zustande kommen, haben wir im Gas-Casino auseinandergenommen. Europa bietet gegen asiatische Käufer, und seit 2025 bewegen sich beide Märkte praktisch synchron. Zum 1. Januar 2027 greift das vollständige EU-Verbot für russisches LNG auch für laufende Langfristverträge; im ersten Halbjahr 2026 stammten daraus noch 19 Prozent der europäischen LNG-Importe. „Europa rangelt um Ladungen, die es vielleicht nicht bekommt”, schreibt IEEFA-Analystin Ana Maria Jaller-Makarewicz.

An dieser Konzentration hängt das nächste Risiko. Fällt eine der norwegischen Pipelines aus, durch einen technischen Defekt oder durch Sabotage, wächst die Abhängigkeit von amerikanischem Flüssigerdgas weiter, und Donald Trump könnte sie als politisches Druckmittel einsetzen. Reiches Zusage vom Februar, man könne dank der Terminals jederzeit Schiffe nachordern, setzt diese Abhängigkeit voraus. „Deutschland ist erpressbar und seine Gasversorgung abhängig von Kräften, die es nicht steuern kann”, sagt der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner.

Klingbeil verlangt gemeinsame Einkäufe, Reiche lehnt ab

Seit Juni drängt Finanzminister Lars Klingbeil auf Gespräche zwischen seinem Haus und dem Wirtschaftsministerium. Sein Ressort schlug vor, Gaseinkäufe zur Abwendung einer Gaskrise gemeinsam zu beauftragen. Der zuständige Abteilungsleiter für Gas und Sicherheit im Wirtschaftsministerium lehnte das im Juni in einer E-Mail an Klingbeils Chefökonomen ab. Daraufhin gab das Finanzministerium im Alleingang eine Studie beim Ifo-Institut in Auftrag.

Auch das Kanzleramt schaltete sich ein, Klingbeils Leute verlangten einen Zeitplan und Handlungsoptionen. Mitte August debattierten die Staatssekretäre beider Häuser lange darüber, ob überhaupt Handlungsbedarf besteht. Einen Tag später klärte Klingbeil bei einem Wahlkampfauftritt in Sachsen-Anhalt öffentlich die Zuständigkeit: „Das ist die Zuständigkeit der Wirtschaftsministerin”, sagte er.

Offen bleibt, wer zahlt. Klingbeil dürfte darauf bestehen, dass Reiche die Einkäufe aus ihrem eigenen Haushalt bestreitet und dafür anderswo einspart. Ihr Haus begründet seine Zurückhaltung mit einem Einwand, den der Parlamentarische Staatssekretär Stefan Rouenhoff Anfang September im Wirtschafts- und Energieausschuss vortrug: Ein staatlicher Einkauf treibe die Preise und könne die marktliche Wintervorsorge auf Jahre beschädigen, weil Händler künftig auf das Einschreiten des Staates spekulieren.

Stefan Dohler, Vorstandschef des Versorgers EWE, hält diese Bedenken unter normalen Umständen für berechtigt, sieht durch den Krieg im Nahen Osten aber eine Sondersituation. Der Markt decke einen normalen Winter ab, sagt er, er treffe nur keine Vorsorge für unerwartete Ereignisse. Bei Knappheit halten manche Analysten laut Dohler 150 Euro je Megawattstunde für möglich.

Zu den internen Vorgängen wollte sich Reiches Haus gegenüber dem Spiegel nicht äußern, man kommentiere interne Sitzungen nicht. Auch die Fragen, welchen Füllstand man zum Beginn der Heizperiode anstrebt und was bei einem verfehlten Ziel geschieht, blieben unbeantwortet. Eine Sprecherin erklärte, es gebe keine Anzeichen für einen Engpass, die Wintervorsorge sei Aufgabe des Marktes. Die geplante strategische Reserve steht erst im Winter 2027/28 bereit.

Reiche beruft sich seit ihrem Amtsantritt auf Ludwig Erhard: Der Staat setzt die Regeln, der Markt handelt darin. Die Regel für diesen Winter gibt es, sie heißt Gasspeicherfüllstandsverordnung, und sie wird verfehlt. Statt sie nachzuschärfen, wofür die Speicherbranche einen Aktionsplan mit drei Maßnahmen vorgelegt hat, wirkt das Ministerium informell auf zwei Staatsunternehmen ein. Das ist der Eingriff, den Ordnungspolitiker ablehnen, nur ohne Beschluss, ohne Kostenrahmen und ohne Debatte im Bundestag. Und er erzeugt genau die Erwartung, vor der Rouenhoff warnt.

In Frankreich, Polen, den Niederlanden, Italien und Österreich hat der Staat frühzeitig eingekauft und darüber entschieden. Dort ist die Sorge vor einer Gaskrise größer als die Ehrfurcht vor dem Markt.

Bleibt der eine Hebel, der nicht in Doha, Oslo oder Houston liegt. Zwischen 2021 und 2025 sank der Gasverbrauch in der EU um 17,7 Prozent. Dieser Rückgang ist der Grund, warum aus niedrigen Füllständen bisher keine Gaskrise geworden ist. Was jede weitere Wärmepumpe an Importmenge spart, haben wir an den ausgefallenen Katar-Lieferungen vorgerechnet.

An diesem Hebel arbeitet das Ministerium gerade in die andere Richtung. Das Kabinett hat eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und ein Netzpaket beschlossen, über die der Bundestag im Oktober entscheidet. Neue Wind- und Solaranlagen sollen dort keinen Anspruch auf Netzanschluss mehr haben, wo das Netz nur 95 Prozent ihres Stroms abtransportieren kann, neue Dachanlagen keine Vergütung mehr für eingespeisten Strom.

Patrick Graichen, unter Robert Habeck Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und Mitgründer von Agora Energiewende, stellt die Preise in der taz nebeneinander: Wind- und Solarstrom kostet inzwischen fünf Cent je Kilowattstunde, während sich der Börsenpreis für Gas seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt hat und wieder auf dem Niveau des Krisenwinters 2022/23 liegt.

Für diesen Winter bleibt es bei der informellen Lösung. Zwei Staatsunternehmen kaufen Gas, das sich bei diesen Preisen nicht rechnet, und im Bundestag ist darüber nicht abgestimmt worden. Ob daraus eine Gaskrise wird, hängt an den Temperaturen. Was sie kostet, steht schon heute teilweise auf den Kundenrechnungen - aber das ganze Bild wird sich erst in einigen Monaten zeigen.

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