Auf ein Windrad mit... Luisa Neubauer und Marcant

ENERGIEWENDE · 15. SEPTEMBER 2026

Youtuber trifft Klima-Aktivistin: Talk im Windrad in Mecklenburg-Vorpommern

Der Polit-Influencer Marcant steigt wenige Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 220 Leiterstufen hoch. Oben wartet Klima-Aktivistin Luisa Neubauer zum Talk im Windrad. Eine Stunde lang reden die beiden über Klima-Katastrophe, Hitzetote und Strategien für Akzeptanz für die Technologie, auf der sie gerade sitzen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 MINUTEN LESEN


Am Turmfuß der Anlage in Groß Schwiesow hängt ein rotes Auto am Kabel. Der Strom kommt direkt aus dem Windrad daneben, nicht aus dem Netz. Marcant bleibt stehen. „Ich fühle mich so dumm, aber ich bin so ernst beeindruckt gerade", sagt er. Ein Rad drehe sich in der Luft, und dann fahre einfach so ein Auto mit dem erzeugten Strom - es braucht nur ein Kabel, keine Zwischenstufen.

Der junge Mann, der das sagt und sich Marcant nennt, erreicht auf YouTube mit seiner Ost-Tour und seinen politischen Aktivitäten regelmäßig ein Millionen-Publikum. 2026 bekam er die Theodor-Heuss-Medaille für sein demokratiepolitisches Engagement. Seine Ost-Tour führt seit Sachsen-Anhalt durch den Osten und endet mit der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag.

Den Aufstieg zum Talk im Windrad ermöglichte der Landesverband Erneuerbare Energien MV, dem die Windkraftanlage gehört.

Was am Ladekabel hängt, ist der eigentliche Umbau

Der Moment am Kabel, trifft einen Kern der Energiewende. Die Fachwelt nennt ihn Sektorenkopplung, einfacher gesagt: Strom, Wärme und Verkehr wachsen zu einem System zusammen. Das Auto verbraucht dabei nicht nur. Der Akku eines Mittelklasse-Elektroautos speichert 60 bis 80 Kilowattstunden, ein typischer Heimspeicher im Keller kommt auf fünf bis 15. Wer sein Auto lädt, wenn der Wind weht, fährt billiger und entlastet das Netz.

Der größere Hebel liegt noch brach. Bidirektionales Laden gibt Strom aus dem Auto zurück ins Haus oder ins Netz. Langsam kommt Bewegung in die Regulatorik - erste Wallboxen und Elektroautos können das mittlerweile, wie auch Herbert Diess vom Cleantech-Unternehmen The Mobility House immer wieder betont.

Im Windturm hatte sich Marcant den Notausschalter erklären lassen. Anlage aus, Anlage wieder an, wenige Minuten später liefert sie erneut. Ein Kernkraftwerk braucht dafür ein bis zwei Tage. Nach einer Schnellabschaltung baut sich im Reaktor Xenon-135 auf, ein Neutronenabsorber, der ein schnelles Wiederanfahren blockiert.

Die Anlage ist älter als die Debatte über sie

Auf dem Maschinenhaus steht der Schriftzug AN Bonus. Die Bremer AN Windenergie war ab 1989 deutscher Lizenznehmer des dänischen Herstellers Bonus Energy, 2004 übernahm Siemens beide Unternehmen.

Die Anlage stammt also aus der Zeit davor und liefert seit über zwei Jahrzehnten Strom. Rund 3,6 Millionen Kilowattstunden im Jahr, nach Angaben des Landesverbands der Jahresverbrauch von etwa 2.400 Menschen.

Eine heute gebaute Anlage kommt auf das Sechs- bis Neunfache. Der Durchschnitt der 2025 errichteten Anlagen liegt bei 5,46 Megawatt und 146 Metern Nabenhöhe, gut für rund 4.700 Haushalte. Darin steckt das Argument fürs Repowering.

Im Turmfuß hängt eine Wand voller Unterschriften. Schulklassen, Volkshochschulkurse, Kitagruppen, Klimaschutzinitiativen, jeweils mit Datum und Teilnehmerzahl. Marcant und Neubauer sind die jüngsten Namen darauf.

