ENERGIEWENDE · 23. JUNI 2026

Hitzewelle setzt Europas Stromnetz unter Druck: sind verteilte Erneuerbare die Antwort?
Die dritte Hitzewelle des Jahres treibt Europas Stromverbrauch nach oben und bringt das Netz an seine Grenzen. Eine neue Auswertung zeigt, welche Länder am stärksten exponiert sind. Die Frage dahinter: Stabilisieren verteilte Erneuerbare das System, oder verschärfen sie das Problem?
Europa schwitzt unter der dritten Hitzewelle des Jahres, und das Stromnetz schwitzt mit. Im Mittelmeerraum sollen die Temperaturen diese Woche bis zu 43 Grad erreichen, Frankreich hat mehr als die Hälfte seiner 96 Départements unter die höchste Warnstufe gestellt. Mit den Temperaturen steigt der Stromverbrauch: Klimaanlagen und Ventilatoren laufen auf Hochtouren, und genau diese Kühllast bringt die europäischen Netze in eine kritische Lage.
Raumkühlung verbrauchte 2022 nach Angaben der Internationalen Energieagentur rund sieben Prozent des weltweiten Stroms. Die Dynamik ist selbstverstärkend: Mehr Hitze treibt die Nachfrage nach Kühlung, die zusätzliche Last belastet das Netz und erhöht, soweit fossil gedeckt, die Emissionen, die die Erwärmung weiter anheizen. Im frühsommerlichen Hitzeereignis 2025 lag Frankreichs abendliche Stromspitze rund 25 Prozent über dem Mittel der kühleren Monate, und das in einem Land mit vergleichsweise geringer Klimaanlagendichte.
Dritte Hitzewelle: Wo die Last am stärksten steigt
Eine Auswertung des Vergleichsportals Compare the Market hat 85 Länder untersucht, die rund 90 Prozent des globalen Stromverbrauchs abdecken. Verglichen wurde die Nachfrage in den heißesten zehn Prozent der Monate mit der in Monaten normaler Temperatur. Das Ergebnis: Griechenland steht weltweit an der Spitze, hier steigt der Strombedarf in extremen Hitzeperioden um 38,62 Prozent, umgerechnet rund 143 Kilowattstunden mehr pro Kopf und Hitzemonat.
Es folgen Montenegro mit 22,49 Prozent, die Türkei mit 21,91 Prozent sowie Kroatien, Italien und Spanien. Übersteigt die Nachfrage die verfügbare Erzeugung oder die physikalischen Grenzen des Netzes, kann die Frequenz abfallen, und im schlimmsten Fall droht ein Blackout. Bei der durchschnittlichen Ausfalldauer liegt der Auswertung zufolge Ungarn mit 2,92 Stunden pro Jahr vorn, vor Slowenien und Griechenland. Italien verzeichnet wegen seiner großen Zahl an Haushalten die höchsten geschätzten Ausfallkosten, rund 154,7 Millionen Euro im Jahr.
Was im Hitzesommer 2025 das Stromnetz stabil hielt
Der Blick zurück liefert die belastbarste Antwort. Im Hitzesommer 2025, als die Temperaturen 40 Grad überschritten, stieg die tägliche Stromnachfrage um bis zu 14 Prozent. Gleichzeitig fielen thermische Kraftwerke aus, unter anderem weil Kühlwasser knapp oder zu warm wurde. Die Folge waren zeitweise zwei- bis dreifach erhöhte Tagespreise an den Strombörsen.
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Stabil blieb die Versorgung tagsüber trotzdem, und das lag laut dem Thinktank Ember vor allem an der Photovoltaik. In den Spitzentagen lieferte Solar in Deutschland bis zu 50 Gigawatt und deckte damit 33 bis 39 Prozent des Stroms. EU-weit erreichte die Solarerzeugung im Juni 2025 mit 45 Terawattstunden einen Rekord. Speicher trugen die Erzeugung über den Sonnenuntergang hinaus: Deutschland verfügte über rund 14 Gigawatt Batterie- und 10 Gigawatt Pumpspeicherleistung.
Bringen verteilte Erneuerbare mehr Sicherheit?
Der entscheidende Punkt liegt im Gleichlauf von Angebot und Bedarf. Die Kühllast steigt genau dann, wenn die Sonne am stärksten scheint, und genau dann produziert Photovoltaik am meisten. Verteilte Erneuerbare aus Millionen Dächern und Freiflächen kennen zudem keinen einzelnen Ausfallpunkt, anders als ein thermischer Großblock, der bei Hitze wegen fehlendem Kühlwasser komplett vom Netz geht. Die Hitze trifft fossile Erzeugung also an einer Schwachstelle, an der Solar robust ist.
Ein Selbstläufer ist das nicht. Die kritische Phase sind die Abend- und Nachtstunden, wenn die Klimaanlagen in tropischen Nächten weiterlaufen, die Solarerzeugung aber wegfällt. Hier entscheiden Batteriespeicher, Pumpspeicher und ein leistungsfähiger Netzausbau darüber, ob die Resilienz hält. Verteilte Erzeugung verschiebt das Problem von der Erzeugung zur Flexibilität, sie löst es nicht von allein.
Für Prosumer mit eigener Photovoltaik und Heimspeicher bedeutet das einen doppelten Hebel: Sie senken in der Hitze die Spitzenlast im lokalen Netz und sichern zugleich die eigene Versorgung. Die Hitzewellen der kommenden Jahre werden zum Stresstest für das Stromsystem. Die Erfahrung von 2025 spricht dafür, dass verteilte Erneuerbare plus Speicher diesen Test bestehen, wenn der Ausbau von Netz und Flexibilität mit der Erzeugung Schritt hält.