Strompreis-Entlastung? Katherina Reiche vertagt sie auf die 2030er

STROMPREIS-ENTLASTUNG · 05. AUGUST 2026

Katherina Reiche: „Spürbare Entlastungen werden wir erst in den 2030er-Jahren sehen“

Hohe Gaspreise wegen fossiler Krisen sorgen für hohe Strompreise für Verbraucher*innen. Mit höherem Anteil Erneuerbarer und effizienten Spitzenlastkraftwerken, wird der Effekt auf den Strompreis abnehmen. Doch die Bundeswirtschaftsministerin hat der Deutschen Presse-Agentur gerade ihre ganz eigene Geschichte erzählt. Stimmt die?


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 MIN LESEN


„Spürbare Entlastungen werden wir erst in den 2030er-Jahren sehen“, sagt Katherina Reiche im dpa-Interview und verschiebt Hoffnungen auf Strompreis-Entlastungen für Verbraucher*innen in die 30er Jahre. Als Hebel für dann günstigere Strompreise nennt Katherina Reiche explizit nicht den weiteren Ausbau der günstigsten Stromquelle der Welt, also der Solarenergie, sondern den Import von günstigerem Gas.

„Je günstiger unsere Gasimporteure Gas einkaufen können, desto niedriger sind auch die Kosten der Stromerzeugung. Deshalb ist es so wichtig, Gas langfristig, diversifiziert und zu verlässlichen Konditionen preisgünstig zu beschaffen. So können wir Preisschwankungen besser abfedern und verhindern, dass sie unmittelbar bei den Verbraucher*innen ankommen."

Diese Logik klingt bei erstmaligem Lesen durchaus plausibel. Es erscheint angesichts der Bautätigkeit von LNG-Terminals etwa in Kanada, den USA oder im arabischen Raum durchaus möglich, dass das Angebot an fossilem Gas die Preise bei langfristiger Abnahme drücken könnte.

Nur: Erneuerbare Energien in Kombination mit Batteriespeichern sind vielfach günstiger - und drängen etwa in Kalifornien oder Spanien schon heute zunehmend Gas aus dem Markt. In Deutschland ist in den 30er Jahren davon auszugehen, dass die Kohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen aus dem Markt gehen, sobald die neuen Spitzenlast-Gaskraftwerke, die ab September 2026 ausgeschrieben werden, einsatzbereit sind.

Diese Residuallastkraftwerke, die später Teil des Kapazitätsmechanismus werden, sollen dann einspringen, wenn Solar, Wind, Batterien oder Pumspeicher nicht genügend Strom liefern. Gerade weil die Einsatzzeiten dieser Kraftwerke so gering sein werden, werden die Anlagen hoch subventioniert und über den Kapazitätsmechanismus ähnlich wie die Feuerwehr bezahlt.

Die wesentlichen Kosten der Kraftwerke (CAPEX) fallen auch bei ganz wenigen Betriebsstunden an, sie sind fixiert. Bei einer Einsatzzeit von lediglich 15 Prozent des Jahres, spielt der Gaspreis (also die OPEX) eine untergeordnete Rolle. Wie es also zu einer spürbaren Entlastung beim Strompreis durch günstigeren Gaseinkauf kommen soll, ist unklar.

Die Aussagen der Ministerin im dpa-Interview liefen heute über den Nachrichtenticker der Deutschen Presse-Agentur, was bedeutet, dass sie von vielen Medien, technisch automatisiert, übernommen werden. Das (falsche) Narrativ, das hängen bleibt, hat etwa topagrar in seine Überschrift gepackt:

Strompreis-Entlastung durch "günstigeres Gas"? Nein, das ist irreführend.

Geht es in erster Linie um die Rechtfertigung langfristiger Lieferverträge wie Uniper gerade gestern einen abgeschlossen hat?

Framing: Erneuerbare sind der Preistreiber

Katharina Reiche liefert seit Amtsantritt eine konsistente Erzählung. Demnach sind erneuerbare Energien die Preistreiber im Energie-Segment. Fossile Krisen hingegen werden totgeschwiegen oder in irgendeiner Form womöglich als Schicksal betrachtet. Dabei ist gerade der Ausstieg aus dem fossilen Zeugverbrennen die Chance, unabhängig von solchen Krisen zu werden.

Sie will den Eindruck erwecken, sie sei die Erste, die die erneuerbaren Energien stärker in den Markt integrieren würde. Dabei tut sie so, als gäbe es beispielsweise das Solarspitzengesetz nicht, das im Kern verhindert, dass abgeregelte Kilowattstunden bei negativen Strompreisen vergütet werden. Dazu ist es fragwürdig, den Erneuerbaren exakt diesen schon reduzierten Effekt vorzuhalten, aber gleichzeitig einen überdimensionierten Kapazitätsmechanismus zu planen, wo hohe Subventionen gezahlt werden, damit Spitzenlastkraftwerke entstehen.

Und das, obwohl es zu klassischen Gaskraftwerken auch Alternativen wie Biogaskraftwerke gibt, die verstärkte Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung, natürlich Batteriespeicher und viele andere Möglichkeiten. Fraunhofer ISE hat das zuletzt in einer Studie minutiös dargelegt, in der es darum geht, ein kostenoptimales Energiesystem zu bauen.

Wer also auf eine Strompreis-Entlastung durch günstigere Gasimporte hofft, wird schwer enttäuscht werden. Im Interview nennt Katharina Reiche es als eine Errungenschaft ihrer Regierungszeit, dass Menschen auch Gas- und Ölheizungen einbauen dürfen. Das zeigt, aber auch das ist nicht neu, wie rückwärtsgewandt die Logik und die Argumentationsketten der Ministerin sind.

Im Angesicht der immer dynamischeren Klimakrise und den an jeder Ecke zu findlenden Aufrufen, sich von fossilen Energieträgern zu verabschieden, wirken die Narrative aus dem Bundeswirtschaftsministerium wie die Narrative aus einer alternativen Realität. Mit den tatsächlichen Herausforderungen und der realen Lage hat das indes kaum noch etwas zu tun.

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