Warum das Windrad zum Feindbild taugt

„Im Prinzip sitzen wir hier gerade auf dem meistgehassten Objekt Deutschlands", sagt Marcant auf der Gondel. Neubauer widerspricht nicht, sie gibt zuerst recht.

Sie verstehe, dass Menschen das blöd fänden. Die Leute hätten eben nicht neben der Kohlegrube gewohnt und sich mit ihrer Energieversorgung nie beschäftigen müssen. Jetzt komme die Energie nicht mehr aus der Tiefe, sondern in die Fläche, und man sehe sie.

Das ist die präziseste Beschreibung des Akzeptanzproblems in diesem Gespräch, und sie kommt von der Klimaaktivistin. Erst danach folgt ihr Vergleich: Windräder seien nicht besonders hübsch, Kohlegruben, Waldbrände und Hitzesommer aber hässlicher.

Für den Braunkohletagebau verschwanden in Deutschland in nur rund einhundert Jahren etwa 410 Ortschaften, rund 130.000 Menschen mussten umziehen. Die Restlöcher füllen sich über Jahrzehnte mit Wasser, das den Flüssen fehlt. Beim Windrad bleibt ein Fundament, das der Betreiber beim Rückbau entfernt.

Der Punkt, an dem Neubauer den Kritikern recht gibt

Die eigentliche Strukturfrage spricht sie selbst an. Menschen wohnten umgeben von Windrädern und zahlten trotzdem hohe Strompreise. In Mecklenburg-Vorpommern müssten die Leute das direkt spüren, wo der Strom entsteht, sagt Neubauer, die selbst in der Umgebung mit Windkraftanlagen lebt.

Das Land hat dafür ein Instrument: Mecklenburg-Vorpommern beschloss 2016 als erstes Bundesland ein Bürger- und Gemeindenbeteiligungsgesetz. Projektierer müssen Anwohnern und Standortgemeinden 20 Prozent der Anteile anbieten oder eine Ausgleichsabgabe zahlen. Das Bundesverfassungsgericht erklärte das Gesetz 2022 für weit überwiegend verfassungsgemäß.

Eine Novelle soll Freiflächen-Photovoltaik einbeziehen und den Beteiligungsradius auf 2.500 Meter um die Turmmitte ausdehnen. Damit wächst der Kreis derer, die vom Windrad vor der Tür auch monetär etwas haben.

Beim Ausbau steht das Land vorn und hinten zugleich. Über 80 Prozent des in Mecklenburg-Vorpommern erzeugten Stroms stammen aus erneuerbaren Quellen, gut die Hälfte allein aus Wind. Zum Halbjahr 2025 drehten sich 1.853 Anlagen mit 3.852 Megawatt. Gleichzeitig dauerten Genehmigungen zuletzt im Schnitt 45 Monate, länger als in jedem anderen Bundesland. 2025 zog das Land dann an: 188 genehmigte Anlagen mit 1.146 Megawatt, fast doppelt so viele Entscheidungen wie im Jahr davor.

Warum juckt das so wenige Menschen

Oben auf der Gondel kommt das Gespräch auf den Sommer. Marcant erzählt, ihn habe die Zahl der Hitzetoten getroffen wie ein Schlag, und fragt: Warum kümmert das so wenige? Mehr als 16.000 Menschen sind in diesem Sommer in Deutschland an der Hitze gestorben, schätzt das Robert Koch-Institut. Es ist der höchste Wert seit Beginn dieser Erhebung.

Neubauers Antwort dreht die Frage um. Im Privaten kümmere es sehr viele. Leute hätten Urlaube verschoben, sich um ihre Großeltern gesorgt, nachts nicht schlafen können. Sie nennt ihre eigene Großmutter. Kleine Kinder, die sich nicht herunterkühlen können. Oder Schwangere.

Klimawandel werde immer als Apokalypse gezeigt, sagt sie, große Katastrophen. Dabei seien es die privaten Katastrophen: der Ausflug, auf den man sich gefreut hat. Das Büro, in dem man nicht mehr atmen kann. Die Nacht, in der man wach liegt.

Am stärksten trifft es die, die am wenigsten ausweichen können. Wer eine große Wohnung und eine Klimaanlage hat, fährt raus. Wer beides nicht hat, bleibt. Wie sich Wohnungen auch ohne teure Technik kühlen lassen und was eine Klimaanlage wirklich bringt, hat Cleanthinking im Sommer mehrfach durchgerechnet.

Frankreich zeigt, dass sich das ändern lässt. Nach der Hitzekatastrophe von 2003 mit rund 15.000 Toten baute das Land einen nationalen Hitzeschutzplan auf. Seit 2014 gelten verbindliche Vorgaben für Kliniken, mit zweckgebundenem Geld dahinter. Deutschland arbeitet mit Musterplänen ohne Budget.

Die Rechnung kommt trotzdem. Jeder Tag ab 30 Grad kostet die deutsche Wirtschaft 431 Millionen Euro, hat Prognos für das Bundesarbeitsministerium errechnet. Fast alles davon entsteht, weil Menschen bei der Arbeit sind und nicht leisten können, was sie sonst leisten. Europaweit summiert sich der Hitzesommer auf bis zu 180 Milliarden Euro.

Was Wind nicht braucht

Ein Argument fällt im Video nur nebenbei und trägt weiter, als die beiden es ausspielen. Neubauer verweist auf französische Kernkraftwerke, die im Sommer heruntergefahren werden müssen, weil die Flüsse zu wenig und zu warmes Wasser führen.

Das passierte in diesem Sommer mehrfach, nicht nur in Frankreich. Ende Juni gingen Blöcke in Nogent, Bugey und Golfech vom Netz, Mitte Juli erneut drei Reaktoren. Es traf jeweils die Tage, an denen der Kühlbedarf am höchsten war. Während die Kernkraft unter Druck geriet, hielten Sonne und Wind das europäische Netz stabil.

Windräder und Solaranlagen brauchen im Betrieb kein Kühlwasser. Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke erzeugen Strom über Dampfturbinen und müssen kühlen. Die deutschen Energieversorger entnahmen 2022 rund 6,9 Milliarden Kubikmeter Wasser, fast 39 Prozent aller Wasserentnahmen des Landes, überwiegend als Kühlwasser. In einem Land mit zunehmender Sommertrockenheit ist das ein Vorteil, der in keiner Kostenrechnung auftaucht.

Was vom Talk im Windrad bleibt

Wie lassen sich Menschen für die Energiewende gewinnen? Neubauer verweist auf die Zustimmung, die weit über politische Lager hinausreicht, und auf die Arbeitsplätze. Gut 436.000 Menschen arbeiteten 2025 in Deutschland in den erneuerbaren Energien, ein Rekord. Allein 131.300 davon in der Windenergie an Land.

Ihre zweite Antwort ist die Beteiligung vor Ort. Sie steht in Mecklenburg-Vorpommern seit zehn Jahren im Gesetz. Angekommen ist sie noch nicht bei jedem, der unter einem Windrad wohnt.

Was von dem viral gehenden Video nach dem Motto „Auf ein Windrad mit... Luisa Neubauer und Marcant“ bleibt, ist eine Beobachtung. Zwei Menschen mit sehr unterschiedlichem Publikum steigen 220 Stufen hoch und reden eine Stunde über Technik, ohne dass einer den anderen belehrt. Der eine staunt über ein Ladekabel, die andere erklärt untüchtige Atomkraftwerke.

Und unten am Windrad? Da hängt eine Wand voller Unterschriften von Leuten, die denselben Weg gegangen sind. Das Video-Format „Talk im Windrad“ hat definitiv Wiederholungs-Potenzial...

QUELLEN

5c070c632f914cc3810e4940a56a5412
  1. marcant: Wir haben die AfD mit WINDKRAFT konfrontiert, 15.09.2026.
  2. Robert Koch-Institut: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, 09.2026.
  3. Prognos im Auftrag des BMAS: Arbeitsschutz im Klimawandel, 21.04.2026.
  4. Fachagentur Wind und Solar: Status des Windenergieausbaus an Land, 1. Halbjahr 2025, 2025.
  5. Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern: Erneuerbare Energien in Mecklenburg-Vorpommern, 05.09.2024.
  6. Bertelsmann Stiftung: Beschäftigungsrekord bei erneuerbaren Energien, 24.06.2026.
  7. Landschaftsverband Rheinland: Braunkohlenabbau in Deutschland und Umsiedlungen.
  8. Umweltbundesamt: Wasserressourcen und ihre Nutzung.
5 2 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x